Frank Sinatras Jazz-Seele
Erschienen im FONO FORUM im November 1963

In der Zeitschrift „Music USA" stellte George O. von Frank sieben Bedingungen für einen Jazzsinger auf:
1. Das Verhältnis zum Lied: Die Achtung vor Melodie und Text; die Bemühung, die Gedanken des Komponisten und Texters zum Ausdruck zu bringen; die Ablehnung übertriebener technischer Mätzchen (gimmicks) bei den Aufnahmen, die dem Gedanken des Liedes schaden könnten.
2. Das Gefühl: für den Rhythmus, für die Intonation, für die Phrasierung.
3. Der gute Geschmack: Sorgfältige Auswahl der Stücke; Standards und gute moderne Nummern sind vorzuziehen; Eintagsfliegen und allzu kommerzielle Schlager sind abzulehnen.
4. Die Stimme: Sie wird verwendet wie ein Jazz-Instrument. Wichtig ist die Fähigkeit der Improvisation. Der Vergleich mit dem guten Schauspieler sei erlaubt: auch er hat sich zwar an den vorgeschriebenen Text zu halten, aber er muss diesem seine Persönlichkeit aufsetzen.
5. Individualität: Die Herausbildung eines unverkennbaren persönlichen Stils ist selbstverständlich.
6. Sinn für Humor: Humor ist gewiss nicht das Hauptmerkmal des Jazz, sollte aber für guten Jazz charakteristisch sein. Er darf indessen niemals zu reinem Klamauk werden, sondern sollte naiv-witzig oder intellektuell-ironisch sein.
7. Die Vielseitigkeit: Der Jazzsinger muss alle Arten des Liedes beherrschen — Rhythmus oder Ballade, Blues oder Novelty, Musical Song oder Volkslied.
Frank Sinatra erfüllt nicht nur jede dieser Forderungen, sondern er steht mit einer Souveränität über ihnen, für die es im Jazz nur wenige Beispiele gibt. Joachim Ernst Berendt, der Sinatra im übrigen nicht für einen Jazzsänger hält, räumt immerhin ein, er sei „außerhalb des Jazz besser als jeder Jazz-Vokalist1".
Im Laufe von zwei Jahrzehnten hat Sinatra als „male singer" fast jeden großen Jazz Poll der Welt einmal oder mehrere Male gewonnen; Down Beat, Metronome, Playboy und viele andere. Am 15. Dezember 1946 nahm er zusammen mit den Metronome All Stars dieses Jahres den Titel „Sweet Lorraine" auf (Harmony HL 7044). Seine Mitspieler waren Charlie Shavers, Lawrence Brown, Johnny Hodges. Harry Carney, Nat King Co!e, Bob Ahern, Eddie Safranski und Buddy Rieh, also eine erlesene Jazz-Gesellschaft. Seitdem ist die Kette hervorragender Swing-Aufnahmen mit Sinatras Stimme nicht mehr abgerissen. Oscar Peterson, dem ein Tribut für Frank Sinatra eine ganze Langspielplatte wert war („A Jazz Portrait of Frank Sinatra" — Verve V 8334), kommentiert: „Jahrelang habe ich Frank Sinatra heiß verehrt. Sein Gesang packt mich und ich habe stets seinen Geschmack bewundert. Als Musiker finde ich seine sichere Auswahl der Titel bemerkenswert, als Fan möchte ich feststellen, dass viele Stücke für immer unlösbar mit Sinatra verbunden bleiben werden. sowohl durch ihre Auffassung und Interpretation als auch durch jenen besonderen Zauber, über den nur er allein verfügt."
