Porträt Victoria de los Angeles
Erschienen im FONO FORUM im Februar 1964

„Und wann werden Sie auf einer deutschen Opernbühne stehen?" frage ich sie. Sie lächelt so bezaubernd, dass man beinahe die Enttäuschung vergisst, wenn sie sagt: „Ich habe keine Zeit. Leider. Berlin z. B. hat mich schon gefragt, aber — ich bin auf lange Zeit ausverkauft."
Einer der begehrtesten Soprane der Oper und des Konzertsaals sagt das und das Bedauern, das in ihrer Stimme liegt, ist echt, denn sie liebt das deutsche Publikum, das ihr auf mehreren Konzertreisen zugejubelt hat: Victoria de los Angeles. Es gab Beifallsstürme südlichen Ausmaßes, wenn die spanische Sängerin auftrat und mit hinreißender Stimme und Gesangskultur das Herz ihrer Zuhörer eroberte.
Zeit und Ort des Gesprächs: der 1. November in einem Hamburger Hotel-Appartement. Ein besonderes Datum, nämlich der Geburtstag der Künstlerin. Ein großer Geburtstagskuchen prangt in Schönheit auf dem Tisch. In vergänglicher, denn die Anwesenden werden gebeten, sich zu bedienen. Victoria de los Angeles ist mit ihrem Gatten nach Hamburg gekommen. Enrique Magrina ist eigentlich Rechtsanwalt, aber der Weltruhm seiner Frau lässt ihm keine Zeit mehr, seinen Beruf auszuüben: die vielfältigen Verpflichtungen der Sängerin verlangen wohldurchdachte Planung und reibungslose Organisation.
Die Familie ist nicht ganz vollzählig: seit Ende Juli 1963 gehört der kleine Juan Enrique dazu, der in Barcelona auf den Besuch seiner Mutter wartet. Zum Weihnachtsfest hat sie ihn dort wiedergesehen, bis in den Dezember hinein hat ihre Deutschland-Tournee gedauert, dann folgten noch Verpflichtungen in England, und lange hat der Aufenthalt in der Heimat nicht dauern können, denn im Januar warteten in Amerika achtundzwanzig Liederabende auf sie.
Womit wir wieder bei der Arbeit sind. Victoria de los Angelos fühlt sich gleichermaßen der Szene wie dem Podium verpflichtet und an ihren Schallplatten-Aufnahmen (siehe die. Diskografie auf Seite 72) ist abzulesen, wie weit die Spanne ihrer Möglichkeiten reicht. Van der Carmen zur Rosine, von Verdis Traviata zu Debussys Melisande wölbt sich der Bogen und jede Partie erfasst sie mit der gleichen instinktiven Sicherheit, die den musikalischen Sinn so wiedergibt, wie es der Komponist wollte. In ihren Liederabenden überzeugt sie immer wieder mit Geschmack und dem untrüglichen Gefühl für den Ausdruck jeder Epoche, ob sie nun spanische Lieder der Renaissance, der Gotik oder des Barock singt, ob sie sich mit Schubert, Schumann, Brahms auseinandersetzt oder ob sie mit musikantischem Temperament der Folklore ihrer Heimat ihren Tribut zollt (den sie, wenn die Wünsche .nach Zugaben nicht nachlassen wollen, mit der Gitarre entrichtet, auf der sie sich selbst begleitet).
Ihre Lebensdaten enthüllen den einzigartigen Triumph einer der strahlendsten Stimmen unserer Zeit. Am 1. November 1923 wird Victoria de los Angeles Lopez in Barcelona geboren, wo ihr Vater Universitätspedell ist. Sie hat übrigens von ihrer Jugend, die sie in den hohen weiten Räumen, den Gärten und Innenhöfen der Universität verlebte, eine Vorliebe für große Säle behalten und ihre nicht sonderlich große Sympathie für die Schallplattenarbeit erklärt sich, aus ihrer Abneigung gegen die oft kleinen, niedrigen und akustisch vor allem den Forderungen des Mikrophons genügenden Aufnahmestudios.
Sie beginnt, an der Universität zu studieren, tritt jedoch 1939 in das Konservatorium des Liceo ein und widmet sich dem Gesang, dem Klavierspiel, der Gitarre und — für die Karriere einer Opernsängerin unerlässlich — der italienischen Sprache. 1942 sind die Lehrjahre beendet, 1944 gibt sie ihren ersten Liederabend in ihrer Heimatstadt, springt einige Tage später mit großem Erfolg bei einer Aufführung von Mozarts „Krönungsmesse" ein und wird sofort zu vier Liederabenden nach Lissabon verpflichtet.
