Shirley Verrett
Ein FONO FORUM-Porträt

In den vergangenen Jahren ist es fast zur Regel geworden, dass ehrgeizige amerikanische Sänger an einem der deutschen Opernhäuser ihr Handwerk lernen und es zum Sprungbrett für ihre weitere Karriere benutzen. Die Mezzosopranistin Shirley Verrett bildet hier eine Ausnahme; sie nimmt schon heute in der musikalischen Welt einen beneidenswerten Rang ein und hat ihn sich ersungen, ohne diesen Weg gegangen zu sein. Vor vier Jahren trat Miss Verrett zum ersten Mal in der Öffentlichkeit hervor, und zwar als erste Preisträgerin im Wettbewerb der American National Federation of Music Clubs. Seither errang sie einen Erfolg nach dem anderen und eroberte sich Schritt für Schritt in einer blendenden, atemberaubenden Karriere die Opernbühne und das Konzertpodium.
Im Gegensatz zu vielen anderen Musikern hatte Shirley Verrett das Glück, musikalische Eltern zu haben, die großen Anteil an ihrer Ausbildung nahmen. Sie stammt zwar aus dem tiefsten amerikanischen Süden, aus New Orleans, wuchs jedoch in Kalifornien auf, wo sie schon als Sechsjährige von ihrem Vater den ersten Musikunterricht erhielt. 1955 nahm sich die Sopranistin Anna Fitzui, ein früheres Mitglied der Metropolitan Opera ihrer an, und nach fünfmonatigem intensivem Studium erschien sie bereits in einer Fernsehsendung. Mit Dalilas Arie „Mon coeur s'ouvre ä ta voix", die sie im Rahmen eines Künstlernachwuchs-Programms sang, hatte sie sensationellen Erfolg. Bei dieser Gelegenheit hörte auch Madame Szekely-Freschl, Pädagogin an der berühmten Juilliard School, Shirley Verrett und machte ihr das Angebot, ihre Schülerin zu werden. Von da ab riss die Kette ihrer Erfolge nicht mehr ab. Sie erhielt den Preis der John Charles Thomas-Scholarship, den Marian-Anderson-Preis, den des Berkshire Music Festival Opera Scholarship, des Martha Baird Rockefeller Aid to Music, den Preis der John Hay Witney Foundation und schließlich den der Young Musicians Foundation Grant sowie 1962 der Ford Foundation Opera Fellowship. Die vielleicht wichtigste dieser Auszeichnungen dürfte der Marian-Anderson-Preis sein, denn ohne das Beispiel und die Leistungen ihrer berühmten Landsmännin hätte es Shirley Verrett nicht so leicht gehabt, diese Erfolge in ihrem Heimatland zu erringen.
Das Jahr 1962 brachte für Shirley Verrett das Debüt auf der Opernbühne; sie sang die Carmen auf dem Spoleto-Festival. Seitdem ist diese Rolle immer wieder im Zusammenhang mit ihrem Namen genannt worden — vor allem im Jahr darauf, als sie am Bolshoi-Theater in Moskau sang. Der Auftritt wurde zu einem Triumph für die junge Sängerin, der die Besucher nach Ende der Vorstellung 20 Minuten lang begeistert applaudierten. Den gleichen Erfolg hatte Shirley Verrett in Kiew zu verzeichnen. Diese Auftritte fanden ihre Fortsetzung bei den Festspielen in Lausanne, in Konzerten und, 1964, in einer New Yorker Carmen-Inszenierung, zu der Bernard Büffet die Bühnenbilder gemalt hatte. Die Kritik bewunderte ihre samtene, überaus vielgetönte Stimme ebenso wie die überzeugende dramatische Gestaltung der Partie.
