Auf der Höhe des Ruhms
Wilhelm Backhaus zum 80. Geburtstag

Er ist der große alte Mann unter den deutschen Pianisten, der Letzte seiner Generation, die sich internationales Ansehen errangen. Das ist schon lange her: Wilhelm Backhaus, der Grandseigneur sui generis, wird am 26. März 80 Jahre alt. Dreiviertel dieses langen Lebens sind von Ruhm überglänzt gewesen. Und was das Seltsame, fast Einmalige an diesem Ruhm ist: Er hält unvermindert an, und diese Tatsache ist ausnahmsweise einmal nicht auf dem nachsichtigen Respekt einem Künstler gegenüber begründet, dem man unvergessliche Erlebnisse verdankt, dessen Leistungen indes bereits nachzulassen begonnen haben ...
Wir kennen diese Tragödien nur zu gut: Interpreten zu sehen, zu hören, die einmal — beispielsweise am Flügel — große, überragende Persönlichkeiten waren und die jetzt, bei mangelnder physischer Kraft und lückenhaft gewordener Technik, auch im Geistigen nicht viel mehr zu bieten haben als gelegentlich ein Vorsichhin-Monologisieren. Diese Tragödien, dass Künstler nicht rechtzeitig abtreten können, dass sie entweder die kritischen, selbstkritischen Maßstäbe verloren haben oder dass sie einfach aus finanziellen Gründen immer wieder auftreten müssen. Wir kennen dieses Gefühl auch vom Hörer aus: zu erleben, wie ein einst wahrhaft verehrter Meister (vielleicht haben wir gerade ihm ein neues „Bild" von Beethoven oder Chopin etwa zu verdanken) nun In seinem Alter so ganz und gar abgesunken ist, wie sein Körper und sein Geist sich wieder näher zur Erde niederbeugen. . . Wilhelm Backhaus hat ein solches Bild niemals geboten. Er ist nicht zurückgetreten, hat sich nicht verabschiedet. Das Nahen des Alters hat ihm eine nur um so größere Zuverlässigkeit abgefordert — oder besser: einen neuen Beweis seiner immensen, aufs höchste zu bewundernden Zuverlässigkeit. Denn einmal, es mag sechs oder sieben Jahre her sein, hatte sich Backhaus zurückgezogen von allem Konzertieren. Ein, zwei Jahre vielleicht, dann kehrte er, einem Boxer gleich, aus seiner Ecke in den „Ring" zurück. Er hatte sich gestärkt, aufgetankt, wieder „fit" gemacht. Auf der Höhe seiner künstlerischen Arbeit hatte er sich ins Exil begeben, um ebenso wiederzukehren. Ein recht einsam dastehender Vorgang.
Man krankt den Menschen und Künstler Backhaus nicht mit der Feststellung, er gleiche zumindest einem Sportler. Denn eben diese Feststellung, so scheint mir aus eigener Erfahrung heraus, könnte einer der Schlüssel zum Phänomen Backhaus sein (denn es gibt ein Phänomen Backhaus). „Gestern war ich in Form", so antwortete Backhaus einmal auf die Frage, wie sein gestriges Konzert gewesen sei. Dieses „in Form", ohne jede Selbstgefälligkeit, nur rein konstatierend gesagt, zeigt deutlich, wie er von dem ausgeht, was man vor allem im Sport „Kondition" nennt. Er war „in Form": ob seine Leistung am Ende allen Erwartungen entsprach oder sie vielleicht übertraf — das war es nicht, was er damit sagen wollte. Er hatte das Podium in großer körperlicher, geistiger und technischer Frische betreten. Die Voraussetzungen hatten also gestimmt, und schon darauf kommt es ihm an. Es gab eine Zeit, in der das Wort Virtuose die Aberkennung der „tieferen", der geistigen Qualifikationen bedeuten sollte. Audi Backhaus wurde früher zu den Virtuosen gezählt, zu den „großen akademischen Virtuosen" zwar, aber zu denen, deren Spiel „Vollendung und Triumph der modernen Klaviermechanik" war. So jedenfalls sah ihn noch Walter Niemann im Jahre 1919, zu dessen Ehre doch gesagt sein muss, dass er sich gerade Backhaus von allen, vermeintlichen vorzüglichen und nachteiligen Seiten her zu nähern versucht hat. Dem „Vorwurf" des Virtuosentums ist Backhaus stets mit der sprachlichen Ableitung begegnet: das lateinische „virtus" bedeutet nichts anderes als das deutsche „Mannhaftigkeit". Eine kraftvolle, unverschnörkelte Übersetzung — sie ist das Abbild seines Spiels.