1945 debütiert sie als Gräfin in „Figaros Hochzeit" und unternimmt ihre erste Tournee durch Spanien und Portugal. 1947 erringt sie den ersten Preis Im Internationalen Gesangswettbewerb in Genf und singt nach ihrer Rückkehr nach Spanien u. a. in „Manon" und „La Boheme" mit Gigli. 1949 erste Europa-Tournee. Debüts an der Pariser Oper, an der Mailänder Scala und der Londoner Covent Garden Opera. Beginn der Schallplattenaufnahmen. Der internationale Ruhm ist da und festigt sich noch durch die erste Tournee durch Südamerika, das Debüt am Teatro Colon in Buenos Aires 1950 und durch ihr erstes Engagement an der Metropolitan Opera im Jahre 1951, wo sie als Antrittsrolle die Margarethe in Gounods Oper singt.
Ein triumphaler Erfolg wird ihr erstes Konzert in der Carnegie Hall, das einige Tage darauf wiederhole werden muss. In den nächsten Jahren: Reisen durch Südafrika, die USA, Neuseeland, Debüt an der Wiener Staatsoper in „La Boheme", Festivals, Festivals... Überall, wo sie singt, heißt es „Ausverkauft" und nichts demonstriert besser ihre Qualität als die Tatsache, dass sie 1949 als noch unbekannte Sängerin in Oslo in einem Saal sang, in dem sich auf 2000 Plätzen etwa 30 Zuhörer verloren. Als sie zwei Tage später zum zweiten Male dort auftrat, war auch der letzte Platz besetzt.
Besonders hübsch erzählt Gerald Moore in seinen kürzlich erschienenen Erinnerungen, wie er Victoria de los Angeles kennenlernte: „Am 4. März 1950 war die Londoner Wigmore-Hall zum Schauplatz eines wahrhaft denkwürdigen Ereignisses bestimmt: Victoria de los Angeles machte London mit einem Liederabend ihre erste Aufwartung und überflutete die Zuhörer mit einem Goldstrom von Tönen, so warm und üppig wie die Sonne ihrer spanischen Heimat.
Einige Tage vor diesem Konzert, für das mich Wilfried van Wyck engagiert hatte, ging ich durch das Foyer der Wigmore-Hall und sah Astra Desmond, die Karten für das Los-Angeles-Konzert kaufte. Da ich wusste, wie kritisch sie war, fragte ich: ,Ist sie wirklich so gut?' Ich hatte nichts über sie gehört und noch nicht mir ihr geprobt. ,Victoria de los Angeles singt morgen in Covent Garden in La Boheme', lautete die Antwort, ,und nach dieser Vorstellung wird die Kasse hier bestimmt belagert und der Saal in einer Stunde ausverkauft sein.' Und so war es auch. Der kleine Saal war gestopft voll mit einer Masse jubelnder, stampfender, gerührter Menschen. Allen Anwesenden wurde bewusst, dass sie an einem historischen Ereignis teilnahmen. Mark Raphael, der von Gesang so viel versteht wie kaum ein anderer, drückte wahrscheinlich die Gefühle aller Konzertbesucher jenes Abends aus, indem er sagte, er möchte in die Knie sinken und Gott danken, dass er diese Stimme hören durfte." Was tut eine Dame, die dazu verurteilt ist, in Hotels und im Flugzeug zu leben, in der karg bemessenen Freizeit? Wenn Victoria de los Angeles sich nicht ihrem Sohn widmet, pflegt sie ihre hübschen, harmlosen Hobbys: sie sammelt Puppen und Plüschtiere und sie häkelt gern. Sie hat Tiere Heb und ihre beide Hunde tragen zünftige Namen: Kundry und Wotan.
Alle diese Steckenpferde resultieren aus ihrer bescheidenen und schlichten Art, die sie sich auch als Primadonna bewahrt hat. Wer mit ihr spricht, wird mit Recht niemals auf den Gedanken kommen und es für ganz ausgeschlossen halten, dass sie jemals Starallüren an den Tag legen könnte. In ihrem einfachen, jeglicher Publicity abholden Wesen ist sie eine der gewinnendsten künstlerischen Persönlichkeiten heute.
