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Vladimir Ashkenazy

Von
Willi Reich
Erschienen in der Printausgabe im
Januar 1966
Lesezeit ca.
Minuten

Als der sechsundzwanzig jährige russische Pianist Vladimir Ashkenazy im Frühjahr 1963 bei den Behörden seines Vaterlandes in friedlichem Einvernehmen durchgesetzt hatte, England zur neuen Heimat machen zu dürfen, brachte Sir Edward Lewis, der Präsident der „Decca Record Company", in einer öffentlichen Botschaft den Stolz zum Ausdruck, den er darüber empfand, dass seine Gesellschaft den jungen, hoffnungsvollen Künstler als Interpreten klassischer und romantischer Meisterwerke gewinnen konnte. Dass dieser Stolz durchaus berechtigt war, zeigten schon die ersten beiden Aufnahmen, die Ashkenazy mit dem London Symphony Orchestra unter Anatole Fistoulari und Lorin Maazel kurz darauf machte. Sie galten dem dritten Klavierkonzert von Rachmaninow und Tschaikowskys b-moll- Konzert. Beide Werke werden den Konzertbesuchern und Radiohörern immer wieder dargeboten und können mit ihrer unmittelbar ansprechenden Thematik, ihrer klaren Formgebung und ihrer unkomplizierten „Durchführung" beim Hören ohne weiteres musikalisch erfasst und genossen werden — selbst die Pathetik, der man bei ihnen an vielen Stellen begegnet, pflegt keine besonderen Probleme aufzugeben.

Die Gestaltung des Soloparts beider Werke durch Vladimir Ashkenazy vermittelte aber wesentlich neue künstlerische Eindrücke, die vielleicht am besten durch seine völlig unpathetische, die Phrasierung förmlich „naturhaft" aus der „musikalischen Substanz" ableitende Vortragsweise begründet werden können; gegenüber diesen fundamentalen Eigenschaften erscheinen die Vorzüge eines äußerst fein differenzierten Anschlags und einer stupenden Spieltechnik fast sekundär, zumal sie ganz in den Dienst des thematischen Ausdrucks gestellt werden. Dafür einige Beispiele aus dem allbekannten Tschaikowsky-Konzert: die subtile Behandlung des Hauptthemas des ersten Satzes, die den Volkslied-Charakter der melodischen Linie wahrt und gleichzeitig in den verschiedenen Umspielungen höchste Virtuosität entfaltet; die transparente Anlage der einzelnen Variationen im Andante semplice; das fieberhafte Jagen im eingebauten Scherzo-Teil und das durch die zart akzentuierten Synkopen zu phantastischer Tanzrhythmik gesteigerte Finale. Analoge Wahrnehmungen sind auch beim Anhören der beiden Rachmaninow-Konzerte — das bekannte cmoll-Werk gespielt mit den Moskauer Philharmonikern unter Leitung von Kyrill Kondrashin — zu machen. Wichtige Ergänzungen zu diesen Beobachtungen vom rein Klanglichen her brachte mir Ashkenazys Darstellung der vier Balladen von Chopin und vor allem seine — bisher einzige — Kammermusik-Platte, auf der er gemeinsam mit Malcolm Frager Mozarts Sonate für zwei Klaviere KV 448 D-dur und mit einem kleinen Ensemble Schumanns Andante und Variationen für zwei Klaviere, zwei Violoncelli und Hörn spielt. In allen diesen Aufnahmen zeigt sich das verinnerlichte, allem bloßen Virtuosentum abholde künstlerische Wesen des jungen Pianisten, der den Begriff der „Werktreue" in idealer Weise verwirklichte.

Eine volle Bestätigung der rein akustischen Wahrnehmungen brachte mir die spätere Begegnung mit Vladimir Ashkenazy im Konzertsaal. Bei seinem Erscheinen wurde ich an den berühmten Satz des alten Wiener Routiniers Joseph Hellmesberger erinnert: „Wenn ich seh, wie einer aufs Podium steigt, weiß ich schon, was er kann!", den man allerdings nicht allzu wörtlich nehmen darf. Ashkenazys Auftreten machte den Eindruck äußerster Bescheidenheit, und schon nach den ersten Takten hatte man das sichere Gefühl: Hier spielt einer, der am liebsten ganz hinter dem Werk, das er darstellt, verschwinden möchte; einer, der all sein technisches Können, all seine Ausdruckskraft und all sein Wissen um den formalen Aufbau ganz in den Dienst des Meisters stellt, den er im Augenblick verantwortlich repräsentiert.

