Porträt: Adam Harasiewicz
Erschienen im FONO FORUM im

Wer mit dem rechten Finger zur rechten Zeit auf die rechte Taste drückt, ist ein Klaviervirtuose. Solcher Art Klaviervirtuosen sind die einen, denen Chopin zum Opfer fällt. (Haben Sie ihn nicht auch zu lange geübt, sich an ihm tot gehört — abgegriffen den kostbaren Staub der Schmetterlingsflügel?) Die andern weichen ihn auf, so übersensibel spielen sie ihn, so nur ätherisch, so nur grüblerisch. Und einige verkraftmeiern ihn, sie donnern die Etüden und dreschen die Sonaten. Im so symptomatischen Mittelsatz der berühmten und („In mir klingt ein Lied" . . .) berüchtigten E-dur-Etüde, op. 10 Nr. 3, verlieren sie die Fassung: In ein schwebendes Verfahren greifen sie mit wütendem Eiter und hektischer Brutalität ein. Nicht unterliegen möchten sie im Geschwindigkeitswettbewerb, zu dem sie sich durch einige Etüden oder Walzer aufgerufen fühlen, dies wiederum durch permanente Verschleppungen am falschen Ort wert machend. Kurzum, über dem Virtuosen, dem eingebleuten, werden sie nicht fertig mit dem Musiker Chopin, dem brillantesten Tasten wund er freilich, das wir haben.
Adam Harasiewicz ist nicht nur der stupende Virtuose (mit immer noch einem verblüffenden Grad darüber), er ist nicht nur das sehr sensible Gefühl, das dem Großen in jeder sublimsten, schmerzlichsten, bedrückendsten Biegung und Schattierung folgt — er ist ein geistig und künstlerisch beherrschender Meister der Chopin-Klaviatur. Er erkennt und macht sichtbar die Baupläne dieses Traumgartens, der so verwirrend schön ist aus tausend Farben und Düften und zauberischen Blüten, Er wacht unerbittlich darüber, dass die Arabeske Arabeske bleibt (wenn auch eine noch so bestrickende), das Filigran Filigran (wenn auch ein noch so hinreißendes), auf dass dahinter das Wort zu hören sei und die Aussage: des gezeichneten Tragikers Chopin, seiner echten und erschütternden Passion, die er aufgeschrieben hat mit der Reinheit eines untadeligen schöpferischen Charakters. Und einmal mehr straft Harasiewicz, mit seiner fast distanzierenden Zucht und Kunst, das Märchen Lügen, Chopin habe etwas mit Plüsch und Salon, Kunstblumen und den Gebeten einer Jungfrau zu tun.
Was Philips-Fontana mit diesen — auch klang technisch ganz vorzüglichen — fünf Platten aufzeichnen ließ (die zwei Konzerte, die Sonaten in h und b, alle Etüden und in Auswahl Nocturnes, Scherzi, Walzer und Mazurken), ist darum nicht nur eine umfassende und hochschätzbare Dokumentation der außergewöhnlichen Kunst des Adam Harasiewicz — sie ist auch eine gültige Darstellung des Chopin, von dem ein anderer großer Chopin-Spieler, Cortot, bekannt hat: „Er kündet uns für alle Zeiten nicht allein das eigene, sondern alles Glück und Leid des vielgestalten Menschenherzens."
Harasiewicz — es handelt sich um einen erstaunlich jungen Mann (er ist jetzt 31 Jahre alt), der in Deutschland wenig bekannt ist und hier erst noch entdeckt zu werden hat (wenngleich er in Berlin, Hamburg, Wien und Salzburg bereits zu hören war). Geboren ist er (1932) in Chodziez, einem Ort, der uns geläufiger ist unter dem Namen Kolmar (Polen). Zu spielen (Klavier und Geige) begann er erst verhältnismäßig spät — mit zehn Jahren. Aber schon mit 15 Jahren gewann er den ersten Preis in einem Wettbewerb für junge Talente. Drei Jahre später, jetzt schon von maßgeblichen Leuten gefördert, wurde er Meisterschüler des Konservatoriums in Krakau. Nach weiteren fünf Jahren erobert er sich, 1955, den ersten Preis des 5. Internationalen Chopin-Wettbewerbes zu Warschau- Nun ist er also bereits cm siebenmal gesiebter Favorit. 1958, während der Weltausstellung in Brüssel, gibt er sein westeuropäisches Debüt. 1960 folgen eine Tournee durch Südamerika und die Teilnahme am Edinburgh-Festival; dieses Jahr bringt ihm auch die Goldene Medaille der Paderewski-Stiftung. Es lernen ihn von Tokio bis New York alle großen Konzertsäle begeistert kennen. Und die Presse aller Zungen attestiert ihm — mit Recht —, einer der größten Chopin-Spieler der Welt zu sein (und lobt sein Fußwerk, die Kunst der Pedalführung, nicht minder als sein Handwerk).
Spielt er, dieser Sendbote Chopins aus Chopins eigenem Land, dieser „master of a thousand blended notes" (wie sie ihn drüben nennen), der nicht weniger vollendet auch Bach und Mozart, Beethoven und Brahma, Debussy und Ravel interpretiert (und. den Jazz liebt) — spielt er, dem Chopin über alles geht (und der so gerne Ella Fitzgerald hört), so wird das Wort von Heinrich Heine wahr: „Bei Chopin vergesse ich ganz die Meisterschaft des Klavierspiels und versinke in die süßen Abgründe seiner Musik, in die schmerzliche Lieblichkeit seiner ebenso tiefen wie zarten Schöpfungen. Chopin ist der große geniale Tondichter, den man eigentlich nur in Gesellschaft von Mozart oder Beethoven oder Rossini nennen sollte."
