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Porträt: Anneliese Rothenberger

Von
Wolf-Eberhard von Lewinski
Erschienen in der Printausgabe im
Juli 1964
Lesezeit ca.
Minuten

Die Schallplatte allein gibt nicht das ganze Bild, die vielfältige Ausstrahlung, den bestrickenden Reiz der Anneliese Rothenberger — man muss sie auch gesehen, ja mit ihr gesprochen haben, um zu begreifen, was sich mit ihr vollzieht, was sie uns zu geben imstande ist. Man sollte, hört man eine ihrer Schallplatten, jedenfalls in der Lage sein, sich ihr schmales, ein wenig lausbübisches, jedenfalls ungewöhnlich charmantes Gesicht vorzustellen, ihre jungenhaft schlanke Figur, ihr schauspielerisch wendiges Auftreten, kurz-, ihre verzaubernde Erscheinung, die sich ideal zur beglückenden Stimme fügt und letzten Endes doch eigentlich so außerordentlich bezwingt, weil nicht das entzückende Gesicht oder die einfangende Gestalt allein faszinieren, sondern die Tatsache, dass sie weiß, dass sie durchdacht hat, was sie singt und darstellt. Wieder bestätigt sich hier die Auffassung, dass erst der Zusammenklang von Gefühl und Geist den wahren Genuss in Sachen Kunst bietet.

Wer ist diese Rothenberger? Ich habe sie gehört, auf der Opernbühne, im Konzertsaal, von der Schallplatte, im Funk und im Fernsehen, so, wie sie für viele Hörer und Zuschauer zu einem Begriff wurde. Aber stimmt dieses populäre Bild ganz, ist sie die lebenslustige Frohnatur, die spielerisch, wie es scheint, die schwierigsten Aufgaben bewältigt, die es leicht hat, den Hörer und auch den Zuschauer in den Bann zu ziehen? Ich wollte es genauer wissen und besuchte sie, als sie ihre Ferien — in einem Wintermonat — zu Hause verbrachte. Und zwar in einem Haus, das sie nur selten aufsuchen kann, da sie fast nie Zeit hat. Das Haus oberhalb von Hallgarten am Rhein, in der Nähe Wiesbadens, ist nun allerdings auch so etwas wie eine ideale Ferienstätte, vor allem eine kleine Hütte am Rande des Grundstücks: ein Atelier, wenn man es genau besieht, wo Anneliese Rothenberger nicht etwa Gesangsrollen studiert, sondern malt, im Sonntagsmalerstil mit eigener Note. Die Bilder, die den Wohnraum zum Teil zieren, zeugen davon recht eindringlich, und es ist leicht zu erklären, dass einige Bilder bereits auf einer Ausstellung in Frankfurt zu sehen waren, dass die Rothenberger neben Winston Churchill Ehrenmitglied der internationalen Kunstvereinigung „Die Palette" wurde.

Hier, in ihrem Heim, ist die Musik nur eine ferne Folie, allenfalls ein Gesprächsstoff. Hier fühlt sie sich frei von allen Rücksichten und Vorsichten, geht auch bei großer Kälte im Wald spazieren, da sie eine Erkältung riskieren kann, und braucht keine Angst um Frisur und Kostüm zu haben. Da gibt es keine Verkrampfungen, da fehlen die Künstlichkeiten, die Attribute des Starwesens, da ist sie der reizendste und köstlichste Mensch, dem man nicht anmerkt, dass er den größten Teil des Jahres auf der Bühne oder dem Podium zu stehen hat.

