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Einheit in der Musik und im Leben

Von
Gottfried Kraus
Erschienen in der Printausgabe im
Februar 1964
Lesezeit ca.
Minuten

Wir haben uns in der Schallplattenbranche an Mammutprojekte allmählich gewöhnt. Die Enzyklopädie regiert nicht nur das Konzertleben, sie regiert auch den Plattenkatalog, und Gesamtaufnahmen von Werkreihen oder gar ganzer Komponisten sind kaum mehr eine Seltenheit. Dennoch dürfte das Projekt der Deutschen Grammophon-Gesellschaft, sämtliche Klavierkonzerte von Mozart mit Geza Anda und der Camerata Academica des Salzburger Mozarteums herauszubringen, auf erhöhtes Interesse stoßen. Nicht nur, weil es die erste Gesamtaufnahme der Klavierkonzerte ist — Anda möchte außer den 22 „echten" Konzerten auch die fünf frühen, die lediglich Bearbeitungen anderer Komponisten durch den jungen Mozart sind, sowie das Konzert für zwei Klaviere aufnehmen •—, nicht nur weil hier ein erstrangiger Pianist und ein stil- und werkvertrautes Orchester zur Verfügung stehen, und nicht nur, weil die in Salzburg eingespielten Aufnahmen irgendwie auch die Atmosphäre der Mozartstadt einfangen dürften, entsteht hier etwas Besonderes. Allein die Tatsache, dass für diese Gesamtaufnahme ein Zeitraum von mehr als zehn Jahren vorgesehen ist, in dem jährlich nur eine Schallplatte erscheint, beweist, dass hier, fern von aller Sensation, in erster Linie künstlerische Maßstäbe gesetzt werden. Und in der Tat, die bekenntnishafte Liebe Geza Andas zu Mozart, seine Fähigkeit, das Orchester vom Flügel aus zu dirigieren und damit zu der „originalen" Art des Musizierens zurückzukehren, für die diese Werke komponiere wurden, bar schon in den ersten beiden Editionen der Reihe außerordentlichen Eindruck gemacht. Nach den beiden Konzerten in C-dur, K. V. 467, und G-dur, K. V. 453, die den Grand Prix du Disque erhielten, den Konzerten in Es-dur, K. V. 482, und B-dur, K. V. 238, und der in Kürze erscheinenden Platte mit den Konzerten in A-dur, K. V. 488, und D-dur, K. V. 451, werden nun im Anschluss an eine große Deutschland-Tournee mit dem gleichen Programm (im März) die Konzerte in d-moll, K. V. 466, und B-dur, K. V. 456, eingespielt.

Ich hatte in Salzburg Gelegenheit, bei den Aufnahmen für die nun erscheinende dritte Platte sowie bei den Proben für das d-moll-Konzert anwesend zu sein. Die Aufnahmen fanden im Großen Festspielhaus statt, von dessen Akustik die Techniker der Deutschen Grammophon-Gesellschaft sich zunächst sehr viel versprochen hatten. Während der Arbeit flaute die Begeisterung allerdings ein wenig ab, da das leere Haus durch die stark ansteigenden Sitzreihen eine ungünstige Echowirkung zu verzeichnen hatte, die die Arbeit der Techniker unnötig erschwerte. Bei den Proben zur März-Tournee wurden dann im Kleinen Festspielhaus, das umgebaut erst seit Sommer 1963 benutzt wird, Probeaufnahmen und akustische Messungen durchgeführt, und die nächste Einspielung wird voraussichtlich hier vorgenommen werden. Von all diesen Schwierigkeiten technischer Art hört und merkt der „Kiebitz" nicht viel. Bei Schallplattenaufnahmen zuzuhören und zuzusehen, ist immer von eigenartiger Faszination. Es ist eine völlig andere Arbeit als ein Konzert. Denn einerseits sind die Künstler, ähnlich wie bei der Probe, ganz unter sich und es fehlt die Spannung des Musizierens vor dem Publikum, andererseits schafft der Respekt vor der Unbestechlichkeit der Mikrophone eine gespannte und unsichere Atmosphäre. Stellen, die sonst nie oder fast nie Fehlerquellen sind, werden plötzlich zu Problemen, Fragen der Interpretation, die im Konzertsaal im Feuer des Musizierens untergehen, gewinnen im Studio erhöhte Bedeutung. Denn der Sänger, der Dirigent, der Instrumentalist musiziert ja nicht für den Augenblick, er weiß, dass seine Kunstausübung vervielfältigt in alle Welt gehen wird, ja dass auch künftige Generationen seine Leistung unbestechlich werden hören, vergleichen und beurteilen können.

