Begegnung mit Maazel
Berliner Schallplatten-Impressionen aufgezeichnet

„Maazel soll Bach dirigieren?" Meine Frage muss einigermaßen überrascht geklungen haben, als man mir zum ersten Mal von dem Projekt erzählte, das Philips sich vorgenommen hatte: eine umfangreiche Serie der großen Werke Bachs mit Berlins neuem Opernchef und „seinem" RSO Berlin, dem früheren RIAS-Symphonie-Orchester Fricsays, aufzunehmen. Denn immerhin ist die Kombination Bach—Maazel ein Novum, das sich zumindest in Maazels Schallplattenkarriere durch nichts angekündigt hatte. Er hat zwar früher schon in verschiedenen Aufnahmen mit Werken von Beethoven und Schubert gezeigt, dass es sicherlich einseitig wäre, ihn zum „Tschaikowsky-Dirigenten" abzustempeln. Aber gerade in neuerer Zeit war Maazel doch fast nur noch mit Aufnahmen spät- und nachromantischer Musik hervorgetreten, und es schien mir beim Hören vieler dieser Platten so, als sei dies keine unzulässige Einengung eines Dirigenten durch seine Produzenten, sondern als biete diese Musik Maazel — zur Zeit jedenfalls — die besten Möglichkeiten zur vollen Entfaltung seiner künstlerischen Mitgift.
Und nun also ein Sprung in die Barockmusik? Ein Sprung in eine andere Welt mit eigenen Gesetzen? Aber mein Gegenüber blieb trotz meiner Skepsis heiter und gelassen. Dass er keinem grundlosen Optimismus frönte, merkte ich ein paar Tage darauf, als wir, eine Handvoll Journalisten aus halb Europa, in Berlin zusammentrafen, um an einer Aufnahmesitzung für das neue Vorhaben teilzunehmen. Die Philips-Leute hatten sehr gute Voraussetzungen für den Start des Barockdirigenten Maazel, „ihres" Maazel, geschaffen. Sie hatten in Berlin einen neuen, guten Aufnahmeraum ausfindig gemacht und ihn für ihre Zwecke hergerichtet. Es ist der Festsaal des Johannes-Stiftes in Berlin-Spandau — eine holzgetäfelte Aula, die akustisch alle Wünsche der Tonmeister — und Tonmeister sind nur schwer zufriedenzustellen — erfüllt, außerdem aber noch andere beachtliche Vorteile aufzuweisen hat: Der Raum steht das ganze Jahr über nahezu unbeschränkt zur Verfügung; er liegt in einem großen, schönen Park abseits von allem Straßenlärm, und er befindet sich in keiner Einflugschneise, so dass — in Berlin eine Seltenheit! — Aufnahmen nicht durch Flugzeuggeräusche gestört werden können.
*
Als wir eintreten, geht die Pause gerade zu Ende, und die Musiker nehmen wieder Platz. Ich zähle zwölf erste und ebenso viele zweite Geigen, zehn Bratschen, acht Celli und sechs Kontrabässe, dazu außer dem Cembalo einen Bläserchor mit sechs Oboen, drei Trompeten und zwei Fagotten — starke Besetzung also. Maazel erscheint, und es breitet sich nun innerhalb weniger Minuten die eigenartige Atmosphäre nüchterner, konzentrierter Arbeit aus, die für alle Rundfunk- und Schallplattenaufnahmen so bezeichnend ist. In diesem Fall erscheint sie mir sogar eher noch sachlicher, noch strenger als sonst. Maazel ist ein rationeller Dirigent. Es wird kein Ton unnütz gespielt. Er geht zunächst den Satz, der aufgenommen werden soll, Takt für Takt mit den Musikern durch, erklärt mit leiser Stimme, worauf es ihm ankommt, gibt Hinweise im Einzelnen. Dann ein erstes Durchspielen, kleine Korrekturen, ein paar Takte werden erneut angespielt, zweites Durchspielen — Aufnahme. Maazel dirigiert locker, dabei aber sehr energisch und sehr diszipliniert. Die Arme bleiben nahe am Körper. Alle ausladenden großen Gesten fehlen. Um so beweglicher arbeiten die Hände. Entsprechend das Klangbild: Das Orchester musiziert einen sehr straffen Bach, bei dem sich melodische Details immer dem Metrum der Musik unterordnen. Man spielt gerade die Gavotte aus Bachs vierter Ouvertüren-Suite, und mir fällt neben dem verhältnismäßig gemessenen Tempo auf, wie wenig Maazel die synkopierten Noten der Melodie absetzen und herausheben lässt. Er vermeidet offenbar Effekte, die zur Musik des 19. und 20. Jahrhunderts passen, aber in barocken Sätzen aufgesetzt wirken könnten. Der Entschluss der Philips, Maazel als Bach-Interpreten groß herauszustellen, erscheint mir künstlerisch nicht mehr so verwegen wie bisher. Denn was man auch im Einzelnen zu Maazels Bach-Interpretationen sagen kann — und es wird auf den folgenden Seiten bei den Rezensionen dieser Aufnahme einiges dazu gesagt werden müssen: Auf keinen Fall sind sie platte und unzulässige Transpositionen seines Tschaikowsky-, Strauss- oder Schostakowitsch-Stils, sondern sie tragen das Zeichen der sehr persönlichen Auseinandersetzung des Dirigenten mit dem Werk Bachs.