Allerdings war dies nicht ihr New Yorker Debüt; schon im November 1963 hatte sie ihren ersten Gesangsabend gegeben, der ihr begeisterte Kritiken einbrachte. Dem Konzertsaal gehört denn auch ihre größte Liebe; sie gibt nicht weniger als hundert Konzerte in einer Saison, wobei die Programme sich durch außergewöhnliche Vielfalt auszeichnen und beweisen, dass sie sich in allen Bereichen der Musik zu Hause fühlt. Bisher ist Shirley Verrett weder an der Metropolitan noch an der Covent Garden Opera aufgetreten, aber auch in London hat sie bereits ihr Konzertdebüt gegeben; im Mai dieses Jahres sang sie unter Lorin Maazel den Mezzopart in Verdis Requiem. Ich habe diese Aufführung selbst gehört und feststellen können, dass alles, was ich bisher über die Sängerin gehört hatte, nicht im mindesten übertrieben war. Die Stimme ist ein echter Mezzosopran, in sich völlig gefestigt, sie reicht bis zum hohen B und zeigt das typische volle tiefe Register, das man bei einer farbigen Mezzosängerin erwartet. Sie verfügt über große Reserven, und die Gipfeltöne klingen weder gepresst noch sonst irgendwie forciert. Ihr künstlerisches Temperament verriet sich bei der Wiedergabe des „Quid sum miser", und als ich diesen Satz und später das „Recordare" gehört hatte, war für mich entschieden, dass Shirley Verrett eine Sängerin und Künstlerin von hohen Graden ist.
Einiges davon zeigte sich auch auf der ersten Schallplatte, die ich von ihr hörte. Strawinsky selbst hatte Shirley Verrett für die Jokaste seiner neuen Aufnahme des Oedipus Rex ausgewählt, und dass sie seine Wahl glänzend gerechtfertigt hat, zeigt sich bei ihrem „Oracula, oracula". Auch der Komponist muss mehr als nur befriedigt gewesen sein, denn die junge Künstlerin singt wiederum unter Strawinsky, und zwar in einer Aufnähme eines seiner jüngsten Werke, „A Sermon, a Narrative and a Prayer", die soeben von der CBS produziert worden ist. Das Verständnis, das Shirley Verrett dem komplexen musikalischen Stil Strawinskys entgegenbringt, ist ein weiterer Beweis für ihre untrügliche Musikalität.
Ihre erste Schallplattenaufnahme liegt über fünf Jahre zurück; unter Josef Krips sang sie die Altpartie in Beethovens Neunter Sinfonie. Aber erst jetzt erhält ihre Plattenkarriere eine feste Form: Sie ist von der RCA-Victor exklusiv verpflichtet worden. Ihre erste Aufnahme dort bringt spanische Lieder; verschiedentlich hat man bemängelt, dass ihre Interpretation nicht unbedingt die originale spanische Atmosphäre beschwört, andererseits hat jedoch ihr Timbre eine durchschlagende persönliche Note. Auch ihre erste Opernaufnahme, die Gesamtaufnahme von Verdis „Die Macht des Schicksals", ist soeben veröffentlicht worden. Die Partie der Preziosilla, die sie dort singt, ist nicht unbedingt dankbar zu nennen, aber nur wenige ihrer Vorgängerinnen haben meines Wissens aus ihr soviel gemacht wie Shirley Verrett. Das „Rataplan" zeigt ungestüme Erregung und rhythmische Gewalt, und wenig später beschwört das „AI suon de! tamburo" eine militante Atmosphäre, die von großer Wirkung ist. Die Tatsache, dass die Oper vollständig aufgenommen worden ist, gibt der Preziosilla die Möglichkeit einer umfassenderen Charakterisierung, als es sonst üblich ist, und Shirley Verrett hat diese Gelegenheit geschmackvoll ausgenutzt.
Vor der Veröffentlichung stehen zwei weitere Opernplatten, der Mitschnitt einer öffentlichen New Yorker Aufführung von Verdis „Luisa Miller" mit Carlo Bergonzi und Anna Moffo in der Titelrolle, in der Shirley Verrett die Federica singt, und außerdem Glucks „Orpheus und Eurydike" mit ihr als Orpheus, eine römische Einspielung aus dem vergangenen Sommer. Als eine entzückende, attraktive Person und als ein bemerkenswertes musikalisches Talent dürfte Shirley Verrett noch für viele Jahre Opernbühnen, Konzertsäle und Schallplattenstudios beleben. Sogar in dieser Zeit, die an sich so reich an hervorragenden Mezzosopranistinnen ist, bedeutet sie eine ungewöhnliche Bereicherung der begrenzten Reihe unserer erstklassigen Gesangskünstler.