Francis Albert Sinatra wurde am 12. Dezember 1915 in Hoboken, New Jersey, geboren. Hier ist die Story seiner ungewöhnlichen Karriere in Schlagzeilen: 1936 sieht Sinatra einen Film mit Bing Crosby. Unter dem Eindruck des großen Crooners beschließt er, die eingeschlagene journalistische Laufbahn als Reporter und Redaktionsassistent der Zeitung „The Observer" aufzugeben und Sänger zu werden. Ein paar Monate später entdeckt ihn der Talentsucher Major Bowes, zwei Jahre später tritt er als Sänger und Conferencier im Rundfunk auf. 1939 heiratet er seine Jugendliebe Nancy Barbato, aber das ist nicht wichtig. Die Ehe wird ein paar Jahre später ohnehin wieder geschieden. Wichtig ist das Engagement bei Harry James. Am 13. Juli 1939 besingt er seine erste Schallplatte: „From The Bottom Of My Heart". Kurze Zeit darauf kommt ein Angebot von Tommy Dorsey. Der „Sentimental Gentleman of Swing" verpflichtet Sinatra zunächst als Mitglied seiner Gesanggruppe ..The Pied Pipers" für 125 Dollar pro Woche. Das erste Stück mit dem Dorsey-Orchester wird am 1. Februar 1940 aufgenommen und trägt den Titel „The Sky Fell Down". Bis zum Ende des Jahres verzeichnet die Sinatra-Dorsey-Diskographie bereits über vierzig Titel. In den folgenden beiden Jahren wurde der Sänger im Dorsey-Orchester nicht nur zu einem Star, sondern hier wurden zugleich die jazzmusikalischen Grundsteine für seine späteren vokalen Meisterwerke gelegt. Zwanzig Jahre später sollte Sinatra in der Erinnerung an jene Jahre eines seiner besten Plattenalben produzieren: „I Remember Tommy" (Reprise R 1003).
Am 2. Juli 1942 ist Sinatra zum letzten Mal zusammen mit der Dorsey-Band im Plattenstudio. Er hat Tommy Dorsey gekündigt, um sich auf seine eigenen Füße zu stellen. Ein halbes Jahr später, am Silvesterabend 1942, betritt ein neuer Frank Sinatra die Bühne des Paramount Theatre von New York — der Solist. Für den gebührenden Start sorgt der King of Swing höchstpersönlich: Benny Goodmans Band schafft den musikalischen Background für den ersten Sinatra-Abend der Geschichte. Von nun an ist für Sinatras atemberaubende Karriere kein Halten mehr. 1944 gibt es in den USA 2000 Sinatra-Clubs mit rund 40 Millionen Mitgliedern. Trotz der Kult, wie man ihn noch nie erlebt hat: eigene Rundfunkprogramme, eigene Theater-Shows, Kinos, Tanzpaläste. Sein Name erweist sich als hundertprozentig sicherer Magnet. 1945 beträgt sein Jahreseinkommen 1,4 Millionen Dollar. Vom Jazzstandpunkt aus ist das alles wenig interessant. Nicht die Tatsache, dass ihn der Film entdeckt und ihm 1948 für seine Rolle in „The House I Live In" seinen ersten „Oscar" zuerkennt. Auch nicht die zweite Ehe mit Ava Gardner und nicht die menschliche und künstlerische Krise, die er am Ende der vierziger und am Anfang der fünfziger Jahre erlebt. Der Mann, der 1953 die geringe Chance eines Comebacks wahrnimmt, indem er auf eigene Kosten von Afrika nach Hollywood fliegt, um Probeaufnahmen für die Rolle des Maggio in der Verfilmung des Soldatenromans „From Here To Eternity" von James Jones zu machen, gewinnt nun unser Interesse.
„From Here To Eternity" (Verdammt in alle Ewigkeit) markiert das erstaunlichste Comeback, welches das Showgeschäft je erlebte und welches im Grunde allen Gesetzen dieser Welt widersprach. Ein durch bittere Erfahrungen gereifter Künstler begann seine zweite Karriere als Schauspieler und Schallplattenstar, die — was das Erfolgsausmaß anlangt — nirgendwo ihresgleichen findet. Wir sprechen hier von Frank Sinatra als von einem musikalischen Phänomen. Seine Vertragsfirma war bis 1953 Columbia. Seine Schallplatten erzielten hohe Umsätze, aber er war allenfalls primus inter pares unter den Pop-Künstlern der Gesellschaft. Seine Hits blieben Einzeltitel, die keinen größeren Anspruch erhoben, als auf dem Schlagermarkt verbraucht zu werden. In einer Rückschau auf das musikalische Werk gebührt diesen Produktionen kein allzu großer Raum. Das wurde anders, als ab 1954 die Sinatra-Schallplatten als LP's mit dem Capitol-Etikett erschienen. „Wenn ich ein Album aufnehme", erzählt Frank Sinatra, „dann entscheide ich mich zunächst für eine bestimmte Stimmung; möglicherweise lege ich schon zu Anfang den Plattentitel fest. Manchmal habe ich auch zuerst den Titel und die Stimmung ergibt sich daraus. Das wichtigste aber sollte stets eine starke, kreative Idee für das ganze Album sein, Only The Lonely oder No One Cares zum Beispiel. Dann stelle ich mir eine Liste mit etwa sechzig möglichen Songs zusammen, aus denen ich schließlich für die Aufnahme zwölf auswähle." Auf diese Weise sind Plattenalben entstanden, die schon heute, wenige Jahre nach ihrem Erscheinen, als klassisch gelten können.
