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Porträt: Ernst Kozub

Von
Gisela Schunck
Erschienen in der Printausgabe im
Januar 1964
Lesezeit ca.
Minuten

Sänger sollte er werden? — Ernst Kozub lächelte über den wohlmeinenden Rat eines Tenors der Florentiner Oper. Er war Kaufmann und dachte nicht daran, seinen einträglichen Beruf an den Nagel zu hängen. Zwar war Musik schon immer sein Hobby gewesen, aber dass aus den Gesangstunden, die er bei der Rothemann, einer Meisterschülerin der berühmten Elena Gerhardt, nahm, einmal sein Lebensinhalt werden würde, das ahnte er damals noch nicht. Seine Lehrerin war insgeheim allerdings sehr überzeugt davon, dass er als Sänger eine große Karriere machen würde. Deshalb versuchte sie mit allen Mitteln, ihn dazu zu bewegen, einmal in einem Konzert mitzuwirken. Wie sie das geschafft hat, ist Ernst Kozub heute noch ein Rätsel. Auf jeden Fall fuhr er an einem schönen Sonntagmorgen nach Leutenberg in den Thüringer Wald, um dort — natürlich nur zum Spaß — in einer Veranstaltung Weimarer Musikstudenten einige Lieder zu singen. Der Erfolg war zur Freude seiner Lehrerin überwältigend.

Jetzt überstürzten sich die Ereignisse. Die Konzertveranstalterin telegrafierte an die Weimarer Musikhochschule, sie habe den Tenor entdeckt, und schon wenige Tage später hielt Ernst Ko2ub die Einladung zum Vorsingen in der Hand. Er ging hin. Puccinis „Wie sich die Bilder gleichen" und Schuberts „Du bist die Ruh" öffneten ihm die Tore der Hochschule. Josef Maria Hauschild, der heure in München lebende Gesangspädagoge, wurde sein Lehrer. Mit der ihm eigenen Zielstrebigkeit und Gründlichkeit studierte er Musik, wobei er sich keineswegs nur auf den Gesang beschränkte. Er ist ein guter, vor allem aber so wendiger Pianist, dass er jeden Klavierauszug, jede Liedbegleitung vom Blatt spielen kann.

Als Chateauneuf in Lortzings „Zar und Zimmermann" stand Kozub erstmals auf den Brettern der Berliner Komischen Oper. Wenig später sang er — wiederum in einer Felsenstein-Inszenierung — den Rudolf in Puccinis „Boheme". Vier Jahre lang sang er die meisten Partien des italienischen Fachs, gastierte auch mehrfach an westdeutschen Bühnen und wurde 1954 von Georg Solti nach Frankfurt verpflichtet. „Es war ein Glück für mich, dass ich in Solti einen Beschützer meiner Stimme gefunden hatte, der mir stets Rollen gab, in denen ich nie überfordert wurde", sagt Kozub von seinen Frankfurter Jahren.

Nur eine Sorge gibt es für seine Familie und seine Agenten: das mörderische Tempo seiner Autofahrten. Das Autofahren ist seine Passion, und am liebsten würde er einmal an einem Rennen teilnehmen. Seine rasanten Fahrten haben jedoch schon manche Aufführung gerettet. Noch heute spricht man im Mannheimer Opernhaus von der „Manon Lescaut", in der Louis Roney während des ersten Aktes stockheiser wurde. Ein Telefonanruf nach Frankfurt und man hatte Glück, Ernst Kozub war zufällig im Hause, setzte sich sofort in seinen Sportwagen, und bereits eine Stunde später bejubelte das Publikum den zweiten DesGrieux des Abends.

Allerdings haben selbst die besten Autos einmal Pannen, und das passierte Kozub ausgerechnet auf einer Fahrt nach Berlin, wo er den Civaradossi singen sollte. Als er eine halbe Stunde vor der Aufführung noch nicht eingetroffen war, benachrichtigte die Theaterdirektion Rudolf Schock. Zehn Minuten vor der Vorstellung hielten zwei Wagen vor dem Theater, aus dem einen sprang Schock und aus dem anderen Kozub. „Dir zuliebe wollte ich für Dich einspringen", sagte der stets charmante Rudi, „aber jetzt musst Du singen. Das kostet natürlich eine Flasche Sekt."