Geza Anda scheint sich dieser Verantwortung voll bewusst zu sein. Er ist bei der Arbeit von höchstem Ernst und bewundernswerter Sachlichkeit. Man spürt, auch wenn man noch kaum zwei Worte mit Anda gewechselt hat, dass für diesen Künstler nur eines zahlt — so gut wie möglich Musik zu machen.

Dies mag auch der Grund sein, dass Geza Anda, wie wenige Künstler seiner Generation, zu einem Interpreten von Gewicht herangereift ist. Der heute knapp Dreiundvierzigjährige hat in seiner Vaterstadt Budapest studiert und als Meisterschüler Ernst von Dohnanyis entscheidende Impulse empfangen. Auch wenn Anda heute mit Bestimmtheit sagt „Klavierspielen habe ich mir selbst beigebracht", so dürfte die Atmosphäre der Budapester Musikschule, die von Persönlichkeiten wie Bartok und Kodaly bestimmt wurde, den jungen Pianisten mit geformt haben. Noch während des Krieges übersiedelte Anda in die Schweiz, die ihm zur zweiten Heimat wurde; ein wunderschöner Besitz in der Nähe von Zürich, dessen Bürgerrecht er sich durch eine strenge Prüfung erwarb, dient dem Pianisten als Refugium zwischen seinen anstrengenden 0Reisen.

Noch ein anderes aber trug dazu bei, Geza Anda fest an seine Wahlheimat zu binden. Das Konservatorium Luzern übertrug ihm nach Edwin Fischers Tod die Leitung seiner Meisterkurse. Fischer selbst, mit dem Anda eine echte Freundschaft verband, der aber nicht, wie man oft hören kann, sein Lehrer gewesen ist, hatte den Künstler für diese Aufgabe empfohlen. Mit Edwin Fischer im Zusammenhang steht auch noch ein zweites Ereignis in der Karriere Geza Andas, das mit die Voraussetzung für die Salzburger Aufnahmen bildet. Denn es waren keineswegs musikwissenschaftliche Gründe, die Anda darauf brachten, die Mozartschen Klavierkonzerte ohne Dirigenten vom Flügel aus zu leiten. „Ich bekam eines Tages in den USA, wo ich gerade konzertierte, das verzweifelte Telegramm eines Münchner Konzertagenten — wenn Sie nicht für Edwin Fischer das Konzert am soundsovielten mit dem Münchner Kammerorchester übernehmen, mache ich pleite! — Der Arme! Er hatte bereits versucht, Clara Haskil oder Rudolf Serkin als Ersatz zu bekommen, aber nur Absagen erhalten. So übernahm ich also kurzfristig das Münchner Konzert, spielte zwar statt drei Konzerten nur deren zwei, aber so begann es. Und ich habe viel Freude an dieser Art des Musizierens, schon deshalb, weil sie es ermöglicht, diese Konzerte so darzustellen, wie ich mir es vorstelle, als wirkliche Einheit. Denn darauf kommt es doch vor allem an: man soll eine Einheit darstellen — in der Musik und im Leben."

Natürlich birgt diese Art des Musizierens auch manche Gefahr. Ein kleines Orchester macht viele Dinge zwar auch ohne einen eigenen Dingenten automatisch richtig, doch gerade die Anforderungen, die bei Aufnahmen an die Präzision gestellt werden, sind so sehr schwer zu erfüllen. Dabei spielt die Vertrautheit zwischen dem dirigierenden Solisten, der während des Spiels ja nur ganz wenig Gelegenheit hat, richtig Zeichen zu geben, und dem Orchester eine entscheidende Rolle. Während der sechs Tage dauernden Aufnahmen konnte man direkt verfolgen, wie das Orchester, das aus Schülern und Lehrern des Mozarteums in Salzburg besteht, an Homogenität gewann, mehr und mehr eins wurde mit dem Willen Andas. Der Pianist beklagte es sehr, dass ihm seine internationalen Konzertverpflichtungen so wenig Zeit für die Arbeit mit dem Orchester lassen.

