Porträt: Nicolai Gjaurov
Erschienen im FONO FORUM im Dezember 1964

Sein Don Giovanni hat die vitale Kraft eines Mannes, der sich seiner Persönlichkeit und Wirkung bewusst ist, die geschmeidige Eleganz natürlicher Schönheit und deren ebenso direkte wie unverhüllte erotische Ausstrahlung; sein Don Giovanni vereint die Zärtlichkeit des Liebhabers mit der Wildheit und brutalen Härte des Despoten, der zu besitzen gewohnt ist — und zu herrschen. Sein Mephisto hat jenes Maß an spöttischer Weltverachtung, an Ironie und Sarkasmus, das nötig ist, um nicht allein dem Parfüm der Musik Gounods zu verfallen. Und bei Boito gewinnt sein Mefistofele das Format eines zynischen Rebellen gegen Gott, eines satanischen Philosophen und Zauberkünstlers.
Sein König Philipp bewegt durch die machtvolle Klage — und Anklage — seiner Stimme, aus der Schwermut, Melancholie und Fatalismus tönen, und er überzeugt durch Würde der Haltung und Kraft der Persönlichkeit. Drei Figuren und vier Rollen, in denen Nicolai Gjaurov bisher auf dem internationalen Opernmarkt (also zwischen der Mailänder Scala und der Londoner Covent Garden Opera, der Lyric Opera of Chicago und der Wiener Staatsoper) seine Gestaltungskraft überzeugend unter Beweis gestellt hat.
Die große Karriere dieses Sängers begann 1959. Damals holte man ihn, nachdem die Kritiker von Bologna seinen Mephisto hymnisch gerühmt hatten, telegrafisch an die Mailänder Scala. Für den Warlaam in Mussorgskys „Boris Godunow": Als „Bassist von morgen" hatte man ihn annonciert. Nach der Premiere nannten ihn die Mailänder Kritiker „il re di basso", obwohl ein anderer König der Bässe, Boris Christoff, die Titelpartie gesungen hatte ...
Bevor es soweit war, hatte Nicolai Gjaurov eine ebenso normale wie erfolgreiche Entwicklung durchgemacht.
In Velimgrad, einem bulgarischen Thermalbad, wurde er 1929 als Sohn eines Mesners geboren. Der Beruf des Vaters war von nicht geringer Bedeutung — Nicolai war schon im Kindesalter oft bei Chorproben in der Kirche zu finden. Mit sieben Jahren sang er bereits im Chor mit, dem Alter entsprechend Sopran. In der Schule lernte er Klavier, Violine und Klarinette — da ihm sein Vater die Instrumente nicht kaufen konnte, verdiente sich Nicolai einiges Geld in einem Jugendorchester. Auch sein schauspielerisches Talent fiel auf; er besuchte die Theaterschule und erhielt als Jüngling ein Engagement an das kleine Theater seiner Heimatstadt, wo er den Cavaradossi in Sardous „Tosca" und den Don Juan von Moliere spielte.
Die Singstimme wurde erst beim Militär entdeckt. „Musikchef" Gjaurov, damals 19 Jahre alt, übernahm bei der Aufführung einer neuen Kantate selbst das Solo inmitten des von ihm geleiteten Chores. Der Komponist, Petko Stainov, empfahl ihn an die Musikakademie von Sofia, wo man ihm ein Jahr lang ein staatliches Stipendium gewährte. 1950 erhielt er auf Grund seiner außerordentlichen Begabung einen Freiplatz am Konservatorium in Moskau, das Gjaurov 1955 mit den höchsten Auszeichnungen verließ. Im gleichen Jahr ersang er sich den Grand Prix in Paris und den ersten Opernerfolg als Basilio („Barbier von Sevilla") in Sofia. 1957 brachte ihn ein Manager nach Wien, wo er an der Staatsoper als Ramphis gastierte — allerdings in bulgarischer Sprache, was die Direktion veranlasste, den jungen Mann mit Lob und der Empfehlung, Sprachstudien zu betreiben, wieder ziehen zu lassen. Im gleichen Jahr sang Gjaurov am Bolschoi-Theater in Moskau — wieder Basilio, dazu Pimen und Mephisto.
Der Durchbruch gelang, wie erwähnt, 1959 in Mailand. Seither ist Nicolai Gjaurov der unbestritten führende Bass der Scala. wo er außer den schon erwähnten Rollen auch den Zaccaria („Nabucco"), Marcel („Hugenotten"), Gremin („Eugen Onegin"), Balthasar („Die Favoritin") und Creon („Medea") gesungen hat. Etwa 1960 begannen Gastspiele, erstaunlich spät die Tätigkeit für Plattenfirmen, die aber nun intensiviert werden soll. Herbert von Karajan hat Gjaurov für die Titelpartie seiner großen Produktion von „Boris Godunow" ausgewählt, die im Sommer 1965 bei den Salzburger Festspielen Premiere haben wird. Dies bedeutet für den Sänger — der zum bulgarischen „Nationalkünstler" mit lebenslänglicher, steuerfreier Rente ernannt wurde — nicht nur ein Rollendebüt, sondern auch einen vorläufigen Höhepunkt der Karriere, die bisher mit besonderer Sorgfalt und künstlerischem Ernst aufgebaut wurde — auch unter Mithilfe von Gattin Zlatina, die eine ausgezeichnete Pianistin ist, außerordentliches Verständnis für Gesang hat und ihren „König der Bässe" korrepetiert.
