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Anna Moffo

Von
Everett Helm
Erschienen in der Printausgabe im
Februar 1966
Lesezeit ca.
Minuten

Ob Anna Moffo, wie ihr New Yorker Agent behauptet, tatsächlich mehr Schallplattenaufnahmen mitgemacht hat als irgendeine andere Sopranistin der Welt, sei dahingestellt; auf jeden Fall hat sie erstaunlich viele Platten besungen. Eines aber dürfte feststehen: Keine andere Sopranistin — und vielleicht auch kein anderer Sänger — besitzt eine so vielseitige musikalische Begabung wie sie. In der Oper singt sie Rollen der verschiedensten Fächer. Einmal ist sie die lyrische Violetta in „La Traviata" oder die Mimi in Puccinis „Boheme"; ein andermal tritt sie als Koloratursopranistin in „Lucia di Lammermoor" oder „Lakme" auf; und dazwischen ersingt sie sich Lorbeeren in „Sprinto"-Rollen wie etwa Verdis Luisa Miller oder seiner Aida. Im Konzertsaal fühlt sich die Moffo mit Liedern von Wolf, Brahms und Strauss ebenso zu Hause wie mit Chansons von Ravel und Duparc. Wenn sie, wie es oft geschieht, Operetten-Nummern oder amerikanische Show-Musik singt, könnte man glauben, dies sei ihr eigentliches Fach, so genau trifft sie den Stil. Sie wagt sich sogar an den Jazz; vor einiger Zeit sind in Italien zwei Platten erschienen, auf denen die Diva mit einer kleinen Combo singt — und keineswegs opernhaft. Ja, ab und zu komponiert sie mit ihrem Mann zusammen regelrechte Schnulzen, „zu unserem Vergnügen", wie sie sagt. Eine von ihnen, „Cittä, Sole e Amore", stand sogar auf der italienischen Hitparade.

Anna Moffo ist nicht nur in Opernhaus und Konzertsaal zu sehen, sondern sehr oft auch auf dem Bildschirm und auf der Leinwand. In Italien hat sie ihr eigenes TV-Programm: die „Anna Moffo Show". Dass die Sängerin von Film und Fernsehen begehrt ist, verwundert niemanden, der sie einmal gesehen hat — auf der Bühne oder privat.

Eugene Ormandy, Dirigent des Philadelphia-Orchesters, hat sie ganz am Anfang ihrer Karriere bei einem Wettbewerb erlebt, und er erzählte später über diese Begegnung: „Ich dachte, es sei unmöglich, dass eine solche Schönheit auch singen könne. Ich machte die Augen zu, aber sie hat doch gewonnen, allein durch ihr Können."

Sie ist eine ausnehmend schöne Frau, die genau weiß, wie sie sich aufzumachen und zu kleiden hat, ohne „aufgedonnert" zu wirken. Die Transformation von dem scheuen Mädchen aus Wayne in Pennsylvanien zu der eleganten, weltgewandten Dame schreibt sie ihrem Mann zu, der für sie eine riesige Garderobe für Bühne und Alltag entwarf, mit über 300 Hüten und ungezählten Paaren von Schuhen und Handtaschen.

Trotz des mondänen Auftretens, das Erfolg und Ruhm bewirkten, erkennt man an einzelnen Zügen der Moffo noch heute das ehemalige kleine Mädchen von Wayne, und gerade dieser Hauch Mädchenhaftigkeit macht sie so bestechend. Er äußert sich in ihrer spontanen Redeweise, in ihrem Enthusiasmus, in ihrer Bewunderung für schöne Dinge — und, natürlich, in ihrem Singen. Sie wuchs wie Millionen anderer amerikanischer Kinder als Tochter eines italienischen Schuhmachers in einer typischen Kleinstadt der östlichen Vereinigten Staaten auf. In der Schule und in der Kirche fiel ihre Stimme auf, aber weder sie noch ihre Eltern dachten an eine Karriere. Anna Moffo spielte leidenschaftlich Basketball und Tennis und nahm Klavierstunden — was für ihre künftige Karriere nicht unwesentlich war.