Bei der Schallplattenproduktion von Gounods „Margarethe" gab's eine besondere Überraschung: Ernst Kozub erwies sich als Sänger mit zwei Stimmen. Als der Bariton, der den Valentin singen sollte, während der Aufnahmen erkrankte, meinte Tenor Kozub: „Dann singe ich eben Valentins Gebet." Der Sänger des „Faust" wollte eine Baritonpartie übernehmen? Verständnisloses Kopfschütteln auf Seiten der Produktionsleitung, aber da man im Augenblick keinen Valentin aus dem Boden stampfen konnte, wagte man einen Versuch. Das Ergebnis war frappierend: Kozub verfügt über eine warme, wohltönende Baritonstimme, die sich so von seinem Tenor unterscheidet, dass Fachleute und Kollegen, die später die Schallplatte hörten, ihn als Bariton nicht erkannten. Bei Schallplattenaufnahmen ist er übrigens der unentbehrliche, gute Geist. Stets hat er für nervöse, von Lampenfieber geplagte Kollegen aufmunternde Worte, und wenn einmal ein Korrepetitor fehlt, setzt er sich selber ans Klavier und gibt allen gern wertvolle Ratschläge.

Als ich den Sänger in seinem schönen, gepflegten Haus vor den Toren von Hamburg besuchte, war er gerade mit Gartenarbeit beschäftigt. Seine Frau und seine zwei Kinder assistierten ihm dabei, und um alle herum tollten zwei stattliche Boxerrüden. Dieser rechte Familienvater entsprach ganz und gar nicht der landläufigen Vorstellung eines gefeierten Opernstars. Während er nun die Laubreste zusammenharkte, plauderten wir über Autos und Hunde, denn Ernst Kozub ist ein ausgesprochener Tiernarr und hätte am liebsten einen ganzen Tierpark, wenn nicht seine Frau ein Veto einlegen würde. Dann wandte sich natürlich unser Gespräch den bevorstehenden Auslandsverpflichtungen zu. In Italien, dem Land der Tenöre, fühlt sich Ernst Kozub durch seine ständigen Gastspiele wie zu Hause. Im Februar wird er in vier Aufführungen in Rom als Florestan und bereits vierzehn Tage später in Genua als Parsifal auf der Bühne stehen. Von der Fülle der Gastspielangebote in den kommenden Monaten seien vor allem der Siegmund an der Wiener Staatsoper und an der Londoner Coventgarden-Oper erwähnt.

Kozub hat das gewisse Etwas der italienischen Tenöre in der Stimme, ein kurzes, schlankes Vibrato, den strahlend-metallischen Glanz und eine zu Herzen gehende Wärme — Eigenschaften, denen er seine große Beliebtheit beim italienischen und letztlich auch beim deutschen Publikum verdankt. Kein Wunder, dass zu seinen Glanzrollen auf der Schallplatte der Alfred in „La Traviata" genauso gehört wie der Herzog im „Rigoletto", Schade, dass bis heute keine Wagner-Schallplatte von ihm als Vergleich vorliegt.

Aber zurück zum Interview. Sollte ich Ernst Kozub jetzt etwa die stereotype Reporter- Frage stellen, „welche Rollen und an welchen Opernhäusern haben Sie gesungen", um Ihnen, verehrte Leser, eine lückenlose Liste vorlegen zu können, die Sie ohnehin nicht behalten werden. Ich möchte nur erwähnen, dass der Tenor auf allen bedeutenden deutschen Bühnen gestanden hat und in Italien (Mailand, Florenz, Neapel, Rom, Triest, Genua), in London, Lissabon und Montevideo ständiger Gast ist. „Un grande Tenore" schrieb die neapolitanische Zeitung „Il Mattino" nach seinem großartigen Florestan im vergangenen Jahr unter Joch um und verglich seine Stimme mit der von Caruso. In der Londoner Walküre unter Georg Solti nannte ihn die Kritik den „besten Siegmund seit dem Kriege".

Bevor ich mich gegen Abend verabschiedete, gab mir Kozub eine Kostprobe seiner heutigen „Gesangsstunden". Er legte Schallplatten mit Enrico Caruso, Benjamino Gigli und Franz Völker auf und meinte dazu: „Sie sind meine großen Vorbilder!"