Viele von ihnen verdanken den Arrangements von Nelson Riddle ihre künstlerische Relevanz. Riddle und Sinatra haben sich im Laufe einer ein Jahrzehnt dauernden Partnerschaft gegenseitig zu immer größeren künstlerischen Erfolgen inspiriert. Seit den Tagen von Paul Whiteman, George Gershwin und Ferde Grofe sind die Komponisten gehobener Unterhaltungsmusik nicht müde geworden, sich an einer kompositorischen Bewältigung des Blues zu versuchen. Die meisten ihrer Werke blieben billige Kopien des Originals, welche die Ausdruckskraft der Folklore bei weitem nicht erreichten. In ihrem Album „Frank Sinatra Sings For Only The Lonely" aber gelang Sinatra und Riddle eine Sophistikation der Blues-Stimmung, zuweilen — etwa im „Blues In The Night" — sogar verbunden mit einer Bewältigung der Blues-Form, die man als genial ansprechen müsste, wenn man sich nicht scheuen würde, dieses Wort im Bereich der Unterhaltung zu gebrauchen. Vielleicht ist „Only The Lonely" (Captol W 1353) überhaupt die anspruchsvollste und ungewöhnlichste Unterhaltungsmusik-Platte, die je gepresst wurde.
Ihr Gegenstück erschien soeben unter dem Titel „The Concert Sinatra" (R 1009) bei Sinatras eigener Plattenmarke Reprise. Melodien wie „You'ill Never Walk Alone" oder „Soliloquy" aus dem Rodgers- und-Hammerstein-Musical „Carousel" sind da mit einer Meisterschaft gestaltet, die weit über den Rahmen bloßer Unterhaltung hinausgeht. über die Platten „Close To You" (Capitol W 789) oder „Look To Your Heart" (Capitol W 1164), deren Arrangements in einem verbindlicheren Streicher-Stil gehalten sind, reicht das Nelson-Riddle-Repertoire bis hin zu so jazzmäßigen Aufnahmen wie „Learnin' The Blues" in dem Album „This Is Sinatra" (Capitol T 768) oder nahezu allen Titeln von „Sinatra's Swingin" Session" (Capitol W 1491).
Drei weitere Arrangeure haben bei Capitol vor allem für Sinatra gearbeitet. Der erste war Axel Stordahl, der zusammen mit Sinatra bei Tommy Dorsey gewesen war, diesen mit ihm verlassen und viele von Sinatras Columbia-Arrangements geschrieben hatte („Point Of No Return", Capitol W 1676). Der zweite war der Komponist von Benny Goodmans berühmtem Schluss-Thema „Good Bye" Gordon Jenkins („Where Are You", Capitol W 855). Beide erreichten nicht die Höhe der besten Riddle-Schallplatten, allein Jenkins' Arbeit für das Album „No One Cares" (Capitol W 1221) verdient besondere Erwähnung. Der dritte schuf mit seinen Arrangements unsere Vorstellung des explodierenden, swingenden, optimistischen Frank Sinatra, den Sinatra des Jazz. Es war Billy May.
„Come Fly With Me" (Capitol W 920) hieß ein Album, in dem sich May noch der balladesken Schreibweise Nelson Riddles angepasst hatte, die fünf Jahre lang mit Sinatras Stimme verbunden gewesen war. Dann kam „Come Dance With Me" (Capitol W 1069), das eine Sensation auf dem amerikanischen Musikmarkt darstellte: es war die erste Sinatra-Langspielplatte, die über eine Million mal verkauft wurde, und Sinatra sang hier mit jener unvergleichlichen trockenen Gelöstheit, die eher an Lester Youngs Tenorchorusse als an die Musik irgendeines anderen Sängers denken ließ. „The Song Is You”, „Dancing In The Dark", „Just In Time" und „Too Close For Comfort" waren einige der besten Titel dieses Albums. Die dritte Platte dieser Billy-May-Serie erschien nicht bei Capitol.