„Viele Leute in Wayne haben mir zugeredet, ich solle meine Stimme ausbilden lassen", erzählte Anna Moffo, als ich sie in ihrem herrlichen Haus in Rom besuchte. „Aber ich hatte Angst. Ich hatte einiges über das angeblich .verruchte' Leben von Sängern und Theaterleuten gehört. Ich wusste auch, wieviel schwere Arbeit eine Karriere kostet, und ich bezweifelte, dass ich die nötige Kraft dazu besäße. Doch als ich mit 15 Jahren die ,high school' absolviert hatte, ging ich nach Philadelphia, um dort beim Curtis Institute of Music vorzusingen. Ich machte mir keine Hoffnungen, in diese hervorragende Schule aufgenommen zu werden. Ich war die Jüngste von allen, und mein Repertoire bestand aus einer einzigen Arie: ,Un bei di vedremo' aus .Madame Butterfly'. Trotzdem wurde ich angenommen, und ich bekam als Lehrerin Euphemia Giannini, die Schwester der großen Dusolina Giannini. Ich war begeistert. Zum ersten Mal lebte ich in einer wirklich musikalischen Atmosphäre. Ich besuchte alle Klassen: Harmonielehre, Instrumentationslehre, Musikgeschichte und was sonst noch alles dazugehört."

Nach einer gründlichen musikalischen Ausbildung am Curtis Institute kam Anna Moffo, wie so viele andere junge Amerikaner, mit einem Fullbright-Stipendium nach Europa. Sie studierte in Rom an der Accademia di Santa Cecilia und sah sich nach Möglichkeiten um, „den Fuß zwischen eine Tür zu bekommen". Die Gelegenheit kam. Am Tag, nachdem sie einem Konzertagenten in Venedig vorgesungen hatte, wurde sie von ihm gebeten, einen Liederabend für die erkrankte Elisabeth Schwarzkopf zu übernehmen.

Der Erfolg dieses ersten Auftritts in Europa hatte unmittelbare Auswirkungen. Die venezianische Oper bot ihr die Rolle der Norina in Donizettis „Don Pasquale" an, der Rundfunk verpflichtete sie zu Aufnahmen. Sie aber lockte das Fernsehen mehr. So sang sie bei der RAI vor und wurde sofort für die Hauptrolle in einer Fernsehaufzeichnung von „Madame Butterfly" verpflichtet.

„Bei dieser Gelegenheit habe ich meinen späteren Mann kennengelernt", erinnerte sich die Moffo. „Er war der Produktionsleiter. Als ich mich zu den Proben meldete und er mich zum ersten Mal sah, weigerte er sich, den Film mit mir zu machen. Er sagte, ich sei viel zu groß und viel zu vital, um die Rolle der zierlichen Cho-Cho-San zu spielen; außerdem hätte ich zu wenig Erfahrung. Aber er hat ihn dann doch mit mir gemacht. Er zwang mich, klein und zerbrechlich zu wirken, und ich habe unglaublich viel gelernt. Und wir haben uns verliebt. Ich war sehr jung."

Dank ihrem Mann, Mario Lanfranchi, fasste die Sängerin den Mut, Koloraturrollen zu singen. („Ich glaubte zuerst nicht, dass ich die hohen Noten hätte", gestand sie.) Der Erfolg gab ihr recht. Nach ihrem Debüt an der Mailänder Scala als Nanette in Verdis „Falstaff", im Jahre 1957, gastierte „La Diva Imperiale", wie sie die Italiener nennen, in Neapel, Rom, Florenz, Wien, Salzburg, New York, San Franzisco, Buenos Aires und in vielen anderen Städten.

