Meine letzte Begegnung mit Sibelius
Erschienen im FONO FORUM im Dezember 1965

Er liebte das Fragen nicht sehr. Als ich bei meinem letzten Besuch das Gespräch auf seine „Achte" brachte, erhob er sich, stand eine ganze Weile, fast wie zur Salzsäule erstarrt, vor seinem Fenster, um sich mir dann mit den Worten zuzuwenden: „Wir wollen über dieses Thema nicht mehr sprechen." Ich wusste: Schon 1932 hatte es einen Telegrammwechsel mit den Londoner Philharmonikern gegeben, die nach der Uraufführung der achten Sinfonie fragten; Sibelius hatte lakonisch zurückgedrahtet: „Sinfonie noch nicht beendet." Der englische Dirigent Malcolm Sargent hatte Stunden vor Sibelius' Tod darüber ein Gespräch mit ihm gehabt; Monate zuvor war Ormandy mit derselben Frage bei ihm in „Ainola" gewesen ...
Sargent hatte am 20. September 1957 die „Fünfte" in der Universitätsaula in Helsinki dirigiert. Während sie ausklang, starb Sibelius; er hatte sich so sehr auf diese Aufführung gefreut und wollte sie im Radio hören. Katarina llves, die drittälteste Tochter von Sibelius, berichtet über die letzten Stunden ihres Vaters: „Am 20. September ist der Morgen ganz gewöhnlich verlaufen. Vater hatte sich angezogen und saß meiner Mutter gegenüber am Tisch, als Mutter plötzlich bemerkte, dass er langsam nach der linken Seite zu sank: das Zeichen einer Gehirnblutung! Das war gegen 1 Uhr nachmittags. Der Arzt wurde sofort herbeigerufen. Vater lag in einer tiefen Ohnmacht. Dieser Zustand dauerte den ganzen Tag; ab und zu hat er wohl etwas gemurmelt, aber richtig wach wurde er nicht mehr. Meine Schwester (Eva Paloheimo) und ich waren bereits nach Ainola gekommen, die anderen Töchter kamen später; eine Krankenschwester wurde bestellt. Doch gegen 9 Uhr abends ist Vater von uns gegangen, ohne Schmerzen."
Es war ein erschütternder Konzertausklang in Helsinki, als man vom plötzlichen Ableben des Meisters erfuhr. Man konnte es nicht fassen, dass Sibelius nicht mehr sein sollte; er, der ja nie ernstlich krank gewesen war und im Frühjahr noch eine Grippe mühelos überstanden hatte. Von weit her kamen die Freunde herbeigeflogen, mit Tränen in den Augen, und bekümmerte Gesichter, ergriffene Menschen sah man am denkwürdigen Begräbnistage. Sibelius1 Frau Aino, nach der das Haus „Ainola" benannt worden war, damals im Alter von 88 Jahren, „hat alles mitgemacht mit einer bewunderungswerten Ruhe und Würde. Ihre Trauer ist grenzenlos gewesen" (K. llves).
Gleich nach dem Bekanntwerden vom Tode des Meisters ging bekanntlich wieder das Fragen an: Gibt es eine „Achte"? Was hinterließ Sibelius? Sargent kehrte mit leerer Hand aus Ainola zurück, das er am 21. September noch einmal besucht hatte. Im Kamin lagen ein paar zerrissene Notenblätter, angesengt, kaum zu entziffern. Sollte er wirklich fast dreißig Jahre lang kaum eine Note geschrieben haben? Für Marian Anderson hatte er ein Lied, „Solitude", komponiert, das im Stockholmer Konserthuset uraufgeführt worden ist, und für eine Freimaurergruppe einen Chor verfasst — sonst nichts, schon gar keine zweite einsätzige Sinfonie, eine „Achte". „Ich möchte nicht das gleiche wie mein italienischer Kollege Leoncavallo erleben, als ihn Wilhelm II. aufforderte, den ,Roland von Berlin1 zu schreiben, der dann mit Pauken und Trompeten durchgefallen ist!", sagte mir Sibelius. Vielleicht wollte er nicht wie der unermüdliche Vaughan Williams eine achte und neunte Sinfonie schreiben, um sich dann sagen fassen zu müssen, sie sei ohne Einfall geschrieben und enthalte zu viel aus früheren Werken Zusammengekochtes ...