Neben dieser so deutlich kundgegebenen Kunstgesinnung erscheint der bisherige äußere Lebensgang fast sekundär, und doch bietet er einige interessante Aspekte dar. Als Zweijähriger kam Vladimir Ashkenazy mit seiner Familie aus seiner Geburtsstadt Gorki nach Moskau. Seine pianistische Begabung wurde frühzeitig entdeckt Als Sechsjähriger erhielt er den ersten privaten Klavierunterricht, vier Jahre später wurde er in die Vorbereitungsklasse des Moskauer Konservatoriums aufgenommen. Als ersten Erfolg des „höheren" Unterrichts konnte er 1955 im Chopin-Wettbewerb in Warschau den zweiten Preis erringen. Im Anschluss daran kam er in die Meisterklasse des bekannten russischen Pianisten Lev Oborin am Moskauer Konservatorium. Schon ein Jahr später wurde er in Brüssel Sieger in einem Wettbewerb junger Pianisten. Zu frühem Weltruhm kam er 1958 nach einer höchst erfolgreichen Tournee in den Vereinigten Staaten und Kanada. Der größte künstlerische Triumph, den Vladimir Ashkenazy bisher errang, war der Erste Preis im Internationalen Moskauer Tschaikowsky-Wettbewerb des Jahres 1962, den er mit dem englischen Pianisten John Ogdon teilte. Kurz darauf — im Frühjahr 1963 — kam es zu dem Gastspiel in England, das für sein ganzes weiteres Leben entscheidend wurde:

Seine junge Frau Thorunn — sie hieß mit Mädchennamen Tryggvason und war gebürtige Isländerin —, die er am Moskauer Konservatorium kennengelernt und 1961 geheiratet hatte, traf in London, wo ihr Vater als Musiklehrer wirkt, ihre Familie. Als sie, nach herzlichem Beisammensein mit den Ihren, mit dem Gatten und ihrem zweijährigen Sohn nach Russland zurückkehren sollte, weigerte sie sich, England zu verlassen, und äußerte, dass sie auch ihr zweites Kind, das sie im November 1963 erwartete, in England zur Welt bringen wolle. Da sie während ihrer Mädchenzeit längere Zeit in England verbracht hatte, erhielt sie ohne Schwierigkeiten eine Aufenthaltsbewilligung, die auch für ihren Gatten galt. Von dem Gewissenskonflikt, in den ihn der Entschluss seiner Gattin stürzte, erzählte Vladimir Ashkenazy einem Interviewer: „Ich suchte die Londoner Sowjetbotschaft auf und erklärte dort, dass ich mich nicht aus politischen Gründen entschlossen hätte, in England zu bleiben, sondern einzig und allein, weil mir eine Trennung von meiner Frau unerträglich war. Man hatte volles Verständnis für meine Haltung und versuchte nicht, mich umzustimmen. Die einzigen Menschen, die mich zur Rückkehr nach Russland überreden wollten, waren meine Eltern in Moskau, denen ich meinen Entschluss telefonisch mitteilte."

Das Beharren auf seinem Entschluss hat Vladimir Ashkenazy die seelische Ruhe wiedergegeben, die für seine künstlerische Arbeit unbedingt erforderlich ist. Ihre Früchte kommen der musikalischen Welt zugute.

Als der sechsundzwanzig jährige russische Pianist Vladimir Ashkenazy im Frühjahr 1963 bei den Behörden seines Vaterlandes in friedlichem Einvernehmen durchgesetzt hatte, England zur neuen Heimat machen zu dürfen, brachte Sir Edward Lewis, der Präsident der „Decca Record Company", in einer öffentlichen Botschaft den Stolz zum Ausdruck, den er darüber empfand, dass seine Gesellschaft den jungen, hoffnungsvollen Künstler als Interpreten klassischer und romantischer Meisterwerke gewinnen konnte. Dass dieser Stolz durchaus berechtigt war, zeigten schon die ersten beiden Aufnahmen, die Ashkenazy mit dem London Symphony Orchestra unter Anatole Fistoulari und Lorin Maazel kurz darauf machte. Sie galten dem dritten Klavierkonzert von Rachmaninow und Tschaikowskys b-moll- Konzert. Beide Werke werden den Konzertbesuchern und Radiohörern immer wieder dargeboten und können mit ihrer unmittelbar ansprechenden Thematik, ihrer klaren Formgebung und ihrer unkomplizierten „Durchführung" beim Hören ohne weiteres musikalisch erfasst und genossen werden — selbst die Pathetik, der man bei ihnen an vielen Stellen begegnet, pflegt keine besonderen Probleme aufzugeben.

Die Gestaltung des Soloparts beider Werke durch Vladimir Ashkenazy vermittelte aber wesentlich neue künstlerische Eindrücke, die vielleicht am besten durch seine völlig unpathetische, die Phrasierung förmlich „naturhaft" aus der „musikalischen Substanz" ableitende Vortragsweise begründet werden können; gegenüber diesen fundamentalen Eigenschaften erscheinen die Vorzüge eines äußerst fein differenzierten Anschlags und einer stupenden Spieltechnik fast sekundär, zumal sie ganz in den Dienst des thematischen Ausdrucks gestellt werden. Dafür einige Beispiele aus dem allbekannten Tschaikowsky-Konzert: die subtile Behandlung des Hauptthemas des ersten Satzes, die den Volkslied-Charakter der melodischen Linie wahrt und gleichzeitig in den verschiedenen Umspielungen höchste Virtuosität entfaltet; die transparente Anlage der einzelnen Variationen im Andante semplice; das fieberhafte Jagen im eingebauten Scherzo-Teil und das durch die zart akzentuierten Synkopen zu phantastischer Tanzrhythmik gesteigerte Finale. Analoge Wahrnehmungen sind auch beim Anhören der beiden Rachmaninow-Konzerte — das bekannte cmoll-Werk gespielt mit den Moskauer Philharmonikern unter Leitung von Kyrill Kondrashin — zu machen. Wichtige Ergänzungen zu diesen Beobachtungen vom rein Klanglichen her brachte mir Ashkenazys Darstellung der vier Balladen von Chopin und vor allem seine — bisher einzige — Kammermusik-Platte, auf der er gemeinsam mit Malcolm Frager Mozarts Sonate für zwei Klaviere KV 448 D-dur und mit einem kleinen Ensemble Schumanns Andante und Variationen für zwei Klaviere, zwei Violoncelli und Hörn spielt. In allen diesen Aufnahmen zeigt sich das verinnerlichte, allem bloßen Virtuosentum abholde künstlerische Wesen des jungen Pianisten, der den Begriff der „Werktreue" in idealer Weise verwirklichte.

