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Aus erster Hand: „Zuerst an das Werk denken“

Von
N/A
Erschienen in der Printausgabe im
Januar 1965
Lesezeit ca.
Minuten

Musikverlage und Schallplattenfirmen haben, so unterschiedlich ihre Produkte auch ausfallen, ein gemeinsames Ziel: Es geht Ihnen um die Verbreitung von Musik - sei es in Form gedruckter Noten, sei es als klingende Interpretation. Dennoch hat sich die Schallplatte nahezu unabhängig vom traditionellen Musikverlag zu der Bedeutung entwickelt, die sie heute besitzt. Jahrzehnte hindurch gingen Musikverlage und Schallplattenhersteller ihre eigenen Wege. Und auch im Jahre 1965 gibt es erst wenige Musikverleger, die der Schallplatte einen festen Platz in ihrem Programm eingeräumt haben. Einer von ihnen ist D. Dr. h. c. Karl Vötterle, der Gründer und Inhaber des Bärenreiter-Verlages, der dem fono forum in einem Gespräch von seinen Vorstellungen und Ideen zum Thema Schallplatte berichtete.

Herr Dr. Vötterle, mit dem Begriff „Bärenreiter" verbindet sich die Vorstellung von musikalischer Jugendbewegung, alter Musik und Musikwissenschaft. Wie sind Sie zur Schallplatte gekommen?

Bärenreiter ist aus der Jugendbewegung entstanden, Im Mittelpunkt meiner Arbeit standen das Volkslied, der Choral und das eigene Musizieren — die Hausmusik und die Kammermusik. Die Schallplatte war eigentlich drei Jahrzehnte hindurch ein Gegenpol meiner Arbeit. Wir haben die Schallplatte — wie viele andere auch — als „Musikkonserve" von oben herab betrachtet und im Grunde nicht ernst genommen.

Wie kam es dann zu dem Umschwung in ihrer Einstellung zur Platte?

Das geschah auf eine organische Weise. Wir sind natürlich im Laufe der Jahre den kurzen Hosen entwachsen und haben gespürt, dass die Parole des Selbstmusizierens zwar sehr richtig ist, aber nicht alles bedeutet, dass zum Musizieren auch das Hören gehört. Und hier ist die Schallplatte eigentlich das Geschenk des Jahrhunderts ...

Wegen der Wiederholbarkeit der Musik...

Ja, denn sie macht die Schallplatte dem Rundfunk überlegen. Dort muss man nehmen, was aus dem Hahn kommt, hier kann man auswählen und das Passende im richtigen Augenblick erklingen lassen. Dann kam für mich persönlich auch ein grundsätzlicher Gedanke hinzu: Der Verleger verlegt Musik in ihrer im Schriftbild festgelegten Originalgestalt, sagte ich mir, warum soll er nicht auch die interpretierte Musik verlegen? Es ist ja das Merkwürdige, dass die Musikverlage hierin äußerst zurückhaltend gewesen sind.

Wie erklären Sie diese Tatsache?

Das hängt mit der Geschichte der Schallplatte zusammen, die, wie allgemein bekannt, zunächst als Jux-Artikel gehandelt wurde, sich dann allerdings in einem rasenden Tempo zu der Perfektion entwickelt hat, die wir heute genießen. Vor einer Generation war das kaum zu ahnen, deshalb dachte kein Musikverleger daran, neben Noten auch Schallplatten zu verlegen: Er konnte keine vollendete Wiedergabe erwarten, die Platte lockte ihn daher nicht. Die Elektroindustrie hingegen war dem Neuen aufgeschlossen, und sie war wahrscheinlich auch unbelasteter und wagemutiger als der Verlag.

Sie begannen also. Wann?

Ja, ich begann im Jahre 1959. Ein Gedanke, der natürlich weithin ein theoretischer bleiben wird, elektrisierte mich damals: nämlich der, möglichst gleichzeitig die Edition einer Komposition und dazu die vorbildliche Interpretation dieses Werkes herauszubringen.

So war es jetzt zum Beispiel bei dem neuentdeckten Larghetto und Allegro für zwei Klaviere von Mozart. Hat es früher schon ähnliche Fälle gegeben?

