Porträt: Susanne Lautenbacher
Erschienen im FONO FORUM im März 1964

Über die Geigerin Susanne Lautenbacher zu schreiben, heißt zugleich das Problem des
Nachwuchses berühren. Man kann als junger Künstler in Deutschland Gutes leisten, man kann hervorragend spielen, zu den Besten gehören — die großen Konzertpodien bleiben einem — auf die Dauer — vorerst verschlossen. Gewiss, man kann sich vorstellen in Zyklen für die Jugend, in Programmen mit moderner Musik zu spielen, man kann sogar, wenn man seine Konzerte selbst finanziert, so viele Abende geben wie man will. Akzeptiert wird der Prophet im eigenen Lande von den Herren Managern, den Veranstaltern nur in den allerseltensten Fällen.
Es gibt da eine Garde der allerfeinsten internationalen Prominenz, die man seinem Publikum in Permanenz vorführen möchte, so man das Geld hat, sie zu bezahlen. Gar oft gehören zu den Damen und Herren des blauen Instrumentalistenblutes auch solche, die kräftig auf ihrem Ruhm von gestern und seinen Resten herumtrampeln: es ist erstaunlich zu sehen, wie lange derselbe für das Publikum vorhält. Da spielt dann die menschliche Sympathie eine Rolle (gegen die ja nichts einzuwenden ist, wenn man nach ihr nicht das Künstlertum misst), die so noble und vergeistigte Musikalität (die durch die vielen falschen und unsauberen Noten nur noch mit dem allerbesten Willen durchzuhören ist) und was weiß ich für Dinge mehr, die herhalten müssen, einen einstmals großen Ruf auch heute noch als berechtigt herauszuposaunen. Und immer wieder sind es dieselben Namen von Glanz und die von Talmi, die man hört mit immer wieder denselben Konzerten.
Nichts gegen die Tatsache, dass die Talente in Deutschland nicht wachsen können. Das ist nicht so schwierig, weil es an ihnen mangelt, sondern es liegt einzig und allein am Fehlen einer konsequenten Auslese in frühester Jugend und an einer von ausgepichten Fachleuten geförderten, ohne den Zwang zum Nebenerwerb ausschließlich auf die Musik gerichteten, ruhigen Entwicklung und technischen Ausbildung. Es ist fast ein Wunder, dass es bei der Art unserer musikalischen Erziehung immer noch solche Begabungen in Deutschland gibt wie z. B. die Pianisten Günther Ludwig oder Ludwig Hoffmann, die Geigerinnen Edith Pememann oder — um zum „Objekt" unseres Porträts zu kommen — Susanne Lautenbacher.
Wie die Namen der anderen hier erwähnten Künstler (vielleicht außer Edith Peinemann) ist der ihre noch ein Geheimtip einiger Kenner. Dabei kann man sie wirklich nicht mehr zum Nachwuchs rechnen — sie ist eine fertige und reife Künstlerin, sie spielt in Konzerten, im Rundfunk, sie hat Schallplatten aufgenommen. Aber bisher ist ihr Name nicht zu dem Begriff geworden, der er nach dem glänzenden Stand ihrer geigerischen Technik und nach dem hohen musikalischen Niveau ihres Spiels hätte sein können. Für die Konzertagenturen ist hier ein Name noch zu entdecken.
Die Schallplattenindustrie ist da klüger gewesen. Susanne Lautenbacher hat auf verschiedenen Marken eine Anzahl von gewichtigen Werken gespielt und exakt ist an ihnen abzulesen, wohin ihre Musikalität tendiert: zu einem wohlabgewogenen Musizieren, das ohne Eitelkeit und Allüre dem Werk dienen will. Weniger temperamentbetont als intelligent überlegt ist es, und ihrem Brahms-Konzert wünschte man sich zuweilen eine Prise Virtuosität. Bach z. B. kommt ihrem künstlerischen Ausdruck besonders zugute. Sehr männlich, ernst und konzentriert spielt sie die Partiten und Sonaten für Solo-Violine, und dieses auf so kompromisslose Art nach innen gewandte, völlig unpointierte Spiel kann auf seine Art durchaus mit der — für mich — verbindlichen Modell wiedergäbe Szeryngs oder auch der hervorragenden Grumiaux' bestehen. Ihre geigerische Technik ist makellos zu nennen: sauberer kann man nicht mehr spielen.