Nicolai Gjaurov ist ein typisch slawischer Sänger. Er lässt die Stimme, deren Umfang von einer richtig „schwarzen" Tiefe bis zu einer sicheren, klangvollen Höhe reicht und deren Dynamik ebenso eines zarten, klingenden Pianos wie eines gewaltig dröhnenden Forteausbruches fähig ist, in ruhigem, natürlichem Fluss strömen, und er lässt sich niemals durch technische Probleme, die er souverän meistert, vom melodischen Ausdruck ablenken. Er ist groß, von stattlicher Figur, hat ein markantes Gesicht mit lebhaftem Mienenspiel und ist eine wahrhaft imposante Bühnenerscheinung.
Seit einigen Jahren hat Gjaurov seinen ständigen Wohnsitz in Mailand. Er hat sich zwischen seinen italienischen Kollegen glänzend akklimatisiert, er hat ihre Lebensgewohnheiten, ihre Sprache und ihren Sinn für theatralische Effekte angenommen — aber er hat sich doch seine slawische Seele bewahrt und sein künstlerisches Gewissen. Gjaurov ist nicht nur ein Schönsänger; er versucht, den dramaturgischen Sinn einer Figur, ihren Charakter und ihre Geschichte genau zu erforschen, weil er in der Rollengestaltung den Intellekt gleichberechtigt neben das emotionelle Fühlen setzt.
So ist Nicolai Gjaurov heute schon als Nachfolger jener Generation großer Bässe anzusprechen, die im italienischen und slawischen Fach noch immer ein Beispiel geben:
Christoff, Rossi-Lemeni, Siepi und Tozzi. Daß sich Gjaurov unabhängig von einem gar nicht so seltenen Nachfolger-Komplex selbständig zu entwickeln vermag, spricht für seine starke Persönlichkeit und das Wissen um den eigenen Wert.
Sein Don Giovanni hat die vitale Kraft eines Mannes, der sich seiner Persönlichkeit und Wirkung bewusst ist, die geschmeidige Eleganz natürlicher Schönheit und deren ebenso direkte wie unverhüllte erotische Ausstrahlung; sein Don Giovanni vereint die Zärtlichkeit des Liebhabers mit der Wildheit und brutalen Härte des Despoten, der zu besitzen gewohnt ist — und zu herrschen. Sein Mephisto hat jenes Maß an spöttischer Weltverachtung, an Ironie und Sarkasmus, das nötig ist, um nicht allein dem Parfüm der Musik Gounods zu verfallen. Und bei Boito gewinnt sein Mefistofele das Format eines zynischen Rebellen gegen Gott, eines satanischen Philosophen und Zauberkünstlers.
Sein König Philipp bewegt durch die machtvolle Klage — und Anklage — seiner Stimme, aus der Schwermut, Melancholie und Fatalismus tönen, und er überzeugt durch Würde der Haltung und Kraft der Persönlichkeit. Drei Figuren und vier Rollen, in denen Nicolai Gjaurov bisher auf dem internationalen Opernmarkt (also zwischen der Mailänder Scala und der Londoner Covent Garden Opera, der Lyric Opera of Chicago und der Wiener Staatsoper) seine Gestaltungskraft überzeugend unter Beweis gestellt hat.
Die große Karriere dieses Sängers begann 1959. Damals holte man ihn, nachdem die Kritiker von Bologna seinen Mephisto hymnisch gerühmt hatten, telegrafisch an die Mailänder Scala. Für den Warlaam in Mussorgskys „Boris Godunow": Als „Bassist von morgen" hatte man ihn annonciert. Nach der Premiere nannten ihn die Mailänder Kritiker „il re di basso", obwohl ein anderer König der Bässe, Boris Christoff, die Titelpartie gesungen hatte ...
Bevor es soweit war, hatte Nicolai Gjaurov eine ebenso normale wie erfolgreiche Entwicklung durchgemacht.