Ja. Naturgemäß liegt immer ein kleiner Abstand zwischen den beiden Veröffentlichungen, denn man kann ja erst musizieren, nachdem die Noten vorliegen. Aber Sie werden im Bärenreiter-Musicaphon-Katalog eine ganze Reihe gewichtiger Werke finden, die ich als Noten und auf Schall platten veröffentlicht habe. Dieses Verfahren hat natürlich gerade bei größeren Werken eine nicht zu unterschätzende werbende Bedeutung. Denn es ist ja immer mehr so, dass der Interpret, besonders der eines modernen Werkes, sehr stark daran interessiert ist, das Werk nicht nur in der oft kaum lesbaren Partitur vor sich zu haben, sondern als Klangbild aufnehmen zu können. Aber die Verwirklichung dieses Ideals ist natürlich eine Kostenfrage. Denn die Schallplatte kostet einschließlich der normalen Interpretenhonorare noch mehr als die Partitur und das Orchestermaterial eines modernen Werkes.

Sie beginnen jetzt mit der Veröffentlichung einer Gesamtausgabe der Werke Franz Berwalds, des bedeutenden schwedischen Komponisten. Besteht also die Aussicht, in diesem Zusammenhang auch etwas für die Schallplatte zu erhoffen? Bis jetzt gibt es doch von Berwalds Musik erst verhältnismäßig wenige Schallplatteneinspielungen, die überdies in den meisten Fällen nicht ohne Umstände zu bekommen sind.

Es ist noch zu früh, darüber etwas Bestimmtes zu sagen; aber selbstverständlich überlege ich auch Schallplatten-Ausgaben, und zwar zusammen mit schwedischen Künstlern — die Berwald-Ausgabe entsteht ja in Zusammenarbeit mit der schwedischen Regierung.

Durch Partitur und Schallplatte miteinander verbunden: Komponist Ernst Krenek (links) im Gespräch mit dem Verleger Karl Vötterle

Geht es nur um Kammermusik oder auch um die Sinfonien Berwalds?

Sinfonien liegen bereits in recht guten Wiedergaben vor, ich glaube, bei dieser Gelegenheit etwas sagen zu können, was ganz allgemein für meine Schallplattenarbeit gilt: Wir bringen möglichst keine Aufnahmen von einem Werk, das unserer Meinung nach bereits gut eingespielt vorliegt. Es liegen so unendlich viele wichtige Kompositionen noch nicht auf Platten vor, dass wir uns lieber in diesem Raum bewegen, als die Kleine Nachtmusik zum 150sten Male zu bringen.

Apropos Kleine Nachtmusik. Viele Schallplattenfirmen, und es sind vor allem die großen Firmen, sagen, dass sie finanziell praktisch nicht ohne die Populärklassik zurechtkommen. Sie dagegen haben keine „Perlen der Klassik" in ihrem Repertoire. Wie kommen Sie zurecht?

Da ist zunächst zu sagen, dass eine kleinere Firma — oder gemessen an den Giganten der Schallplattenwirtschaft: eine ganz kleine Schallplattenfirma — es sehr viel leichter hat, sich ein Profil zu geben als das große Unternehmen. Das zweite: Die kleine Firma kann ein Spezialgebiet viel sorgfältiger pflegen als es einer großen möglich ist. Und sie kann es damit auch — ich will nicht sagen lukrativ, aber immerhin wirtschaftlich erträglich gestalten. Dass es für eine kleine Firma naturgemäß sehr schwer ist, gegen die Weltkonzerne anzukommen, liegt auf der Hand. Wir waren uns von Anfang an darüber im klaren, dass es, um überhaupt neben den großen Firmen bestehen zu können, für uns Voraussetzung sein müsste, mindestens die Qualität der großen Firmen zu erreichen, die Schallplatte aber außerdem noch durch die Gestaltung der Tasche sowie durch einen gewichtigen Text, nicht nur einen Waschzetteltext, anziehend zu gestalten.