In den vergangenen Jahren ist es fast zur Regel geworden, dass ehrgeizige amerikanische Sänger an einem der deutschen Opernhäuser ihr Handwerk lernen und es zum Sprungbrett für ihre weitere Karriere benutzen. Die Mezzosopranistin Shirley Verrett bildet hier eine Ausnahme; sie nimmt schon heute in der musikalischen Welt einen beneidenswerten Rang ein und hat ihn sich ersungen, ohne diesen Weg gegangen zu sein. Vor vier Jahren trat Miss Verrett zum ersten Mal in der Öffentlichkeit hervor, und zwar als erste Preisträgerin im Wettbewerb der American National Federation of Music Clubs. Seither errang sie einen Erfolg nach dem anderen und eroberte sich Schritt für Schritt in einer blendenden, atemberaubenden Karriere die Opernbühne und das Konzertpodium.
Im Gegensatz zu vielen anderen Musikern hatte Shirley Verrett das Glück, musikalische Eltern zu haben, die großen Anteil an ihrer Ausbildung nahmen. Sie stammt zwar aus dem tiefsten amerikanischen Süden, aus New Orleans, wuchs jedoch in Kalifornien auf, wo sie schon als Sechsjährige von ihrem Vater den ersten Musikunterricht erhielt. 1955 nahm sich die Sopranistin Anna Fitzui, ein früheres Mitglied der Metropolitan Opera ihrer an, und nach fünfmonatigem intensivem Studium erschien sie bereits in einer Fernsehsendung. Mit Dalilas Arie „Mon coeur s'ouvre ä ta voix", die sie im Rahmen eines Künstlernachwuchs-Programms sang, hatte sie sensationellen Erfolg. Bei dieser Gelegenheit hörte auch Madame Szekely-Freschl, Pädagogin an der berühmten Juilliard School, Shirley Verrett und machte ihr das Angebot, ihre Schülerin zu werden. Von da ab riss die Kette ihrer Erfolge nicht mehr ab. Sie erhielt den Preis der John Charles Thomas-Scholarship, den Marian-Anderson-Preis, den des Berkshire Music Festival Opera Scholarship, des Martha Baird Rockefeller Aid to Music, den Preis der John Hay Witney Foundation und schließlich den der Young Musicians Foundation Grant sowie 1962 der Ford Foundation Opera Fellowship. Die vielleicht wichtigste dieser Auszeichnungen dürfte der Marian-Anderson-Preis sein, denn ohne das Beispiel und die Leistungen ihrer berühmten Landsmännin hätte es Shirley Verrett nicht so leicht gehabt, diese Erfolge in ihrem Heimatland zu erringen.
Das Jahr 1962 brachte für Shirley Verrett das Debüt auf der Opernbühne; sie sang die Carmen auf dem Spoleto-Festival. Seitdem ist diese Rolle immer wieder im Zusammenhang mit ihrem Namen genannt worden — vor allem im Jahr darauf, als sie am Bolshoi-Theater in Moskau sang. Der Auftritt wurde zu einem Triumph für die junge Sängerin, der die Besucher nach Ende der Vorstellung 20 Minuten lang begeistert applaudierten. Den gleichen Erfolg hatte Shirley Verrett in Kiew zu verzeichnen. Diese Auftritte fanden ihre Fortsetzung bei den Festspielen in Lausanne, in Konzerten und, 1964, in einer New Yorker Carmen-Inszenierung, zu der Bernard Büffet die Bühnenbilder gemalt hatte. Die Kritik bewunderte ihre samtene, überaus vielgetönte Stimme ebenso wie die überzeugende dramatische Gestaltung der Partie.