„Und wann werden Sie auf einer deutschen Opernbühne stehen?" frage ich sie. Sie lächelt so bezaubernd, dass man beinahe die Enttäuschung vergisst, wenn sie sagt: „Ich habe keine Zeit. Leider. Berlin z. B. hat mich schon gefragt, aber — ich bin auf lange Zeit ausverkauft."
Einer der begehrtesten Soprane der Oper und des Konzertsaals sagt das und das Bedauern, das in ihrer Stimme liegt, ist echt, denn sie liebt das deutsche Publikum, das ihr auf mehreren Konzertreisen zugejubelt hat: Victoria de los Angeles. Es gab Beifallsstürme südlichen Ausmaßes, wenn die spanische Sängerin auftrat und mit hinreißender Stimme und Gesangskultur das Herz ihrer Zuhörer eroberte.
Zeit und Ort des Gesprächs: der 1. November in einem Hamburger Hotel-Appartement. Ein besonderes Datum, nämlich der Geburtstag der Künstlerin. Ein großer Geburtstagskuchen prangt in Schönheit auf dem Tisch. In vergänglicher, denn die Anwesenden werden gebeten, sich zu bedienen. Victoria de los Angeles ist mit ihrem Gatten nach Hamburg gekommen. Enrique Magrina ist eigentlich Rechtsanwalt, aber der Weltruhm seiner Frau lässt ihm keine Zeit mehr, seinen Beruf auszuüben: die vielfältigen Verpflichtungen der Sängerin verlangen wohldurchdachte Planung und reibungslose Organisation.
Die Familie ist nicht ganz vollzählig: seit Ende Juli 1963 gehört der kleine Juan Enrique dazu, der in Barcelona auf den Besuch seiner Mutter wartet. Zum Weihnachtsfest hat sie ihn dort wiedergesehen, bis in den Dezember hinein hat ihre Deutschland-Tournee gedauert, dann folgten noch Verpflichtungen in England, und lange hat der Aufenthalt in der Heimat nicht dauern können, denn im Januar warteten in Amerika achtundzwanzig Liederabende auf sie.
Womit wir wieder bei der Arbeit sind. Victoria de los Angelos fühlt sich gleichermaßen der Szene wie dem Podium verpflichtet und an ihren Schallplatten-Aufnahmen (siehe die. Diskografie auf Seite 72) ist abzulesen, wie weit die Spanne ihrer Möglichkeiten reicht. Van der Carmen zur Rosine, von Verdis Traviata zu Debussys Melisande wölbt sich der Bogen und jede Partie erfasst sie mit der gleichen instinktiven Sicherheit, die den musikalischen Sinn so wiedergibt, wie es der Komponist wollte. In ihren Liederabenden überzeugt sie immer wieder mit Geschmack und dem untrüglichen Gefühl für den Ausdruck jeder Epoche, ob sie nun spanische Lieder der Renaissance, der Gotik oder des Barock singt, ob sie sich mit Schubert, Schumann, Brahms auseinandersetzt oder ob sie mit musikantischem Temperament der Folklore ihrer Heimat ihren Tribut zollt (den sie, wenn die Wünsche .nach Zugaben nicht nachlassen wollen, mit der Gitarre entrichtet, auf der sie sich selbst begleitet).
Ihre Lebensdaten enthüllen den einzigartigen Triumph einer der strahlendsten Stimmen unserer Zeit. Am 1. November 1923 wird Victoria de los Angeles Lopez in Barcelona geboren, wo ihr Vater Universitätspedell ist. Sie hat übrigens von ihrer Jugend, die sie in den hohen weiten Räumen, den Gärten und Innenhöfen der Universität verlebte, eine Vorliebe für große Säle behalten und ihre nicht sonderlich große Sympathie für die Schallplattenarbeit erklärt sich, aus ihrer Abneigung gegen die oft kleinen, niedrigen und akustisch vor allem den Forderungen des Mikrophons genügenden Aufnahmestudios.
Sie beginnt, an der Universität zu studieren, tritt jedoch 1939 in das Konservatorium des Liceo ein und widmet sich dem Gesang, dem Klavierspiel, der Gitarre und — für die Karriere einer Opernsängerin unerlässlich — der italienischen Sprache. 1942 sind die Lehrjahre beendet, 1944 gibt sie ihren ersten Liederabend in ihrer Heimatstadt, springt einige Tage später mit großem Erfolg bei einer Aufführung von Mozarts „Krönungsmesse" ein und wird sofort zu vier Liederabenden nach Lissabon verpflichtet.