Allerdings, der Wilhelm Backhaus von damals, der 35jähnge also, war ein anderer als der 80jährige von heute. Sein Spiel, seinerzeit tatsächlich weit kühler und distanzierter von den geistigen Inhalten, hat sich erst im Laufe der Jahrzehnte vollendet. Backhaus hat nie als Quasi-Genialiker bestochen und hingerissen. Er war ein Typ, der wachsen musste. Zu einer solch vollendeten Beethoven-Interpretation kommt man erst nach langer Wanderschaft — wenn überhaupt. Man muss warten können...
Wilhelm Backhaus, der im unmündigen Alter von 20 Jahren als einer der jüngsten Professoren der Musikgeschichte die Meisterklasse für Klavier am Royal Manchester College of Music leitete, der im gleichen Jahr 1905 in Paris den international begehrtesten Klavier-Preis, den Rubinstein-Preis, gewann und für den seit dieser Zeit der Aufstieg begann — Backhaus ist immer einer der Künstler gewesen, die warten konnten. Zwar hatte er sich 1905 für Paris schon etwas Schwieriges vornehmen müssen, und er wählte Beethovens op. 106, die Hammerklavier-Sonate. Aber dann spielte er eigentlich nur, was ihm und seinem Status quo gemäß war. Bachs „Goldberg-Variationen" hingegen fühlte er sich erst im Alter von 50 Jahren gewachsen. Erst jetzt — so hießt es damals — wagte er sich mit dem gewaltigen Werk vor die Öffentlichkeit — ein Künstler, dessen Name zu den größten zwischen fünf Kontinenten schon damals gehörte.
Diese künstlerische Verantwortung, diese ungeheure Disziplin schlagt sich mehrfach in Backhaus' Persönlichkeit nieder. Nicht nur in der Zuverlässigkeit einer über 60 Jahre ungetrübt gebliebenen, gewaltigen Technik und eines fast übermenschlichen Gedächtnisses. Auch in der privaten Sphäre weist sich das Verlässliche seines Wesens aus. Er pflegt eine Riesenkorrespondenz nach Maßgabe seiner Zeit und Anwesenheit daheim (er wohnt seit mehr als 30 Jahren am Genfer See) persönlich zu beantworten; er würde es als unhöflich betrachten, einen Gruß unbeantwortet zu lassen. Einzig zu seinem 75. Geburtstag, der ihm waschkörbeweise Glückwünsche aus der ganzen Welt ins Haus brachte, ließ ihn kapitulieren: Backhaus verschickte, allerdings an jeden Gratulanten, gedruckte Danksagungen (nähere Bekannte und Freunde bekamen ein kleines Foto oder ein paar handschriftliche Zeilen dazu).
Diese Übereinstimmung kam nicht von ungefähr. Ihre Voraussetzungen müssen in der Begabung und im Charakter begründet sein. Sie aber fruchtbar in ihrer Wechselwirkung zu machen, dazu hat es sicherlich der Arbeit an sich selbst bedurft. Mensch und Künstler, von denen man immer leichtsinnigerweise behauptet, sie müssten einander entsprechen und seien zwei voneinander untrennbare Begriffe, haben in Wilhelm Backhaus einander geformt. Und weil beide zu etwas Unumstößlichem geworden sind, erscheint es am Ende der Überlegungen gar nicht mehr so seltsam, dass der Ruhm und die Kapazität dieses großen alten Mannes so frisch am Leben geblieben sind.
So gesehen, ist dieser 80. Geburtstag nichts als die Fortdauer eines seit langem erreichten Höhepunktes. Dies zu sagen, erfordert weder Galanterie noch aufgewertete Verehrung. Es ist eine Feststellung.