Das Erfreuliche ist, dass die Schallplattenwirtschaft, womit ich also die großen Firmen meine, inzwischen auch anerkannt hat, dass die kleinen Firmen nicht nur Nutznießer ihrer Pionierarbeit sind, sondern in vielen Fällen der Schallplatte auch neue Bereiche erschließen. Zum Beispiel werden die Unternehmen, die intensiv auf konfessionellem Gebiet arbeiten, zweifellos ein Publikum erreichen, das die große Schallplattenindustrie noch nicht in gleichem Maße erfasst hat; und wenn einmal das Abspielgerät im Hause steht, dann ist der Besitzer dieses Apparates auch ein möglicher Käufer für alle anderen Schallplatten. Insofern sind selbst die Schallplatten-Clubs Pioniere für die Schallplatte und den Schallplattenhandel.

Darf ich Ihnen bei dieser Gelegenheit noch etwas sagen: Wenn der Musikverleger Schallplatten verlegt, dann wird er mit anderen Gesichtspunkten an die Auswahl und an die Produktion gehen als ein großes Schallplattenunternehmen.

Inwiefern?

Ich bitte zu beachten, dass ich gesagt habe: andere Gesichtspunkte; damit ist keine Wertung ausgesprochen. Der Verleger ist naturgemäß an den Gedankengang seines Verlages gebunden. Allerdings wird er versuchen, diesen Gedankenkreis durch Kompositionen zu erweitern, die aus irgend einem Grunde nicht in seinem Verlag erschienen sind — weil etwa der Autor an einen anderen Verlag gebunden ist oder schon verlegt war, ehe der eigene Verlag bestanden hat. Dadurch wird sich dem Verleger leicht eine gewisse Beschränkung seiner Produktion ergeben. Das zweite: Der Verleger wird, wenn er Schallplatten bringt, zuerst an das Werk denken und erst in zweiter Linie an den Interpreten, während die große Schallplattenfirma, wie die Praxis zeigt, an erster Stelle den Interpreten herausstellt. Das zeigt die Auswahl, das beweisen nicht zuletzt auch die Schallplattentaschen mit Bild und Text.

Denken Sie vielleicht an Bilder von Karajan?

Nicht nur an den großen Karajan, sondern an die vielen kleinen Karajans, die genau so groß abgebildet werden. Es kommt natürlich auch in meinem Schallplattenwerk vor, dass ich Künstler groß im Bild herausstelle, aber das ist die Ausnahme.

Noch eine Frage im Zusammenhang mit der synchronen Edition von Noten und Schallplatten. Haben Sie schon beides in einer Ausgabe zu kombinieren versucht?

Ja, ich habe beispielsweise eines der bedeutendsten Werke geistlicher Musik unserer Zeit, Ernst Kreneks „Lamentatio Jeremiae Prophetae", in einer Kassette veröffentlicht, in der Partitur, die Schallplatte und eine Einführung enthalten sind.

Versprechen Sie sich von dieser Kombinationsmöglichkeit etwas?

Diese Parallelität und Kombination wird meiner Meinung nach nur für verhältnismäßig wenige Werke in Frage kommen. Wenn ich beispielsweise die Violinsonaten von Bach in dieser Form veröffentlichen würde, kämen viele Käufer, die sagten: Ich habe schon die Noten — ich möchte nur die Platte. Diese Koppelungen werden also nur in Fällen sinnvoll sein, in denen man voraussetzen kann, dass nur ein geringer Käuferkreis die Notenausgabe bereits besitzt.

Und wie stehen Sie zu der Frage einer Kombination von Buch und Schallplatte?