In Velimgrad, einem bulgarischen Thermalbad, wurde er 1929 als Sohn eines Mesners geboren. Der Beruf des Vaters war von nicht geringer Bedeutung — Nicolai war schon im Kindesalter oft bei Chorproben in der Kirche zu finden. Mit sieben Jahren sang er bereits im Chor mit, dem Alter entsprechend Sopran. In der Schule lernte er Klavier, Violine und Klarinette — da ihm sein Vater die Instrumente nicht kaufen konnte, verdiente sich Nicolai einiges Geld in einem Jugendorchester. Auch sein schauspielerisches Talent fiel auf; er besuchte die Theaterschule und erhielt als Jüngling ein Engagement an das kleine Theater seiner Heimatstadt, wo er den Cavaradossi in Sardous „Tosca" und den Don Juan von Moliere spielte.
Die Singstimme wurde erst beim Militär entdeckt. „Musikchef" Gjaurov, damals 19 Jahre alt, übernahm bei der Aufführung einer neuen Kantate selbst das Solo inmitten des von ihm geleiteten Chores. Der Komponist, Petko Stainov, empfahl ihn an die Musikakademie von Sofia, wo man ihm ein Jahr lang ein staatliches Stipendium gewährte. 1950 erhielt er auf Grund seiner außerordentlichen Begabung einen Freiplatz am Konservatorium in Moskau, das Gjaurov 1955 mit den höchsten Auszeichnungen verließ. Im gleichen Jahr ersang er sich den Grand Prix in Paris und den ersten Opernerfolg als Basilio („Barbier von Sevilla") in Sofia. 1957 brachte ihn ein Manager nach Wien, wo er an der Staatsoper als Ramphis gastierte — allerdings in bulgarischer Sprache, was die Direktion veranlasste, den jungen Mann mit Lob und der Empfehlung, Sprachstudien zu betreiben, wieder ziehen zu lassen. Im gleichen Jahr sang Gjaurov am Bolschoi-Theater in Moskau — wieder Basilio, dazu Pimen und Mephisto.
Der Durchbruch gelang, wie erwähnt, 1959 in Mailand. Seither ist Nicolai Gjaurov der unbestritten führende Bass der Scala. wo er außer den schon erwähnten Rollen auch den Zaccaria („Nabucco"), Marcel („Hugenotten"), Gremin („Eugen Onegin"), Balthasar („Die Favoritin") und Creon („Medea") gesungen hat. Etwa 1960 begannen Gastspiele, erstaunlich spät die Tätigkeit für Plattenfirmen, die aber nun intensiviert werden soll. Herbert von Karajan hat Gjaurov für die Titelpartie seiner großen Produktion von „Boris Godunow" ausgewählt, die im Sommer 1965 bei den Salzburger Festspielen Premiere haben wird. Dies bedeutet für den Sänger — der zum bulgarischen „Nationalkünstler" mit lebenslänglicher, steuerfreier Rente ernannt wurde — nicht nur ein Rollendebüt, sondern auch einen vorläufigen Höhepunkt der Karriere, die bisher mit besonderer Sorgfalt und künstlerischem Ernst aufgebaut wurde — auch unter Mithilfe von Gattin Zlatina, die eine ausgezeichnete Pianistin ist, außerordentliches Verständnis für Gesang hat und ihren „König der Bässe" korrepetiert.
Nicolai Gjaurov ist ein typisch slawischer Sänger. Er lässt die Stimme, deren Umfang von einer richtig „schwarzen" Tiefe bis zu einer sicheren, klangvollen Höhe reicht und deren Dynamik ebenso eines zarten, klingenden Pianos wie eines gewaltig dröhnenden Forteausbruches fähig ist, in ruhigem, natürlichem Fluss strömen, und er lässt sich niemals durch technische Probleme, die er souverän meistert, vom melodischen Ausdruck ablenken. Er ist groß, von stattlicher Figur, hat ein markantes Gesicht mit lebhaftem Mienenspiel und ist eine wahrhaft imposante Bühnenerscheinung.
Seit einigen Jahren hat Gjaurov seinen ständigen Wohnsitz in Mailand. Er hat sich zwischen seinen italienischen Kollegen glänzend akklimatisiert, er hat ihre Lebensgewohnheiten, ihre Sprache und ihren Sinn für theatralische Effekte angenommen — aber er hat sich doch seine slawische Seele bewahrt und sein künstlerisches Gewissen. Gjaurov ist nicht nur ein Schönsänger; er versucht, den dramaturgischen Sinn einer Figur, ihren Charakter und ihre Geschichte genau zu erforschen, weil er in der Rollengestaltung den Intellekt gleichberechtigt neben das emotionelle Fühlen setzt.
So ist Nicolai Gjaurov heute schon als Nachfolger jener Generation großer Bässe anzusprechen, die im italienischen und slawischen Fach noch immer ein Beispiel geben:
Christoff, Rossi-Lemeni, Siepi und Tozzi. Daß sich Gjaurov unabhängig von einem gar nicht so seltenen Nachfolger-Komplex selbständig zu entwickeln vermag, spricht für seine starke Persönlichkeit und das Wissen um den eigenen Wert.



