Archiv

Gundula Janowitz

Von
Clemens Höslinger
Erschienen in der Printausgabe im
März 1965
Lesezeit ca.
Minuten

Es wird kaum länger als vier Jahre her sein: eine Traviata-Aufführung der Wiener Staatsoper, nach der man beim Nachhausengehen von der Sängerin der — Flora redete. Bereits in dieser Nebenrolle erregte die junge Sopranistin Gundula Janowitz Aufmerksamkeit. Man sah in ihr alle Komponenten, die für eine große Sängerinnen-Karriere erforderlich sind, auf die glücklichste Weise vereint: Die Fähigkeit zu intensiver Rollenerfüllung, das gewinnende Aussehen und vor allem eine überaus wohltönende Stimme.

Innerhalb weniger Jahre hat sich der Erfolg eingestellt, der schon damals vorauszusehen war. Gundula Janowitz hat sich Opernbühne und Konzertsaal erobert. Den letzten und eigentlichen Ausschlag zum weltweiten Ruhm hat ihr allerdings erst die Schallplatte verschafft. Wenngleich es auch — begreiflicherweise — von ihrer Stimme noch nicht viele Aufnahmen gibt, so befinden sich doch zumindest zwei unter ihnen, die den Namen Gundula Janowitz in der Musikwelt bekannt gemacht haben: die Karajan-Produktionen der „Neunten" von Beethoven und des „Deutschen Requiems".

Für jemanden, der die Laufbahn der jungen Künstlerin von ihren Anfängen an verfolgen konnte, erschien dieser jähe Aufstieg zu höchster Geltung wohl bewundernswert, im Grunde jedoch keinesfalls überraschend. Es lag etwas Natürliches und Folgerichtiges in dieser Entwicklung. Die Stimme der Janowitz widerlegt ein häufig gebrauchtes Vorurteil, dass es heute keine wirklich charakteristischen und prägnanten Singstimmen mehr gebe. Ihr Sopran ist von unverwechselbarem Klang. Durch ihre kraftvolle und dennoch weiche Sopranstimme bebt ein eigenartiges Schillern und Leuchten, das sofort gefangen nimmt. Man muss ziemlich weit in die Vergangenheit zurückgreifen, um passende Stimmen vergleiche aufzuspüren. Erfahrenen Diskophilen ist wohl das fraulichkeusche Organ der jungverstorbenen Meta Seinemeyer vertraut. Aber auch die junge Lehmann, die Helletsgruber könnte man zum Vergleich heranziehen. Es ist nicht nur die Schönheit, der reine und schwerelose Klang der makelfrei geführten Stimme, woran sich der Hörer erfreut, es ist vielmehr etwas, was sich vielleicht am besten als das „Elektrisierende" oder — mit einem Paradoxon — als „harmonische Unruhe" bezeichnen ließe. Eine Gesangstechnik, der man heute fast nur auf Platten aus früheren Zeiten begegnet. Darum lautet die erste Frage, die ich an Gundula Janowitz richtete: Wo haben Sie singen gelernt? Antwort: In Graz, an der Musikakademie. Eine ausgezeichnete Schule, wie die Künstlerin gerne bestätigt: Im Zeitalter der Scharlatane und des elendsten Pfuschertums auf dem Gebiet der Stimmbildnerei eine tröstliche Kunde.

Von Graz wurde sie von Wieland Wagner zu den Bayreuther Festspielen geholt, und hierauf kam sie durch Karajan an die Wiener Staatsoper. Das erste, was sie tat, nachdem sie in Wien sesshaft geworden war: Sie sah sich nach einem Gesangslehrer um. In einem ehemaligen Opernsänger fand sie einen erfahrenen Lehrer, dem sie sich mit Erfolg anvertraute. Mit dem Lernen und Weiterbilden gedenkt sie noch lange nicht aufzuhören.