Wer mit dem rechten Finger zur rechten Zeit auf die rechte Taste drückt, ist ein Klaviervirtuose. Solcher Art Klaviervirtuosen sind die einen, denen Chopin zum Opfer fällt. (Haben Sie ihn nicht auch zu lange geübt, sich an ihm tot gehört — abgegriffen den kostbaren Staub der Schmetterlingsflügel?) Die andern weichen ihn auf, so übersensibel spielen sie ihn, so nur ätherisch, so nur grüblerisch. Und einige verkraftmeiern ihn, sie donnern die Etüden und dreschen die Sonaten. Im so symptomatischen Mittelsatz der berühmten und („In mir klingt ein Lied" . . .) berüchtigten E-dur-Etüde, op. 10 Nr. 3, verlieren sie die Fassung: In ein schwebendes Verfahren greifen sie mit wütendem Eiter und hektischer Brutalität ein. Nicht unterliegen möchten sie im Geschwindigkeitswettbewerb, zu dem sie sich durch einige Etüden oder Walzer aufgerufen fühlen, dies wiederum durch permanente Verschleppungen am falschen Ort wert machend. Kurzum, über dem Virtuosen, dem eingebleuten, werden sie nicht fertig mit dem Musiker Chopin, dem brillantesten Tasten wund er freilich, das wir haben.
Adam Harasiewicz ist nicht nur der stupende Virtuose (mit immer noch einem verblüffenden Grad darüber), er ist nicht nur das sehr sensible Gefühl, das dem Großen in jeder sublimsten, schmerzlichsten, bedrückendsten Biegung und Schattierung folgt — er ist ein geistig und künstlerisch beherrschender Meister der Chopin-Klaviatur. Er erkennt und macht sichtbar die Baupläne dieses Traumgartens, der so verwirrend schön ist aus tausend Farben und Düften und zauberischen Blüten, Er wacht unerbittlich darüber, dass die Arabeske Arabeske bleibt (wenn auch eine noch so bestrickende), das Filigran Filigran (wenn auch ein noch so hinreißendes), auf dass dahinter das Wort zu hören sei und die Aussage: des gezeichneten Tragikers Chopin, seiner echten und erschütternden Passion, die er aufgeschrieben hat mit der Reinheit eines untadeligen schöpferischen Charakters. Und einmal mehr straft Harasiewicz, mit seiner fast distanzierenden Zucht und Kunst, das Märchen Lügen, Chopin habe etwas mit Plüsch und Salon, Kunstblumen und den Gebeten einer Jungfrau zu tun.
Was Philips-Fontana mit diesen — auch klang technisch ganz vorzüglichen — fünf Platten aufzeichnen ließ (die zwei Konzerte, die Sonaten in h und b, alle Etüden und in Auswahl Nocturnes, Scherzi, Walzer und Mazurken), ist darum nicht nur eine umfassende und hochschätzbare Dokumentation der außergewöhnlichen Kunst des Adam Harasiewicz — sie ist auch eine gültige Darstellung des Chopin, von dem ein anderer großer Chopin-Spieler, Cortot, bekannt hat: „Er kündet uns für alle Zeiten nicht allein das eigene, sondern alles Glück und Leid des vielgestalten Menschenherzens."
Harasiewicz — es handelt sich um einen erstaunlich jungen Mann (er ist jetzt 31 Jahre alt), der in Deutschland wenig bekannt ist und hier erst noch entdeckt zu werden hat (wenngleich er in Berlin, Hamburg, Wien und Salzburg bereits zu hören war). Geboren ist er (1932) in Chodziez, einem Ort, der uns geläufiger ist unter dem Namen Kolmar (Polen). Zu spielen (Klavier und Geige) begann er erst verhältnismäßig spät — mit zehn Jahren. Aber schon mit 15 Jahren gewann er den ersten Preis in einem Wettbewerb für junge Talente. Drei Jahre später, jetzt schon von maßgeblichen Leuten gefördert, wurde er Meisterschüler des Konservatoriums in Krakau. Nach weiteren fünf Jahren erobert er sich, 1955, den ersten Preis des 5. Internationalen Chopin-Wettbewerbes zu Warschau- Nun ist er also bereits cm siebenmal gesiebter Favorit. 1958, während der Weltausstellung in Brüssel, gibt er sein westeuropäisches Debüt. 1960 folgen eine Tournee durch Südamerika und die Teilnahme am Edinburgh-Festival; dieses Jahr bringt ihm auch die Goldene Medaille der Paderewski-Stiftung. Es lernen ihn von Tokio bis New York alle großen Konzertsäle begeistert kennen. Und die Presse aller Zungen attestiert ihm — mit Recht —, einer der größten Chopin-Spieler der Welt zu sein (und lobt sein Fußwerk, die Kunst der Pedalführung, nicht minder als sein Handwerk).
Spielt er, dieser Sendbote Chopins aus Chopins eigenem Land, dieser „master of a thousand blended notes" (wie sie ihn drüben nennen), der nicht weniger vollendet auch Bach und Mozart, Beethoven und Brahma, Debussy und Ravel interpretiert (und. den Jazz liebt) — spielt er, dem Chopin über alles geht (und der so gerne Ella Fitzgerald hört), so wird das Wort von Heinrich Heine wahr: „Bei Chopin vergesse ich ganz die Meisterschaft des Klavierspiels und versinke in die süßen Abgründe seiner Musik, in die schmerzliche Lieblichkeit seiner ebenso tiefen wie zarten Schöpfungen. Chopin ist der große geniale Tondichter, den man eigentlich nur in Gesellschaft von Mozart oder Beethoven oder Rossini nennen sollte."