Ich sagte, dass zu Hause die Musik, das Singen allenfalls im Gespräch vorhanden sind. Dabei zeigt es sich, dass man mit dieser Sängerin ausführlich fachsimpeln kann, und es kommen in der Unterhaltung Gedanken zur Sprache, die beweisen, dass Anneliese Rothenberger nicht nur einen hübschen, sondern auch einen klugen Kopf hat. Und da erinnert man sich ihrer Interpretationen, bei denen man stets, doch unaufdringlich zu spüren bekommt, dass diese Sängerin wirklich weiß, was sie singt. Anneliese Rothenberger weiß nicht nur technisch, sondern auch hinsichtlich der geistigen Hintergründe des Singens selbst und auch der Beziehungen zur geistigen Umwelt einer Rolle oder eines Liedes genau Bescheid, kümmert sich um solche Perspektiven. Es genügt ihr nicht, schön zu singen, sie möchte den Sinn des gesungenen Wortes wiedergeben. Das klingt alles recht selbstverständlich, wird aber an den Bühnen keineswegs so selbstredend praktiziert. Hierher gehört auch die glaubwürdige Darstellung auf der Bühne, die aus dem Sinn des gesungenen Wortes heraus zu gewinnen ist und mit den musikalischen und musikdramatischen Forderungen übereinzustimmen hat.

Auch im Studio präzis und überzeugend: Anneliese Rothenberger bei einer Schallplattenaufnahme

Ein Beispiel: die Konstanze der Rothenberger. Ich habe keine ansprechendere, liebenswürdigere und hoheitsvollere Konstanze je erlebt: bedeutsam ist die Durchdringung der Rolle vom Geistig-Seelischen her, realisiert in einer vollkommenen Einheit von musikalisch-stimmlichem und darstellerisch-körperlichem Ausdruck. Keine Koloratur wird als Ziergesang gesehen, sondern als sinngemäße Formulierung einer bestimmten Situation, mit Präzision und Überzeugungskraft vorgetragen. Wie vibriert sie beim Wiedersehen mit Belmonte, wie verhalten und packend singt sie aber dann das „Wie du mich betrübst" bei Belmontes Frage nach ihrem Verhalten dem Bassa gegenüber — das habe ich nie so ergreifend vernommen, nie so dezent und verinnerlicht zugleich. Nimmt man den Gesang dazu, die unbestechliche Linienführung im Sinne mozartischen Musizierens, die Strahlkraft einer ausgeglichenen, stilistisch zuverlässigen, sehr eigen timbrierten, in der Höhe charakteristisch tremolierenden Stimme und die Souveränität der weder untertriebenen noch überzogenen Ausdrucksfügung, dann erfährt man den hohen künstlerischen Grad jener genannten Einheit einer Wiedergabe durch Anneliese Rothenberger. Diese Sopranistin ist lange Zeit zu einseitig von ihren Fernseh- und Plattenerfolgen als eine vorzügliche Operetten- und Lustspiel-Opern-Sängerin angesehen worden. Es wird Zeit, dass die Schallplatte uns auch die wahre Rothenberger nahebringt, die berückendste Zdenka aus der „Arabella" von Strauss, die es gibt, die Marzelline im „Fidelio" (die Aufnahme für Decca ist im Mai gemacht worden) sowie die „Traviata": immerhin wurde Anneliese Rothenberger als erste deutsche Sängerin eingeladen, mit einer italienischen Partie, eben der Traviata, an der Mailänder Scala zu gastieren. Nicht ohne Grund hat die Metropolitan Opera zu New York gerade kürzlich der Rothenberger einen ihrer äußerst seltenen Vierjahresverträge angeboten, hat Rudolf Bing ihr versichert, sie bei der Eröffnung des neuen Met-Hauses mitwirken zu lassen. Nicht ohne Grund singt die Rothenberger ständig in München und Wien sowie bei den Salzburger Festspielen.