Im Januar 1961 hatte Frank Sinatra seine eigene Plattenmarke Reprise gegründet. Sein zweites Album, das dort ediert wurde, war wieder mit Billy May und sollte den Titel „Swing Along With Me" tragen. Capitol focht den Titel an; soeben brachte Sinatras alte Vertragsfirma das Album „Come Swing With Me" (Capitol W 1594) — die vierte Billy May-LP — mit früher geschnittenen Sinatra-Aufnahmen heraus. So bekam die Reprise-Platte den Titel „Sinatra Swings" (R 1002), und der beste Titel mit einem phantastisch swingenden May-Arrangement war Edgar Sampsons „Don't Be That Way". Wenn bisher noch Zweifel an der Jazz-Verbundenheit Frank Sinatras bestehen konnten, so wurden sie durch Reprise gründlich zerstreut. Vom ersten Tage ihres Bestehens an steuerte Sinatra mit seiner Plattenfirma Jazz-Kurs. Schon in ihrem Startprogramm glänzten die Namen Jimmy Witherspoon. Ben Webster und die Hi-Lo's. Es folgten Verträge mit Frank Rosolino, Jack Sheldon, Shorty Rogers, Barney Kessel, Chico Hamilton, Mavis Rivers, Mance Lipscomb, AI Hibbler, Count Basie, Dizzy Gillespie und Jon Hendricks. Der berühmte Basie-Arrangeur Neal Hefti, vielleicht der beste Big-Band-Arrangeur der Gegenwart, wurde erster Repertoirechef, und Duke Ellington erneuerte seinen Vertrag mit Columbia nicht, um bei Reprise als Jazz-Direktor ein eigenes Repertoire aufzubauen. Von sechzehn neuen Langspielplatten, die Reprise im März 1963 herausbrachte, waren zwölf Jazzplatten, darunter außer Neuaufnahmen der erwähnten Musiker Re-Issues von Sidney Bechet und Django Reinhardt.
Für die erste eigene Reprise-Platte ließ sich Sinatra die Arrangements von Johnny Mandel besorgen, der früher bei Basie Posaune geblasen hatte und durch seine Jazz-Partitur für den Film „I Want To Live" international reüssiert hatte: „Ring A Ding Ding" (Reprise R 1001). Die Studioband dieses Albums bestand aus den führenden Musikern des Westcoast-Jazz, und Frank Rosolino (tb), Bud Shank (as), Emil Richards (vib), Don Fagerquist (tp) und der langjährige Pianist Frank Sinatras Bili Miller waren zwischen den Vocal-Parts zu hören. Das war ein Jazz-Auftakt, der einiges erhoffen ließ. Und Jazz kam. Für das Album „I Remember Tommy" besorgte der Schöpfer des aiten Lunceford-Klanges die Partituren — Sy Oliver. Billy
May schrieb ..Sinatra Swings" und Don Costa erprobte sich ä la Nelson Riddle in „Sinatra And Strings" (Reprise R 1004).
Vor etwa zweieinhalb Jahren beklagte der britische Jazz-Kritiker John Martin das Faktum, dass der Mann, der fast jeden Poll als Jazz-Singer gewonnen hat, nie Aufnahmen mit Basie oder Ellington gemacht habe. Inzwischen ist die Klage hinfällig geworden. Die Ellington-LP kommt heraus, die Basie-Platte liegt vor uns auf dem Plattenteller. Am 2. Oktober 1962 stand Frank Sinatra vor der Basie-Organisation im Plattenstudio und kommentierte, bevor die Session begann: „Auf diesen Augenblick habe ich zwanzig Jahre gewartet." Was sich danach ereignete, entzieht sich der Beschreibung. „Manches scharfe Ohr für den Klang unserer Zeit muss im Geiste Sinatra mit Basie kombiniert haben", sagt Douglas-Home. „Nun braucht die Einbildungskraft nicht länger strapaziert zu werden." Basie ist keine Begleitband und Sinatra ist kein „Refrainsänger". In der Balance zwischen dem bedeutendsten Vokalisten, der aus der Swing-Ära hervorging, und der swingendsten Band der Gegenwart entstand hier — gestaltet von Neal Hefti — ein Album von einzigartigem Reiz. „Ich bin jetzt seit fünfundzwanzig Jahren auf der Szene", hat Frank Sinatra gesagt „Ich werde noch einige Schallplatten machen und mich dann langsam aus dem Showgeschäft zurückziehen." Es spricht alles dafür, dass einige großartige Jazzplatten darunter sein werden.
