Belkanto auf der Geige
in memoriam Vasa Prihoda

Vor viereinhalb Jahren, im Sommer 1960, starb Vasa Prihoda kurz vor Vollendung seines 60. Lebensjahres. Jahrzehntelang war sein Name der Inbegriff geigerischer Virtuosität. Sein urwüchsiges Musikantentum und sein einzigartig süßer Geigenton, der allerdings manchen Kritikern zu „böhmisch" war, wird jedem unvergesslich sein, der Prihoda noch erlebt hat. Zum Glück gibt es nicht nur alte Prihoda-Schellackplatten; auch auf Langspielplatten erklingt sein unverwechselbarer Belkanto auf der Violine — erklingt zum Beispiel sein Bach, den er so schön spielte, dass vom seinerzeit üblichen „asketischen" Bachspiel keine Rede mehr sein konnte. Prihoda, ein Geiger, der auf dem Griffbrett keine Schwierigkeiten kannte — man höre Paganinis „Nel cor"-Variationen! — schrieb sich viele Transkriptionen selbst, er komponierte ein Violinkonzert und Kadenzen zu fast allen berühmten Konzerten. Die Freundschaft, die ihn mit Fritz Kreisler verband, beruhte auf Gegenseitigkeit, und Prihodas Ausspruch, nur noch Kreisler könne gute Kadenzen schreiben, zeugt von den Ansprüchen, die er in dieser Beziehung an sich selber stellte.
Sein künstlerischer Werdegang ist schnell erzählt: Er wurde im böhmischen Vodnany als Sohn des Kapellmeisters und späteren Musikschuldirektors Alois Prihoda geboren und entzückte schon als Fünfjähriger durch die erstaunliche Sicherheit, mit der er auf seiner kleinen Geige spielte. Mit sechs Jahren trug er in Prag die Violinkonzerte von Beethoven und Brahms vor. Das Aufsehen, das er erregte, brachte ihm die Verpflichtung für eine Tournee durch Europa. Wieder nach Prag zurückgekehrt, widmete er sich intensiveren Studien bei Professor Marak, die 1914 ihren Abschluss fanden.
Trotz der frühen Erfolge war Prihoda kein verwöhntes Wunderkind. Harte Entbehrungen blieben ihm nicht erspart, als er die Heimat verließ, um im Ausland sein Glück zu versuchen; aber erst als Neunzehnjährigem gelang Prihoda in Italien unter wahrhaft romantischen Umständen der Aufstieg, an den eine Karikatur in einem Zimmer seines Hauses am Wolfgangsee erinnert: Sie zeigt links den jungen Geiger auf der Straße in Mailand mit einer Tüte Äpfel, rechts ergießt sich über den befrackten Künstler das Füllhorn des Erfolges.
Tatsächlich hatte der junge, namenlose Geiger tagelang von Obst gelebt, weil seine Finanzen völlig zerrüttet waren; darauf entschloss er sich, in einer Galerie zu spielen, wo ihn Toscanini entdeckte. Konzertreisen führten Prihoda nun schnell auf den Gipfel des Ruhms. Er spielte in Deutschland, Österreich, Italien, Norwegen, Frankreich, Griechenland, Ägypten, in der Türkei und in Amerika; überall wurde er als „virtuoses Phänomen", „Zaubergeiger" und als „König eines königlichen Instrumentes" gefeiert und umjubelt.
Für die Nachwelt wichtig wurde sein Vertrag mit der Deutschen Grammophon Gesellschaft, damals noch mit dem Etikett „His Masters# Voice", dem wir eine Reihe sehr schöner Aufnahmen verdanken — bis vor kurzem gab es eine kleine Langspielplatte mit Werken Paganinis und Smetanas, die in den Jahren 1938/1939 aufgenommen wurden; leider ist sie jetzt gestrichen. Prag und München — dort wirkte er als Lehrer an der Akademie der Tonkunst — waren weitere Stationen seines Lebensweges, bevor es ihn, wohl aus gesundheitlichen Gründen, wieder nach Italien zog. In Rapallo an der oberitalienischen Riviera wohnte und unterrichtete er von 1947 bis 1950. Ein Vertrag mit der italienischen Cetra führte 1957 zu neuen Schallplattenaufnahmen, die auch heute noch greifbar sind: Tartinis „Teufelstriller"-Sonate in der Vieuxtemps-Fassung und die Vitali-Chaconne, das Viotti-Doppelkonzert (mit seinem Schüler Novello), zwei Mozartkonzerte mit Prihoda-Kadenzen, das Bach-Doppelkonzert (mit Novello) und mehrere kleine Stücke von Sarasate, Paganini, Hubay sowie Prihodas Serenata und Melodia Slava, Dvoräks Slawischer Tanz und der Rosenkavalier-Walzer — alles, wie gesagt, Langspielplatten der Cetra. Prihoda lehrte dann in Salzburger Sommerkursen und als Professor der Akademie in Wien, als deren Schüler seine Kinder, die 18jährige Gabriella und der 10jährige Giovanni, das verpflichtende musikalische Erbe ihres Vaters angetreten haben.