Ihre Karriere ist erstaunlich und doch wieder so selbstverständlich gewesen: Die junge Mannheimerin debütierte als „Oskar" in Verdis „Maskenball" an der Hamburgischen Staatsoper, die die Sopranistin sofort verpflichtete und erst 1956 wieder verlor. Nur in Koblenz war sie ansonsten an einer kleineren Bühne hervorgetreten. Bereits 1952/53 erfolgte die erste Südamerika-Tournee und das erste Auftreten im New Yorker Fernsehen. In Hamburg sang sie sämtliche Frauenpartien in „Hoffmanns Erzählungen", und bei der deutschen Erstaufführung von Einems „Prozess" in Hamburg lernte sie den österreichischen Journalisten Gerd W. Dieberitz kennen, den sie 1954 heiratete. Er ist mehr als ein „Journalist". Sicherlich hat er beim Nürnberger Prozess rein journalistische Arbeit geleistet und viele Reportagen geschrieben, die nichts mit der Kunst zu tun haben, aber dann hat er sich auch mit Feuilletons und mit Gedichten hervorgetan. Sein Einfluss auf Anneliese Rothenberger ist gewiss nicht gering, ihm hat sie es wahrscheinlich mit zu verdanken, dass sie sich ihre Rollen bis in die letzte Nuance hinein überlegt und durchdenkt, ohne dass sie dabei — und das ist so überraschend bei ihr — ihre angeborene Naivität und ihre ursprüngliche Spielbegabung einbüßte.

Bedeutungsvoll für ihren Aufstieg wurde die Mitwirkung in einem englischen „Fledermaus"-Film unter Regie von Michael Powell und Emmerich Pressburger mit Partnern wie Adolf Wohlbrück, Ludrmlla Tscherina und Mel Ferrer. Die Silvesteraufführung der Met am Vorabend des Jahres 1964 brachte unter Franz Allers die „Fledermaus", wiederum mit der Rothenberger. Ihr Auftreten im englischen Fernsehen, ihre Festspiel-Verpflichtungen in Edinburgh oder Glyndebourne oder im Teatro Colon zu Buenos Aires und schließlich ihre Liederabend-Tourneen durch Nordamerika — die erfolgreichste fand Anfang dieses Jahres statt — sollten noch vermerkt werden. Es bleibt zu hoffen, dass sie ihre Liederabende, auf die sie sich erfreulicherweise neuerdings mehr konzentriert, auch in Deutschland in steigendem Umfange bringt, und es wäre zu wünschen, dass man sie auch als „Susanna" oder mit italienischen Rollen noch häufiger bei uns erleben kann. Es ist wahrscheinlich, dass sie sich immer mehr von den heiteren Rollen — zu denen ich auch ihre fast schon zu vornehme „Sophie" rechnen möchte — zur lyrischen Tragödin hin entfalten wird. So stehen uns noch wesentliche Eindrücke bevor, hoffentlich auch Eindrücke im Oratoriengesang, sei es in den „Jahreszeiten" oder im „Messias".

Es ist schwer, von der Rothenberger zu schreiben, ohne zu schwärmen. Und in der Tat erinnert sie mich an meinen Jugendschwarm, an Martha Rohs. Aber wenn ich Kritiken betrachte, die man ihr etwa in Wien oder in New York zollte, dann weiß ich, dass ich nicht übertreibe, wenn ich behaupte, bislang keinem Star begegnet zu sein, der sich so wenig wie die Rothenberger starmäßig aufführt, der so fleißig an einer Vervollkommnung der Wiedergaben arbeitet, der so sicher und so klug abwägend seinen Weg zu gehen versteht, einen Weg, der noch viele Möglichkeiten für sie und für uns offenhält. Und so wird es auch gewiss bald Schallplatten geben, für die meine Behauptung nicht mehr zutrifft, durch die Platte sei die Kunst der Rothenberger nur halb zu erfahren: es dürfte Einspielungen geben, von denen die jüngste Rothenberger-Platte bei Electrola (70 500) einen Vorgeschmack bietet (der allerdings von unzureichender dirigentischer Leistung bei der Begleitung getrübt ist), Aufnahmen, mit denen von der musikalischen Gestaltung der Rollen her die ganze Kunst des Singens und Darstellens rein auf akustische Weise mitvollzogen werden kann, eine „Verführung" vom äußeren Charme her also keinesfalls den kritischen Sinn beeinträchtigen würde, sondern ihn um so mehr veranlasste, begründetes Lob und freudige Bewunderung auszusprechen.

