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Porträt: Das Smetane-Quartett

Von
Pavel Eckstein
Erschienen in der Printausgabe im
April 1964
Lesezeit ca.
Minuten

Wenn das Smetana-Quartett zu Hause ist, findet man es ganz sicher jeden Vormittag bei einer Probe im schönen, auf einem der Prag überhöhenden Hügel gelegenen Haus des Violoncellisten Antonin Kohout. Vielleicht ist das ein Zufall, mir scheint es doch symptomatisch. Kohout war und ist Kopf und Seele des Quartetts. Seiner Initiative verdankt es Gründung und Existenz, seiner dynamischen Persönlichkeit die reiche weltweite Tätigkeit und seinem urwüchsigen Musikantentum gepaart mit scharfem Denken und noch schärferem Witz schließlich sein künstlerisches Profil.

Man sagt oft, dass das Smetana-Quartett an die mit Recht hochberühmte Tradition des Böhmischen Streichquartetts angeknüpft habe. Das ist wohl nur insofern richtig, als es seiner Heimat und darüber hinaus dem Ausland wiederum ein anerkanntes bedeutendes Kammerensemble aus Prag gegeben hat. Ansonsten konnte das Smetana-Quartett von seinen einstigen Vorgängern (das Böhmische Streichquartett hat im Jahre 1932 seine Tätigkeit eingestellt, so dass von einer direkten Verbindung keine Rede sein kann) noch verschiedene Arbeitsgrundsätze übernehmen oder applizieren. Aber sonst musste es eigene Wege gehen. Denn die Welt hatte sich verändert.

Im Zeitalter der Maschinen ist instrumentale Technik nicht mehr bewunderungswürdig, sondern selbstverständliche Voraussetzung. Präzision wird geschätzt, aber auch sie überwältigt nicht länger. Romantischer Überschwang war nicht länger gefragt und kühler Konstruktivismus wurde abgelehnt. Das waren sozusagen die Trümmer einer vergangenen Epoche, auf denen vier junge Leute standen, die sich dem Quartettspiel verschrieben hatten. Der erwähnten Tatsachen waren sie sich wohl kaum bewusst, denn sonst hätten sie ihr großes Werk wohl erst gar nicht begonnen. Doch fühlten sie als Angehörige einer neuen Generation instinktiv, dass man sich an dieser Zeitenwende auch der Kunst wieder in den Schuss der Mütter zurückbegeben müsste, an die Urquellen der Musik, deren Gegebenheiten darzulegen und nicht zu deformieren waren. Alles wurde an seine Stelle gerückt und jedem die ihm zukommende Bedeutung gegeben. Die Synthese kam dann von selbst.

Nein, sie fiel nicht vom Himmel. Ich habe in vielen Proben des Smetana-Quartetts gesessen und kann bezeugen, wie lange und hart da jeden Tag um das kleinste Detail ebenso wie um die große Form, um Akzent und Ausdruck, Ton und Phrase gerungen wurde. Im Grunde aber unterschied sich die Probe nur wenig vom Konzert — die vier Musiker arbeiteten immer mit höchster erschöpfender Konzentration. Man spielte das, was der Komponist niedergeschrieben hatte, und versuchte das wiederzugeben, was er aussagen wollte. So ergab sich die Proportion der festen Form und der sucherischen Improvisation, temperamentvollen Musikantentums und rationeller Deutung, minutiöser Genauigkeit des Details und großzügiger Konzeption der Werke.

Wenn man von modernem Quartett spiel reden will, muss man hingehen und sich das Smetana-Quartett im Konzertsaal oder auf der Schallplatte anhören. Das ist die Erklärung für die Erfolge des Ensembles in aller Welt. Seit 15 Jahren häufen sich die Einladungen immer mehr. Heute hat das Quartett viele Auftritte in allen Ländern Europas und je zwei ausgedehnte Tourneen durch die Vereinigten Staaten und Kanada, Australien und Neuseeland, Japan, China und weitere asiatische Staaten hinter sich. Im vergangenen Jahrzehnt wurden pro Saison mindestens 100 Konzerte absolviert, wovon im Durchschnitt zwei Drittel auf das Ausland entfielen.