Allerdings war dies nicht ihr New Yorker Debüt; schon im November 1963 hatte sie ihren ersten Gesangsabend gegeben, der ihr begeisterte Kritiken einbrachte. Dem Konzertsaal gehört denn auch ihre größte Liebe; sie gibt nicht weniger als hundert Konzerte in einer Saison, wobei die Programme sich durch außergewöhnliche Vielfalt auszeichnen und beweisen, dass sie sich in allen Bereichen der Musik zu Hause fühlt. Bisher ist Shirley Verrett weder an der Metropolitan noch an der Covent Garden Opera aufgetreten, aber auch in London hat sie bereits ihr Konzertdebüt gegeben; im Mai dieses Jahres sang sie unter Lorin Maazel den Mezzopart in Verdis Requiem. Ich habe diese Aufführung selbst gehört und feststellen können, dass alles, was ich bisher über die Sängerin gehört hatte, nicht im mindesten übertrieben war. Die Stimme ist ein echter Mezzosopran, in sich völlig gefestigt, sie reicht bis zum hohen B und zeigt das typische volle tiefe Register, das man bei einer farbigen Mezzosängerin erwartet. Sie verfügt über große Reserven, und die Gipfeltöne klingen weder gepresst noch sonst irgendwie forciert. Ihr künstlerisches Temperament verriet sich bei der Wiedergabe des „Quid sum miser", und als ich diesen Satz und später das „Recordare" gehört hatte, war für mich entschieden, dass Shirley Verrett eine Sängerin und Künstlerin von hohen Graden ist.
Einiges davon zeigte sich auch auf der ersten Schallplatte, die ich von ihr hörte. Strawinsky selbst hatte Shirley Verrett für die Jokaste seiner neuen Aufnahme des Oedipus Rex ausgewählt, und dass sie seine Wahl glänzend gerechtfertigt hat, zeigt sich bei ihrem „Oracula, oracula". Auch der Komponist muss mehr als nur befriedigt gewesen sein, denn die junge Künstlerin singt wiederum unter Strawinsky, und zwar in einer Aufnähme eines seiner jüngsten Werke, „A Sermon, a Narrative and a Prayer", die soeben von der CBS produziert worden ist. Das Verständnis, das Shirley Verrett dem komplexen musikalischen Stil Strawinskys entgegenbringt, ist ein weiterer Beweis für ihre untrügliche Musikalität.
Ihre erste Schallplattenaufnahme liegt über fünf Jahre zurück; unter Josef Krips sang sie die Altpartie in Beethovens Neunter Sinfonie. Aber erst jetzt erhält ihre Plattenkarriere eine feste Form: Sie ist von der RCA-Victor exklusiv verpflichtet worden. Ihre erste Aufnahme dort bringt spanische Lieder; verschiedentlich hat man bemängelt, dass ihre Interpretation nicht unbedingt die originale spanische Atmosphäre beschwört, andererseits hat jedoch ihr Timbre eine durchschlagende persönliche Note. Auch ihre erste Opernaufnahme, die Gesamtaufnahme von Verdis „Die Macht des Schicksals", ist soeben veröffentlicht worden. Die Partie der Preziosilla, die sie dort singt, ist nicht unbedingt dankbar zu nennen, aber nur wenige ihrer Vorgängerinnen haben meines Wissens aus ihr soviel gemacht wie Shirley Verrett. Das „Rataplan" zeigt ungestüme Erregung und rhythmische Gewalt, und wenig später beschwört das „AI suon de! tamburo" eine militante Atmosphäre, die von großer Wirkung ist. Die Tatsache, dass die Oper vollständig aufgenommen worden ist, gibt der Preziosilla die Möglichkeit einer umfassenderen Charakterisierung, als es sonst üblich ist, und Shirley Verrett hat diese Gelegenheit geschmackvoll ausgenutzt.
Vor der Veröffentlichung stehen zwei weitere Opernplatten, der Mitschnitt einer öffentlichen New Yorker Aufführung von Verdis „Luisa Miller" mit Carlo Bergonzi und Anna Moffo in der Titelrolle, in der Shirley Verrett die Federica singt, und außerdem Glucks „Orpheus und Eurydike" mit ihr als Orpheus, eine römische Einspielung aus dem vergangenen Sommer. Als eine entzückende, attraktive Person und als ein bemerkenswertes musikalisches Talent dürfte Shirley Verrett noch für viele Jahre Opernbühnen, Konzertsäle und Schallplattenstudios beleben. Sogar in dieser Zeit, die an sich so reich an hervorragenden Mezzosopranistinnen ist, bedeutet sie eine ungewöhnliche Bereicherung der begrenzten Reihe unserer erstklassigen Gesangskünstler.