Eine volle Bestätigung der rein akustischen Wahrnehmungen brachte mir die spätere Begegnung mit Vladimir Ashkenazy im Konzertsaal. Bei seinem Erscheinen wurde ich an den berühmten Satz des alten Wiener Routiniers Joseph Hellmesberger erinnert: „Wenn ich seh, wie einer aufs Podium steigt, weiß ich schon, was er kann!", den man allerdings nicht allzu wörtlich nehmen darf. Ashkenazys Auftreten machte den Eindruck äußerster Bescheidenheit, und schon nach den ersten Takten hatte man das sichere Gefühl: Hier spielt einer, der am liebsten ganz hinter dem Werk, das er darstellt, verschwinden möchte; einer, der all sein technisches Können, all seine Ausdruckskraft und all sein Wissen um den formalen Aufbau ganz in den Dienst des Meisters stellt, den er im Augenblick verantwortlich repräsentiert.

Neben dieser so deutlich kundgegebenen Kunstgesinnung erscheint der bisherige äußere Lebensgang fast sekundär, und doch bietet er einige interessante Aspekte dar. Als Zweijähriger kam Vladimir Ashkenazy mit seiner Familie aus seiner Geburtsstadt Gorki nach Moskau. Seine pianistische Begabung wurde frühzeitig entdeckt Als Sechsjähriger erhielt er den ersten privaten Klavierunterricht, vier Jahre später wurde er in die Vorbereitungsklasse des Moskauer Konservatoriums aufgenommen. Als ersten Erfolg des „höheren" Unterrichts konnte er 1955 im Chopin-Wettbewerb in Warschau den zweiten Preis erringen. Im Anschluss daran kam er in die Meisterklasse des bekannten russischen Pianisten Lev Oborin am Moskauer Konservatorium. Schon ein Jahr später wurde er in Brüssel Sieger in einem Wettbewerb junger Pianisten. Zu frühem Weltruhm kam er 1958 nach einer höchst erfolgreichen Tournee in den Vereinigten Staaten und Kanada. Der größte künstlerische Triumph, den Vladimir Ashkenazy bisher errang, war der Erste Preis im Internationalen Moskauer Tschaikowsky-Wettbewerb des Jahres 1962, den er mit dem englischen Pianisten John Ogdon teilte. Kurz darauf — im Frühjahr 1963 — kam es zu dem Gastspiel in England, das für sein ganzes weiteres Leben entscheidend wurde:

Seine junge Frau Thorunn — sie hieß mit Mädchennamen Tryggvason und war gebürtige Isländerin —, die er am Moskauer Konservatorium kennengelernt und 1961 geheiratet hatte, traf in London, wo ihr Vater als Musiklehrer wirkt, ihre Familie. Als sie, nach herzlichem Beisammensein mit den Ihren, mit dem Gatten und ihrem zweijährigen Sohn nach Russland zurückkehren sollte, weigerte sie sich, England zu verlassen, und äußerte, dass sie auch ihr zweites Kind, das sie im November 1963 erwartete, in England zur Welt bringen wolle. Da sie während ihrer Mädchenzeit längere Zeit in England verbracht hatte, erhielt sie ohne Schwierigkeiten eine Aufenthaltsbewilligung, die auch für ihren Gatten galt. Von dem Gewissenskonflikt, in den ihn der Entschluss seiner Gattin stürzte, erzählte Vladimir Ashkenazy einem Interviewer: „Ich suchte die Londoner Sowjetbotschaft auf und erklärte dort, dass ich mich nicht aus politischen Gründen entschlossen hätte, in England zu bleiben, sondern einzig und allein, weil mir eine Trennung von meiner Frau unerträglich war. Man hatte volles Verständnis für meine Haltung und versuchte nicht, mich umzustimmen. Die einzigen Menschen, die mich zur Rückkehr nach Russland überreden wollten, waren meine Eltern in Moskau, denen ich meinen Entschluss telefonisch mitteilte."

Das Beharren auf seinem Entschluss hat Vladimir Ashkenazy die seelische Ruhe wiedergegeben, die für seine künstlerische Arbeit unbedingt erforderlich ist. Ihre Früchte kommen der musikalischen Welt zugute.