Es gibt ja schon eine ganze Menge Schallplattenbücher. Ich habe diese Kombination noch nicht durchgeführt. Sie wird in geeigneten Fällen sicher sinnvoll sein — wenn beispielsweise einem Vogelbuch auch eine Schallplatte mit dem Gesang der Vögel beigegeben wird. Aber das werden immer Ausnahmen bleiben. Verstehen Sie mich recht, diese Einstellung hat nichts mit meiner grundsätzlichen Einschätzung der Schallplatte zu tun: dass sie nämlich ein ausgesprochenes Gegenstück zum Buch ist. Es liegt keinerlei Berechtigung vor, die Schallplatte, weil sie nun zufällig ihrer Entstehungsgeschichte nach in Industriekonzernen groß geworden ist, von oben herab anzuschauen und zu sagen, sie sei vor allem Industrieprodukt, das mit dem Geist des Buches nichts zu tun habe. Es gibt minderwertige Bücher, und es gibt minderwertige Schallplatten, und die Schallplatte ist zweifellos ein geistiges Zeugnis — manchmal von überlegener, manchmal von unterlegener Form, die neben dem Buch eben gerade in unserer Zeit ihre große Bedeutung gewonnen hat. Die Tatsache, dass es kaum noch eine große Buchhandlung gibt, in der nicht auch Schallplatten gehandelt werden, spricht eine deutliche Sprache.

In diesem Zusammenhang: Wie stehen Sie zur Sprechschallplatte?

Nach meiner Meinung wird die Sprechschallplatte immer am Rande bleiben. Da bietet sich ein Feld für die Buchverleger, die ihre berühmten Autoren auf Schallplatte sprechen lassen können. Es ist ja nicht von der Hand zu weisen, dass es ein ganz eigenartiger Reiz ist, Autoren sprechen zu hören — manchmal auch eine gewaltige Enttäuschung ... Lustigerweise habe ich bei der letzten Verleihung des „Preises der Deutschen Schallplattenkritik" ausgerechnet für eine Sprechschallplatte einen Preis erhalten.

Wir haben bisher vorwiegend allgemeine Probleme behandelt. Was gäbe es noch von Bärenreiter im besonderen zu berichten? Zum Beispiel über Produktionsvorhaben, die interessant und spruchreif sind?

Das größte Schallplattenunternehmen, das ich jetzt in Arbeit habe, ist die Gesamtausgabe der Kleinen Geistlichen Konzerte von Heinrich Schütz. Abgesehen von einzelnen Konzerten, die irgendwo verstreut sind, liegt von diesen Kompositionen überhaupt noch nichts auf Schallplatte vor. Die erste Platte ist erschienen, die zweite ist aufgenommen. Im Ganzen werden es fünf Platten werden. Die Produktion erfolgt in enger Zusammenarbeit mit der Internationalen Heinrich-Schütz-Gesellschaft, deren Vorsitzender ich bin — und ich bin Vorsitzender geworden, weil Schütz eben sozusagen der musikalische Patron des Bärenreiter-Verlages ist. Bei meinen Schallplattenaufnahmen mit Musik von Schütz und Bach denke ich sehr stark daran, dass durch die Neue Schütz-Ausgabe oder die Neue Bach-Ausgabe verbesserte Noten-Vorlagen zur Verfügung stehen, die nun sinnvollerweise in Aufnahmen umgesetzt werden.

Meinen Sie, dass Schütz durch die Herausgabe dieser Schallplatten-Gesamtaufnahme ein bisschen populärer wird? Anders gesagt: versprechen Sie sich von dieser Veröffentlichung auch einen Publikumserfolg?

Ganz bestimmt! Die Barockkomponisten sind ja heute in einer Weise aktuell, die man noch vor zwanzig Jahren nicht für möglich gehalten hätte. Sehr bezeichnend dafür scheint mir die Veröffentlichung der umfangreichen „Tafelmusik" von Telemann zu sein, die beinahe gleichzeitig bei zwei Schallplattenfirmen erscheint.

In solchen Fällen macht sich natürlich bemerkbar, dass wir allein durch die Hausmitteilungen des Verlages, den „Bärenreiter-Boten" — er geht viermal im Jahr in einer Auflage von 60 000 Stück an einen ausgewählten Kreis von interessierten Musikfreunden — eine Direktwerbung durchführen können. Der große Verlag bietet der kleinen Schallplattenfirma da sehr gute Hilfen. Außerdem: was ist Publikumserfolg? Ein relativer Begriff. Nehmen wir an, von einer Platte mit klassischer oder alter Musik werden in zwei Jahren 5000 Stück verkauft. Eine solche Zahl wird die Schallplattenindustrie vielleicht recht uninteressiert zur Kenntnis nehmen. Für mich ist es ein Erfolg — auch das unterscheidet vielleicht Verleger und Industriefirma . . .