„Meine Musik setzt da ein, wo dem menschlichen Wort keine Möglichkeit mehr gegeben ist, sich auszudrücken", sagte mir Sibelius in dem unvergesslichen Gespräch. Er geleitete mich in seinen Garten, deutete auf eine kleine Anhöhe, auf der eine Bank stand, und sagte: „Hier sitze ich und warte, bis es mir gegeben wird, etwas auszusagen!" So war es immer bei Sibelius gewesen: Er springt unvermutet auf ein anderes Thema über. Er spricht sehr gut deutsch, russisch, englisch, italienisch, außer den nordischen Sprachen. Man muss ihn gut kennen, bei ihm wirklich zu Hause sein — in seinem Werk und in seinem Ainola —, um zu erkennen, wie identisch Wesen, Mentalität und Partitur sind und wie schwer es ihm oft fällt, in ihnen ein Thema auszuspinnen und zu variieren. Lieber setzt er gleich ein neues und wieder ein anderes hinzu. Und dann bricht er auch das ab und stellt einen völlig fremden Gedanken neben das eben Gesagte. Eine andere Welt tut sich auf. Eine neue Tonart hebt an. In einem Augenblick schaltet Sibelius um, im Gespräch wie in seinem sinfonischen Werk. Eben ließ er seine Gedanken in ganz ehrfürchtige Bezirke schweifen, um Sekunden später vom Erhabenen zum Lächerlichen zu schreiten und einen Witz zu erzählen, einen guten Ratschlag zu geben. So auch, als ich den Meister vor mir sah, sehr korrekt gekleidet, und er spürte, wie sehr ich die Frische und Vitalität in seinem biblischen Alter bewunderte: „Steigen Sie wie ich jeden Morgen um ein halb acht Uhr in die Sauna und laden Sie Ihre Verwandtschaft nur einmal im Monat ein! Dann haben Sie Ruhe zum Schaffen!"
Ganz still ist er von uns gegangen wie Melisande in Debussys Werk. Aber wie starb denn Sibelius' Melisande, wie stellte er ihr Sterben dar? Oft hatte Sibelius es in seinem Werk zu formen gesucht, in vielen seiner Lieder, der berühmten „Valse triste", dem kaum in seiner Hintergründigkeit verstandenen populärsten Werk neben der „Finlandia". „Ich fürchte mich nicht vor dem Tode", fuhr Sibelius fort. „Schade nur, dass das Leben so kurz ist. Man möchte soviel schaffen. Jetzt sitze ich oft nächtelang in meinem Arbeitszimmer, um die Zeit einzufangen, die kurzen Tage zu verlängern ... Mir geht es wie Bernard Shaw, den ich so verehrte. Als man ihn fragte, ob er sich vor dem Sterben fürchtete, meinte er: ,Keinesfalls — ich habe gute Freunde oben und unten.'"
Als ich Sibelius besuchte, stand der Flügel, an dem er zu arbeiten pflegte, verdeckt. „Sprechen wir nicht von meiner Arbeit; sagen Sie mir lieber, was Karajan macht. Nach Kajanus versteht er mich wohl am ehesten. Grüßen Sie ihn und sagen Sie ihm wie sehr ich angetan bin von seiner Darstellung meiner .Fünften'." Zu dieser Es-dur-Sinfonie hat mir Sibelius einen ganz individuellen Kommentar gegeben. Diese 13 Noten: es-b-es-d-b-d-es-b-c-d-b-d-es, wie sind sie von ihrem Schöpfer geprägt und, wie oft, bis zur Endgültigkeit umgeändert, uminstrumentiert worden, seit sie zum 50. Geburtstag des Meisters zum ersten Male erklangen. „Stellen Sie sich Glocken vor, die aus dem Himmel sich der Erde nähern, um ihr eine frohe Botschaft zu verkünden", sagte Sibelius. „Hören Sie die gegeneinanderstoßenden Glocken heraus?", fragte er mich. Immer wieder summte Sibelius diese langen, breiten, pastosen Töne. Hat Frosterus Recht, wenn er meint, Sibelius preise in diesen Akkorden „in einer Überschau von des Lebens Mittagshöhe das olympische Glück der intellektuellen Reife"? Wie vielgestaltig die Deutungen auch sein mögen, Sibelius sagte es bestimmt und klar: Gute Botschaft wollte er mit diesem Ausklang bringen, und man muss seine Handschrift kennen, um die sechs straffen Schlussakkorde mit den vielen Kunstpausen recht verstehen zu können. Immer wieder geht es ihm darum, das Gesagte doppelt und dreifach zu unterstreichen, um schließlich dann, zur letzten Bestätigung und Legitimierung, seinen Namenszug darunter zu setzen.
An jenem denkwürdigen 20. September 1957 übertrug Suomen Yleisradio die fünfte Sinfonie. Die Kraft dieses menschlich so erschütternden Schlusses werden wir noch viel verinnerlichter empfinden müssen als bisher. Aus den Schlussakkorden wurde das Todessiegel.