Er ist der große alte Mann unter den deutschen Pianisten, der Letzte seiner Generation, die sich internationales Ansehen errangen. Das ist schon lange her: Wilhelm Backhaus, der Grandseigneur sui generis, wird am 26. März 80 Jahre alt. Dreiviertel dieses langen Lebens sind von Ruhm überglänzt gewesen. Und was das Seltsame, fast Einmalige an diesem Ruhm ist: Er hält unvermindert an, und diese Tatsache ist ausnahmsweise einmal nicht auf dem nachsichtigen Respekt einem Künstler gegenüber begründet, dem man unvergessliche Erlebnisse verdankt, dessen Leistungen indes bereits nachzulassen begonnen haben ...
Wir kennen diese Tragödien nur zu gut: Interpreten zu sehen, zu hören, die einmal — beispielsweise am Flügel — große, überragende Persönlichkeiten waren und die jetzt, bei mangelnder physischer Kraft und lückenhaft gewordener Technik, auch im Geistigen nicht viel mehr zu bieten haben als gelegentlich ein Vorsichhin-Monologisieren. Diese Tragödien, dass Künstler nicht rechtzeitig abtreten können, dass sie entweder die kritischen, selbstkritischen Maßstäbe verloren haben oder dass sie einfach aus finanziellen Gründen immer wieder auftreten müssen. Wir kennen dieses Gefühl auch vom Hörer aus: zu erleben, wie ein einst wahrhaft verehrter Meister (vielleicht haben wir gerade ihm ein neues „Bild" von Beethoven oder Chopin etwa zu verdanken) nun In seinem Alter so ganz und gar abgesunken ist, wie sein Körper und sein Geist sich wieder näher zur Erde niederbeugen. . . Wilhelm Backhaus hat ein solches Bild niemals geboten. Er ist nicht zurückgetreten, hat sich nicht verabschiedet. Das Nahen des Alters hat ihm eine nur um so größere Zuverlässigkeit abgefordert — oder besser: einen neuen Beweis seiner immensen, aufs höchste zu bewundernden Zuverlässigkeit. Denn einmal, es mag sechs oder sieben Jahre her sein, hatte sich Backhaus zurückgezogen von allem Konzertieren. Ein, zwei Jahre vielleicht, dann kehrte er, einem Boxer gleich, aus seiner Ecke in den „Ring" zurück. Er hatte sich gestärkt, aufgetankt, wieder „fit" gemacht. Auf der Höhe seiner künstlerischen Arbeit hatte er sich ins Exil begeben, um ebenso wiederzukehren. Ein recht einsam dastehender Vorgang.
Man krankt den Menschen und Künstler Backhaus nicht mit der Feststellung, er gleiche zumindest einem Sportler. Denn eben diese Feststellung, so scheint mir aus eigener Erfahrung heraus, könnte einer der Schlüssel zum Phänomen Backhaus sein (denn es gibt ein Phänomen Backhaus). „Gestern war ich in Form", so antwortete Backhaus einmal auf die Frage, wie sein gestriges Konzert gewesen sei. Dieses „in Form", ohne jede Selbstgefälligkeit, nur rein konstatierend gesagt, zeigt deutlich, wie er von dem ausgeht, was man vor allem im Sport „Kondition" nennt. Er war „in Form": ob seine Leistung am Ende allen Erwartungen entsprach oder sie vielleicht übertraf — das war es nicht, was er damit sagen wollte. Er hatte das Podium in großer körperlicher, geistiger und technischer Frische betreten. Die Voraussetzungen hatten also gestimmt, und schon darauf kommt es ihm an. Es gab eine Zeit, in der das Wort Virtuose die Aberkennung der „tieferen", der geistigen Qualifikationen bedeuten sollte. Audi Backhaus wurde früher zu den Virtuosen gezählt, zu den „großen akademischen Virtuosen" zwar, aber zu denen, deren Spiel „Vollendung und Triumph der modernen Klaviermechanik" war. So jedenfalls sah ihn noch Walter Niemann im Jahre 1919, zu dessen Ehre doch gesagt sein muss, dass er sich gerade Backhaus von allen, vermeintlichen vorzüglichen und nachteiligen Seiten her zu nähern versucht hat. Dem „Vorwurf" des Virtuosentums ist Backhaus stets mit der sprachlichen Ableitung begegnet: das lateinische „virtus" bedeutet nichts anderes als das deutsche „Mannhaftigkeit". Eine kraftvolle, unverschnörkelte Übersetzung — sie ist das Abbild seines Spiels.