Seit 1949 spielt das Smetana-Quartett alle seine Konzerte ohne Noten auf den Pulten. Der Entschluss, auswendig zu spielen, wurde weder leicht noch aus äußerlichen Gründen gefasst. Konsequent wurde hier lediglich der Gedanke in die Tat umgesetzt, dass ein Quartett im Idealfall nicht weniger homogen sein solle als der Geiger oder Pianist, der am gleichen Podium seinen Soloabend absolviert. Drohung und Vorwurf eines zu engen Repertoires machte das Ensemble durch die Tat zunichte. Ungefähr 30 Kompositionen befinden sich ständig in konzertreifer Form in den Köpfen und Händen der vier Künstler. In der Statistik der meistgespielten Werke führte Smetana vor Janacek und Dvorak. Das Smetana-Quartett hat es sich immer zum Ziel gesetzt, vor allem für die Tschechische Musik einzutreten, die noch durch häufigere Aufführungen der Quartette von Vitezslav Novak und der jüngeren Komponisten Vladimir Sommer und Jiri Pauer zu Worte kommt. Haydn, Mozart, Beethoven, Schubert zusammen mit Prokofieff und Schostakowitsch sind die anderen Pfeiler des Repertoires. Alle genannten Namen zeigen in ihren Zusammenhängen genügend deutlich die stilistische Ausrichtung des Smetana-Quartetts.

Noch einige Worte zur Geschichte des Quartetts. Eigentlich begeht es in diesem Jahr sein 20jähriges Jubiläum, denn die Uranfänge liegen im Jahrgang 1943 des Prager Konservatoriums. Damals spielte mit dem Violoncellisten Antonin Kohout sowohl der Bratschist und jetzige Dirigent Vaclav Neumann wie der Geiger Josef Vlach, heute Primarius eines anderen hervorragenden tschechoslowakischen Quartetts. Lubomir Kostecky war und blieb der zweite Geiger bis heute. Am 6. November 1943 spielten die jungen Musiker zum ersten Male als Smetana-Quartett. (Den Namen des tschechischen Klassikers wählen sie als Programm.) Jaroslav Rybensky, der spätere langjährige Bratscher, saß am ersten Pult. Nach einem ersten Ausflug nach Genf, wo das Smetana- Quartett im internationalen Wettbewerb des Jahres 1946 den dritten Platz belegte, stabilisierte sich ab 1947 die Zusammensetzung des Ensembles mit Jiri Novak — Lubomir Kostecky — Jaroslav Rybensky und Antonin Kohout.

Als im Jahre 1956 Jaroslav Rybensky aus Gesundheitsrückstchten seine Mitgliedschaft im Smetana-Quartett aufgeben musste, trat das jüngste Mitglied Milan Skampa (geboren 1928) an seine Stelle. In kürzester Zeit füllte er die Lücke und wurde zu einem vollgültigen Bratscher.

Seit 1961 spielt das Smetana-Quartett auf Instrumenten des Prager Geigenbauers Premysl Spidlen, die eigens zu diesem Zweck hergestellt und intoniert wurden. Das Quartett wollte auch auf diesem Weg seine Einheitlichkeit verstärken und mit gleichwertigen Instrumenten spielen. Das Streben nach äußerster künstlerischer Verschmelzung wird übrigens auch menschlich unterstützt. Nicht nur die anstrengende Saison verleben die Mitglieder des Smetana-Quartetts gemeinsam und in tagtäglicher Verbindung. Für den alljährlichen kurzen Urlaub haben sie sich in einem Bergdorf des Isergebirges vier Häuschen gekauft und adaptiert, wo sie ausruhen, aber auch immer wieder arbeiten können. Und nicht selten findet die Premiere eines neueinstudierten Werkes im kleinen Saal des Kulturhauses von Lucany statt, dessen Einwohner — ansonsten musikalisch nicht gerade verwöhnt — begeisterte Anhänger ihres Smetana-Quartettes sind.