Sänger sollte er werden? — Ernst Kozub lächelte über den wohlmeinenden Rat eines Tenors der Florentiner Oper. Er war Kaufmann und dachte nicht daran, seinen einträglichen Beruf an den Nagel zu hängen. Zwar war Musik schon immer sein Hobby gewesen, aber dass aus den Gesangstunden, die er bei der Rothemann, einer Meisterschülerin der berühmten Elena Gerhardt, nahm, einmal sein Lebensinhalt werden würde, das ahnte er damals noch nicht. Seine Lehrerin war insgeheim allerdings sehr überzeugt davon, dass er als Sänger eine große Karriere machen würde. Deshalb versuchte sie mit allen Mitteln, ihn dazu zu bewegen, einmal in einem Konzert mitzuwirken. Wie sie das geschafft hat, ist Ernst Kozub heute noch ein Rätsel. Auf jeden Fall fuhr er an einem schönen Sonntagmorgen nach Leutenberg in den Thüringer Wald, um dort — natürlich nur zum Spaß — in einer Veranstaltung Weimarer Musikstudenten einige Lieder zu singen. Der Erfolg war zur Freude seiner Lehrerin überwältigend.

Jetzt überstürzten sich die Ereignisse. Die Konzertveranstalterin telegrafierte an die Weimarer Musikhochschule, sie habe den Tenor entdeckt, und schon wenige Tage später hielt Ernst Ko2ub die Einladung zum Vorsingen in der Hand. Er ging hin. Puccinis „Wie sich die Bilder gleichen" und Schuberts „Du bist die Ruh" öffneten ihm die Tore der Hochschule. Josef Maria Hauschild, der heure in München lebende Gesangspädagoge, wurde sein Lehrer. Mit der ihm eigenen Zielstrebigkeit und Gründlichkeit studierte er Musik, wobei er sich keineswegs nur auf den Gesang beschränkte. Er ist ein guter, vor allem aber so wendiger Pianist, dass er jeden Klavierauszug, jede Liedbegleitung vom Blatt spielen kann.

Als Chateauneuf in Lortzings „Zar und Zimmermann" stand Kozub erstmals auf den Brettern der Berliner Komischen Oper. Wenig später sang er — wiederum in einer Felsenstein-Inszenierung — den Rudolf in Puccinis „Boheme". Vier Jahre lang sang er die meisten Partien des italienischen Fachs, gastierte auch mehrfach an westdeutschen Bühnen und wurde 1954 von Georg Solti nach Frankfurt verpflichtet. „Es war ein Glück für mich, dass ich in Solti einen Beschützer meiner Stimme gefunden hatte, der mir stets Rollen gab, in denen ich nie überfordert wurde", sagt Kozub von seinen Frankfurter Jahren.

Nur eine Sorge gibt es für seine Familie und seine Agenten: das mörderische Tempo seiner Autofahrten. Das Autofahren ist seine Passion, und am liebsten würde er einmal an einem Rennen teilnehmen. Seine rasanten Fahrten haben jedoch schon manche Aufführung gerettet. Noch heute spricht man im Mannheimer Opernhaus von der „Manon Lescaut", in der Louis Roney während des ersten Aktes stockheiser wurde. Ein Telefonanruf nach Frankfurt und man hatte Glück, Ernst Kozub war zufällig im Hause, setzte sich sofort in seinen Sportwagen, und bereits eine Stunde später bejubelte das Publikum den zweiten DesGrieux des Abends.

Allerdings haben selbst die besten Autos einmal Pannen, und das passierte Kozub ausgerechnet auf einer Fahrt nach Berlin, wo er den Civaradossi singen sollte. Als er eine halbe Stunde vor der Aufführung noch nicht eingetroffen war, benachrichtigte die Theaterdirektion Rudolf Schock. Zehn Minuten vor der Vorstellung hielten zwei Wagen vor dem Theater, aus dem einen sprang Schock und aus dem anderen Kozub. „Dir zuliebe wollte ich für Dich einspringen", sagte der stets charmante Rudi, „aber jetzt musst Du singen. Das kostet natürlich eine Flasche Sekt."

