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Antal Dorati

Von
Everett Helm
Erschienen in der Printausgabe im
Februar 1965
Lesezeit ca.
Minuten

Es dürfte kaum einen Plattenliebhaber geben, der nicht einige von Antal Dorati dirigierte Werke in seiner Diskothek hat. Und es dürfte wenige andere Dirigenten geben, von denen so viele Schallplattenaufnahmen existieren wie von Dorati. Vor zwei Jahren wurde er von der amerikanischen Schallplattenindustrie mit zwei goldenen Platten ausgezeichnet: eine für eineinhalb Millionen, die zweite für eine weitere Million verkaufter Platten. Das ist vielleicht ein Weltrekord. Nebeneinandergereiht würden all diese Platten sicherlich eine Kette von Rom bis — sagen wir einmal — London ergeben.

Und würde man sie wirklich von Rom bis nach London hin ausbreiten, so könnte sie Dorati mehrmals im Monat vom Flugzeug aus betrachten, denn dies ist eine Strecke, die er regelmäßig fliegt. Dorati ist in beiden Städten zu Hause; in London ist er der Chefdirigent des BBC-Orchesters, in Rom der stolze Bewohner einer der schönsten Wohnungen der Ewigen Stadt. Von seiner Terrasse aus liegt ihm das Forum Romanum zu Füßen. „Es ist ein Jammer", sagte Dorati, „dass ich durchschnittlich nur zwei Monate im Jahr dort verbringen kann. Aber ich denke nicht daran, diese Wohnung aufzugeben, denn so etwas findet man nur einmal im Leben. Außerdem bin ich sehr schnell in Rom, wenn sich ein paar freie Tage zwischen Engagements ergeben. Von London fliege ich in zwei Stunden nach Rom; von Helsinki, dem entferntesten Punkt, viereinhalb; für die Strecke Rom—Tel Aviv braucht man nur ein paar Stunden. Warum sollte ich also drei Extra-Hemden in meinen Koffer werfen und irgendwo anders hinfahren, wenn ich ein bisschen freie Zeit habe? Man ist ja zu Hause viel besser aufgehoben als in irgendeinem Hotel. Außerdem habe ich oft in Italien zu tun; ich dirigiere im RAI (Radio Italiana), in den Konzerten, die die Santa- Cecilia-Gesellschaft veranstaltet, bei der venezianischen Biennale, bei dem Maggio Musicale Fiorentino ..."

Zu dieser Aufstellung könnte man noch viele andere Städte und Länder hinzufügen. Dorati hat zum Beispiel seit Jahren einen Gastvertrag mit dem Concertgebouw- und dem Residentie-Orchester in Holland, mit dem Orchestre Nationale de la Radio-Television Francaise und dem Conservatoire-Orchester in Paris. Er leitet oft das Königliche Dänische Orchester in Kopenhagen und dirigiert gelegentlich in Spanien, Österreich, Finnland, Deutschland und Belgien. In der Schweiz nimmt er jeden Sommer entweder an den Festspielen in Montreux oder Luzern teil. Hinzu kommen die 40 Konzerte im Jahr mit dem BBC-Orchester — die meisten in London, manche von ihnen auch in der Provinz — und regelmäßige Gastkonzerte mit dem London Symphony Orchestra.

Als ob dieses Programm für einen Menschen nicht genug wäre, komponiert Dorati noch regelmäßig. Abgesehen von seinen Frühwerken, die er als „Vorübungen" bezeichnet, hat er eine Kreuzzugs-Kantate (Text von Claudel), ein Cellokonzert, eine Sinfonie und viele Kammermusikwerke geschrieben. Unter seinen letzten Kompositionen ist ein Streicher-Oktett — vielleicht das erste nach Mendelssohn —, das dem aus Mitgliedern des BBC-Orchesters zusammengesetzten London Octet zugedacht ist.