Es ist ihr daher keineswegs unangenehm, dass sie in ihrer neuen Heimatstadt Wien mit Arbeit nicht gerade überfordert wird. So bleibt Zeit für Gastspiele im Ausland, für Plattenaufnahmen — und zum Lernen. Merkwürdig ist, dass der Name Janowitz in der letzten Zeit von den Wiener Konzertprogrammen so gut wie ganz verschwunden ist. Dabei bedeutet gerade der Konzert- und Liedgesang das Höchste und Liebste, was es für die junge Sängerin überhaupt gibt. Viel mehr als das Opernsingen. Am meisten begeistert hat sie bisher die Sopranpartie in Haydns Schöpfung. Die Karajan-Aufführung im Januar 1963 war ein unvergessliches Erlebnis für Zuhörer und Mitwirkende. Möglicherweise gibt es eine Wiederholung bei den kommenden Salzburger Festspielen, und — was man nur hoffen kann — eine Plattenaufnahme. Natürlich mit der Janowitz als Solistin. Ob sie gerne auf Platten singt? Doch, nur macht ihr als „Neuling" noch das Fehlen eines Auditoriums bei den Aufnahmen zu schaffen; die rechte Stimmung und Spannung will sich nicht immer völlig einstellen. Aber mit der Zeit hofft sie auch auf diesem Gebiet die nötige Routine zu erlangen. Und gerade hier wären ja die interessantesten Möglichkeiten offen: Opernpartien, die sie auf der Bühne vorläufig noch nicht singen will, Oratorien und vor allem das unendlich weite Reich des Liedgesangs. Bisher hat sie sich mit größter Gründlichkeit mit den Schubert-Liedern befasst. Für den englischen Rundfunk hat sie eine Auswahl selten gehörter Gesänge aufgenommen. Als nächstes soll Brahms erarbeitet werden, später Hugo Wolf ...

Auch auf der Opernbühne zu Hause: Gundula Janowitz in Brittens „Sommernachtstraum"

Eine Frage liegt nahe: Warum gab Gundula Janowitz noch keinen Liederabend in Wien? (n anderen Städten hatte sie damit die schönsten Erfolge. Und wenn sie darauf zur Antwort gibt: wegen der Kritik, so wird ihr das niemand, der über den bedauerlichen Zustand der Wiener Musikkritik im Bilde ist, übel vermerken können. Jeder, der weiß, wieviel Einseitigkeit, Gehässigkeit und Taktlosigkeit hier meistens mitspielen, kann es wohl begreifen, dass ein sensibler Künstler eine gewisse Scheu davor empfindet, seine Leistung möglicherweise wegen irgendwelcher Nebensächlichkeiten in den Schmutz gezogen zu sehen.

Dennoch ist Gundula Janowitz weit davon entfernt, sich in Wien unbehaglich zu fühlen oder gar dem Beispiel etlicher Künstler zu folgen, die aus diesem Grund der Stadt den Rücken kehrten. Im Gegenteil: vor kurzem wurde ein Vertrag ausgestellt, der die Künstlerin für mehrere Jahre an die Staatsoper verpflichtet. Rollenpläne? Überraschende Antwort: Keine. Was ihr angeboten wird. Mehr kommt für sie nicht in Frage. Im Opernfach kennt sie keinen Ehrgeiz. Denn erst später, viel später gedenkt sie ihr Opern-Repertoire auszubauen: die Mozart-Rollen, die Wagner-, die Strauss-Partien. Da sie sich durchaus als deutsche Sängerin fühlt, gilt für sie der Grundsatz: Hände weg von italienischen Bühnenrollen. Nie wieder die Boheme! Opernsingen ist ein heikles Kapitel. Hier muss man wissen, was man sich zutrauen darf, und hier muss man vor allem — warten können.

Und wie war es bei den vergangenen Festwochen mit der gigantischen Partie der Kaiserin in der „Frau ohne Schatten"? Man hat diesem Ereignis mit Befürchtungen entgegengesehen, und die Auffassung war allgemein, dass die kostbare junge Stimme an dieser gewaltigen Rolle Schaden erleiden werde. Zu aller Freude erntete die Janowitz gerade mit dieser Partie einen ihrer glanzvollsten Erfolge. Das Geheimnis dieses Erfolgs? Die Rolle war Ton für Ton, nach allen ordentlichen Regeln der Stimm-Ökonomie, zusammen mit dem Dirigenten der Aufführung erarbeitet. In diesem planvollen Ausarbeiten, das jegliches überanstrengen vermeidet, ist Karajan ein Meister.