Die nächsten Aufnahmen wurden denn auch mit Bedacht im Anschluss an die März-Tournee gelegt, um bereits ein Maximum an Übereinstimmung zu erreichen. „Man sollte gar nicht glauben, wie schwer diese Werke sind, gerade um sie aufzunehmen", sagt Anda nach dreistündiger Arbeit am langsamen Satz des D-dur-Konzertes. „Mozart verlangt ja nicht nur sauberes, präzises Spiel, er verlangt absolute Klarheit in der Struktur, ein ideales Gleichgewicht zwischen Form und Ausdruck und ebenso zwischen den musizierenden Partnern."

Für dieses Gleichgewicht ist auch das menschliche Verhältnis überaus wichtig. Und hier verfügt Geza Anda mit seiner immer noch jungenhaften Fröhlichkeit, seiner nahezu permanenten guten Laune und seiner Sachlichkeit gerade über die richtige Mentalität, die die schwere nervliche Belastung der Aufnahmen für alle Beteiligten erträglich macht. Er spürt auch stets den richtigen Zeitpunkt, wo der Eifer und die Intensität des Orchesters erlahmen und wo eine Pause dann gerade am Platz ist.

Dieselbe Sachlichkeit und den fröhlichen Ernst, die Geza Anda bei der Arbeit mit dem Orchester aufstrahlt, nimmt er auch mit hinauf in die Abhörkabinen, wo der zweite, der wahrscheinlich noch anstrengendere Teil der Arbeit geleistet wird. Hier werden, mit der Partitur-in der Hand, die einzelnen Teile der Aufnahme, die einzelnen Fassungen des gleichen Satzes, kurze, oft nur Takte umfassende Korrekturen und Einschnitte abgehört, überprüft und ihre Qualität festgehalten. Hier gibt es erregte Diskussionen, ob das eine oder das andere Orchesterinstrument ausreichend zu hören ist, ob es nicht aus dem Rahmen des Gesamtklanges fällt oder sich gar einer Unsauberkeit schuldig gemacht hat. Hier wird besprochen, wie eine Stelle doch noch klarer zu phrasieren, die Geigen noch präziser einzusetzen oder die Pauke mit Hilfe von Taschentüchern ein wenig zu dämpfen sei. Und die Mitglieder des Orchester dürfen, so es sie interessiert, selbstverständlich auch ihre Meinung abgeben.

All das dürfte wohl in dieser oder variierter Form auch bei anderen Musikern und anderen Aufnahmen geschehen. Was aber diese Stunden für den Zuhörer wie für die Musiker des Orchesters zum besonderen, bleibenden Erlebnis macht, was auch dem Projekt der Gesamtaufnahme der Mozartschen Klavierkonzerte den Rang des Außerordentlichen sichert, ist Geza Andas Mozartspiel selbst, diese wunderbare Mischung aus Kraft und Zartheit, aus Bestimmtheit und Eleganz, aus Klarheit des Geistes und musikantischer Unmittelbarkeit. Unvergesslich, wie Anda den Anfang des zweiten Satzes im d-moll-Konzert phrasiert, vorbildlich, wie die Verzierungen in den schnellen Sätzen elegant, aber nie untergewichtig sind. Andas Mozartspiel wird vielfach der Vorwurf gemacht, es sei zu schwer, zu beethovenisch, zu wenig graziös und verspielt. Aber ist Mozart denn nicht alles eher als verspielt? Welch ein Reichtum der formalen Erfindung, welch eine unerschöpfende Kunst der Linienführung ist in diesen Werken, deren Vielzahl doch nicht ein „schwächeres Werk" beinhaltet. Diesen Schatz auszuschöpfen, ihn m allen seinen Dimensionen auszumessen, ist wahrhaftig eine künstlerische Aufgabe; sie festzuhalten aller Mühen wert.