Ich fragte ihn, woher er die Zeit für das Komponieren nehme, und er erzählte: „Das ist ganz einfach. Ich stehe jeden Tag um 7 Uhr auf und arbeite von 7.30 Uhr bis 9.30 Uhr. Manchmal auch noch abends. Sehr wichtig ist, dass ich schon als Kind an konzentrierte Arbeit gewöhnt worden bin. Bei uns zu Hause gab mein Vater in einem Zimmer Violinstunde; im anderen spielte meine Mutter Klavier. Ich kann heute unter allen Umständen arbeiten und auch neue Partituren lernen. Die ,süße Musik' des Flugzeuges mag ich nicht besonders, aber sie stört mich nicht. Ich komponiere viel im Flugzeug. Im Zug geht es dagegen nicht — es wackelt zu sehr."

Doroti wuchs in einem musikalischen Budapester Haus auf, in dem auch Bartök und Kodäly verkehrten. Er entschloss sich schon in jungen Jahren, Dirigent zu werden. „Als ich etwa 14 Jahre alt war, stellte ich in meinem Gymnasium ein Studenten-Orchester zusammen", erzählte Dorati. Es war ein unwahrscheinlicher Erfolg, denn ich hatte die Lehrer dazu überredet, den Orchestermitgliedern die letzte Schulstunde zu schenken, damit wir proben könnten. Jeder wollte ins Orchester und ich musste eine strenge Auswahl treffen. Wir gaben jedes Jahr zwei Konzerte. Vor allem spielten wir Klassiker, denn für moderne Musik fehlten uns die nötigen Instrumente. Während meiner ganzen Gymnasiumszeit habe ich das Orchester geleitet, dann wurde es von einem anderen Studenten übernommen. Es bestand noch viele Jahre später; was heute daraus geworden ist, weiß ich nicht."

Auf meine Frage nach seiner Ausbildung in Budapest antwortete er: „Ich absolvierte gleichzeitig das Gymnasium und die Musikakademie. Mit 18 Jahren bekam ich meine Matura und mein Konzert-Diplom und ging dann sofort als Korrepetitor zur Oper. Der Chefdirigent war damals Istvan Kerner, der am Ende seiner Karriere stand. Er war ein guter Musiker, aber sehr konservativ eingestellt. Ich erinnere mich noch, wie ich ihm die Hand küssen musste. Nach ihm kamen verschiedene interessante Gastdirigenten. Franz Schalk machte auf mich einen besonders starken Eindruck, aber auch der Österreicher Bernhard Tittel, Ferdinand Löwe und der hochbegabte Sergio Failoni. Im damaligen Budapest hörte man wenig moderne Musik — vor allem keine größeren Werke. Trotzdem probte ich an der Oper Strawinskys „Oedipus Rex" zwei Jahre nach der Uraufführung." „Le Chant du Rossignol" und das Klavierkonzert wurden damals auch aufgeführt. Aber in unserem Kreis, dem auch Bartök und Kodäly angehörten, nahmen wir privat und an der Musikakademie alle neuen Partituren durch, die uns aus dem Ausland erreichten. Und das großartige Waldbauer-Quartett spielte alles, was neu war: Schönberg, Ravel, Hindemith, Strawinsky und natürlich Bartök.

Nebenbei bemerkt — es wird oft behauptet, ich sei ein Schüler Bartöks gewesen. Das stimmt in dieser Form nicht. Ich habe Bartök gut gekannt und unendlich viel von ihm gelernt, aber ich besuchte nie seine Klasse. Bartök unterrichtete nur Klavier, niemals Theorie oder Komposition. Ich studierte Klavier bei Ernst von Dohnanyi und Theorie bei Leo Weiner.

1928 verließ ich Budapest. Ich spürte das Bedürfnis, mehr zu sehen und mehr zu lernen. Zunächst war ich ein Jahr als Kapellmeister in Dresden, dann drei Jahre in Münster, und später dirigierte ich in verschiedenen anderen Ländern."