Die Schallplatte allein gibt nicht das ganze Bild, die vielfältige Ausstrahlung, den bestrickenden Reiz der Anneliese Rothenberger — man muss sie auch gesehen, ja mit ihr gesprochen haben, um zu begreifen, was sich mit ihr vollzieht, was sie uns zu geben imstande ist. Man sollte, hört man eine ihrer Schallplatten, jedenfalls in der Lage sein, sich ihr schmales, ein wenig lausbübisches, jedenfalls ungewöhnlich charmantes Gesicht vorzustellen, ihre jungenhaft schlanke Figur, ihr schauspielerisch wendiges Auftreten, kurz-, ihre verzaubernde Erscheinung, die sich ideal zur beglückenden Stimme fügt und letzten Endes doch eigentlich so außerordentlich bezwingt, weil nicht das entzückende Gesicht oder die einfangende Gestalt allein faszinieren, sondern die Tatsache, dass sie weiß, dass sie durchdacht hat, was sie singt und darstellt. Wieder bestätigt sich hier die Auffassung, dass erst der Zusammenklang von Gefühl und Geist den wahren Genuss in Sachen Kunst bietet.

Wer ist diese Rothenberger? Ich habe sie gehört, auf der Opernbühne, im Konzertsaal, von der Schallplatte, im Funk und im Fernsehen, so, wie sie für viele Hörer und Zuschauer zu einem Begriff wurde. Aber stimmt dieses populäre Bild ganz, ist sie die lebenslustige Frohnatur, die spielerisch, wie es scheint, die schwierigsten Aufgaben bewältigt, die es leicht hat, den Hörer und auch den Zuschauer in den Bann zu ziehen? Ich wollte es genauer wissen und besuchte sie, als sie ihre Ferien — in einem Wintermonat — zu Hause verbrachte. Und zwar in einem Haus, das sie nur selten aufsuchen kann, da sie fast nie Zeit hat. Das Haus oberhalb von Hallgarten am Rhein, in der Nähe Wiesbadens, ist nun allerdings auch so etwas wie eine ideale Ferienstätte, vor allem eine kleine Hütte am Rande des Grundstücks: ein Atelier, wenn man es genau besieht, wo Anneliese Rothenberger nicht etwa Gesangsrollen studiert, sondern malt, im Sonntagsmalerstil mit eigener Note. Die Bilder, die den Wohnraum zum Teil zieren, zeugen davon recht eindringlich, und es ist leicht zu erklären, dass einige Bilder bereits auf einer Ausstellung in Frankfurt zu sehen waren, dass die Rothenberger neben Winston Churchill Ehrenmitglied der internationalen Kunstvereinigung „Die Palette" wurde.

Hier, in ihrem Heim, ist die Musik nur eine ferne Folie, allenfalls ein Gesprächsstoff. Hier fühlt sie sich frei von allen Rücksichten und Vorsichten, geht auch bei großer Kälte im Wald spazieren, da sie eine Erkältung riskieren kann, und braucht keine Angst um Frisur und Kostüm zu haben. Da gibt es keine Verkrampfungen, da fehlen die Künstlichkeiten, die Attribute des Starwesens, da ist sie der reizendste und köstlichste Mensch, dem man nicht anmerkt, dass er den größten Teil des Jahres auf der Bühne oder dem Podium zu stehen hat.