Er liebte das Fragen nicht sehr. Als ich bei meinem letzten Besuch das Gespräch auf seine „Achte" brachte, erhob er sich, stand eine ganze Weile, fast wie zur Salzsäule erstarrt, vor seinem Fenster, um sich mir dann mit den Worten zuzuwenden: „Wir wollen über dieses Thema nicht mehr sprechen." Ich wusste: Schon 1932 hatte es einen Telegrammwechsel mit den Londoner Philharmonikern gegeben, die nach der Uraufführung der achten Sinfonie fragten; Sibelius hatte lakonisch zurückgedrahtet: „Sinfonie noch nicht beendet." Der englische Dirigent Malcolm Sargent hatte Stunden vor Sibelius' Tod darüber ein Gespräch mit ihm gehabt; Monate zuvor war Ormandy mit derselben Frage bei ihm in „Ainola" gewesen ...
Sargent hatte am 20. September 1957 die „Fünfte" in der Universitätsaula in Helsinki dirigiert. Während sie ausklang, starb Sibelius; er hatte sich so sehr auf diese Aufführung gefreut und wollte sie im Radio hören. Katarina llves, die drittälteste Tochter von Sibelius, berichtet über die letzten Stunden ihres Vaters: „Am 20. September ist der Morgen ganz gewöhnlich verlaufen. Vater hatte sich angezogen und saß meiner Mutter gegenüber am Tisch, als Mutter plötzlich bemerkte, dass er langsam nach der linken Seite zu sank: das Zeichen einer Gehirnblutung! Das war gegen 1 Uhr nachmittags. Der Arzt wurde sofort herbeigerufen. Vater lag in einer tiefen Ohnmacht. Dieser Zustand dauerte den ganzen Tag; ab und zu hat er wohl etwas gemurmelt, aber richtig wach wurde er nicht mehr. Meine Schwester (Eva Paloheimo) und ich waren bereits nach Ainola gekommen, die anderen Töchter kamen später; eine Krankenschwester wurde bestellt. Doch gegen 9 Uhr abends ist Vater von uns gegangen, ohne Schmerzen."
Es war ein erschütternder Konzertausklang in Helsinki, als man vom plötzlichen Ableben des Meisters erfuhr. Man konnte es nicht fassen, dass Sibelius nicht mehr sein sollte; er, der ja nie ernstlich krank gewesen war und im Frühjahr noch eine Grippe mühelos überstanden hatte. Von weit her kamen die Freunde herbeigeflogen, mit Tränen in den Augen, und bekümmerte Gesichter, ergriffene Menschen sah man am denkwürdigen Begräbnistage. Sibelius1 Frau Aino, nach der das Haus „Ainola" benannt worden war, damals im Alter von 88 Jahren, „hat alles mitgemacht mit einer bewunderungswerten Ruhe und Würde. Ihre Trauer ist grenzenlos gewesen" (K. llves).
Gleich nach dem Bekanntwerden vom Tode des Meisters ging bekanntlich wieder das Fragen an: Gibt es eine „Achte"? Was hinterließ Sibelius? Sargent kehrte mit leerer Hand aus Ainola zurück, das er am 21. September noch einmal besucht hatte. Im Kamin lagen ein paar zerrissene Notenblätter, angesengt, kaum zu entziffern. Sollte er wirklich fast dreißig Jahre lang kaum eine Note geschrieben haben? Für Marian Anderson hatte er ein Lied, „Solitude", komponiert, das im Stockholmer Konserthuset uraufgeführt worden ist, und für eine Freimaurergruppe einen Chor verfasst — sonst nichts, schon gar keine zweite einsätzige Sinfonie, eine „Achte". „Ich möchte nicht das gleiche wie mein italienischer Kollege Leoncavallo erleben, als ihn Wilhelm II. aufforderte, den ,Roland von Berlin1 zu schreiben, der dann mit Pauken und Trompeten durchgefallen ist!", sagte mir Sibelius. Vielleicht wollte er nicht wie der unermüdliche Vaughan Williams eine achte und neunte Sinfonie schreiben, um sich dann sagen fassen zu müssen, sie sei ohne Einfall geschrieben und enthalte zu viel aus früheren Werken Zusammengekochtes ...