Doratis Wunsch, mehr von der Welt zu sehen, ging in Erfüllung, denn von 1934 bis 1940 war er Chefdirigent des berühmten „Ballet Russe de Monte Carlo", jener historischen Truppe, die 1932 von Colonel de Basil gegründet wurde und sich rühmte, Nachfolger der Diaghilew-Kompanie zu sein. Während ihrer Glanzzeit — das heißt in den dreißiger Jahren — war sie es auch, obwohl sie am Ende als drittrangige amerikanische Provinztruppe nichts mehr davon ahnen ließ. Aber das ist eine andere Geschichte. Mit dem „Ballet Russe", dessen Standort Paris war, reiste Dorati durch Europa. Jedes Jahr wurde eine Saison in London und eine in New Yorks Metropolitan Opera House veranstaltet. Dabei erregte der junge Dirigent, der aus dem Ballett-Orchester soviel herausholte, Aufmerksamkeit. 1937 debütierte er in den Vereinigten Staaten als Gastdirigent mit dem National Symphony Orchestra in Washington. Das war der Anfang seiner amerikanischen Karriere. 1945 wurde er als musikalischer Leiter nach Dallas (Texas) verpflichtet; 1949 wurde er zum Nachfolger Dimitri Mitropoulos' in Minneapolis ernannt. Hier zeigte Dorati seine außergewöhnlichen Fähigkeiten als Orchestererzieher. Mitropoulos war ein großer Dirigent, aber kein Orchestererzieher. Als Mitropoulos das Minneapolis Orchester von Eugene Ormandy übernahm, war es ein sehr gutes, wenn auch kein brillantes Ensemble. Als Mitropoulos 12 Jahre später dem Ruf nach New York folgte, war das Minneapolis Symphony Orchestra ziemlich vernachlässigt. Aber als Dorati 1961 nach Europa zurückkehrte, hinterließ er einen Klangkörper, der mit den „großen" amerikanischen Orchestern konkurrieren konnte — und es heute unter Doratis Nachfolger, Stanislav Skrowaczewski, auch tut.

In England hat Dorati Ähnliches geleistet. Vor einigen Jahren ließ das London Symphony Orchestra einiges zu wünschen übrig. Als ich es nach etwa 4 Jahren wieder hörte, wollte ich meinen Ohren kaum trauen, so viel besser war es in der Zwischenzeit geworden. Und das hat man hauptsächlich zwei Ungarn zu danken — Antal Dorati und Georg Solti.

Und jetzt steht Dorati wieder einmal vor der gleichen Aufgabe: — vor der Regeneration des BBC-Orchesters. Ich fragte ihn, wie er diese Aufgabe zu erfüllen gedächte. „Die Rehabilitierung des BBC-Orchesters will ich nicht durch tiefschneidenden Personalwechsel erreichen, sondern durch vernünftiges (und das heißt strenges) Proben. Ein guter Dirigent wird zunächst versuchen, aus dem Vorhandenen das Beste zu machen. Die Kunst des Dirigierens besteht darin, ein potentiell gutes Orchester zu einem wirklich erstklassigen Ensemble zu erziehen. Gewiss wird es bei diesem Entwicklungsprozess nötig sein, einige Mitglieder, die nicht Schritt halten können, zu ersetzen. Im Augenblick habe ich zwei Hauptziele. Das erste ist, das Orchester von der übermäßig großen Studioarbeit zu entlasten und es daran zu gewöhnen, vor einem Publikum zu spielen. Das zweite ist, dafür zu sorgen, dass die Orchestermitglieder für einen normalen Dienst so bezahlt werden, dass sie sich nicht zu Tode arbeiten müssen. In dieser Form kann erstklassige Qualität erreicht werden."

Nun stellte ich die Frage, die ich manch anderem Dirigenten gestellt habe: wie wird man Dirigent? Ich bekam die sehr unorthodoxe, aber einleuchtende Antwort: „Wenn ein junger Mann Dirigent werden will, muss er zu allererst Musik studieren. An das Dirigieren sollte er zunächst nicht einmal denken — das Dirigieren ist sowieso ein Schwindel. Man kann einen angehenden Dirigenten überhaupt nicht beraten. Am besten geht er als Korrepetitor in ein Opernhaus, wenn er es kann. Alles übrige ist Talent und Ausdauer. Er muss da sein, wenn seine Chance kommt.