*
„Draußen" im Saal klingt die Bach-Gavotte etwas unproportioniert: Die Streicher decken zum Beispiel den Cembaloklang so stark, dass man ihn nur an einigen Stellen überhaupt vernehmen kann. „Drinnen", nämlich im Abhörraum in einem der Zimmer an der Frontseite des Saals, ist alles im rechten Lot. Volker Straus, Absolvent der Detmolder Tonmeisterschule und schon seit Jahren Aufnahmeleiter bei der Philips, hat ein Klangbild „hergestellt", wie es typisch für fast alle großen Aufnahmen dieser Firma ist. Es ist ein klares und brillantes Klangbild, das aber trotz aller Brillanz nie den Eindruck des Geschönten, aufnahmetechnisch raffiniert überzüchteten macht. Wer diese Aufnahmen hört, wird getrost weiter hin Konzerte und Opern besuchen können, ohne vom originalen Klang eines Orchesters bitter enttäuscht zu werden. Wenn das Wort nicht so vieldeutig und vielbeansprucht wäre, könnte man sagen, Straus strebe ein „natürliches" Klangbild an. Dabei zielt dieses Wort selbstverständlich nur auf das Ergebnis, nicht auf das Verfahren. Denn um zu einem so brillanten Klangbild zu kommen, wie wir es heute von Spitzenaufnahmen gewohnt sind, kommt man ohne kleine musikalische und technische Tricks kaum noch aus. Natürlich haben auch in Spandau die Streicher und Bläser getrennte Stereo-Mikrophone, natürlich wird auch der Cembaloklang mit einem Extra-Mikrophon eingefangen. Um zu einer guten Klangbalance zu kommen, sind außerdem noch besondere Absprachen mit den Musikern getroffen; zum Beispiel spielen die sechs Kontrabassisten nur ganz selten zusammen. Meistens haben vier von ihnen Pause, und nur an bestimmten Stellen greifen sie ein, um dem Bass die nötige Grundgewalt zu geben. Und das Wichtigste: Man hat einen akustisch „trockenen", also nachhallarmen Raum ausgesucht, um die Musik möglichst klar und durchsichtig aufnehmen zu können, fügt aber, um dem Klang schöne Rundung zu geben, nach Bedarf einen Schuss Hall hinzu — „natürlichen" Hall aus der Kirche des Johannes-Stifts, die ein paar Schritte neben dem Festsaal im Park liegt, Berliner Luft von nebenan.
Damit allerdings, so sagt Straus, sei es zu Ende mit der technischen Hilfestellung. Während der Aufnahme werde nicht mehr manipuliert. Was natürlich cum grano salis zu verstehen ist. Denn ganz ohne Schieben der Eingangsregler geht es, wie ich sehe, auch bei dieser Aufnahme nicht ab.
Inzwischen ist auch Rene Klopfenstein eingetroffen. Er ist der Initiator der Aufnahmen und zugleich Mitglied des neuen dreiköpfigen Gremiums, das für die zentrale Planung des Philips-Repertoires und für die Produktions-Koordination der verschiedenen nationalen Philips-Gesellschaften zuständig ist. Wir hatten schon vor der Probe zusammengesessen, und er sprach dabei mit echter Begeisterung von Maazel. Besonders hat es ihm, dem gebürtigen Schweizer, die uhrwerkartige Präzision angetan, mit der Maazel sein Pensum erfüllt: Er habe einen unglaublich gedrängten Terminplan, aber er könne ihn einhalten, weil er zu Aufnahmen und Proben mit ganz festen Vorstellungen über die jeweiligen Werke komme. Er versuche, sie in Klang umzusetzen, und wenn ihm das wunschgemäß gelinge, sei das Thema damit für ihn ein für allemal abgeschlossen. Es gibt hinterher keine vergrübelten Diskussionen über die Aufnahme, keine nächtlichen Telefonanrufe mit zweifelnden Fragen. Klopfenstein malte in leuchtenden Farben das Bild eines „modernen" Musikers, mit dem glänzend zusammenzuarbeiten ist, der den technischen Erfordernissen der Schallplatte dadurch seinen Tribut zollt, dass er „mit sich im reinen" ist, bevor er zur Sitzung kommt — eines Musikers der schnellen und unumstößlichen Entschlüsse dazu.