Als ich vor einigen Monaten Prihodas Familie besuchte, erfuhr ich manches aus seiner privaten Sphäre. Als Ausgleich für die anstrengende Tätigkeit des reisenden Solisten widmete sich Prihoda daheim ganz seiner Familie, spielte mit Begeisterung Modelleisenbahn, angelte und kaufte mit Vorliebe alte Autos, um an ihnen zu basteln und sie wieder flott zu machen.
Der Künstler Prihoda ging äußerst gewissenhaft zu Werk. Der Dirigent Robert Heger hat einmal über ihn gesagt: „Er war ein fanatischer Probierer — ich habe ähnliches nur bei Bronislaw Hubermann erlebt: Immer wieder bestand er darauf, vor der Orchesterprobe jeden Takt mit dem Dirigenten am Klavier zu besprechen. Mit sehr wachem Ohr verfolgte er die Ausführung des Orchesterparts. Er war dabei sehr kritisch, und schon ein kleiner Mangel, eine Stimmschwankung in den Holzbläsern, konnte ihn sichtlich verstimmen ... " Eine Verstimmung, die berechtigt war; denn er selber war immer „in Form". Ich erinnere mich in diesem Zusammenhang an eine kennzeichnende Episode während einer Bandaufnahme: Prihoda hatte ein virtuoses Stück gespielt — ich glaube, es war von Paganini —, aber die Technik wünschte eine Änderung der Mikrophonstellung und bat um eine zweite Aufnahme. „Warum?", fragte Prihoda, „ich spiele das zweite Mal genauso, oder wollen Sie eine neue Aufnahme mit neuem Honorar?" — und packte die Geige ein.
Erinnerung an Vasa Prihoda
Von Professor Carl Schuricht
Ein Zufall führt bisweilen zwei Musiker zueinander, die sofort künstlerisch wie menschlich Verehrung füreinander empfinden und sich recht innerlich aneinander anschließen möchten.
Damit wäre bei beiden der Wunsch nach häufigeren Begegnungen und einer möglichst lebhaften Korrespondenz gegeben.
Allein: wie können zwei „wandernde Musiker" auch nur einen oder den anderen Teil dieses Wunsches einander gewähren? Beide Persönlichkeiten werden von derselben Berufung umhergetrieben, zwischen Studien und stets sich wiederholenden Feuerproben vor der Öffentlichkeit. Nur selten führt Konzertverpflichtung sie gemeinsam zur Leistung. Und die Stunden künstlerischen Miteinanderwirkens und menschlich-naher Fühlungnahme bleiben rar.
So ist es mir mit dem herrlichen Geiger, großen Musiker und liebenswerten Menschen Vasa Prihoda ergangen, und meine lebhaften und unauslöschbaren Erinnerungen an den früh Verewigten beschränken sich daher auf einige Konzerte, in denen er Solist war und ich der Dirigent des begleitenden Orchesters.
Mir bedeutete die Art, wie er seinen höchst kultivierten Ton zu wandeln, wie er seine Partie zu gestalten pflegte, ebenso hohen musikalischen Genuss wie seine makellose Technik (der linken Hand und der Bogenführung).
Sein Spiel erschien mir als eine Dokumentation klassizistischen Geistes im Sinne klarster Formung, vereint mit wahrhaft durchbluteter Darstellung des Gehalts. Unvergesslich dies alles.
Ebenso unvergesslich auch das hohe Maß allgemeiner Bildung, das bei Zwiesprachen mit Prihoda in seinen harmonisch gelenkten Aussagen aufschien. — Prihoda war ein durchaus ernster und eigentlich stiller Mensch, dessen Charaktereigenschaften, sein hohes und reines Menschentum, neben ihrem Hervortreten in seinem Spiel, durch sein Reden und sein Leben bezeugt wurde. —
Es war mir ein lang gehegtes Bedürfnis, von diesem großen Dahingeschiedenen ein, wenn auch nur bescheidenes Zeugnis abzulegen. Ich tue es heute um so lieber, als ich vernommen habe, dass eine Matrize der Wiedergabe des Dvorak-Violinkonzertes durch Prihoda noch bei der Deutschen Grammophon Gesellschaft liegt. Vielleicht wäre es möglich, diese Matrize auf Langspielplatte zu übertragen. Eine solche Platte würde sicher allenthalben hochgeschätzt werden, des Dahingegangenen hohe. Kunst dokumentieren und den Musikliebhabern Freude bringen.