Es gibt keinen guten jungen Dirigenten, nur begabte. Die Quintessenz des Dirigierens liegt in den menschlichen Beziehungen, und hier kann man nur aus Erfahrung lernen." Und was sollten die Eigenschaften eines guten Dirigenten sein? Dorati überlegte nur kurz und antwortete sehr präzis: „Der erfolgreiche Dirigent muss zwei Eigenschaften besitzen. Die erste ist rein musikalischer Natur: er muss die Musik verstehen und empfinden. Das ist selbstverständlich. Die zweite hat mit Musik eigentlich nichts zu tun: der Dirigent muss befehlen können. Aber in der Kunst heißt „Befehlen" etwas völlig anderes als zum Beispiel in der Armee. In der Kunst kann man nicht auf Grund seines Ranges befehlen. Die Art Disziplin, bei der es heißt: ,so muss es sein und nicht anders, weil ich es so haben will, ganz gleich, ob es euch passst oder nicht' mag bei einem Feldzug oder in der Industrie wirksam auszuführen sein. Aber nicht, wenn man vor einem Orchester steht. Die Fähigkeit, als Dirigent zu gebieten, kann man nur in langjähriger Praxis erwerben; man muss gelebt haben, um zu wissen, wie man mit anderen Menschen umzugehen hat. Sogar ein General wird bessere Resultate erzielen, wenn er bei seinen Soldaten beliebt ist. Aber beim Dirigieren müssen die Orchestermitglieder auch so spielen wollen, wie der Dirigent es vorschreibt. Wenn man sie bittet, eine gewisse Passage forte zu spielen, setzt man voraus, dass sie es sich schnell überlegen und sich davon überzeugt haben, die Musik müsse wirklich so gespielt werden."

Es dürfte kaum einen Plattenliebhaber geben, der nicht einige von Antal Dorati dirigierte Werke in seiner Diskothek hat. Und es dürfte wenige andere Dirigenten geben, von denen so viele Schallplattenaufnahmen existieren wie von Dorati. Vor zwei Jahren wurde er von der amerikanischen Schallplattenindustrie mit zwei goldenen Platten ausgezeichnet: eine für eineinhalb Millionen, die zweite für eine weitere Million verkaufter Platten. Das ist vielleicht ein Weltrekord. Nebeneinandergereiht würden all diese Platten sicherlich eine Kette von Rom bis — sagen wir einmal — London ergeben.

Und würde man sie wirklich von Rom bis nach London hin ausbreiten, so könnte sie Dorati mehrmals im Monat vom Flugzeug aus betrachten, denn dies ist eine Strecke, die er regelmäßig fliegt. Dorati ist in beiden Städten zu Hause; in London ist er der Chefdirigent des BBC-Orchesters, in Rom der stolze Bewohner einer der schönsten Wohnungen der Ewigen Stadt. Von seiner Terrasse aus liegt ihm das Forum Romanum zu Füßen. „Es ist ein Jammer", sagte Dorati, „dass ich durchschnittlich nur zwei Monate im Jahr dort verbringen kann. Aber ich denke nicht daran, diese Wohnung aufzugeben, denn so etwas findet man nur einmal im Leben. Außerdem bin ich sehr schnell in Rom, wenn sich ein paar freie Tage zwischen Engagements ergeben. Von London fliege ich in zwei Stunden nach Rom; von Helsinki, dem entferntesten Punkt, viereinhalb; für die Strecke Rom—Tel Aviv braucht man nur ein paar Stunden. Warum sollte ich also drei Extra-Hemden in meinen Koffer werfen und irgendwo anders hinfahren, wenn ich ein bisschen freie Zeit habe? Man ist ja zu Hause viel besser aufgehoben als in irgendeinem Hotel. Außerdem habe ich oft in Italien zu tun; ich dirigiere im RAI (Radio Italiana), in den Konzerten, die die Santa- Cecilia-Gesellschaft veranstaltet, bei der venezianischen Biennale, bei dem Maggio Musicale Fiorentino ..."

