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Porträt: Byron Janis

Von
Martin Mayer
Erschienen in der Printausgabe im
November 1963
Lesezeit ca.
Minuten

Die Überfälle an Talenten, vor allem auf dem pianistischen Sektor, macht das Leben unserer jungen Künstler nicht gerade einfach. Die beschränkte Anzahl der Engagementsmöglichkeiten zwingt sie zu einem harten Existenzkampf und es gibt wirklich nur wenige, die mit gutem Gewissen sagen können, dass sie „ausverkauft" sind und dass ihre Hauptsorge darin besteht, zusätzliche Verpflichtungen abzulehnen, ohne es dadurch mit Agenten oder Veranstaltern zu verderben.

Einer dieser Glücklichen und Vielbeschäftigten ist Byron Janis, dessen unglaublich agile Finger selbst die vertracktesten Passagen mühelos und sinnvoll zum Klingen bringen und dessen Konstitution es durchaus erlaubt, die beiden Lisztschen Konzerte gleich zweimal am Tage — vormittags und abends — im Konzert zu spielen.

Schaut man sich den jungen Mann näher an, so würde man ihm eine solche tour de force nie zutrauen. Seine schlanke, sensible Erscheinung scheint selbst für das Finale eines einzigen Liszt-Konzerts zu zart und fragil zu sein. Auch sein Auftreten auf dem Podium ist von dem eines Virtuosen weit entfernt. Er ist von Natur aus eher schüchtern, und nichts Hegt ihm ferner, als sich mit irgendeinem anderen Pianisten zu vergleichen. Am Ende eines Konzertes rindet man ihn oft unzufrieden. Auch der frenetischste Beifall vermag ihn dann nicht umzustimmen, denn die Maßstäbe, die er sich selbst gesetzt hat, Hegen höher als die seiner Zuhörer. „Ich weiß wohl, dass ich ein Virtuose bin", meint er, „aber glauben Sie mir: es gibt Zeiten, in denen ich lieber etwas anderes wäre."

Das Klavier beherrscht sein Leben in einem selbst für Virtuosen ungewöhnlichen Ausmaß. Janis wurde vor fünfunddreißig Jahren in McKeesfort (Pennsylvanien) geboren. Seine Eltern waren unmusikalisch und seine Heimatstadt alles andere als ein amerikanisches Kulturzentrum. Den ersten Musikunterricht erhielt er auf Initiative einer Kindergärtnerin, die ein absolutes Gehör bei ihm zu entdecken glaubte. Vier Jahre später gab er im Pittsburgher Carnegie-Institut sein erstes Konzert. Unter den Zuhörern befand sich der Pianist Josef Lhevinne, der die Familie Janis davon zu überzeugen wusste, dass für die außergewöhnlichen pianistischen Fähigkeiten ihres Sohnes der pennsylvanische Horizont zu eng geworden sei, dass der neunjährige Byron unbedingt nach New York müsse, und zwar unter die Fittiche von Adele Marcus, einer der besten modernen Klavierpädagoginnen.

Was nun geschah, ist eine jener bewundernswerten Bezeugungen elterlichen Opfermutes für ihr talentiertes Kind. Byrons Vater war ein kleiner Kaufmann mit nur geringen Ersparnissen und einem Geschäft, das er nicht im Stiche lassen konnte. Damit sein Sohn nun bei dem bestmöglichen Lehrer studieren konnte, entschloss er sich, seine Frau mit zwei Kindern nach New York zu schicken und selbst allein in der Provinz zurückzubleiben. Byron besuchte in New York eine Privatschule, übte vier bis fünf Stunden täglich, nahm Unterricht bei Adele Marcus und studierte Theorie an der Chatham Square-Musikschule.

Nur unter größten Schwierigkeiten und Entbehrungen konnte die Familie dieses Arrangement aufrechterhalten. „Als ich dreizehn Jahre alt war", erinnert sich Janis, „sagte ich zu meiner Mutter: ihr könnt nach Pennsylvanien zurückkehren, wenn ihr wollt, ich bleibe unter allen Umständen hier. Mein Leben, meine Zukunft hängen davon ab."

Ein Jahr darauf war die Trennung unvermeidbar. Der vierzehnjährige Byron blieb allein in New York zurück, sich selbst und seinen Studien überlassen. In diese Zeit fällt sein Debüt mit dem Orchester der amerikanischen Radiogesellschaft NBC. 1944 folgte er seiner Lehrerin nach Dallas, um dort noch zwei weitere Jahre intensiv zu arbeiten. Allmählich begann er nun auch, regelmäßig öffentlich zu konzertieren. Bei einem Klavierabend in Pittsburgh hörte ihn Vladimir Horowitz. Obwohl dieser weltberühmte Pianist damals fast allabendlich Konzertverpflichtungen hatte, erklärte er sich sofort bereit, Janis zu unterrichten. 1948 machte Janis als Horowitz-Protegé sein New Yorker Debüt in der Carnegie Hall.