1945 debütiert sie als Gräfin in „Figaros Hochzeit" und unternimmt ihre erste Tournee durch Spanien und Portugal. 1947 erringt sie den ersten Preis Im Internationalen Gesangswettbewerb in Genf und singt nach ihrer Rückkehr nach Spanien u. a. in „Manon" und „La Boheme" mit Gigli. 1949 erste Europa-Tournee. Debüts an der Pariser Oper, an der Mailänder Scala und der Londoner Covent Garden Opera. Beginn der Schallplattenaufnahmen. Der internationale Ruhm ist da und festigt sich noch durch die erste Tournee durch Südamerika, das Debüt am Teatro Colon in Buenos Aires 1950 und durch ihr erstes Engagement an der Metropolitan Opera im Jahre 1951, wo sie als Antrittsrolle die Margarethe in Gounods Oper singt.
Ein triumphaler Erfolg wird ihr erstes Konzert in der Carnegie Hall, das einige Tage darauf wiederhole werden muss. In den nächsten Jahren: Reisen durch Südafrika, die USA, Neuseeland, Debüt an der Wiener Staatsoper in „La Boheme", Festivals, Festivals... Überall, wo sie singt, heißt es „Ausverkauft" und nichts demonstriert besser ihre Qualität als die Tatsache, dass sie 1949 als noch unbekannte Sängerin in Oslo in einem Saal sang, in dem sich auf 2000 Plätzen etwa 30 Zuhörer verloren. Als sie zwei Tage später zum zweiten Male dort auftrat, war auch der letzte Platz besetzt.
Besonders hübsch erzählt Gerald Moore in seinen kürzlich erschienenen Erinnerungen, wie er Victoria de los Angeles kennenlernte: „Am 4. März 1950 war die Londoner Wigmore-Hall zum Schauplatz eines wahrhaft denkwürdigen Ereignisses bestimmt: Victoria de los Angeles machte London mit einem Liederabend ihre erste Aufwartung und überflutete die Zuhörer mit einem Goldstrom von Tönen, so warm und üppig wie die Sonne ihrer spanischen Heimat.
Einige Tage vor diesem Konzert, für das mich Wilfried van Wyck engagiert hatte, ging ich durch das Foyer der Wigmore-Hall und sah Astra Desmond, die Karten für das Los-Angeles-Konzert kaufte. Da ich wusste, wie kritisch sie war, fragte ich: ,Ist sie wirklich so gut?' Ich hatte nichts über sie gehört und noch nicht mir ihr geprobt. ,Victoria de los Angeles singt morgen in Covent Garden in La Boheme', lautete die Antwort, ,und nach dieser Vorstellung wird die Kasse hier bestimmt belagert und der Saal in einer Stunde ausverkauft sein.' Und so war es auch. Der kleine Saal war gestopft voll mit einer Masse jubelnder, stampfender, gerührter Menschen. Allen Anwesenden wurde bewusst, dass sie an einem historischen Ereignis teilnahmen. Mark Raphael, der von Gesang so viel versteht wie kaum ein anderer, drückte wahrscheinlich die Gefühle aller Konzertbesucher jenes Abends aus, indem er sagte, er möchte in die Knie sinken und Gott danken, dass er diese Stimme hören durfte." Was tut eine Dame, die dazu verurteilt ist, in Hotels und im Flugzeug zu leben, in der karg bemessenen Freizeit? Wenn Victoria de los Angeles sich nicht ihrem Sohn widmet, pflegt sie ihre hübschen, harmlosen Hobbys: sie sammelt Puppen und Plüschtiere und sie häkelt gern. Sie hat Tiere Heb und ihre beide Hunde tragen zünftige Namen: Kundry und Wotan.
Alle diese Steckenpferde resultieren aus ihrer bescheidenen und schlichten Art, die sie sich auch als Primadonna bewahrt hat. Wer mit ihr spricht, wird mit Recht niemals auf den Gedanken kommen und es für ganz ausgeschlossen halten, dass sie jemals Starallüren an den Tag legen könnte. In ihrem einfachen, jeglicher Publicity abholden Wesen ist sie eine der gewinnendsten künstlerischen Persönlichkeiten heute.