„Meine Musik setzt da ein, wo dem menschlichen Wort keine Möglichkeit mehr gegeben ist, sich auszudrücken", sagte mir Sibelius in dem unvergesslichen Gespräch. Er geleitete mich in seinen Garten, deutete auf eine kleine Anhöhe, auf der eine Bank stand, und sagte: „Hier sitze ich und warte, bis es mir gegeben wird, etwas auszusagen!" So war es immer bei Sibelius gewesen: Er springt unvermutet auf ein anderes Thema über. Er spricht sehr gut deutsch, russisch, englisch, italienisch, außer den nordischen Sprachen. Man muss ihn gut kennen, bei ihm wirklich zu Hause sein — in seinem Werk und in seinem Ainola —, um zu erkennen, wie identisch Wesen, Mentalität und Partitur sind und wie schwer es ihm oft fällt, in ihnen ein Thema auszuspinnen und zu variieren. Lieber setzt er gleich ein neues und wieder ein anderes hinzu. Und dann bricht er auch das ab und stellt einen völlig fremden Gedanken neben das eben Gesagte. Eine andere Welt tut sich auf. Eine neue Tonart hebt an. In einem Augenblick schaltet Sibelius um, im Gespräch wie in seinem sinfonischen Werk. Eben ließ er seine Gedanken in ganz ehrfürchtige Bezirke schweifen, um Sekunden später vom Erhabenen zum Lächerlichen zu schreiten und einen Witz zu erzählen, einen guten Ratschlag zu geben. So auch, als ich den Meister vor mir sah, sehr korrekt gekleidet, und er spürte, wie sehr ich die Frische und Vitalität in seinem biblischen Alter bewunderte: „Steigen Sie wie ich jeden Morgen um ein halb acht Uhr in die Sauna und laden Sie Ihre Verwandtschaft nur einmal im Monat ein! Dann haben Sie Ruhe zum Schaffen!"
Ganz still ist er von uns gegangen wie Melisande in Debussys Werk. Aber wie starb denn Sibelius' Melisande, wie stellte er ihr Sterben dar? Oft hatte Sibelius es in seinem Werk zu formen gesucht, in vielen seiner Lieder, der berühmten „Valse triste", dem kaum in seiner Hintergründigkeit verstandenen populärsten Werk neben der „Finlandia". „Ich fürchte mich nicht vor dem Tode", fuhr Sibelius fort. „Schade nur, dass das Leben so kurz ist. Man möchte soviel schaffen. Jetzt sitze ich oft nächtelang in meinem Arbeitszimmer, um die Zeit einzufangen, die kurzen Tage zu verlängern ... Mir geht es wie Bernard Shaw, den ich so verehrte. Als man ihn fragte, ob er sich vor dem Sterben fürchtete, meinte er: ,Keinesfalls — ich habe gute Freunde oben und unten.'"
Als ich Sibelius besuchte, stand der Flügel, an dem er zu arbeiten pflegte, verdeckt. „Sprechen wir nicht von meiner Arbeit; sagen Sie mir lieber, was Karajan macht. Nach Kajanus versteht er mich wohl am ehesten. Grüßen Sie ihn und sagen Sie ihm wie sehr ich angetan bin von seiner Darstellung meiner .Fünften'." Zu dieser Es-dur-Sinfonie hat mir Sibelius einen ganz individuellen Kommentar gegeben. Diese 13 Noten: es-b-es-d-b-d-es-b-c-d-b-d-es, wie sind sie von ihrem Schöpfer geprägt und, wie oft, bis zur Endgültigkeit umgeändert, uminstrumentiert worden, seit sie zum 50. Geburtstag des Meisters zum ersten Male erklangen. „Stellen Sie sich Glocken vor, die aus dem Himmel sich der Erde nähern, um ihr eine frohe Botschaft zu verkünden", sagte Sibelius. „Hören Sie die gegeneinanderstoßenden Glocken heraus?", fragte er mich. Immer wieder summte Sibelius diese langen, breiten, pastosen Töne. Hat Frosterus Recht, wenn er meint, Sibelius preise in diesen Akkorden „in einer Überschau von des Lebens Mittagshöhe das olympische Glück der intellektuellen Reife"? Wie vielgestaltig die Deutungen auch sein mögen, Sibelius sagte es bestimmt und klar: Gute Botschaft wollte er mit diesem Ausklang bringen, und man muss seine Handschrift kennen, um die sechs straffen Schlussakkorde mit den vielen Kunstpausen recht verstehen zu können. Immer wieder geht es ihm darum, das Gesagte doppelt und dreifach zu unterstreichen, um schließlich dann, zur letzten Bestätigung und Legitimierung, seinen Namenszug darunter zu setzen.
An jenem denkwürdigen 20. September 1957 übertrug Suomen Yleisradio die fünfte Sinfonie. Die Kraft dieses menschlich so erschütternden Schlusses werden wir noch viel verinnerlichter empfinden müssen als bisher. Aus den Schlussakkorden wurde das Todessiegel.