Allerdings, der Wilhelm Backhaus von damals, der 35jähnge also, war ein anderer als der 80jährige von heute. Sein Spiel, seinerzeit tatsächlich weit kühler und distanzierter von den geistigen Inhalten, hat sich erst im Laufe der Jahrzehnte vollendet. Backhaus hat nie als Quasi-Genialiker bestochen und hingerissen. Er war ein Typ, der wachsen musste. Zu einer solch vollendeten Beethoven-Interpretation kommt man erst nach langer Wanderschaft — wenn überhaupt. Man muss warten können...
Wilhelm Backhaus, der im unmündigen Alter von 20 Jahren als einer der jüngsten Professoren der Musikgeschichte die Meisterklasse für Klavier am Royal Manchester College of Music leitete, der im gleichen Jahr 1905 in Paris den international begehrtesten Klavier-Preis, den Rubinstein-Preis, gewann und für den seit dieser Zeit der Aufstieg begann — Backhaus ist immer einer der Künstler gewesen, die warten konnten. Zwar hatte er sich 1905 für Paris schon etwas Schwieriges vornehmen müssen, und er wählte Beethovens op. 106, die Hammerklavier-Sonate. Aber dann spielte er eigentlich nur, was ihm und seinem Status quo gemäß war. Bachs „Goldberg-Variationen" hingegen fühlte er sich erst im Alter von 50 Jahren gewachsen. Erst jetzt — so hießt es damals — wagte er sich mit dem gewaltigen Werk vor die Öffentlichkeit — ein Künstler, dessen Name zu den größten zwischen fünf Kontinenten schon damals gehörte.
Diese künstlerische Verantwortung, diese ungeheure Disziplin schlagt sich mehrfach in Backhaus' Persönlichkeit nieder. Nicht nur in der Zuverlässigkeit einer über 60 Jahre ungetrübt gebliebenen, gewaltigen Technik und eines fast übermenschlichen Gedächtnisses. Auch in der privaten Sphäre weist sich das Verlässliche seines Wesens aus. Er pflegt eine Riesenkorrespondenz nach Maßgabe seiner Zeit und Anwesenheit daheim (er wohnt seit mehr als 30 Jahren am Genfer See) persönlich zu beantworten; er würde es als unhöflich betrachten, einen Gruß unbeantwortet zu lassen. Einzig zu seinem 75. Geburtstag, der ihm waschkörbeweise Glückwünsche aus der ganzen Welt ins Haus brachte, ließ ihn kapitulieren: Backhaus verschickte, allerdings an jeden Gratulanten, gedruckte Danksagungen (nähere Bekannte und Freunde bekamen ein kleines Foto oder ein paar handschriftliche Zeilen dazu).
Diese Übereinstimmung kam nicht von ungefähr. Ihre Voraussetzungen müssen in der Begabung und im Charakter begründet sein. Sie aber fruchtbar in ihrer Wechselwirkung zu machen, dazu hat es sicherlich der Arbeit an sich selbst bedurft. Mensch und Künstler, von denen man immer leichtsinnigerweise behauptet, sie müssten einander entsprechen und seien zwei voneinander untrennbare Begriffe, haben in Wilhelm Backhaus einander geformt. Und weil beide zu etwas Unumstößlichem geworden sind, erscheint es am Ende der Überlegungen gar nicht mehr so seltsam, dass der Ruhm und die Kapazität dieses großen alten Mannes so frisch am Leben geblieben sind.
So gesehen, ist dieser 80. Geburtstag nichts als die Fortdauer eines seit langem erreichten Höhepunktes. Dies zu sagen, erfordert weder Galanterie noch aufgewertete Verehrung. Es ist eine Feststellung.