In der Zeitschrift „Music USA" stellte George O. von Frank sieben Bedingungen für einen Jazzsinger auf:
1. Das Verhältnis zum Lied: Die Achtung vor Melodie und Text; die Bemühung, die Gedanken des Komponisten und Texters zum Ausdruck zu bringen; die Ablehnung übertriebener technischer Mätzchen (gimmicks) bei den Aufnahmen, die dem Gedanken des Liedes schaden könnten.
2. Das Gefühl: für den Rhythmus, für die Intonation, für die Phrasierung.
3. Der gute Geschmack: Sorgfältige Auswahl der Stücke; Standards und gute moderne Nummern sind vorzuziehen; Eintagsfliegen und allzu kommerzielle Schlager sind abzulehnen.
4. Die Stimme: Sie wird verwendet wie ein Jazz-Instrument. Wichtig ist die Fähigkeit der Improvisation. Der Vergleich mit dem guten Schauspieler sei erlaubt: auch er hat sich zwar an den vorgeschriebenen Text zu halten, aber er muss diesem seine Persönlichkeit aufsetzen.
5. Individualität: Die Herausbildung eines unverkennbaren persönlichen Stils ist selbstverständlich.
6. Sinn für Humor: Humor ist gewiss nicht das Hauptmerkmal des Jazz, sollte aber für guten Jazz charakteristisch sein. Er darf indessen niemals zu reinem Klamauk werden, sondern sollte naiv-witzig oder intellektuell-ironisch sein.
7. Die Vielseitigkeit: Der Jazzsinger muss alle Arten des Liedes beherrschen — Rhythmus oder Ballade, Blues oder Novelty, Musical Song oder Volkslied.
Frank Sinatra erfüllt nicht nur jede dieser Forderungen, sondern er steht mit einer Souveränität über ihnen, für die es im Jazz nur wenige Beispiele gibt. Joachim Ernst Berendt, der Sinatra im übrigen nicht für einen Jazzsänger hält, räumt immerhin ein, er sei „außerhalb des Jazz besser als jeder Jazz-Vokalist1".
Im Laufe von zwei Jahrzehnten hat Sinatra als „male singer" fast jeden großen Jazz Poll der Welt einmal oder mehrere Male gewonnen; Down Beat, Metronome, Playboy und viele andere. Am 15. Dezember 1946 nahm er zusammen mit den Metronome All Stars dieses Jahres den Titel „Sweet Lorraine" auf (Harmony HL 7044). Seine Mitspieler waren Charlie Shavers, Lawrence Brown, Johnny Hodges. Harry Carney, Nat King Co!e, Bob Ahern, Eddie Safranski und Buddy Rieh, also eine erlesene Jazz-Gesellschaft. Seitdem ist die Kette hervorragender Swing-Aufnahmen mit Sinatras Stimme nicht mehr abgerissen. Oscar Peterson, dem ein Tribut für Frank Sinatra eine ganze Langspielplatte wert war („A Jazz Portrait of Frank Sinatra" — Verve V 8334), kommentiert: „Jahrelang habe ich Frank Sinatra heiß verehrt. Sein Gesang packt mich und ich habe stets seinen Geschmack bewundert. Als Musiker finde ich seine sichere Auswahl der Titel bemerkenswert, als Fan möchte ich feststellen, dass viele Stücke für immer unlösbar mit Sinatra verbunden bleiben werden. sowohl durch ihre Auffassung und Interpretation als auch durch jenen besonderen Zauber, über den nur er allein verfügt."