Ihr amerikanisches Debüt gab sie allerdings nicht in New York, sondern in Chicago (als Mimi). Zwei Jahre hindurch schlug sie eine Einladung, an der Met zu singen, deshalb ab, weil ihr die angebotenen Rollen nicht zusagten. Inzwischen hatte sie in Palermo ihre erste „Traviata" gesungen, und zwar mit so großem Erfolg, dass sie nun jeder Intendant für diese Rolle verpflichten wollte — auch Met-Direktor Rudolf Bing. So stellte sie sich den New Yorkern als Violetta vor und konnte auch hier einen Sensationserfolg erringen. Seitdem singt sie dort regelmäßig und ist eine der populärsten Sängerinnen der Metropolitan Opera geworden. Anfangs konnte sie der Met nur einen Bruchteil ihrer Zeit einräumen, da ihr Kalender mit europäischen Engagements schon überlastet war. Jetzt aber verbringt sie mehr als die Hälfte des Jahres in Amerika.

Eine typische Moffo-Saison sieht folgendermaßen aus: sechs Wochen Wiener Staatsoper (Traviata, Rigoletto, Boheme, Margarethe); als Gilda im „Rigoletto" in Covent Garden; Traviata in Kopenhagen; Manon in Rom und Monte Carlo; Traviata an der Mailänder Scala; La Figlia de! Reggimento in Neapel; Traviata am Teatro Colon in Buenos Aires; Lucia, Don Pasquale und Turandot an der Met; Aufnahmen von Verdis „Luisa Miller" in Rom für die RCA (die Aufnahme erscheint in Deutschland im April); dazu Konzerte und Fernsehen.

Das nennt sie eine angenehme, nicht gehetzte Saison, die genügend Zeit für ihr Familienleben und für die Hobbies übriglässt. Leidenschaftlich sammeln die Lanfranchis Antiquitäten, wie das mit schönen Stilmöbeln ausgestattete Haus in Rom bezeugt. Es wirkt jedoch fast bescheiden gegen ihren Landsitz in der Nähe von Parma, woher ihr Mann stammt. Dort unterhalten sie auch einen Reitstall mit Trabern (nicht weniger als 26), ziehen Hühner (schätzungsweise 10 000 Stück), züchten Kühe, bauen Getreide an und erholen sich. Dass Anna Moffo auch die Kochkunst beherrscht, konnte ich selber nicht feststellen, denn sie musste am Tage meines Besuchs zur Rennbahn; doch Freunde versicherten mir, dass sie in der Küche nicht weniger glanzvoll abschneidet als auf der Bühne.

Ob sie gerne Plattenaufnahmen mitmacht? „Rasend gerne", antwortete sie, „denn dabei kann ich mich selber hören, kontrollieren und korrigieren. Und außerdem kann ich viel Musik auf Platten aufnehmen, die ich im Theater nie singe. Natürlich werde ich etwas nervös dabei wegen der vielen Wiederholungen, aber solche Aufnahmesitzungen halten mich in Trab. In der letzten Zeit ist man auch dazu übergegangen, weniger zu schneiden und zusammenzukleben. Wenn nichts wirklich daneben geht, nehmen wir ganze Akte in einem Zug auf. Das mag ich, denn dadurch bleibt die Lebendigkeit und Spontaneität der Aufführung gewahrt.

Ich fragte Anna Moffo, wie viele Rollen sie in ihrem Repertoire habe, „Das kann ich nicht genau beantworten", erwiderte sie, „aber bis heute habe ich in 82 verschiedenen Opern auf der Bühne gestanden von Bizets „Perlenfischern" bis Respighis „La Fiamma und Hindemiths „Mathis der Maler“.

Diese Antwort gab mir den Rest. Ich kam mir angesichts einer solchen Häufung von Tugenden so unbedeutend vor, dass ich die Flucht ergriff. Bei anderer Gelegenheit werde ich zu ergründen suchen, ob La Moffo nicht doch ein paar „schwache Punkte“ hat – ob sie zum Beispiel ihren Mann schlägt oder wenigstens hin und wieder Fingernägel kaut. Es wäre beruhigend zu wissen – aber die Aussichten auf derartige Entdeckungen sind denkbar schlecht.