Wir haben uns in der Schallplattenbranche an Mammutprojekte allmählich gewöhnt. Die Enzyklopädie regiert nicht nur das Konzertleben, sie regiert auch den Plattenkatalog, und Gesamtaufnahmen von Werkreihen oder gar ganzer Komponisten sind kaum mehr eine Seltenheit. Dennoch dürfte das Projekt der Deutschen Grammophon-Gesellschaft, sämtliche Klavierkonzerte von Mozart mit Geza Anda und der Camerata Academica des Salzburger Mozarteums herauszubringen, auf erhöhtes Interesse stoßen. Nicht nur, weil es die erste Gesamtaufnahme der Klavierkonzerte ist — Anda möchte außer den 22 „echten" Konzerten auch die fünf frühen, die lediglich Bearbeitungen anderer Komponisten durch den jungen Mozart sind, sowie das Konzert für zwei Klaviere aufnehmen •—, nicht nur weil hier ein erstrangiger Pianist und ein stil- und werkvertrautes Orchester zur Verfügung stehen, und nicht nur, weil die in Salzburg eingespielten Aufnahmen irgendwie auch die Atmosphäre der Mozartstadt einfangen dürften, entsteht hier etwas Besonderes. Allein die Tatsache, dass für diese Gesamtaufnahme ein Zeitraum von mehr als zehn Jahren vorgesehen ist, in dem jährlich nur eine Schallplatte erscheint, beweist, dass hier, fern von aller Sensation, in erster Linie künstlerische Maßstäbe gesetzt werden. Und in der Tat, die bekenntnishafte Liebe Geza Andas zu Mozart, seine Fähigkeit, das Orchester vom Flügel aus zu dirigieren und damit zu der „originalen" Art des Musizierens zurückzukehren, für die diese Werke komponiere wurden, bar schon in den ersten beiden Editionen der Reihe außerordentlichen Eindruck gemacht. Nach den beiden Konzerten in C-dur, K. V. 467, und G-dur, K. V. 453, die den Grand Prix du Disque erhielten, den Konzerten in Es-dur, K. V. 482, und B-dur, K. V. 238, und der in Kürze erscheinenden Platte mit den Konzerten in A-dur, K. V. 488, und D-dur, K. V. 451, werden nun im Anschluss an eine große Deutschland-Tournee mit dem gleichen Programm (im März) die Konzerte in d-moll, K. V. 466, und B-dur, K. V. 456, eingespielt.

Ich hatte in Salzburg Gelegenheit, bei den Aufnahmen für die nun erscheinende dritte Platte sowie bei den Proben für das d-moll-Konzert anwesend zu sein. Die Aufnahmen fanden im Großen Festspielhaus statt, von dessen Akustik die Techniker der Deutschen Grammophon-Gesellschaft sich zunächst sehr viel versprochen hatten. Während der Arbeit flaute die Begeisterung allerdings ein wenig ab, da das leere Haus durch die stark ansteigenden Sitzreihen eine ungünstige Echowirkung zu verzeichnen hatte, die die Arbeit der Techniker unnötig erschwerte. Bei den Proben zur März-Tournee wurden dann im Kleinen Festspielhaus, das umgebaut erst seit Sommer 1963 benutzt wird, Probeaufnahmen und akustische Messungen durchgeführt, und die nächste Einspielung wird voraussichtlich hier vorgenommen werden. Von all diesen Schwierigkeiten technischer Art hört und merkt der „Kiebitz" nicht viel. Bei Schallplattenaufnahmen zuzuhören und zuzusehen, ist immer von eigenartiger Faszination. Es ist eine völlig andere Arbeit als ein Konzert. Denn einerseits sind die Künstler, ähnlich wie bei der Probe, ganz unter sich und es fehlt die Spannung des Musizierens vor dem Publikum, andererseits schafft der Respekt vor der Unbestechlichkeit der Mikrophone eine gespannte und unsichere Atmosphäre. Stellen, die sonst nie oder fast nie Fehlerquellen sind, werden plötzlich zu Problemen, Fragen der Interpretation, die im Konzertsaal im Feuer des Musizierens untergehen, gewinnen im Studio erhöhte Bedeutung. Denn der Sänger, der Dirigent, der Instrumentalist musiziert ja nicht für den Augenblick, er weiß, dass seine Kunstausübung vervielfältigt in alle Welt gehen wird, ja dass auch künftige Generationen seine Leistung unbestechlich werden hören, vergleichen und beurteilen können.