Wenn das Smetana-Quartett zu Hause ist, findet man es ganz sicher jeden Vormittag bei einer Probe im schönen, auf einem der Prag überhöhenden Hügel gelegenen Haus des Violoncellisten Antonin Kohout. Vielleicht ist das ein Zufall, mir scheint es doch symptomatisch. Kohout war und ist Kopf und Seele des Quartetts. Seiner Initiative verdankt es Gründung und Existenz, seiner dynamischen Persönlichkeit die reiche weltweite Tätigkeit und seinem urwüchsigen Musikantentum gepaart mit scharfem Denken und noch schärferem Witz schließlich sein künstlerisches Profil.

Man sagt oft, dass das Smetana-Quartett an die mit Recht hochberühmte Tradition des Böhmischen Streichquartetts angeknüpft habe. Das ist wohl nur insofern richtig, als es seiner Heimat und darüber hinaus dem Ausland wiederum ein anerkanntes bedeutendes Kammerensemble aus Prag gegeben hat. Ansonsten konnte das Smetana-Quartett von seinen einstigen Vorgängern (das Böhmische Streichquartett hat im Jahre 1932 seine Tätigkeit eingestellt, so dass von einer direkten Verbindung keine Rede sein kann) noch verschiedene Arbeitsgrundsätze übernehmen oder applizieren. Aber sonst musste es eigene Wege gehen. Denn die Welt hatte sich verändert.

Im Zeitalter der Maschinen ist instrumentale Technik nicht mehr bewunderungswürdig, sondern selbstverständliche Voraussetzung. Präzision wird geschätzt, aber auch sie überwältigt nicht länger. Romantischer Überschwang war nicht länger gefragt und kühler Konstruktivismus wurde abgelehnt. Das waren sozusagen die Trümmer einer vergangenen Epoche, auf denen vier junge Leute standen, die sich dem Quartettspiel verschrieben hatten. Der erwähnten Tatsachen waren sie sich wohl kaum bewusst, denn sonst hätten sie ihr großes Werk wohl erst gar nicht begonnen. Doch fühlten sie als Angehörige einer neuen Generation instinktiv, dass man sich an dieser Zeitenwende auch der Kunst wieder in den Schuss der Mütter zurückbegeben müsste, an die Urquellen der Musik, deren Gegebenheiten darzulegen und nicht zu deformieren waren. Alles wurde an seine Stelle gerückt und jedem die ihm zukommende Bedeutung gegeben. Die Synthese kam dann von selbst.

Nein, sie fiel nicht vom Himmel. Ich habe in vielen Proben des Smetana-Quartetts gesessen und kann bezeugen, wie lange und hart da jeden Tag um das kleinste Detail ebenso wie um die große Form, um Akzent und Ausdruck, Ton und Phrase gerungen wurde. Im Grunde aber unterschied sich die Probe nur wenig vom Konzert — die vier Musiker arbeiteten immer mit höchster erschöpfender Konzentration. Man spielte das, was der Komponist niedergeschrieben hatte, und versuchte das wiederzugeben, was er aussagen wollte. So ergab sich die Proportion der festen Form und der sucherischen Improvisation, temperamentvollen Musikantentums und rationeller Deutung, minutiöser Genauigkeit des Details und großzügiger Konzeption der Werke.

Wenn man von modernem Quartett spiel reden will, muss man hingehen und sich das Smetana-Quartett im Konzertsaal oder auf der Schallplatte anhören. Das ist die Erklärung für die Erfolge des Ensembles in aller Welt. Seit 15 Jahren häufen sich die Einladungen immer mehr. Heute hat das Quartett viele Auftritte in allen Ländern Europas und je zwei ausgedehnte Tourneen durch die Vereinigten Staaten und Kanada, Australien und Neuseeland, Japan, China und weitere asiatische Staaten hinter sich. Im vergangenen Jahrzehnt wurden pro Saison mindestens 100 Konzerte absolviert, wovon im Durchschnitt zwei Drittel auf das Ausland entfielen.