Musikverlage und Schallplattenfirmen haben, so unterschiedlich ihre Produkte auch ausfallen, ein gemeinsames Ziel: Es geht Ihnen um die Verbreitung von Musik - sei es in Form gedruckter Noten, sei es als klingende Interpretation. Dennoch hat sich die Schallplatte nahezu unabhängig vom traditionellen Musikverlag zu der Bedeutung entwickelt, die sie heute besitzt. Jahrzehnte hindurch gingen Musikverlage und Schallplattenhersteller ihre eigenen Wege. Und auch im Jahre 1965 gibt es erst wenige Musikverleger, die der Schallplatte einen festen Platz in ihrem Programm eingeräumt haben. Einer von ihnen ist D. Dr. h. c. Karl Vötterle, der Gründer und Inhaber des Bärenreiter-Verlages, der dem fono forum in einem Gespräch von seinen Vorstellungen und Ideen zum Thema Schallplatte berichtete.

Herr Dr. Vötterle, mit dem Begriff „Bärenreiter" verbindet sich die Vorstellung von musikalischer Jugendbewegung, alter Musik und Musikwissenschaft. Wie sind Sie zur Schallplatte gekommen?

Bärenreiter ist aus der Jugendbewegung entstanden, Im Mittelpunkt meiner Arbeit standen das Volkslied, der Choral und das eigene Musizieren — die Hausmusik und die Kammermusik. Die Schallplatte war eigentlich drei Jahrzehnte hindurch ein Gegenpol meiner Arbeit. Wir haben die Schallplatte — wie viele andere auch — als „Musikkonserve" von oben herab betrachtet und im Grunde nicht ernst genommen.

Wie kam es dann zu dem Umschwung in ihrer Einstellung zur Platte?

Das geschah auf eine organische Weise. Wir sind natürlich im Laufe der Jahre den kurzen Hosen entwachsen und haben gespürt, dass die Parole des Selbstmusizierens zwar sehr richtig ist, aber nicht alles bedeutet, dass zum Musizieren auch das Hören gehört. Und hier ist die Schallplatte eigentlich das Geschenk des Jahrhunderts ...

Wegen der Wiederholbarkeit der Musik...

Ja, denn sie macht die Schallplatte dem Rundfunk überlegen. Dort muss man nehmen, was aus dem Hahn kommt, hier kann man auswählen und das Passende im richtigen Augenblick erklingen lassen. Dann kam für mich persönlich auch ein grundsätzlicher Gedanke hinzu: Der Verleger verlegt Musik in ihrer im Schriftbild festgelegten Originalgestalt, sagte ich mir, warum soll er nicht auch die interpretierte Musik verlegen? Es ist ja das Merkwürdige, dass die Musikverlage hierin äußerst zurückhaltend gewesen sind.

Wie erklären Sie diese Tatsache?

Das hängt mit der Geschichte der Schallplatte zusammen, die, wie allgemein bekannt, zunächst als Jux-Artikel gehandelt wurde, sich dann allerdings in einem rasenden Tempo zu der Perfektion entwickelt hat, die wir heute genießen. Vor einer Generation war das kaum zu ahnen, deshalb dachte kein Musikverleger daran, neben Noten auch Schallplatten zu verlegen: Er konnte keine vollendete Wiedergabe erwarten, die Platte lockte ihn daher nicht. Die Elektroindustrie hingegen war dem Neuen aufgeschlossen, und sie war wahrscheinlich auch unbelasteter und wagemutiger als der Verlag.

Sie begannen also. Wann?

Ja, ich begann im Jahre 1959. Ein Gedanke, der natürlich weithin ein theoretischer bleiben wird, elektrisierte mich damals: nämlich der, möglichst gleichzeitig die Edition einer Komposition und dazu die vorbildliche Interpretation dieses Werkes herauszubringen.

So war es jetzt zum Beispiel bei dem neuentdeckten Larghetto und Allegro für zwei Klaviere von Mozart. Hat es früher schon ähnliche Fälle gegeben?