Um auch die menschliche Sympathie nicht zu vergessen, die hier keine Mängel zu verdecken braucht, sondern sich als Vorzug zu anderen Vorzügen gesellt: sie weiß, was sie kann, aber ihr Ehrgeiz ruht auf einer gesunden Basis richtiger Einschätzung der eigenen Kraft und der gegebenen Situation. Bescheidenheit und Charme ist ihr eigen und bei allen diesen Qualitäten sollte auch ein erstarrter Musikbetrieb es auf die Dauer nicht verhindern können, dass die hochbegabte junge Künstlerin die Stelle in eben diesem Musikleben einnimmt, die ihr gebührt.
Sie, die heute in Stuttgart lebt, ist in Augsburg geboren, in einem Musikerhaus. Die Eltern erkannten früh die musikalischen Anlagen der Tochter und förderten sie. Über die Blockflöte und das Klavier kam sie zur Violine. Vor allem Karl Freund, bei dem sie an der Münchener Musikhochschule studierte, hat Susanne Lautenbacher ihr Können zu verdanken. Das Resultat ihrer Abschlussprüfung hieß „Auszeichnung für besondere Leistung", 1955 war sie Preisträgerin in München. Konzertreisen schlössen sich seitdem an: sie bereiste Belgien, Frankreich, England, Italien, Holland, Polen, Schweden, Spanien, Algerien und Marokko.
Das klingt verführerisch, riecht nach internationalen Ehren und Erfolgen — es wischt das nicht hinweg, was wir zuerst über die Misere des deutschen Nachwuchses sagten, und es macht den Jammer über das mangelnde Echo, das der Prophet im eigenen Lande verspürt, nicht überflüssig. Susanne Lautenbacher ist zu wünschen, dass sie in Zukunft auch auf den bedeutenden deutschen Podien mit den besten Orchestern und Dirigenten spielen kann. Erst dann wären unsere Klagen über die Starre des Betriebs und der Organisation gegenstandslos.
Über die Geigerin Susanne Lautenbacher zu schreiben, heißt zugleich das Problem des
Nachwuchses berühren. Man kann als junger Künstler in Deutschland Gutes leisten, man kann hervorragend spielen, zu den Besten gehören — die großen Konzertpodien bleiben einem — auf die Dauer — vorerst verschlossen. Gewiss, man kann sich vorstellen in Zyklen für die Jugend, in Programmen mit moderner Musik zu spielen, man kann sogar, wenn man seine Konzerte selbst finanziert, so viele Abende geben wie man will. Akzeptiert wird der Prophet im eigenen Lande von den Herren Managern, den Veranstaltern nur in den allerseltensten Fällen.
Es gibt da eine Garde der allerfeinsten internationalen Prominenz, die man seinem Publikum in Permanenz vorführen möchte, so man das Geld hat, sie zu bezahlen. Gar oft gehören zu den Damen und Herren des blauen Instrumentalistenblutes auch solche, die kräftig auf ihrem Ruhm von gestern und seinen Resten herumtrampeln: es ist erstaunlich zu sehen, wie lange derselbe für das Publikum vorhält. Da spielt dann die menschliche Sympathie eine Rolle (gegen die ja nichts einzuwenden ist, wenn man nach ihr nicht das Künstlertum misst), die so noble und vergeistigte Musikalität (die durch die vielen falschen und unsauberen Noten nur noch mit dem allerbesten Willen durchzuhören ist) und was weiß ich für Dinge mehr, die herhalten müssen, einen einstmals großen Ruf auch heute noch als berechtigt herauszuposaunen. Und immer wieder sind es dieselben Namen von Glanz und die von Talmi, die man hört mit immer wieder denselben Konzerten.