Neben seinen Konzert Verpflichtungen und trotz dauernder Reisen versucht Janis, täglich mindestens vier bis fünf Stunden zu üben. Darüber hinaus befasst er sich eingehend mit den Problemen des Klavierbaues und der Raumakustik. „Es gab eine Zeit für mich", schreibt er, „in der ich mich brennend für die mechanischen Vorgänge im Instrument interessierte. Es kann allerdings sehr verwirrend sein, zu wissen, was im Innern vor sich geht) wie die Stimmung sich verändert, was Feuchtigkeit bewirken kann und so fort. . . Aber man stößt dabei auf Dinge, die ein Pianist unbedingt wissen muss.

Meine besondere Aufmerksamkeit gilt den verschiedenartigen Nachhallzeiten der Konzertsäle. Manchmal verleiht der Hall einem Stück eine ganz neue Dimension. Für das Finale von Chopins b-molI-Sonate ist beispielsweise ein großer Nachhall notwendig. Durch Pedalisieren allein könnte man niemals diese ganz besondere, geheimnisvollflüchtige Stimmung erzielen."

Zu dem Problem der Werktreue meint Janis: „Ich halte mich, soweit möglich und zugänglich, an das Original. Nicht etwa, um jede Vortragsbezeichnung des Komponisten sklavisch zu befolgen, vielmehr, um midi von der großen Linie seiner künstlerischen Intentionen zu überzeugen. Ich weiß, dass ich dem Komponisten gegenüber verpflichtet bin, aber ich weiß auch, dass mein persönlicher Beitrag für das Resultat der Interpretation ebenso wichtig ist. Seitdem ich selbst konzertiere, vermeide ich es, Konzerte anderer Pianisten zu hören. Ich möchte meine eigene künstlerische Linie weiterverfolgen und midi nicht durch die Interpretation anderer beeinflussen lassen. Pianist sein ist für mich ein sehr einsamer Beruf.

Vor einigen Jahren hatte ich sehr viel zu spielen und war müde und erschöpft. Damals sprach ich mit Artur Rubinstein, der siebzig Jahre alt war und doppelt soviel spielte. Wie machen Sie das nur?, fragte ich ihn. Warten Sie nur ab, bis Sie älter werden — meinte er — dann geht vieles leichter! Ich glaube, dass er recht hatte."

Die Überfälle an Talenten, vor allem auf dem pianistischen Sektor, macht das Leben unserer jungen Künstler nicht gerade einfach. Die beschränkte Anzahl der Engagementsmöglichkeiten zwingt sie zu einem harten Existenzkampf und es gibt wirklich nur wenige, die mit gutem Gewissen sagen können, dass sie „ausverkauft" sind und dass ihre Hauptsorge darin besteht, zusätzliche Verpflichtungen abzulehnen, ohne es dadurch mit Agenten oder Veranstaltern zu verderben.

Einer dieser Glücklichen und Vielbeschäftigten ist Byron Janis, dessen unglaublich agile Finger selbst die vertracktesten Passagen mühelos und sinnvoll zum Klingen bringen und dessen Konstitution es durchaus erlaubt, die beiden Lisztschen Konzerte gleich zweimal am Tage — vormittags und abends — im Konzert zu spielen.

Schaut man sich den jungen Mann näher an, so würde man ihm eine solche tour de force nie zutrauen. Seine schlanke, sensible Erscheinung scheint selbst für das Finale eines einzigen Liszt-Konzerts zu zart und fragil zu sein. Auch sein Auftreten auf dem Podium ist von dem eines Virtuosen weit entfernt. Er ist von Natur aus eher schüchtern, und nichts Hegt ihm ferner, als sich mit irgendeinem anderen Pianisten zu vergleichen. Am Ende eines Konzertes rindet man ihn oft unzufrieden. Auch der frenetischste Beifall vermag ihn dann nicht umzustimmen, denn die Maßstäbe, die er sich selbst gesetzt hat, Hegen höher als die seiner Zuhörer. „Ich weiß wohl, dass ich ein Virtuose bin", meint er, „aber glauben Sie mir: es gibt Zeiten, in denen ich lieber etwas anderes wäre."