Ob Anna Moffo, wie ihr New Yorker Agent behauptet, tatsächlich mehr Schallplattenaufnahmen mitgemacht hat als irgendeine andere Sopranistin der Welt, sei dahingestellt; auf jeden Fall hat sie erstaunlich viele Platten besungen. Eines aber dürfte feststehen: Keine andere Sopranistin — und vielleicht auch kein anderer Sänger — besitzt eine so vielseitige musikalische Begabung wie sie. In der Oper singt sie Rollen der verschiedensten Fächer. Einmal ist sie die lyrische Violetta in „La Traviata" oder die Mimi in Puccinis „Boheme"; ein andermal tritt sie als Koloratursopranistin in „Lucia di Lammermoor" oder „Lakme" auf; und dazwischen ersingt sie sich Lorbeeren in „Sprinto"-Rollen wie etwa Verdis Luisa Miller oder seiner Aida. Im Konzertsaal fühlt sich die Moffo mit Liedern von Wolf, Brahms und Strauss ebenso zu Hause wie mit Chansons von Ravel und Duparc. Wenn sie, wie es oft geschieht, Operetten-Nummern oder amerikanische Show-Musik singt, könnte man glauben, dies sei ihr eigentliches Fach, so genau trifft sie den Stil. Sie wagt sich sogar an den Jazz; vor einiger Zeit sind in Italien zwei Platten erschienen, auf denen die Diva mit einer kleinen Combo singt — und keineswegs opernhaft. Ja, ab und zu komponiert sie mit ihrem Mann zusammen regelrechte Schnulzen, „zu unserem Vergnügen", wie sie sagt. Eine von ihnen, „Cittä, Sole e Amore", stand sogar auf der italienischen Hitparade.

Anna Moffo ist nicht nur in Opernhaus und Konzertsaal zu sehen, sondern sehr oft auch auf dem Bildschirm und auf der Leinwand. In Italien hat sie ihr eigenes TV-Programm: die „Anna Moffo Show". Dass die Sängerin von Film und Fernsehen begehrt ist, verwundert niemanden, der sie einmal gesehen hat — auf der Bühne oder privat.

Eugene Ormandy, Dirigent des Philadelphia-Orchesters, hat sie ganz am Anfang ihrer Karriere bei einem Wettbewerb erlebt, und er erzählte später über diese Begegnung: „Ich dachte, es sei unmöglich, dass eine solche Schönheit auch singen könne. Ich machte die Augen zu, aber sie hat doch gewonnen, allein durch ihr Können."

Sie ist eine ausnehmend schöne Frau, die genau weiß, wie sie sich aufzumachen und zu kleiden hat, ohne „aufgedonnert" zu wirken. Die Transformation von dem scheuen Mädchen aus Wayne in Pennsylvanien zu der eleganten, weltgewandten Dame schreibt sie ihrem Mann zu, der für sie eine riesige Garderobe für Bühne und Alltag entwarf, mit über 300 Hüten und ungezählten Paaren von Schuhen und Handtaschen.

Trotz des mondänen Auftretens, das Erfolg und Ruhm bewirkten, erkennt man an einzelnen Zügen der Moffo noch heute das ehemalige kleine Mädchen von Wayne, und gerade dieser Hauch Mädchenhaftigkeit macht sie so bestechend. Er äußert sich in ihrer spontanen Redeweise, in ihrem Enthusiasmus, in ihrer Bewunderung für schöne Dinge — und, natürlich, in ihrem Singen. Sie wuchs wie Millionen anderer amerikanischer Kinder als Tochter eines italienischen Schuhmachers in einer typischen Kleinstadt der östlichen Vereinigten Staaten auf. In der Schule und in der Kirche fiel ihre Stimme auf, aber weder sie noch ihre Eltern dachten an eine Karriere. Anna Moffo spielte leidenschaftlich Basketball und Tennis und nahm Klavierstunden — was für ihre künftige Karriere nicht unwesentlich war.