Zu dieser Aufstellung könnte man noch viele andere Städte und Länder hinzufügen. Dorati hat zum Beispiel seit Jahren einen Gastvertrag mit dem Concertgebouw- und dem Residentie-Orchester in Holland, mit dem Orchestre Nationale de la Radio-Television Francaise und dem Conservatoire-Orchester in Paris. Er leitet oft das Königliche Dänische Orchester in Kopenhagen und dirigiert gelegentlich in Spanien, Österreich, Finnland, Deutschland und Belgien. In der Schweiz nimmt er jeden Sommer entweder an den Festspielen in Montreux oder Luzern teil. Hinzu kommen die 40 Konzerte im Jahr mit dem BBC-Orchester — die meisten in London, manche von ihnen auch in der Provinz — und regelmäßige Gastkonzerte mit dem London Symphony Orchestra.

Als ob dieses Programm für einen Menschen nicht genug wäre, komponiert Dorati noch regelmäßig. Abgesehen von seinen Frühwerken, die er als „Vorübungen" bezeichnet, hat er eine Kreuzzugs-Kantate (Text von Claudel), ein Cellokonzert, eine Sinfonie und viele Kammermusikwerke geschrieben. Unter seinen letzten Kompositionen ist ein Streicher-Oktett — vielleicht das erste nach Mendelssohn —, das dem aus Mitgliedern des BBC-Orchesters zusammengesetzten London Octet zugedacht ist.

Ich fragte ihn, woher er die Zeit für das Komponieren nehme, und er erzählte: „Das ist ganz einfach. Ich stehe jeden Tag um 7 Uhr auf und arbeite von 7.30 Uhr bis 9.30 Uhr. Manchmal auch noch abends. Sehr wichtig ist, dass ich schon als Kind an konzentrierte Arbeit gewöhnt worden bin. Bei uns zu Hause gab mein Vater in einem Zimmer Violinstunde; im anderen spielte meine Mutter Klavier. Ich kann heute unter allen Umständen arbeiten und auch neue Partituren lernen. Die ,süße Musik' des Flugzeuges mag ich nicht besonders, aber sie stört mich nicht. Ich komponiere viel im Flugzeug. Im Zug geht es dagegen nicht — es wackelt zu sehr."

Doroti wuchs in einem musikalischen Budapester Haus auf, in dem auch Bartök und Kodäly verkehrten. Er entschloss sich schon in jungen Jahren, Dirigent zu werden. „Als ich etwa 14 Jahre alt war, stellte ich in meinem Gymnasium ein Studenten-Orchester zusammen", erzählte Dorati. Es war ein unwahrscheinlicher Erfolg, denn ich hatte die Lehrer dazu überredet, den Orchestermitgliedern die letzte Schulstunde zu schenken, damit wir proben könnten. Jeder wollte ins Orchester und ich musste eine strenge Auswahl treffen. Wir gaben jedes Jahr zwei Konzerte. Vor allem spielten wir Klassiker, denn für moderne Musik fehlten uns die nötigen Instrumente. Während meiner ganzen Gymnasiumszeit habe ich das Orchester geleitet, dann wurde es von einem anderen Studenten übernommen. Es bestand noch viele Jahre später; was heute daraus geworden ist, weiß ich nicht."