Vor viereinhalb Jahren, im Sommer 1960, starb Vasa Prihoda kurz vor Vollendung seines 60. Lebensjahres. Jahrzehntelang war sein Name der Inbegriff geigerischer Virtuosität. Sein urwüchsiges Musikantentum und sein einzigartig süßer Geigenton, der allerdings manchen Kritikern zu „böhmisch" war, wird jedem unvergesslich sein, der Prihoda noch erlebt hat. Zum Glück gibt es nicht nur alte Prihoda-Schellackplatten; auch auf Langspielplatten erklingt sein unverwechselbarer Belkanto auf der Violine — erklingt zum Beispiel sein Bach, den er so schön spielte, dass vom seinerzeit üblichen „asketischen" Bachspiel keine Rede mehr sein konnte. Prihoda, ein Geiger, der auf dem Griffbrett keine Schwierigkeiten kannte — man höre Paganinis „Nel cor"-Variationen! — schrieb sich viele Transkriptionen selbst, er komponierte ein Violinkonzert und Kadenzen zu fast allen berühmten Konzerten. Die Freundschaft, die ihn mit Fritz Kreisler verband, beruhte auf Gegenseitigkeit, und Prihodas Ausspruch, nur noch Kreisler könne gute Kadenzen schreiben, zeugt von den Ansprüchen, die er in dieser Beziehung an sich selber stellte.
Sein künstlerischer Werdegang ist schnell erzählt: Er wurde im böhmischen Vodnany als Sohn des Kapellmeisters und späteren Musikschuldirektors Alois Prihoda geboren und entzückte schon als Fünfjähriger durch die erstaunliche Sicherheit, mit der er auf seiner kleinen Geige spielte. Mit sechs Jahren trug er in Prag die Violinkonzerte von Beethoven und Brahms vor. Das Aufsehen, das er erregte, brachte ihm die Verpflichtung für eine Tournee durch Europa. Wieder nach Prag zurückgekehrt, widmete er sich intensiveren Studien bei Professor Marak, die 1914 ihren Abschluss fanden.
Trotz der frühen Erfolge war Prihoda kein verwöhntes Wunderkind. Harte Entbehrungen blieben ihm nicht erspart, als er die Heimat verließ, um im Ausland sein Glück zu versuchen; aber erst als Neunzehnjährigem gelang Prihoda in Italien unter wahrhaft romantischen Umständen der Aufstieg, an den eine Karikatur in einem Zimmer seines Hauses am Wolfgangsee erinnert: Sie zeigt links den jungen Geiger auf der Straße in Mailand mit einer Tüte Äpfel, rechts ergießt sich über den befrackten Künstler das Füllhorn des Erfolges.
Tatsächlich hatte der junge, namenlose Geiger tagelang von Obst gelebt, weil seine Finanzen völlig zerrüttet waren; darauf entschloss er sich, in einer Galerie zu spielen, wo ihn Toscanini entdeckte. Konzertreisen führten Prihoda nun schnell auf den Gipfel des Ruhms. Er spielte in Deutschland, Österreich, Italien, Norwegen, Frankreich, Griechenland, Ägypten, in der Türkei und in Amerika; überall wurde er als „virtuoses Phänomen", „Zaubergeiger" und als „König eines königlichen Instrumentes" gefeiert und umjubelt.
Für die Nachwelt wichtig wurde sein Vertrag mit der Deutschen Grammophon Gesellschaft, damals noch mit dem Etikett „His Masters# Voice", dem wir eine Reihe sehr schöner Aufnahmen verdanken — bis vor kurzem gab es eine kleine Langspielplatte mit Werken Paganinis und Smetanas, die in den Jahren 1938/1939 aufgenommen wurden; leider ist sie jetzt gestrichen. Prag und München — dort wirkte er als Lehrer an der Akademie der Tonkunst — waren weitere Stationen seines Lebensweges, bevor es ihn, wohl aus gesundheitlichen Gründen, wieder nach Italien zog. In Rapallo an der oberitalienischen Riviera wohnte und unterrichtete er von 1947 bis 1950. Ein Vertrag mit der italienischen Cetra führte 1957 zu neuen Schallplattenaufnahmen, die auch heute noch greifbar sind: Tartinis „Teufelstriller"-Sonate in der Vieuxtemps-Fassung und die Vitali-Chaconne, das Viotti-Doppelkonzert (mit seinem Schüler Novello), zwei Mozartkonzerte mit Prihoda-Kadenzen, das Bach-Doppelkonzert (mit Novello) und mehrere kleine Stücke von Sarasate, Paganini, Hubay sowie Prihodas Serenata und Melodia Slava, Dvoräks Slawischer Tanz und der Rosenkavalier-Walzer — alles, wie gesagt, Langspielplatten der Cetra. Prihoda lehrte dann in Salzburger Sommerkursen und als Professor der Akademie in Wien, als deren Schüler seine Kinder, die 18jährige Gabriella und der 10jährige Giovanni, das verpflichtende musikalische Erbe ihres Vaters angetreten haben.