Damit ist das Gespräch auf den großen Dirigenten gekommen, mit dessen Namen der Werdegang der Janowitz unlösbar verbunden ist. Obwohl sie dem „Maestro assoluto" unendlich viel verdankt, obgleich es sie ehrt, dass er sie immer wieder als Solistin in seinen Aufführungen einsetzt, obwohl sie kaum Schöneres kennt als die künstlerische Zusammenarbeit mit ihm, fühlt sie sich doch keineswegs als Karajans Protektionskind. Zurückblickend auf ihren jäh aufsteigenden Werdegang findet sie, dass sich olles in einem gewissen logischen Ebenmaß entwickelt hat. Und ihre ganze Karriere, ihren jungen Ruhm führt sie auf eines zurück: auf den Fleiß, mit dem sie sich ihrem Beruf widmet. Ein Fleiß, der keine Schonung kennt. Freilich hat ihr der steile Aufstieg auch viel Missgunst und Feindseligkeit eingetragen. Das weiß sie, doch gottlob dringt davon nicht allzu viel in die Wände ihrer Wohnung ein. Tratsch und Klatsch sind ihr ein Gräuel. Zwischen ihrer privaten und ihrer künstlerischen Sphäre wünscht sie einen strengen Trennungsstrich gezogen. Mit einigem Bangen sah sie ihrem sehr erfolgreichen Amerika-Debüt im vorigen Monat entgegen, denn sie fürchtete mit gutem Grund, dass ihr im Lande der Publicity Interviews und Pressekonferenzen kaum erspart bleiben würden. Und nichts steht ihr mehr bevor als ein Interview.

Gundula Janowitz ist eine freundliche, humorvolle und (trotz ihres internationalen künstlerischen Ansehens) sehr bescheidene junge Dame. Von Jugend an ist sie an härteste Arbeit gewöhnt. Das Gesangsstudium hat sie sich selbst in anstrengender Büroarbeit verdient. Sie weiß, dass das Leben einer Sängerin alles eher als eine vita dolce ist; sie besucht keine Party, keinen „Heurigen", und sie war auch noch nie beim „Demel", Wiens kulinarischem Mekka. Um 7 Uhr morgens beginnt bei ihr der Arbeitstag, und er endet — an spielfreien Tagen — erst spät in den Abendstunden. Die kurzen Ruhepausen, die sie sich gönnt, verwendet sie für Lektüre (bevorzugtes Gebiet: klassische Literatur) oder fürs Plattenhören. In ihrer ansehnlichen Diskothek dominieren — was man bei einer Sängerin nicht vermuten würde — die Instrumentalwerke: Telemann, Bach, die alten Italiener ...

Gundula Janowitz ist eine der Jüngsten unserer heutigen Sängerinnen-Elite. Man kann ihrer künstlerischen Weiterentwicklung mit Freude und Zuversicht entgegensehen.

Es wird kaum länger als vier Jahre her sein: eine Traviata-Aufführung der Wiener Staatsoper, nach der man beim Nachhausengehen von der Sängerin der — Flora redete. Bereits in dieser Nebenrolle erregte die junge Sopranistin Gundula Janowitz Aufmerksamkeit. Man sah in ihr alle Komponenten, die für eine große Sängerinnen-Karriere erforderlich sind, auf die glücklichste Weise vereint: Die Fähigkeit zu intensiver Rollenerfüllung, das gewinnende Aussehen und vor allem eine überaus wohltönende Stimme.

Innerhalb weniger Jahre hat sich der Erfolg eingestellt, der schon damals vorauszusehen war. Gundula Janowitz hat sich Opernbühne und Konzertsaal erobert. Den letzten und eigentlichen Ausschlag zum weltweiten Ruhm hat ihr allerdings erst die Schallplatte verschafft. Wenngleich es auch — begreiflicherweise — von ihrer Stimme noch nicht viele Aufnahmen gibt, so befinden sich doch zumindest zwei unter ihnen, die den Namen Gundula Janowitz in der Musikwelt bekannt gemacht haben: die Karajan-Produktionen der „Neunten" von Beethoven und des „Deutschen Requiems".