Francis Albert Sinatra wurde am 12. Dezember 1915 in Hoboken, New Jersey, geboren. Hier ist die Story seiner ungewöhnlichen Karriere in Schlagzeilen: 1936 sieht Sinatra einen Film mit Bing Crosby. Unter dem Eindruck des großen Crooners beschließt er, die eingeschlagene journalistische Laufbahn als Reporter und Redaktionsassistent der Zeitung „The Observer" aufzugeben und Sänger zu werden. Ein paar Monate später entdeckt ihn der Talentsucher Major Bowes, zwei Jahre später tritt er als Sänger und Conferencier im Rundfunk auf. 1939 heiratet er seine Jugendliebe Nancy Barbato, aber das ist nicht wichtig. Die Ehe wird ein paar Jahre später ohnehin wieder geschieden. Wichtig ist das Engagement bei Harry James. Am 13. Juli 1939 besingt er seine erste Schallplatte: „From The Bottom Of My Heart". Kurze Zeit darauf kommt ein Angebot von Tommy Dorsey. Der „Sentimental Gentleman of Swing" verpflichtet Sinatra zunächst als Mitglied seiner Gesanggruppe ..The Pied Pipers" für 125 Dollar pro Woche. Das erste Stück mit dem Dorsey-Orchester wird am 1. Februar 1940 aufgenommen und trägt den Titel „The Sky Fell Down". Bis zum Ende des Jahres verzeichnet die Sinatra-Dorsey-Diskographie bereits über vierzig Titel. In den folgenden beiden Jahren wurde der Sänger im Dorsey-Orchester nicht nur zu einem Star, sondern hier wurden zugleich die jazzmusikalischen Grundsteine für seine späteren vokalen Meisterwerke gelegt. Zwanzig Jahre später sollte Sinatra in der Erinnerung an jene Jahre eines seiner besten Plattenalben produzieren: „I Remember Tommy" (Reprise R 1003).
Am 2. Juli 1942 ist Sinatra zum letzten Mal zusammen mit der Dorsey-Band im Plattenstudio. Er hat Tommy Dorsey gekündigt, um sich auf seine eigenen Füße zu stellen. Ein halbes Jahr später, am Silvesterabend 1942, betritt ein neuer Frank Sinatra die Bühne des Paramount Theatre von New York — der Solist. Für den gebührenden Start sorgt der King of Swing höchstpersönlich: Benny Goodmans Band schafft den musikalischen Background für den ersten Sinatra-Abend der Geschichte. Von nun an ist für Sinatras atemberaubende Karriere kein Halten mehr. 1944 gibt es in den USA 2000 Sinatra-Clubs mit rund 40 Millionen Mitgliedern. Trotz der Kult, wie man ihn noch nie erlebt hat: eigene Rundfunkprogramme, eigene Theater-Shows, Kinos, Tanzpaläste. Sein Name erweist sich als hundertprozentig sicherer Magnet. 1945 beträgt sein Jahreseinkommen 1,4 Millionen Dollar. Vom Jazzstandpunkt aus ist das alles wenig interessant. Nicht die Tatsache, dass ihn der Film entdeckt und ihm 1948 für seine Rolle in „The House I Live In" seinen ersten „Oscar" zuerkennt. Auch nicht die zweite Ehe mit Ava Gardner und nicht die menschliche und künstlerische Krise, die er am Ende der vierziger und am Anfang der fünfziger Jahre erlebt. Der Mann, der 1953 die geringe Chance eines Comebacks wahrnimmt, indem er auf eigene Kosten von Afrika nach Hollywood fliegt, um Probeaufnahmen für die Rolle des Maggio in der Verfilmung des Soldatenromans „From Here To Eternity" von James Jones zu machen, gewinnt nun unser Interesse.
„From Here To Eternity" (Verdammt in alle Ewigkeit) markiert das erstaunlichste Comeback, welches das Showgeschäft je erlebte und welches im Grunde allen Gesetzen dieser Welt widersprach. Ein durch bittere Erfahrungen gereifter Künstler begann seine zweite Karriere als Schauspieler und Schallplattenstar, die — was das Erfolgsausmaß anlangt — nirgendwo ihresgleichen findet. Wir sprechen hier von Frank Sinatra als von einem musikalischen Phänomen. Seine Vertragsfirma war bis 1953 Columbia. Seine Schallplatten erzielten hohe Umsätze, aber er war allenfalls primus inter pares unter den Pop-Künstlern der Gesellschaft. Seine Hits blieben Einzeltitel, die keinen größeren Anspruch erhoben, als auf dem Schlagermarkt verbraucht zu werden. In einer Rückschau auf das musikalische Werk gebührt diesen Produktionen kein allzu großer Raum. Das wurde anders, als ab 1954 die Sinatra-Schallplatten als LP's mit dem Capitol-Etikett erschienen. „Wenn ich ein Album aufnehme", erzählt Frank Sinatra, „dann entscheide ich mich zunächst für eine bestimmte Stimmung; möglicherweise lege ich schon zu Anfang den Plattentitel fest. Manchmal habe ich auch zuerst den Titel und die Stimmung ergibt sich daraus. Das wichtigste aber sollte stets eine starke, kreative Idee für das ganze Album sein, Only The Lonely oder No One Cares zum Beispiel. Dann stelle ich mir eine Liste mit etwa sechzig möglichen Songs zusammen, aus denen ich schließlich für die Aufnahme zwölf auswähle." Auf diese Weise sind Plattenalben entstanden, die schon heute, wenige Jahre nach ihrem Erscheinen, als klassisch gelten können.