Bei der Schallplattenproduktion von Gounods „Margarethe" gab's eine besondere Überraschung: Ernst Kozub erwies sich als Sänger mit zwei Stimmen. Als der Bariton, der den Valentin singen sollte, während der Aufnahmen erkrankte, meinte Tenor Kozub: „Dann singe ich eben Valentins Gebet." Der Sänger des „Faust" wollte eine Baritonpartie übernehmen? Verständnisloses Kopfschütteln auf Seiten der Produktionsleitung, aber da man im Augenblick keinen Valentin aus dem Boden stampfen konnte, wagte man einen Versuch. Das Ergebnis war frappierend: Kozub verfügt über eine warme, wohltönende Baritonstimme, die sich so von seinem Tenor unterscheidet, dass Fachleute und Kollegen, die später die Schallplatte hörten, ihn als Bariton nicht erkannten. Bei Schallplattenaufnahmen ist er übrigens der unentbehrliche, gute Geist. Stets hat er für nervöse, von Lampenfieber geplagte Kollegen aufmunternde Worte, und wenn einmal ein Korrepetitor fehlt, setzt er sich selber ans Klavier und gibt allen gern wertvolle Ratschläge.

Als ich den Sänger in seinem schönen, gepflegten Haus vor den Toren von Hamburg besuchte, war er gerade mit Gartenarbeit beschäftigt. Seine Frau und seine zwei Kinder assistierten ihm dabei, und um alle herum tollten zwei stattliche Boxerrüden. Dieser rechte Familienvater entsprach ganz und gar nicht der landläufigen Vorstellung eines gefeierten Opernstars. Während er nun die Laubreste zusammenharkte, plauderten wir über Autos und Hunde, denn Ernst Kozub ist ein ausgesprochener Tiernarr und hätte am liebsten einen ganzen Tierpark, wenn nicht seine Frau ein Veto einlegen würde. Dann wandte sich natürlich unser Gespräch den bevorstehenden Auslandsverpflichtungen zu. In Italien, dem Land der Tenöre, fühlt sich Ernst Kozub durch seine ständigen Gastspiele wie zu Hause. Im Februar wird er in vier Aufführungen in Rom als Florestan und bereits vierzehn Tage später in Genua als Parsifal auf der Bühne stehen. Von der Fülle der Gastspielangebote in den kommenden Monaten seien vor allem der Siegmund an der Wiener Staatsoper und an der Londoner Coventgarden-Oper erwähnt.

Kozub hat das gewisse Etwas der italienischen Tenöre in der Stimme, ein kurzes, schlankes Vibrato, den strahlend-metallischen Glanz und eine zu Herzen gehende Wärme — Eigenschaften, denen er seine große Beliebtheit beim italienischen und letztlich auch beim deutschen Publikum verdankt. Kein Wunder, dass zu seinen Glanzrollen auf der Schallplatte der Alfred in „La Traviata" genauso gehört wie der Herzog im „Rigoletto", Schade, dass bis heute keine Wagner-Schallplatte von ihm als Vergleich vorliegt.

Aber zurück zum Interview. Sollte ich Ernst Kozub jetzt etwa die stereotype Reporter- Frage stellen, „welche Rollen und an welchen Opernhäusern haben Sie gesungen", um Ihnen, verehrte Leser, eine lückenlose Liste vorlegen zu können, die Sie ohnehin nicht behalten werden. Ich möchte nur erwähnen, dass der Tenor auf allen bedeutenden deutschen Bühnen gestanden hat und in Italien (Mailand, Florenz, Neapel, Rom, Triest, Genua), in London, Lissabon und Montevideo ständiger Gast ist. „Un grande Tenore" schrieb die neapolitanische Zeitung „Il Mattino" nach seinem großartigen Florestan im vergangenen Jahr unter Joch um und verglich seine Stimme mit der von Caruso. In der Londoner Walküre unter Georg Solti nannte ihn die Kritik den „besten Siegmund seit dem Kriege".

Bevor ich mich gegen Abend verabschiedete, gab mir Kozub eine Kostprobe seiner heutigen „Gesangsstunden". Er legte Schallplatten mit Enrico Caruso, Benjamino Gigli und Franz Völker auf und meinte dazu: „Sie sind meine großen Vorbilder!"