Für jemanden, der die Laufbahn der jungen Künstlerin von ihren Anfängen an verfolgen konnte, erschien dieser jähe Aufstieg zu höchster Geltung wohl bewundernswert, im Grunde jedoch keinesfalls überraschend. Es lag etwas Natürliches und Folgerichtiges in dieser Entwicklung. Die Stimme der Janowitz widerlegt ein häufig gebrauchtes Vorurteil, dass es heute keine wirklich charakteristischen und prägnanten Singstimmen mehr gebe. Ihr Sopran ist von unverwechselbarem Klang. Durch ihre kraftvolle und dennoch weiche Sopranstimme bebt ein eigenartiges Schillern und Leuchten, das sofort gefangen nimmt. Man muss ziemlich weit in die Vergangenheit zurückgreifen, um passende Stimmen vergleiche aufzuspüren. Erfahrenen Diskophilen ist wohl das fraulichkeusche Organ der jungverstorbenen Meta Seinemeyer vertraut. Aber auch die junge Lehmann, die Helletsgruber könnte man zum Vergleich heranziehen. Es ist nicht nur die Schönheit, der reine und schwerelose Klang der makelfrei geführten Stimme, woran sich der Hörer erfreut, es ist vielmehr etwas, was sich vielleicht am besten als das „Elektrisierende" oder — mit einem Paradoxon — als „harmonische Unruhe" bezeichnen ließe. Eine Gesangstechnik, der man heute fast nur auf Platten aus früheren Zeiten begegnet. Darum lautet die erste Frage, die ich an Gundula Janowitz richtete: Wo haben Sie singen gelernt? Antwort: In Graz, an der Musikakademie. Eine ausgezeichnete Schule, wie die Künstlerin gerne bestätigt: Im Zeitalter der Scharlatane und des elendsten Pfuschertums auf dem Gebiet der Stimmbildnerei eine tröstliche Kunde.

Von Graz wurde sie von Wieland Wagner zu den Bayreuther Festspielen geholt, und hierauf kam sie durch Karajan an die Wiener Staatsoper. Das erste, was sie tat, nachdem sie in Wien sesshaft geworden war: Sie sah sich nach einem Gesangslehrer um. In einem ehemaligen Opernsänger fand sie einen erfahrenen Lehrer, dem sie sich mit Erfolg anvertraute. Mit dem Lernen und Weiterbilden gedenkt sie noch lange nicht aufzuhören.

Es ist ihr daher keineswegs unangenehm, dass sie in ihrer neuen Heimatstadt Wien mit Arbeit nicht gerade überfordert wird. So bleibt Zeit für Gastspiele im Ausland, für Plattenaufnahmen — und zum Lernen. Merkwürdig ist, dass der Name Janowitz in der letzten Zeit von den Wiener Konzertprogrammen so gut wie ganz verschwunden ist. Dabei bedeutet gerade der Konzert- und Liedgesang das Höchste und Liebste, was es für die junge Sängerin überhaupt gibt. Viel mehr als das Opernsingen. Am meisten begeistert hat sie bisher die Sopranpartie in Haydns Schöpfung. Die Karajan-Aufführung im Januar 1963 war ein unvergessliches Erlebnis für Zuhörer und Mitwirkende. Möglicherweise gibt es eine Wiederholung bei den kommenden Salzburger Festspielen, und — was man nur hoffen kann — eine Plattenaufnahme. Natürlich mit der Janowitz als Solistin. Ob sie gerne auf Platten singt? Doch, nur macht ihr als „Neuling" noch das Fehlen eines Auditoriums bei den Aufnahmen zu schaffen; die rechte Stimmung und Spannung will sich nicht immer völlig einstellen. Aber mit der Zeit hofft sie auch auf diesem Gebiet die nötige Routine zu erlangen. Und gerade hier wären ja die interessantesten Möglichkeiten offen: Opernpartien, die sie auf der Bühne vorläufig noch nicht singen will, Oratorien und vor allem das unendlich weite Reich des Liedgesangs. Bisher hat sie sich mit größter Gründlichkeit mit den Schubert-Liedern befasst. Für den englischen Rundfunk hat sie eine Auswahl selten gehörter Gesänge aufgenommen. Als nächstes soll Brahms erarbeitet werden, später Hugo Wolf ...

Auch auf der Opernbühne zu Hause: Gundula Janowitz in Brittens „Sommernachtstraum"

Eine Frage liegt nahe: Warum gab Gundula Janowitz noch keinen Liederabend in Wien? (n anderen Städten hatte sie damit die schönsten Erfolge. Und wenn sie darauf zur Antwort gibt: wegen der Kritik, so wird ihr das niemand, der über den bedauerlichen Zustand der Wiener Musikkritik im Bilde ist, übel vermerken können. Jeder, der weiß, wieviel Einseitigkeit, Gehässigkeit und Taktlosigkeit hier meistens mitspielen, kann es wohl begreifen, dass ein sensibler Künstler eine gewisse Scheu davor empfindet, seine Leistung möglicherweise wegen irgendwelcher Nebensächlichkeiten in den Schmutz gezogen zu sehen.