Das Klavier beherrscht sein Leben in einem selbst für Virtuosen ungewöhnlichen Ausmaß. Janis wurde vor fünfunddreißig Jahren in McKeesfort (Pennsylvanien) geboren. Seine Eltern waren unmusikalisch und seine Heimatstadt alles andere als ein amerikanisches Kulturzentrum. Den ersten Musikunterricht erhielt er auf Initiative einer Kindergärtnerin, die ein absolutes Gehör bei ihm zu entdecken glaubte. Vier Jahre später gab er im Pittsburgher Carnegie-Institut sein erstes Konzert. Unter den Zuhörern befand sich der Pianist Josef Lhevinne, der die Familie Janis davon zu überzeugen wusste, dass für die außergewöhnlichen pianistischen Fähigkeiten ihres Sohnes der pennsylvanische Horizont zu eng geworden sei, dass der neunjährige Byron unbedingt nach New York müsse, und zwar unter die Fittiche von Adele Marcus, einer der besten modernen Klavierpädagoginnen.

Was nun geschah, ist eine jener bewundernswerten Bezeugungen elterlichen Opfermutes für ihr talentiertes Kind. Byrons Vater war ein kleiner Kaufmann mit nur geringen Ersparnissen und einem Geschäft, das er nicht im Stiche lassen konnte. Damit sein Sohn nun bei dem bestmöglichen Lehrer studieren konnte, entschloss er sich, seine Frau mit zwei Kindern nach New York zu schicken und selbst allein in der Provinz zurückzubleiben. Byron besuchte in New York eine Privatschule, übte vier bis fünf Stunden täglich, nahm Unterricht bei Adele Marcus und studierte Theorie an der Chatham Square-Musikschule.

Nur unter größten Schwierigkeiten und Entbehrungen konnte die Familie dieses Arrangement aufrechterhalten. „Als ich dreizehn Jahre alt war", erinnert sich Janis, „sagte ich zu meiner Mutter: ihr könnt nach Pennsylvanien zurückkehren, wenn ihr wollt, ich bleibe unter allen Umständen hier. Mein Leben, meine Zukunft hängen davon ab."

Ein Jahr darauf war die Trennung unvermeidbar. Der vierzehnjährige Byron blieb allein in New York zurück, sich selbst und seinen Studien überlassen. In diese Zeit fällt sein Debüt mit dem Orchester der amerikanischen Radiogesellschaft NBC. 1944 folgte er seiner Lehrerin nach Dallas, um dort noch zwei weitere Jahre intensiv zu arbeiten. Allmählich begann er nun auch, regelmäßig öffentlich zu konzertieren. Bei einem Klavierabend in Pittsburgh hörte ihn Vladimir Horowitz. Obwohl dieser weltberühmte Pianist damals fast allabendlich Konzertverpflichtungen hatte, erklärte er sich sofort bereit, Janis zu unterrichten. 1948 machte Janis als Horowitz-Protegé sein New Yorker Debüt in der Carnegie Hall.

Neben seinen Konzert Verpflichtungen und trotz dauernder Reisen versucht Janis, täglich mindestens vier bis fünf Stunden zu üben. Darüber hinaus befasst er sich eingehend mit den Problemen des Klavierbaues und der Raumakustik. „Es gab eine Zeit für mich", schreibt er, „in der ich mich brennend für die mechanischen Vorgänge im Instrument interessierte. Es kann allerdings sehr verwirrend sein, zu wissen, was im Innern vor sich geht) wie die Stimmung sich verändert, was Feuchtigkeit bewirken kann und so fort. . . Aber man stößt dabei auf Dinge, die ein Pianist unbedingt wissen muss.

Meine besondere Aufmerksamkeit gilt den verschiedenartigen Nachhallzeiten der Konzertsäle. Manchmal verleiht der Hall einem Stück eine ganz neue Dimension. Für das Finale von Chopins b-molI-Sonate ist beispielsweise ein großer Nachhall notwendig. Durch Pedalisieren allein könnte man niemals diese ganz besondere, geheimnisvollflüchtige Stimmung erzielen."

Zu dem Problem der Werktreue meint Janis: „Ich halte mich, soweit möglich und zugänglich, an das Original. Nicht etwa, um jede Vortragsbezeichnung des Komponisten sklavisch zu befolgen, vielmehr, um midi von der großen Linie seiner künstlerischen Intentionen zu überzeugen. Ich weiß, dass ich dem Komponisten gegenüber verpflichtet bin, aber ich weiß auch, dass mein persönlicher Beitrag für das Resultat der Interpretation ebenso wichtig ist. Seitdem ich selbst konzertiere, vermeide ich es, Konzerte anderer Pianisten zu hören. Ich möchte meine eigene künstlerische Linie weiterverfolgen und midi nicht durch die Interpretation anderer beeinflussen lassen. Pianist sein ist für mich ein sehr einsamer Beruf.

Vor einigen Jahren hatte ich sehr viel zu spielen und war müde und erschöpft. Damals sprach ich mit Artur Rubinstein, der siebzig Jahre alt war und doppelt soviel spielte. Wie machen Sie das nur?, fragte ich ihn. Warten Sie nur ab, bis Sie älter werden — meinte er — dann geht vieles leichter! Ich glaube, dass er recht hatte."