Seit 1949 spielt das Smetana-Quartett alle seine Konzerte ohne Noten auf den Pulten. Der Entschluss, auswendig zu spielen, wurde weder leicht noch aus äußerlichen Gründen gefasst. Konsequent wurde hier lediglich der Gedanke in die Tat umgesetzt, dass ein Quartett im Idealfall nicht weniger homogen sein solle als der Geiger oder Pianist, der am gleichen Podium seinen Soloabend absolviert. Drohung und Vorwurf eines zu engen Repertoires machte das Ensemble durch die Tat zunichte. Ungefähr 30 Kompositionen befinden sich ständig in konzertreifer Form in den Köpfen und Händen der vier Künstler. In der Statistik der meistgespielten Werke führte Smetana vor Janacek und Dvorak. Das Smetana-Quartett hat es sich immer zum Ziel gesetzt, vor allem für die Tschechische Musik einzutreten, die noch durch häufigere Aufführungen der Quartette von Vitezslav Novak und der jüngeren Komponisten Vladimir Sommer und Jiri Pauer zu Worte kommt. Haydn, Mozart, Beethoven, Schubert zusammen mit Prokofieff und Schostakowitsch sind die anderen Pfeiler des Repertoires. Alle genannten Namen zeigen in ihren Zusammenhängen genügend deutlich die stilistische Ausrichtung des Smetana-Quartetts.

Noch einige Worte zur Geschichte des Quartetts. Eigentlich begeht es in diesem Jahr sein 20jähriges Jubiläum, denn die Uranfänge liegen im Jahrgang 1943 des Prager Konservatoriums. Damals spielte mit dem Violoncellisten Antonin Kohout sowohl der Bratschist und jetzige Dirigent Vaclav Neumann wie der Geiger Josef Vlach, heute Primarius eines anderen hervorragenden tschechoslowakischen Quartetts. Lubomir Kostecky war und blieb der zweite Geiger bis heute. Am 6. November 1943 spielten die jungen Musiker zum ersten Male als Smetana-Quartett. (Den Namen des tschechischen Klassikers wählen sie als Programm.) Jaroslav Rybensky, der spätere langjährige Bratscher, saß am ersten Pult. Nach einem ersten Ausflug nach Genf, wo das Smetana- Quartett im internationalen Wettbewerb des Jahres 1946 den dritten Platz belegte, stabilisierte sich ab 1947 die Zusammensetzung des Ensembles mit Jiri Novak — Lubomir Kostecky — Jaroslav Rybensky und Antonin Kohout.

Als im Jahre 1956 Jaroslav Rybensky aus Gesundheitsrückstchten seine Mitgliedschaft im Smetana-Quartett aufgeben musste, trat das jüngste Mitglied Milan Skampa (geboren 1928) an seine Stelle. In kürzester Zeit füllte er die Lücke und wurde zu einem vollgültigen Bratscher.

Seit 1961 spielt das Smetana-Quartett auf Instrumenten des Prager Geigenbauers Premysl Spidlen, die eigens zu diesem Zweck hergestellt und intoniert wurden. Das Quartett wollte auch auf diesem Weg seine Einheitlichkeit verstärken und mit gleichwertigen Instrumenten spielen. Das Streben nach äußerster künstlerischer Verschmelzung wird übrigens auch menschlich unterstützt. Nicht nur die anstrengende Saison verleben die Mitglieder des Smetana-Quartetts gemeinsam und in tagtäglicher Verbindung. Für den alljährlichen kurzen Urlaub haben sie sich in einem Bergdorf des Isergebirges vier Häuschen gekauft und adaptiert, wo sie ausruhen, aber auch immer wieder arbeiten können. Und nicht selten findet die Premiere eines neueinstudierten Werkes im kleinen Saal des Kulturhauses von Lucany statt, dessen Einwohner — ansonsten musikalisch nicht gerade verwöhnt — begeisterte Anhänger ihres Smetana-Quartettes sind.