Auf meine Frage nach seiner Ausbildung in Budapest antwortete er: „Ich absolvierte gleichzeitig das Gymnasium und die Musikakademie. Mit 18 Jahren bekam ich meine Matura und mein Konzert-Diplom und ging dann sofort als Korrepetitor zur Oper. Der Chefdirigent war damals Istvan Kerner, der am Ende seiner Karriere stand. Er war ein guter Musiker, aber sehr konservativ eingestellt. Ich erinnere mich noch, wie ich ihm die Hand küssen musste. Nach ihm kamen verschiedene interessante Gastdirigenten. Franz Schalk machte auf mich einen besonders starken Eindruck, aber auch der Österreicher Bernhard Tittel, Ferdinand Löwe und der hochbegabte Sergio Failoni. Im damaligen Budapest hörte man wenig moderne Musik — vor allem keine größeren Werke. Trotzdem probte ich an der Oper Strawinskys „Oedipus Rex" zwei Jahre nach der Uraufführung." „Le Chant du Rossignol" und das Klavierkonzert wurden damals auch aufgeführt. Aber in unserem Kreis, dem auch Bartök und Kodäly angehörten, nahmen wir privat und an der Musikakademie alle neuen Partituren durch, die uns aus dem Ausland erreichten. Und das großartige Waldbauer-Quartett spielte alles, was neu war: Schönberg, Ravel, Hindemith, Strawinsky und natürlich Bartök.

Nebenbei bemerkt — es wird oft behauptet, ich sei ein Schüler Bartöks gewesen. Das stimmt in dieser Form nicht. Ich habe Bartök gut gekannt und unendlich viel von ihm gelernt, aber ich besuchte nie seine Klasse. Bartök unterrichtete nur Klavier, niemals Theorie oder Komposition. Ich studierte Klavier bei Ernst von Dohnanyi und Theorie bei Leo Weiner.

1928 verließ ich Budapest. Ich spürte das Bedürfnis, mehr zu sehen und mehr zu lernen. Zunächst war ich ein Jahr als Kapellmeister in Dresden, dann drei Jahre in Münster, und später dirigierte ich in verschiedenen anderen Ländern."

Doratis Wunsch, mehr von der Welt zu sehen, ging in Erfüllung, denn von 1934 bis 1940 war er Chefdirigent des berühmten „Ballet Russe de Monte Carlo", jener historischen Truppe, die 1932 von Colonel de Basil gegründet wurde und sich rühmte, Nachfolger der Diaghilew-Kompanie zu sein. Während ihrer Glanzzeit — das heißt in den dreißiger Jahren — war sie es auch, obwohl sie am Ende als drittrangige amerikanische Provinztruppe nichts mehr davon ahnen ließ. Aber das ist eine andere Geschichte. Mit dem „Ballet Russe", dessen Standort Paris war, reiste Dorati durch Europa. Jedes Jahr wurde eine Saison in London und eine in New Yorks Metropolitan Opera House veranstaltet. Dabei erregte der junge Dirigent, der aus dem Ballett-Orchester soviel herausholte, Aufmerksamkeit. 1937 debütierte er in den Vereinigten Staaten als Gastdirigent mit dem National Symphony Orchestra in Washington. Das war der Anfang seiner amerikanischen Karriere. 1945 wurde er als musikalischer Leiter nach Dallas (Texas) verpflichtet; 1949 wurde er zum Nachfolger Dimitri Mitropoulos' in Minneapolis ernannt. Hier zeigte Dorati seine außergewöhnlichen Fähigkeiten als Orchestererzieher. Mitropoulos war ein großer Dirigent, aber kein Orchestererzieher. Als Mitropoulos das Minneapolis Orchester von Eugene Ormandy übernahm, war es ein sehr gutes, wenn auch kein brillantes Ensemble. Als Mitropoulos 12 Jahre später dem Ruf nach New York folgte, war das Minneapolis Symphony Orchestra ziemlich vernachlässigt. Aber als Dorati 1961 nach Europa zurückkehrte, hinterließ er einen Klangkörper, der mit den „großen" amerikanischen Orchestern konkurrieren konnte — und es heute unter Doratis Nachfolger, Stanislav Skrowaczewski, auch tut.