Dennoch ist Gundula Janowitz weit davon entfernt, sich in Wien unbehaglich zu fühlen oder gar dem Beispiel etlicher Künstler zu folgen, die aus diesem Grund der Stadt den Rücken kehrten. Im Gegenteil: vor kurzem wurde ein Vertrag ausgestellt, der die Künstlerin für mehrere Jahre an die Staatsoper verpflichtet. Rollenpläne? Überraschende Antwort: Keine. Was ihr angeboten wird. Mehr kommt für sie nicht in Frage. Im Opernfach kennt sie keinen Ehrgeiz. Denn erst später, viel später gedenkt sie ihr Opern-Repertoire auszubauen: die Mozart-Rollen, die Wagner-, die Strauss-Partien. Da sie sich durchaus als deutsche Sängerin fühlt, gilt für sie der Grundsatz: Hände weg von italienischen Bühnenrollen. Nie wieder die Boheme! Opernsingen ist ein heikles Kapitel. Hier muss man wissen, was man sich zutrauen darf, und hier muss man vor allem — warten können.

Und wie war es bei den vergangenen Festwochen mit der gigantischen Partie der Kaiserin in der „Frau ohne Schatten"? Man hat diesem Ereignis mit Befürchtungen entgegengesehen, und die Auffassung war allgemein, dass die kostbare junge Stimme an dieser gewaltigen Rolle Schaden erleiden werde. Zu aller Freude erntete die Janowitz gerade mit dieser Partie einen ihrer glanzvollsten Erfolge. Das Geheimnis dieses Erfolgs? Die Rolle war Ton für Ton, nach allen ordentlichen Regeln der Stimm-Ökonomie, zusammen mit dem Dirigenten der Aufführung erarbeitet. In diesem planvollen Ausarbeiten, das jegliches überanstrengen vermeidet, ist Karajan ein Meister.

Damit ist das Gespräch auf den großen Dirigenten gekommen, mit dessen Namen der Werdegang der Janowitz unlösbar verbunden ist. Obwohl sie dem „Maestro assoluto" unendlich viel verdankt, obgleich es sie ehrt, dass er sie immer wieder als Solistin in seinen Aufführungen einsetzt, obwohl sie kaum Schöneres kennt als die künstlerische Zusammenarbeit mit ihm, fühlt sie sich doch keineswegs als Karajans Protektionskind. Zurückblickend auf ihren jäh aufsteigenden Werdegang findet sie, dass sich olles in einem gewissen logischen Ebenmaß entwickelt hat. Und ihre ganze Karriere, ihren jungen Ruhm führt sie auf eines zurück: auf den Fleiß, mit dem sie sich ihrem Beruf widmet. Ein Fleiß, der keine Schonung kennt. Freilich hat ihr der steile Aufstieg auch viel Missgunst und Feindseligkeit eingetragen. Das weiß sie, doch gottlob dringt davon nicht allzu viel in die Wände ihrer Wohnung ein. Tratsch und Klatsch sind ihr ein Gräuel. Zwischen ihrer privaten und ihrer künstlerischen Sphäre wünscht sie einen strengen Trennungsstrich gezogen. Mit einigem Bangen sah sie ihrem sehr erfolgreichen Amerika-Debüt im vorigen Monat entgegen, denn sie fürchtete mit gutem Grund, dass ihr im Lande der Publicity Interviews und Pressekonferenzen kaum erspart bleiben würden. Und nichts steht ihr mehr bevor als ein Interview.

Gundula Janowitz ist eine freundliche, humorvolle und (trotz ihres internationalen künstlerischen Ansehens) sehr bescheidene junge Dame. Von Jugend an ist sie an härteste Arbeit gewöhnt. Das Gesangsstudium hat sie sich selbst in anstrengender Büroarbeit verdient. Sie weiß, dass das Leben einer Sängerin alles eher als eine vita dolce ist; sie besucht keine Party, keinen „Heurigen", und sie war auch noch nie beim „Demel", Wiens kulinarischem Mekka. Um 7 Uhr morgens beginnt bei ihr der Arbeitstag, und er endet — an spielfreien Tagen — erst spät in den Abendstunden. Die kurzen Ruhepausen, die sie sich gönnt, verwendet sie für Lektüre (bevorzugtes Gebiet: klassische Literatur) oder fürs Plattenhören. In ihrer ansehnlichen Diskothek dominieren — was man bei einer Sängerin nicht vermuten würde — die Instrumentalwerke: Telemann, Bach, die alten Italiener ...

Gundula Janowitz ist eine der Jüngsten unserer heutigen Sängerinnen-Elite. Man kann ihrer künstlerischen Weiterentwicklung mit Freude und Zuversicht entgegensehen.