„Viele Leute in Wayne haben mir zugeredet, ich solle meine Stimme ausbilden lassen", erzählte Anna Moffo, als ich sie in ihrem herrlichen Haus in Rom besuchte. „Aber ich hatte Angst. Ich hatte einiges über das angeblich .verruchte' Leben von Sängern und Theaterleuten gehört. Ich wusste auch, wieviel schwere Arbeit eine Karriere kostet, und ich bezweifelte, dass ich die nötige Kraft dazu besäße. Doch als ich mit 15 Jahren die ,high school' absolviert hatte, ging ich nach Philadelphia, um dort beim Curtis Institute of Music vorzusingen. Ich machte mir keine Hoffnungen, in diese hervorragende Schule aufgenommen zu werden. Ich war die Jüngste von allen, und mein Repertoire bestand aus einer einzigen Arie: ,Un bei di vedremo' aus .Madame Butterfly'. Trotzdem wurde ich angenommen, und ich bekam als Lehrerin Euphemia Giannini, die Schwester der großen Dusolina Giannini. Ich war begeistert. Zum ersten Mal lebte ich in einer wirklich musikalischen Atmosphäre. Ich besuchte alle Klassen: Harmonielehre, Instrumentationslehre, Musikgeschichte und was sonst noch alles dazugehört."

Nach einer gründlichen musikalischen Ausbildung am Curtis Institute kam Anna Moffo, wie so viele andere junge Amerikaner, mit einem Fullbright-Stipendium nach Europa. Sie studierte in Rom an der Accademia di Santa Cecilia und sah sich nach Möglichkeiten um, „den Fuß zwischen eine Tür zu bekommen". Die Gelegenheit kam. Am Tag, nachdem sie einem Konzertagenten in Venedig vorgesungen hatte, wurde sie von ihm gebeten, einen Liederabend für die erkrankte Elisabeth Schwarzkopf zu übernehmen.

Der Erfolg dieses ersten Auftritts in Europa hatte unmittelbare Auswirkungen. Die venezianische Oper bot ihr die Rolle der Norina in Donizettis „Don Pasquale" an, der Rundfunk verpflichtete sie zu Aufnahmen. Sie aber lockte das Fernsehen mehr. So sang sie bei der RAI vor und wurde sofort für die Hauptrolle in einer Fernsehaufzeichnung von „Madame Butterfly" verpflichtet.

„Bei dieser Gelegenheit habe ich meinen späteren Mann kennengelernt", erinnerte sich die Moffo. „Er war der Produktionsleiter. Als ich mich zu den Proben meldete und er mich zum ersten Mal sah, weigerte er sich, den Film mit mir zu machen. Er sagte, ich sei viel zu groß und viel zu vital, um die Rolle der zierlichen Cho-Cho-San zu spielen; außerdem hätte ich zu wenig Erfahrung. Aber er hat ihn dann doch mit mir gemacht. Er zwang mich, klein und zerbrechlich zu wirken, und ich habe unglaublich viel gelernt. Und wir haben uns verliebt. Ich war sehr jung."

Dank ihrem Mann, Mario Lanfranchi, fasste die Sängerin den Mut, Koloraturrollen zu singen. („Ich glaubte zuerst nicht, dass ich die hohen Noten hätte", gestand sie.) Der Erfolg gab ihr recht. Nach ihrem Debüt an der Mailänder Scala als Nanette in Verdis „Falstaff", im Jahre 1957, gastierte „La Diva Imperiale", wie sie die Italiener nennen, in Neapel, Rom, Florenz, Wien, Salzburg, New York, San Franzisco, Buenos Aires und in vielen anderen Städten.