In England hat Dorati Ähnliches geleistet. Vor einigen Jahren ließ das London Symphony Orchestra einiges zu wünschen übrig. Als ich es nach etwa 4 Jahren wieder hörte, wollte ich meinen Ohren kaum trauen, so viel besser war es in der Zwischenzeit geworden. Und das hat man hauptsächlich zwei Ungarn zu danken — Antal Dorati und Georg Solti.

Und jetzt steht Dorati wieder einmal vor der gleichen Aufgabe: — vor der Regeneration des BBC-Orchesters. Ich fragte ihn, wie er diese Aufgabe zu erfüllen gedächte. „Die Rehabilitierung des BBC-Orchesters will ich nicht durch tiefschneidenden Personalwechsel erreichen, sondern durch vernünftiges (und das heißt strenges) Proben. Ein guter Dirigent wird zunächst versuchen, aus dem Vorhandenen das Beste zu machen. Die Kunst des Dirigierens besteht darin, ein potentiell gutes Orchester zu einem wirklich erstklassigen Ensemble zu erziehen. Gewiss wird es bei diesem Entwicklungsprozess nötig sein, einige Mitglieder, die nicht Schritt halten können, zu ersetzen. Im Augenblick habe ich zwei Hauptziele. Das erste ist, das Orchester von der übermäßig großen Studioarbeit zu entlasten und es daran zu gewöhnen, vor einem Publikum zu spielen. Das zweite ist, dafür zu sorgen, dass die Orchestermitglieder für einen normalen Dienst so bezahlt werden, dass sie sich nicht zu Tode arbeiten müssen. In dieser Form kann erstklassige Qualität erreicht werden."

Nun stellte ich die Frage, die ich manch anderem Dirigenten gestellt habe: wie wird man Dirigent? Ich bekam die sehr unorthodoxe, aber einleuchtende Antwort: „Wenn ein junger Mann Dirigent werden will, muss er zu allererst Musik studieren. An das Dirigieren sollte er zunächst nicht einmal denken — das Dirigieren ist sowieso ein Schwindel. Man kann einen angehenden Dirigenten überhaupt nicht beraten. Am besten geht er als Korrepetitor in ein Opernhaus, wenn er es kann. Alles übrige ist Talent und Ausdauer. Er muss da sein, wenn seine Chance kommt.

Es gibt keinen guten jungen Dirigenten, nur begabte. Die Quintessenz des Dirigierens liegt in den menschlichen Beziehungen, und hier kann man nur aus Erfahrung lernen." Und was sollten die Eigenschaften eines guten Dirigenten sein? Dorati überlegte nur kurz und antwortete sehr präzis: „Der erfolgreiche Dirigent muss zwei Eigenschaften besitzen. Die erste ist rein musikalischer Natur: er muss die Musik verstehen und empfinden. Das ist selbstverständlich. Die zweite hat mit Musik eigentlich nichts zu tun: der Dirigent muss befehlen können. Aber in der Kunst heißt „Befehlen" etwas völlig anderes als zum Beispiel in der Armee. In der Kunst kann man nicht auf Grund seines Ranges befehlen. Die Art Disziplin, bei der es heißt: ,so muss es sein und nicht anders, weil ich es so haben will, ganz gleich, ob es euch passst oder nicht' mag bei einem Feldzug oder in der Industrie wirksam auszuführen sein. Aber nicht, wenn man vor einem Orchester steht. Die Fähigkeit, als Dirigent zu gebieten, kann man nur in langjähriger Praxis erwerben; man muss gelebt haben, um zu wissen, wie man mit anderen Menschen umzugehen hat. Sogar ein General wird bessere Resultate erzielen, wenn er bei seinen Soldaten beliebt ist. Aber beim Dirigieren müssen die Orchestermitglieder auch so spielen wollen, wie der Dirigent es vorschreibt. Wenn man sie bittet, eine gewisse Passage forte zu spielen, setzt man voraus, dass sie es sich schnell überlegen und sich davon überzeugt haben, die Musik müsse wirklich so gespielt werden."