Als ich vor einigen Monaten Prihodas Familie besuchte, erfuhr ich manches aus seiner privaten Sphäre. Als Ausgleich für die anstrengende Tätigkeit des reisenden Solisten widmete sich Prihoda daheim ganz seiner Familie, spielte mit Begeisterung Modelleisenbahn, angelte und kaufte mit Vorliebe alte Autos, um an ihnen zu basteln und sie wieder flott zu machen.
Der Künstler Prihoda ging äußerst gewissenhaft zu Werk. Der Dirigent Robert Heger hat einmal über ihn gesagt: „Er war ein fanatischer Probierer — ich habe ähnliches nur bei Bronislaw Hubermann erlebt: Immer wieder bestand er darauf, vor der Orchesterprobe jeden Takt mit dem Dirigenten am Klavier zu besprechen. Mit sehr wachem Ohr verfolgte er die Ausführung des Orchesterparts. Er war dabei sehr kritisch, und schon ein kleiner Mangel, eine Stimmschwankung in den Holzbläsern, konnte ihn sichtlich verstimmen ... " Eine Verstimmung, die berechtigt war; denn er selber war immer „in Form". Ich erinnere mich in diesem Zusammenhang an eine kennzeichnende Episode während einer Bandaufnahme: Prihoda hatte ein virtuoses Stück gespielt — ich glaube, es war von Paganini —, aber die Technik wünschte eine Änderung der Mikrophonstellung und bat um eine zweite Aufnahme. „Warum?", fragte Prihoda, „ich spiele das zweite Mal genauso, oder wollen Sie eine neue Aufnahme mit neuem Honorar?" — und packte die Geige ein.
Erinnerung an Vasa Prihoda
Von Professor Carl Schuricht
Ein Zufall führt bisweilen zwei Musiker zueinander, die sofort künstlerisch wie menschlich Verehrung füreinander empfinden und sich recht innerlich aneinander anschließen möchten.
Damit wäre bei beiden der Wunsch nach häufigeren Begegnungen und einer möglichst lebhaften Korrespondenz gegeben.
Allein: wie können zwei „wandernde Musiker" auch nur einen oder den anderen Teil dieses Wunsches einander gewähren? Beide Persönlichkeiten werden von derselben Berufung umhergetrieben, zwischen Studien und stets sich wiederholenden Feuerproben vor der Öffentlichkeit. Nur selten führt Konzertverpflichtung sie gemeinsam zur Leistung. Und die Stunden künstlerischen Miteinanderwirkens und menschlich-naher Fühlungnahme bleiben rar.
So ist es mir mit dem herrlichen Geiger, großen Musiker und liebenswerten Menschen Vasa Prihoda ergangen, und meine lebhaften und unauslöschbaren Erinnerungen an den früh Verewigten beschränken sich daher auf einige Konzerte, in denen er Solist war und ich der Dirigent des begleitenden Orchesters.
Mir bedeutete die Art, wie er seinen höchst kultivierten Ton zu wandeln, wie er seine Partie zu gestalten pflegte, ebenso hohen musikalischen Genuss wie seine makellose Technik (der linken Hand und der Bogenführung).
Sein Spiel erschien mir als eine Dokumentation klassizistischen Geistes im Sinne klarster Formung, vereint mit wahrhaft durchbluteter Darstellung des Gehalts. Unvergesslich dies alles.
Ebenso unvergesslich auch das hohe Maß allgemeiner Bildung, das bei Zwiesprachen mit Prihoda in seinen harmonisch gelenkten Aussagen aufschien. — Prihoda war ein durchaus ernster und eigentlich stiller Mensch, dessen Charaktereigenschaften, sein hohes und reines Menschentum, neben ihrem Hervortreten in seinem Spiel, durch sein Reden und sein Leben bezeugt wurde. —
Es war mir ein lang gehegtes Bedürfnis, von diesem großen Dahingeschiedenen ein, wenn auch nur bescheidenes Zeugnis abzulegen. Ich tue es heute um so lieber, als ich vernommen habe, dass eine Matrize der Wiedergabe des Dvorak-Violinkonzertes durch Prihoda noch bei der Deutschen Grammophon Gesellschaft liegt. Vielleicht wäre es möglich, diese Matrize auf Langspielplatte zu übertragen. Eine solche Platte würde sicher allenthalben hochgeschätzt werden, des Dahingegangenen hohe. Kunst dokumentieren und den Musikliebhabern Freude bringen.