Ja. Naturgemäß liegt immer ein kleiner Abstand zwischen den beiden Veröffentlichungen, denn man kann ja erst musizieren, nachdem die Noten vorliegen. Aber Sie werden im Bärenreiter-Musicaphon-Katalog eine ganze Reihe gewichtiger Werke finden, die ich als Noten und auf Schall platten veröffentlicht habe. Dieses Verfahren hat natürlich gerade bei größeren Werken eine nicht zu unterschätzende werbende Bedeutung. Denn es ist ja immer mehr so, dass der Interpret, besonders der eines modernen Werkes, sehr stark daran interessiert ist, das Werk nicht nur in der oft kaum lesbaren Partitur vor sich zu haben, sondern als Klangbild aufnehmen zu können. Aber die Verwirklichung dieses Ideals ist natürlich eine Kostenfrage. Denn die Schallplatte kostet einschließlich der normalen Interpretenhonorare noch mehr als die Partitur und das Orchestermaterial eines modernen Werkes.

Sie beginnen jetzt mit der Veröffentlichung einer Gesamtausgabe der Werke Franz Berwalds, des bedeutenden schwedischen Komponisten. Besteht also die Aussicht, in diesem Zusammenhang auch etwas für die Schallplatte zu erhoffen? Bis jetzt gibt es doch von Berwalds Musik erst verhältnismäßig wenige Schallplatteneinspielungen, die überdies in den meisten Fällen nicht ohne Umstände zu bekommen sind.

Es ist noch zu früh, darüber etwas Bestimmtes zu sagen; aber selbstverständlich überlege ich auch Schallplatten-Ausgaben, und zwar zusammen mit schwedischen Künstlern — die Berwald-Ausgabe entsteht ja in Zusammenarbeit mit der schwedischen Regierung.

Durch Partitur und Schallplatte miteinander verbunden: Komponist Ernst Krenek (links) im Gespräch mit dem Verleger Karl Vötterle

Geht es nur um Kammermusik oder auch um die Sinfonien Berwalds?

Sinfonien liegen bereits in recht guten Wiedergaben vor, ich glaube, bei dieser Gelegenheit etwas sagen zu können, was ganz allgemein für meine Schallplattenarbeit gilt: Wir bringen möglichst keine Aufnahmen von einem Werk, das unserer Meinung nach bereits gut eingespielt vorliegt. Es liegen so unendlich viele wichtige Kompositionen noch nicht auf Platten vor, dass wir uns lieber in diesem Raum bewegen, als die Kleine Nachtmusik zum 150sten Male zu bringen.

Apropos Kleine Nachtmusik. Viele Schallplattenfirmen, und es sind vor allem die großen Firmen, sagen, dass sie finanziell praktisch nicht ohne die Populärklassik zurechtkommen. Sie dagegen haben keine „Perlen der Klassik" in ihrem Repertoire. Wie kommen Sie zurecht?

Da ist zunächst zu sagen, dass eine kleinere Firma — oder gemessen an den Giganten der Schallplattenwirtschaft: eine ganz kleine Schallplattenfirma — es sehr viel leichter hat, sich ein Profil zu geben als das große Unternehmen. Das zweite: Die kleine Firma kann ein Spezialgebiet viel sorgfältiger pflegen als es einer großen möglich ist. Und sie kann es damit auch — ich will nicht sagen lukrativ, aber immerhin wirtschaftlich erträglich gestalten. Dass es für eine kleine Firma naturgemäß sehr schwer ist, gegen die Weltkonzerne anzukommen, liegt auf der Hand. Wir waren uns von Anfang an darüber im klaren, dass es, um überhaupt neben den großen Firmen bestehen zu können, für uns Voraussetzung sein müsste, mindestens die Qualität der großen Firmen zu erreichen, die Schallplatte aber außerdem noch durch die Gestaltung der Tasche sowie durch einen gewichtigen Text, nicht nur einen Waschzetteltext, anziehend zu gestalten.