Nichts gegen die Tatsache, dass die Talente in Deutschland nicht wachsen können. Das ist nicht so schwierig, weil es an ihnen mangelt, sondern es liegt einzig und allein am Fehlen einer konsequenten Auslese in frühester Jugend und an einer von ausgepichten Fachleuten geförderten, ohne den Zwang zum Nebenerwerb ausschließlich auf die Musik gerichteten, ruhigen Entwicklung und technischen Ausbildung. Es ist fast ein Wunder, dass es bei der Art unserer musikalischen Erziehung immer noch solche Begabungen in Deutschland gibt wie z. B. die Pianisten Günther Ludwig oder Ludwig Hoffmann, die Geigerinnen Edith Pememann oder — um zum „Objekt" unseres Porträts zu kommen — Susanne Lautenbacher.
Wie die Namen der anderen hier erwähnten Künstler (vielleicht außer Edith Peinemann) ist der ihre noch ein Geheimtip einiger Kenner. Dabei kann man sie wirklich nicht mehr zum Nachwuchs rechnen — sie ist eine fertige und reife Künstlerin, sie spielt in Konzerten, im Rundfunk, sie hat Schallplatten aufgenommen. Aber bisher ist ihr Name nicht zu dem Begriff geworden, der er nach dem glänzenden Stand ihrer geigerischen Technik und nach dem hohen musikalischen Niveau ihres Spiels hätte sein können. Für die Konzertagenturen ist hier ein Name noch zu entdecken.
Die Schallplattenindustrie ist da klüger gewesen. Susanne Lautenbacher hat auf verschiedenen Marken eine Anzahl von gewichtigen Werken gespielt und exakt ist an ihnen abzulesen, wohin ihre Musikalität tendiert: zu einem wohlabgewogenen Musizieren, das ohne Eitelkeit und Allüre dem Werk dienen will. Weniger temperamentbetont als intelligent überlegt ist es, und ihrem Brahms-Konzert wünschte man sich zuweilen eine Prise Virtuosität. Bach z. B. kommt ihrem künstlerischen Ausdruck besonders zugute. Sehr männlich, ernst und konzentriert spielt sie die Partiten und Sonaten für Solo-Violine, und dieses auf so kompromisslose Art nach innen gewandte, völlig unpointierte Spiel kann auf seine Art durchaus mit der — für mich — verbindlichen Modell wiedergäbe Szeryngs oder auch der hervorragenden Grumiaux' bestehen. Ihre geigerische Technik ist makellos zu nennen: sauberer kann man nicht mehr spielen.
Um auch die menschliche Sympathie nicht zu vergessen, die hier keine Mängel zu verdecken braucht, sondern sich als Vorzug zu anderen Vorzügen gesellt: sie weiß, was sie kann, aber ihr Ehrgeiz ruht auf einer gesunden Basis richtiger Einschätzung der eigenen Kraft und der gegebenen Situation. Bescheidenheit und Charme ist ihr eigen und bei allen diesen Qualitäten sollte auch ein erstarrter Musikbetrieb es auf die Dauer nicht verhindern können, dass die hochbegabte junge Künstlerin die Stelle in eben diesem Musikleben einnimmt, die ihr gebührt.
Sie, die heute in Stuttgart lebt, ist in Augsburg geboren, in einem Musikerhaus. Die Eltern erkannten früh die musikalischen Anlagen der Tochter und förderten sie. Über die Blockflöte und das Klavier kam sie zur Violine. Vor allem Karl Freund, bei dem sie an der Münchener Musikhochschule studierte, hat Susanne Lautenbacher ihr Können zu verdanken. Das Resultat ihrer Abschlussprüfung hieß „Auszeichnung für besondere Leistung", 1955 war sie Preisträgerin in München. Konzertreisen schlössen sich seitdem an: sie bereiste Belgien, Frankreich, England, Italien, Holland, Polen, Schweden, Spanien, Algerien und Marokko.
Das klingt verführerisch, riecht nach internationalen Ehren und Erfolgen — es wischt das nicht hinweg, was wir zuerst über die Misere des deutschen Nachwuchses sagten, und es macht den Jammer über das mangelnde Echo, das der Prophet im eigenen Lande verspürt, nicht überflüssig. Susanne Lautenbacher ist zu wünschen, dass sie in Zukunft auch auf den bedeutenden deutschen Podien mit den besten Orchestern und Dirigenten spielen kann. Erst dann wären unsere Klagen über die Starre des Betriebs und der Organisation gegenstandslos.