Ihr amerikanisches Debüt gab sie allerdings nicht in New York, sondern in Chicago (als Mimi). Zwei Jahre hindurch schlug sie eine Einladung, an der Met zu singen, deshalb ab, weil ihr die angebotenen Rollen nicht zusagten. Inzwischen hatte sie in Palermo ihre erste „Traviata" gesungen, und zwar mit so großem Erfolg, dass sie nun jeder Intendant für diese Rolle verpflichten wollte — auch Met-Direktor Rudolf Bing. So stellte sie sich den New Yorkern als Violetta vor und konnte auch hier einen Sensationserfolg erringen. Seitdem singt sie dort regelmäßig und ist eine der populärsten Sängerinnen der Metropolitan Opera geworden. Anfangs konnte sie der Met nur einen Bruchteil ihrer Zeit einräumen, da ihr Kalender mit europäischen Engagements schon überlastet war. Jetzt aber verbringt sie mehr als die Hälfte des Jahres in Amerika.

Eine typische Moffo-Saison sieht folgendermaßen aus: sechs Wochen Wiener Staatsoper (Traviata, Rigoletto, Boheme, Margarethe); als Gilda im „Rigoletto" in Covent Garden; Traviata in Kopenhagen; Manon in Rom und Monte Carlo; Traviata an der Mailänder Scala; La Figlia de! Reggimento in Neapel; Traviata am Teatro Colon in Buenos Aires; Lucia, Don Pasquale und Turandot an der Met; Aufnahmen von Verdis „Luisa Miller" in Rom für die RCA (die Aufnahme erscheint in Deutschland im April); dazu Konzerte und Fernsehen.

Das nennt sie eine angenehme, nicht gehetzte Saison, die genügend Zeit für ihr Familienleben und für die Hobbies übriglässt. Leidenschaftlich sammeln die Lanfranchis Antiquitäten, wie das mit schönen Stilmöbeln ausgestattete Haus in Rom bezeugt. Es wirkt jedoch fast bescheiden gegen ihren Landsitz in der Nähe von Parma, woher ihr Mann stammt. Dort unterhalten sie auch einen Reitstall mit Trabern (nicht weniger als 26), ziehen Hühner (schätzungsweise 10 000 Stück), züchten Kühe, bauen Getreide an und erholen sich. Dass Anna Moffo auch die Kochkunst beherrscht, konnte ich selber nicht feststellen, denn sie musste am Tage meines Besuchs zur Rennbahn; doch Freunde versicherten mir, dass sie in der Küche nicht weniger glanzvoll abschneidet als auf der Bühne.

Ob sie gerne Plattenaufnahmen mitmacht? „Rasend gerne", antwortete sie, „denn dabei kann ich mich selber hören, kontrollieren und korrigieren. Und außerdem kann ich viel Musik auf Platten aufnehmen, die ich im Theater nie singe. Natürlich werde ich etwas nervös dabei wegen der vielen Wiederholungen, aber solche Aufnahmesitzungen halten mich in Trab. In der letzten Zeit ist man auch dazu übergegangen, weniger zu schneiden und zusammenzukleben. Wenn nichts wirklich daneben geht, nehmen wir ganze Akte in einem Zug auf. Das mag ich, denn dadurch bleibt die Lebendigkeit und Spontaneität der Aufführung gewahrt.

Ich fragte Anna Moffo, wie viele Rollen sie in ihrem Repertoire habe, „Das kann ich nicht genau beantworten", erwiderte sie, „aber bis heute habe ich in 82 verschiedenen Opern auf der Bühne gestanden von Bizets „Perlenfischern" bis Respighis „La Fiamma und Hindemiths „Mathis der Maler“.

Diese Antwort gab mir den Rest. Ich kam mir angesichts einer solchen Häufung von Tugenden so unbedeutend vor, dass ich die Flucht ergriff. Bei anderer Gelegenheit werde ich zu ergründen suchen, ob La Moffo nicht doch ein paar „schwache Punkte“ hat – ob sie zum Beispiel ihren Mann schlägt oder wenigstens hin und wieder Fingernägel kaut. Es wäre beruhigend zu wissen – aber die Aussichten auf derartige Entdeckungen sind denkbar schlecht.