Das Erfreuliche ist, dass die Schallplattenwirtschaft, womit ich also die großen Firmen meine, inzwischen auch anerkannt hat, dass die kleinen Firmen nicht nur Nutznießer ihrer Pionierarbeit sind, sondern in vielen Fällen der Schallplatte auch neue Bereiche erschließen. Zum Beispiel werden die Unternehmen, die intensiv auf konfessionellem Gebiet arbeiten, zweifellos ein Publikum erreichen, das die große Schallplattenindustrie noch nicht in gleichem Maße erfasst hat; und wenn einmal das Abspielgerät im Hause steht, dann ist der Besitzer dieses Apparates auch ein möglicher Käufer für alle anderen Schallplatten. Insofern sind selbst die Schallplatten-Clubs Pioniere für die Schallplatte und den Schallplattenhandel.

Darf ich Ihnen bei dieser Gelegenheit noch etwas sagen: Wenn der Musikverleger Schallplatten verlegt, dann wird er mit anderen Gesichtspunkten an die Auswahl und an die Produktion gehen als ein großes Schallplattenunternehmen.

Inwiefern?

Ich bitte zu beachten, dass ich gesagt habe: andere Gesichtspunkte; damit ist keine Wertung ausgesprochen. Der Verleger ist naturgemäß an den Gedankengang seines Verlages gebunden. Allerdings wird er versuchen, diesen Gedankenkreis durch Kompositionen zu erweitern, die aus irgend einem Grunde nicht in seinem Verlag erschienen sind — weil etwa der Autor an einen anderen Verlag gebunden ist oder schon verlegt war, ehe der eigene Verlag bestanden hat. Dadurch wird sich dem Verleger leicht eine gewisse Beschränkung seiner Produktion ergeben. Das zweite: Der Verleger wird, wenn er Schallplatten bringt, zuerst an das Werk denken und erst in zweiter Linie an den Interpreten, während die große Schallplattenfirma, wie die Praxis zeigt, an erster Stelle den Interpreten herausstellt. Das zeigt die Auswahl, das beweisen nicht zuletzt auch die Schallplattentaschen mit Bild und Text.

Denken Sie vielleicht an Bilder von Karajan?

Nicht nur an den großen Karajan, sondern an die vielen kleinen Karajans, die genau so groß abgebildet werden. Es kommt natürlich auch in meinem Schallplattenwerk vor, dass ich Künstler groß im Bild herausstelle, aber das ist die Ausnahme.

Noch eine Frage im Zusammenhang mit der synchronen Edition von Noten und Schallplatten. Haben Sie schon beides in einer Ausgabe zu kombinieren versucht?

Ja, ich habe beispielsweise eines der bedeutendsten Werke geistlicher Musik unserer Zeit, Ernst Kreneks „Lamentatio Jeremiae Prophetae", in einer Kassette veröffentlicht, in der Partitur, die Schallplatte und eine Einführung enthalten sind.

Versprechen Sie sich von dieser Kombinationsmöglichkeit etwas?

Diese Parallelität und Kombination wird meiner Meinung nach nur für verhältnismäßig wenige Werke in Frage kommen. Wenn ich beispielsweise die Violinsonaten von Bach in dieser Form veröffentlichen würde, kämen viele Käufer, die sagten: Ich habe schon die Noten — ich möchte nur die Platte. Diese Koppelungen werden also nur in Fällen sinnvoll sein, in denen man voraussetzen kann, dass nur ein geringer Käuferkreis die Notenausgabe bereits besitzt.

Und wie stehen Sie zu der Frage einer Kombination von Buch und Schallplatte?

Es gibt ja schon eine ganze Menge Schallplattenbücher. Ich habe diese Kombination noch nicht durchgeführt. Sie wird in geeigneten Fällen sicher sinnvoll sein — wenn beispielsweise einem Vogelbuch auch eine Schallplatte mit dem Gesang der Vögel beigegeben wird. Aber das werden immer Ausnahmen bleiben. Verstehen Sie mich recht, diese Einstellung hat nichts mit meiner grundsätzlichen Einschätzung der Schallplatte zu tun: dass sie nämlich ein ausgesprochenes Gegenstück zum Buch ist. Es liegt keinerlei Berechtigung vor, die Schallplatte, weil sie nun zufällig ihrer Entstehungsgeschichte nach in Industriekonzernen groß geworden ist, von oben herab anzuschauen und zu sagen, sie sei vor allem Industrieprodukt, das mit dem Geist des Buches nichts zu tun habe. Es gibt minderwertige Bücher, und es gibt minderwertige Schallplatten, und die Schallplatte ist zweifellos ein geistiges Zeugnis — manchmal von überlegener, manchmal von unterlegener Form, die neben dem Buch eben gerade in unserer Zeit ihre große Bedeutung gewonnen hat. Die Tatsache, dass es kaum noch eine große Buchhandlung gibt, in der nicht auch Schallplatten gehandelt werden, spricht eine deutliche Sprache.