Ich sagte, dass zu Hause die Musik, das Singen allenfalls im Gespräch vorhanden sind. Dabei zeigt es sich, dass man mit dieser Sängerin ausführlich fachsimpeln kann, und es kommen in der Unterhaltung Gedanken zur Sprache, die beweisen, dass Anneliese Rothenberger nicht nur einen hübschen, sondern auch einen klugen Kopf hat. Und da erinnert man sich ihrer Interpretationen, bei denen man stets, doch unaufdringlich zu spüren bekommt, dass diese Sängerin wirklich weiß, was sie singt. Anneliese Rothenberger weiß nicht nur technisch, sondern auch hinsichtlich der geistigen Hintergründe des Singens selbst und auch der Beziehungen zur geistigen Umwelt einer Rolle oder eines Liedes genau Bescheid, kümmert sich um solche Perspektiven. Es genügt ihr nicht, schön zu singen, sie möchte den Sinn des gesungenen Wortes wiedergeben. Das klingt alles recht selbstverständlich, wird aber an den Bühnen keineswegs so selbstredend praktiziert. Hierher gehört auch die glaubwürdige Darstellung auf der Bühne, die aus dem Sinn des gesungenen Wortes heraus zu gewinnen ist und mit den musikalischen und musikdramatischen Forderungen übereinzustimmen hat.

Auch im Studio präzis und überzeugend: Anneliese Rothenberger bei einer Schallplattenaufnahme

Ein Beispiel: die Konstanze der Rothenberger. Ich habe keine ansprechendere, liebenswürdigere und hoheitsvollere Konstanze je erlebt: bedeutsam ist die Durchdringung der Rolle vom Geistig-Seelischen her, realisiert in einer vollkommenen Einheit von musikalisch-stimmlichem und darstellerisch-körperlichem Ausdruck. Keine Koloratur wird als Ziergesang gesehen, sondern als sinngemäße Formulierung einer bestimmten Situation, mit Präzision und Überzeugungskraft vorgetragen. Wie vibriert sie beim Wiedersehen mit Belmonte, wie verhalten und packend singt sie aber dann das „Wie du mich betrübst" bei Belmontes Frage nach ihrem Verhalten dem Bassa gegenüber — das habe ich nie so ergreifend vernommen, nie so dezent und verinnerlicht zugleich. Nimmt man den Gesang dazu, die unbestechliche Linienführung im Sinne mozartischen Musizierens, die Strahlkraft einer ausgeglichenen, stilistisch zuverlässigen, sehr eigen timbrierten, in der Höhe charakteristisch tremolierenden Stimme und die Souveränität der weder untertriebenen noch überzogenen Ausdrucksfügung, dann erfährt man den hohen künstlerischen Grad jener genannten Einheit einer Wiedergabe durch Anneliese Rothenberger. Diese Sopranistin ist lange Zeit zu einseitig von ihren Fernseh- und Plattenerfolgen als eine vorzügliche Operetten- und Lustspiel-Opern-Sängerin angesehen worden. Es wird Zeit, dass die Schallplatte uns auch die wahre Rothenberger nahebringt, die berückendste Zdenka aus der „Arabella" von Strauss, die es gibt, die Marzelline im „Fidelio" (die Aufnahme für Decca ist im Mai gemacht worden) sowie die „Traviata": immerhin wurde Anneliese Rothenberger als erste deutsche Sängerin eingeladen, mit einer italienischen Partie, eben der Traviata, an der Mailänder Scala zu gastieren. Nicht ohne Grund hat die Metropolitan Opera zu New York gerade kürzlich der Rothenberger einen ihrer äußerst seltenen Vierjahresverträge angeboten, hat Rudolf Bing ihr versichert, sie bei der Eröffnung des neuen Met-Hauses mitwirken zu lassen. Nicht ohne Grund singt die Rothenberger ständig in München und Wien sowie bei den Salzburger Festspielen.