Geza Anda scheint sich dieser Verantwortung voll bewusst zu sein. Er ist bei der Arbeit von höchstem Ernst und bewundernswerter Sachlichkeit. Man spürt, auch wenn man noch kaum zwei Worte mit Anda gewechselt hat, dass für diesen Künstler nur eines zahlt — so gut wie möglich Musik zu machen.

Dies mag auch der Grund sein, dass Geza Anda, wie wenige Künstler seiner Generation, zu einem Interpreten von Gewicht herangereift ist. Der heute knapp Dreiundvierzigjährige hat in seiner Vaterstadt Budapest studiert und als Meisterschüler Ernst von Dohnanyis entscheidende Impulse empfangen. Auch wenn Anda heute mit Bestimmtheit sagt „Klavierspielen habe ich mir selbst beigebracht", so dürfte die Atmosphäre der Budapester Musikschule, die von Persönlichkeiten wie Bartok und Kodaly bestimmt wurde, den jungen Pianisten mit geformt haben. Noch während des Krieges übersiedelte Anda in die Schweiz, die ihm zur zweiten Heimat wurde; ein wunderschöner Besitz in der Nähe von Zürich, dessen Bürgerrecht er sich durch eine strenge Prüfung erwarb, dient dem Pianisten als Refugium zwischen seinen anstrengenden 0Reisen.

Noch ein anderes aber trug dazu bei, Geza Anda fest an seine Wahlheimat zu binden. Das Konservatorium Luzern übertrug ihm nach Edwin Fischers Tod die Leitung seiner Meisterkurse. Fischer selbst, mit dem Anda eine echte Freundschaft verband, der aber nicht, wie man oft hören kann, sein Lehrer gewesen ist, hatte den Künstler für diese Aufgabe empfohlen. Mit Edwin Fischer im Zusammenhang steht auch noch ein zweites Ereignis in der Karriere Geza Andas, das mit die Voraussetzung für die Salzburger Aufnahmen bildet. Denn es waren keineswegs musikwissenschaftliche Gründe, die Anda darauf brachten, die Mozartschen Klavierkonzerte ohne Dirigenten vom Flügel aus zu leiten. „Ich bekam eines Tages in den USA, wo ich gerade konzertierte, das verzweifelte Telegramm eines Münchner Konzertagenten — wenn Sie nicht für Edwin Fischer das Konzert am soundsovielten mit dem Münchner Kammerorchester übernehmen, mache ich pleite! — Der Arme! Er hatte bereits versucht, Clara Haskil oder Rudolf Serkin als Ersatz zu bekommen, aber nur Absagen erhalten. So übernahm ich also kurzfristig das Münchner Konzert, spielte zwar statt drei Konzerten nur deren zwei, aber so begann es. Und ich habe viel Freude an dieser Art des Musizierens, schon deshalb, weil sie es ermöglicht, diese Konzerte so darzustellen, wie ich mir es vorstelle, als wirkliche Einheit. Denn darauf kommt es doch vor allem an: man soll eine Einheit darstellen — in der Musik und im Leben."

Natürlich birgt diese Art des Musizierens auch manche Gefahr. Ein kleines Orchester macht viele Dinge zwar auch ohne einen eigenen Dingenten automatisch richtig, doch gerade die Anforderungen, die bei Aufnahmen an die Präzision gestellt werden, sind so sehr schwer zu erfüllen. Dabei spielt die Vertrautheit zwischen dem dirigierenden Solisten, der während des Spiels ja nur ganz wenig Gelegenheit hat, richtig Zeichen zu geben, und dem Orchester eine entscheidende Rolle. Während der sechs Tage dauernden Aufnahmen konnte man direkt verfolgen, wie das Orchester, das aus Schülern und Lehrern des Mozarteums in Salzburg besteht, an Homogenität gewann, mehr und mehr eins wurde mit dem Willen Andas. Der Pianist beklagte es sehr, dass ihm seine internationalen Konzertverpflichtungen so wenig Zeit für die Arbeit mit dem Orchester lassen.