Viele von ihnen verdanken den Arrangements von Nelson Riddle ihre künstlerische Relevanz. Riddle und Sinatra haben sich im Laufe einer ein Jahrzehnt dauernden Partnerschaft gegenseitig zu immer größeren künstlerischen Erfolgen inspiriert. Seit den Tagen von Paul Whiteman, George Gershwin und Ferde Grofe sind die Komponisten gehobener Unterhaltungsmusik nicht müde geworden, sich an einer kompositorischen Bewältigung des Blues zu versuchen. Die meisten ihrer Werke blieben billige Kopien des Originals, welche die Ausdruckskraft der Folklore bei weitem nicht erreichten. In ihrem Album „Frank Sinatra Sings For Only The Lonely" aber gelang Sinatra und Riddle eine Sophistikation der Blues-Stimmung, zuweilen — etwa im „Blues In The Night" — sogar verbunden mit einer Bewältigung der Blues-Form, die man als genial ansprechen müsste, wenn man sich nicht scheuen würde, dieses Wort im Bereich der Unterhaltung zu gebrauchen. Vielleicht ist „Only The Lonely" (Captol W 1353) überhaupt die anspruchsvollste und ungewöhnlichste Unterhaltungsmusik-Platte, die je gepresst wurde.
Ihr Gegenstück erschien soeben unter dem Titel „The Concert Sinatra" (R 1009) bei Sinatras eigener Plattenmarke Reprise. Melodien wie „You'ill Never Walk Alone" oder „Soliloquy" aus dem Rodgers- und-Hammerstein-Musical „Carousel" sind da mit einer Meisterschaft gestaltet, die weit über den Rahmen bloßer Unterhaltung hinausgeht. über die Platten „Close To You" (Capitol W 789) oder „Look To Your Heart" (Capitol W 1164), deren Arrangements in einem verbindlicheren Streicher-Stil gehalten sind, reicht das Nelson-Riddle-Repertoire bis hin zu so jazzmäßigen Aufnahmen wie „Learnin' The Blues" in dem Album „This Is Sinatra" (Capitol T 768) oder nahezu allen Titeln von „Sinatra's Swingin" Session" (Capitol W 1491).
Drei weitere Arrangeure haben bei Capitol vor allem für Sinatra gearbeitet. Der erste war Axel Stordahl, der zusammen mit Sinatra bei Tommy Dorsey gewesen war, diesen mit ihm verlassen und viele von Sinatras Columbia-Arrangements geschrieben hatte („Point Of No Return", Capitol W 1676). Der zweite war der Komponist von Benny Goodmans berühmtem Schluss-Thema „Good Bye" Gordon Jenkins („Where Are You", Capitol W 855). Beide erreichten nicht die Höhe der besten Riddle-Schallplatten, allein Jenkins' Arbeit für das Album „No One Cares" (Capitol W 1221) verdient besondere Erwähnung. Der dritte schuf mit seinen Arrangements unsere Vorstellung des explodierenden, swingenden, optimistischen Frank Sinatra, den Sinatra des Jazz. Es war Billy May.
„Come Fly With Me" (Capitol W 920) hieß ein Album, in dem sich May noch der balladesken Schreibweise Nelson Riddles angepasst hatte, die fünf Jahre lang mit Sinatras Stimme verbunden gewesen war. Dann kam „Come Dance With Me" (Capitol W 1069), das eine Sensation auf dem amerikanischen Musikmarkt darstellte: es war die erste Sinatra-Langspielplatte, die über eine Million mal verkauft wurde, und Sinatra sang hier mit jener unvergleichlichen trockenen Gelöstheit, die eher an Lester Youngs Tenorchorusse als an die Musik irgendeines anderen Sängers denken ließ. „The Song Is You”, „Dancing In The Dark", „Just In Time" und „Too Close For Comfort" waren einige der besten Titel dieses Albums. Die dritte Platte dieser Billy-May-Serie erschien nicht bei Capitol.