In diesem Zusammenhang: Wie stehen Sie zur Sprechschallplatte?

Nach meiner Meinung wird die Sprechschallplatte immer am Rande bleiben. Da bietet sich ein Feld für die Buchverleger, die ihre berühmten Autoren auf Schallplatte sprechen lassen können. Es ist ja nicht von der Hand zu weisen, dass es ein ganz eigenartiger Reiz ist, Autoren sprechen zu hören — manchmal auch eine gewaltige Enttäuschung ... Lustigerweise habe ich bei der letzten Verleihung des „Preises der Deutschen Schallplattenkritik" ausgerechnet für eine Sprechschallplatte einen Preis erhalten.

Wir haben bisher vorwiegend allgemeine Probleme behandelt. Was gäbe es noch von Bärenreiter im besonderen zu berichten? Zum Beispiel über Produktionsvorhaben, die interessant und spruchreif sind?

Das größte Schallplattenunternehmen, das ich jetzt in Arbeit habe, ist die Gesamtausgabe der Kleinen Geistlichen Konzerte von Heinrich Schütz. Abgesehen von einzelnen Konzerten, die irgendwo verstreut sind, liegt von diesen Kompositionen überhaupt noch nichts auf Schallplatte vor. Die erste Platte ist erschienen, die zweite ist aufgenommen. Im Ganzen werden es fünf Platten werden. Die Produktion erfolgt in enger Zusammenarbeit mit der Internationalen Heinrich-Schütz-Gesellschaft, deren Vorsitzender ich bin — und ich bin Vorsitzender geworden, weil Schütz eben sozusagen der musikalische Patron des Bärenreiter-Verlages ist. Bei meinen Schallplattenaufnahmen mit Musik von Schütz und Bach denke ich sehr stark daran, dass durch die Neue Schütz-Ausgabe oder die Neue Bach-Ausgabe verbesserte Noten-Vorlagen zur Verfügung stehen, die nun sinnvollerweise in Aufnahmen umgesetzt werden.

Meinen Sie, dass Schütz durch die Herausgabe dieser Schallplatten-Gesamtaufnahme ein bisschen populärer wird? Anders gesagt: versprechen Sie sich von dieser Veröffentlichung auch einen Publikumserfolg?

Ganz bestimmt! Die Barockkomponisten sind ja heute in einer Weise aktuell, die man noch vor zwanzig Jahren nicht für möglich gehalten hätte. Sehr bezeichnend dafür scheint mir die Veröffentlichung der umfangreichen „Tafelmusik" von Telemann zu sein, die beinahe gleichzeitig bei zwei Schallplattenfirmen erscheint.

In solchen Fällen macht sich natürlich bemerkbar, dass wir allein durch die Hausmitteilungen des Verlages, den „Bärenreiter-Boten" — er geht viermal im Jahr in einer Auflage von 60 000 Stück an einen ausgewählten Kreis von interessierten Musikfreunden — eine Direktwerbung durchführen können. Der große Verlag bietet der kleinen Schallplattenfirma da sehr gute Hilfen. Außerdem: was ist Publikumserfolg? Ein relativer Begriff. Nehmen wir an, von einer Platte mit klassischer oder alter Musik werden in zwei Jahren 5000 Stück verkauft. Eine solche Zahl wird die Schallplattenindustrie vielleicht recht uninteressiert zur Kenntnis nehmen. Für mich ist es ein Erfolg — auch das unterscheidet vielleicht Verleger und Industriefirma . . .