Die nächsten Aufnahmen wurden denn auch mit Bedacht im Anschluss an die März-Tournee gelegt, um bereits ein Maximum an Übereinstimmung zu erreichen. „Man sollte gar nicht glauben, wie schwer diese Werke sind, gerade um sie aufzunehmen", sagt Anda nach dreistündiger Arbeit am langsamen Satz des D-dur-Konzertes. „Mozart verlangt ja nicht nur sauberes, präzises Spiel, er verlangt absolute Klarheit in der Struktur, ein ideales Gleichgewicht zwischen Form und Ausdruck und ebenso zwischen den musizierenden Partnern."

Für dieses Gleichgewicht ist auch das menschliche Verhältnis überaus wichtig. Und hier verfügt Geza Anda mit seiner immer noch jungenhaften Fröhlichkeit, seiner nahezu permanenten guten Laune und seiner Sachlichkeit gerade über die richtige Mentalität, die die schwere nervliche Belastung der Aufnahmen für alle Beteiligten erträglich macht. Er spürt auch stets den richtigen Zeitpunkt, wo der Eifer und die Intensität des Orchesters erlahmen und wo eine Pause dann gerade am Platz ist.

Dieselbe Sachlichkeit und den fröhlichen Ernst, die Geza Anda bei der Arbeit mit dem Orchester aufstrahlt, nimmt er auch mit hinauf in die Abhörkabinen, wo der zweite, der wahrscheinlich noch anstrengendere Teil der Arbeit geleistet wird. Hier werden, mit der Partitur-in der Hand, die einzelnen Teile der Aufnahme, die einzelnen Fassungen des gleichen Satzes, kurze, oft nur Takte umfassende Korrekturen und Einschnitte abgehört, überprüft und ihre Qualität festgehalten. Hier gibt es erregte Diskussionen, ob das eine oder das andere Orchesterinstrument ausreichend zu hören ist, ob es nicht aus dem Rahmen des Gesamtklanges fällt oder sich gar einer Unsauberkeit schuldig gemacht hat. Hier wird besprochen, wie eine Stelle doch noch klarer zu phrasieren, die Geigen noch präziser einzusetzen oder die Pauke mit Hilfe von Taschentüchern ein wenig zu dämpfen sei. Und die Mitglieder des Orchester dürfen, so es sie interessiert, selbstverständlich auch ihre Meinung abgeben.

All das dürfte wohl in dieser oder variierter Form auch bei anderen Musikern und anderen Aufnahmen geschehen. Was aber diese Stunden für den Zuhörer wie für die Musiker des Orchesters zum besonderen, bleibenden Erlebnis macht, was auch dem Projekt der Gesamtaufnahme der Mozartschen Klavierkonzerte den Rang des Außerordentlichen sichert, ist Geza Andas Mozartspiel selbst, diese wunderbare Mischung aus Kraft und Zartheit, aus Bestimmtheit und Eleganz, aus Klarheit des Geistes und musikantischer Unmittelbarkeit. Unvergesslich, wie Anda den Anfang des zweiten Satzes im d-moll-Konzert phrasiert, vorbildlich, wie die Verzierungen in den schnellen Sätzen elegant, aber nie untergewichtig sind. Andas Mozartspiel wird vielfach der Vorwurf gemacht, es sei zu schwer, zu beethovenisch, zu wenig graziös und verspielt. Aber ist Mozart denn nicht alles eher als verspielt? Welch ein Reichtum der formalen Erfindung, welch eine unerschöpfende Kunst der Linienführung ist in diesen Werken, deren Vielzahl doch nicht ein „schwächeres Werk" beinhaltet. Diesen Schatz auszuschöpfen, ihn m allen seinen Dimensionen auszumessen, ist wahrhaftig eine künstlerische Aufgabe; sie festzuhalten aller Mühen wert.