Im Januar 1961 hatte Frank Sinatra seine eigene Plattenmarke Reprise gegründet. Sein zweites Album, das dort ediert wurde, war wieder mit Billy May und sollte den Titel „Swing Along With Me" tragen. Capitol focht den Titel an; soeben brachte Sinatras alte Vertragsfirma das Album „Come Swing With Me" (Capitol W 1594) — die vierte Billy May-LP — mit früher geschnittenen Sinatra-Aufnahmen heraus. So bekam die Reprise-Platte den Titel „Sinatra Swings" (R 1002), und der beste Titel mit einem phantastisch swingenden May-Arrangement war Edgar Sampsons „Don't Be That Way". Wenn bisher noch Zweifel an der Jazz-Verbundenheit Frank Sinatras bestehen konnten, so wurden sie durch Reprise gründlich zerstreut. Vom ersten Tage ihres Bestehens an steuerte Sinatra mit seiner Plattenfirma Jazz-Kurs. Schon in ihrem Startprogramm glänzten die Namen Jimmy Witherspoon. Ben Webster und die Hi-Lo's. Es folgten Verträge mit Frank Rosolino, Jack Sheldon, Shorty Rogers, Barney Kessel, Chico Hamilton, Mavis Rivers, Mance Lipscomb, AI Hibbler, Count Basie, Dizzy Gillespie und Jon Hendricks. Der berühmte Basie-Arrangeur Neal Hefti, vielleicht der beste Big-Band-Arrangeur der Gegenwart, wurde erster Repertoirechef, und Duke Ellington erneuerte seinen Vertrag mit Columbia nicht, um bei Reprise als Jazz-Direktor ein eigenes Repertoire aufzubauen. Von sechzehn neuen Langspielplatten, die Reprise im März 1963 herausbrachte, waren zwölf Jazzplatten, darunter außer Neuaufnahmen der erwähnten Musiker Re-Issues von Sidney Bechet und Django Reinhardt.
Für die erste eigene Reprise-Platte ließ sich Sinatra die Arrangements von Johnny Mandel besorgen, der früher bei Basie Posaune geblasen hatte und durch seine Jazz-Partitur für den Film „I Want To Live" international reüssiert hatte: „Ring A Ding Ding" (Reprise R 1001). Die Studioband dieses Albums bestand aus den führenden Musikern des Westcoast-Jazz, und Frank Rosolino (tb), Bud Shank (as), Emil Richards (vib), Don Fagerquist (tp) und der langjährige Pianist Frank Sinatras Bili Miller waren zwischen den Vocal-Parts zu hören. Das war ein Jazz-Auftakt, der einiges erhoffen ließ. Und Jazz kam. Für das Album „I Remember Tommy" besorgte der Schöpfer des aiten Lunceford-Klanges die Partituren — Sy Oliver. Billy
May schrieb ..Sinatra Swings" und Don Costa erprobte sich ä la Nelson Riddle in „Sinatra And Strings" (Reprise R 1004).
Vor etwa zweieinhalb Jahren beklagte der britische Jazz-Kritiker John Martin das Faktum, dass der Mann, der fast jeden Poll als Jazz-Singer gewonnen hat, nie Aufnahmen mit Basie oder Ellington gemacht habe. Inzwischen ist die Klage hinfällig geworden. Die Ellington-LP kommt heraus, die Basie-Platte liegt vor uns auf dem Plattenteller. Am 2. Oktober 1962 stand Frank Sinatra vor der Basie-Organisation im Plattenstudio und kommentierte, bevor die Session begann: „Auf diesen Augenblick habe ich zwanzig Jahre gewartet." Was sich danach ereignete, entzieht sich der Beschreibung. „Manches scharfe Ohr für den Klang unserer Zeit muss im Geiste Sinatra mit Basie kombiniert haben", sagt Douglas-Home. „Nun braucht die Einbildungskraft nicht länger strapaziert zu werden." Basie ist keine Begleitband und Sinatra ist kein „Refrainsänger". In der Balance zwischen dem bedeutendsten Vokalisten, der aus der Swing-Ära hervorging, und der swingendsten Band der Gegenwart entstand hier — gestaltet von Neal Hefti — ein Album von einzigartigem Reiz. „Ich bin jetzt seit fünfundzwanzig Jahren auf der Szene", hat Frank Sinatra gesagt „Ich werde noch einige Schallplatten machen und mich dann langsam aus dem Showgeschäft zurückziehen." Es spricht alles dafür, dass einige großartige Jazzplatten darunter sein werden.