Ihre Karriere ist erstaunlich und doch wieder so selbstverständlich gewesen: Die junge Mannheimerin debütierte als „Oskar" in Verdis „Maskenball" an der Hamburgischen Staatsoper, die die Sopranistin sofort verpflichtete und erst 1956 wieder verlor. Nur in Koblenz war sie ansonsten an einer kleineren Bühne hervorgetreten. Bereits 1952/53 erfolgte die erste Südamerika-Tournee und das erste Auftreten im New Yorker Fernsehen. In Hamburg sang sie sämtliche Frauenpartien in „Hoffmanns Erzählungen", und bei der deutschen Erstaufführung von Einems „Prozess" in Hamburg lernte sie den österreichischen Journalisten Gerd W. Dieberitz kennen, den sie 1954 heiratete. Er ist mehr als ein „Journalist". Sicherlich hat er beim Nürnberger Prozess rein journalistische Arbeit geleistet und viele Reportagen geschrieben, die nichts mit der Kunst zu tun haben, aber dann hat er sich auch mit Feuilletons und mit Gedichten hervorgetan. Sein Einfluss auf Anneliese Rothenberger ist gewiss nicht gering, ihm hat sie es wahrscheinlich mit zu verdanken, dass sie sich ihre Rollen bis in die letzte Nuance hinein überlegt und durchdenkt, ohne dass sie dabei — und das ist so überraschend bei ihr — ihre angeborene Naivität und ihre ursprüngliche Spielbegabung einbüßte.

Bedeutungsvoll für ihren Aufstieg wurde die Mitwirkung in einem englischen „Fledermaus"-Film unter Regie von Michael Powell und Emmerich Pressburger mit Partnern wie Adolf Wohlbrück, Ludrmlla Tscherina und Mel Ferrer. Die Silvesteraufführung der Met am Vorabend des Jahres 1964 brachte unter Franz Allers die „Fledermaus", wiederum mit der Rothenberger. Ihr Auftreten im englischen Fernsehen, ihre Festspiel-Verpflichtungen in Edinburgh oder Glyndebourne oder im Teatro Colon zu Buenos Aires und schließlich ihre Liederabend-Tourneen durch Nordamerika — die erfolgreichste fand Anfang dieses Jahres statt — sollten noch vermerkt werden. Es bleibt zu hoffen, dass sie ihre Liederabende, auf die sie sich erfreulicherweise neuerdings mehr konzentriert, auch in Deutschland in steigendem Umfange bringt, und es wäre zu wünschen, dass man sie auch als „Susanna" oder mit italienischen Rollen noch häufiger bei uns erleben kann. Es ist wahrscheinlich, dass sie sich immer mehr von den heiteren Rollen — zu denen ich auch ihre fast schon zu vornehme „Sophie" rechnen möchte — zur lyrischen Tragödin hin entfalten wird. So stehen uns noch wesentliche Eindrücke bevor, hoffentlich auch Eindrücke im Oratoriengesang, sei es in den „Jahreszeiten" oder im „Messias".

Es ist schwer, von der Rothenberger zu schreiben, ohne zu schwärmen. Und in der Tat erinnert sie mich an meinen Jugendschwarm, an Martha Rohs. Aber wenn ich Kritiken betrachte, die man ihr etwa in Wien oder in New York zollte, dann weiß ich, dass ich nicht übertreibe, wenn ich behaupte, bislang keinem Star begegnet zu sein, der sich so wenig wie die Rothenberger starmäßig aufführt, der so fleißig an einer Vervollkommnung der Wiedergaben arbeitet, der so sicher und so klug abwägend seinen Weg zu gehen versteht, einen Weg, der noch viele Möglichkeiten für sie und für uns offenhält. Und so wird es auch gewiss bald Schallplatten geben, für die meine Behauptung nicht mehr zutrifft, durch die Platte sei die Kunst der Rothenberger nur halb zu erfahren: es dürfte Einspielungen geben, von denen die jüngste Rothenberger-Platte bei Electrola (70 500) einen Vorgeschmack bietet (der allerdings von unzureichender dirigentischer Leistung bei der Begleitung getrübt ist), Aufnahmen, mit denen von der musikalischen Gestaltung der Rollen her die ganze Kunst des Singens und Darstellens rein auf akustische Weise mitvollzogen werden kann, eine „Verführung" vom äußeren Charme her also keinesfalls den kritischen Sinn beeinträchtigen würde, sondern ihn um so mehr veranlasste, begründetes Lob und freudige Bewunderung auszusprechen.