*
Die Aussage bestätigt sich, als Maazel in den Kontrollraum kommt, um sich anzuhören, wie die Gavotte vom Band klingt. Kein überflüssiges Wort fällt, Dirigent und Aufnahmeleiter sind sich sofort einig, welche Stelle einer Korrektur bedarf, man stimmt sich über den neuen Einsatz ab, und schon ist Maazel wieder beim Orchester, um eine zweite Fassung zu spielen.
Als sich nach der Sitzung die Gelegenheit zu einem ausführlichen Gespräch ergibt, steht die Frage nach der Interpretation Bachscher Musik sofort im Mittelpunkt. Maazel hat sich seit Jahren mit ihr beschäftigt. Er glaubt die verschiedenen Spielarten ihrer Darstellung zu kennen. Aber weder sie noch musikwissenschaftliche Erkenntnisse sind für ihn die letzte Instanz. Wenn er ein Werk einstudiert, beschäftigt er sich ausschließlich mit der Partitur und formt sich daraus seine Vorstellung. Er versucht sich Bach ohne vorgefasste Meinung, ohne Vorurteil zu nähern. Ich denke, es wird Maazel bewusst sein, dass auch ein „vorurteilsloser" Musiker eine Partitur immer nur durch die Brille seiner Zeit und seiner Erziehung sehen kann. Und dass umgekehrt auch ein musikhistorisch engagierter Dirigent nicht nur angewandte Philologie treibt. Aber Erwägungen dieser Art scheinen Maazel nicht anzufechten. Das Reich der Interpretation ist für ihn groß, und es geht ihm um einen Bach aus modernem Geist.
Lebhaft wird Maazel, als das Gespräch auf Musiksendungen in Fernsehen und Rundfunk kommt. Er hat einige Erfahrungen auf diesem Gebiet, und es schweben ihm neue Pläne vor, die allerdings noch keine festen Formen angenommen haben. Eines aber ist ihm klar: Es werden keine Sendungen sein, in denen Musik zerredet und „erklärt" wird. „Musik kann man nicht erklären. Man kann in solchen Fernsehsendungen nur einen Begriff geben von der Atmosphäre, in der wir musizieren."
*
Am Abend sah ich Maazel wieder. Er dirigierte im Sendesaal des SFB ein Konzert mit Werken russischer Komponisten. Eine verblüffende Wandlung war mit ihm vorgegangen: Aus dem ernsten, ruhigen, leisen Gesprächspartner, aus dem rationellen Probentechniker war ein Musiker äußerster Konzentration und Gespanntheit geworden. Das Publikum war begeistert.
„Maazel soll Bach dirigieren?" Meine Frage muss einigermaßen überrascht geklungen haben, als man mir zum ersten Mal von dem Projekt erzählte, das Philips sich vorgenommen hatte: eine umfangreiche Serie der großen Werke Bachs mit Berlins neuem Opernchef und „seinem" RSO Berlin, dem früheren RIAS-Symphonie-Orchester Fricsays, aufzunehmen. Denn immerhin ist die Kombination Bach—Maazel ein Novum, das sich zumindest in Maazels Schallplattenkarriere durch nichts angekündigt hatte. Er hat zwar früher schon in verschiedenen Aufnahmen mit Werken von Beethoven und Schubert gezeigt, dass es sicherlich einseitig wäre, ihn zum „Tschaikowsky-Dirigenten" abzustempeln. Aber gerade in neuerer Zeit war Maazel doch fast nur noch mit Aufnahmen spät- und nachromantischer Musik hervorgetreten, und es schien mir beim Hören vieler dieser Platten so, als sei dies keine unzulässige Einengung eines Dirigenten durch seine Produzenten, sondern als biete diese Musik Maazel — zur Zeit jedenfalls — die besten Möglichkeiten zur vollen Entfaltung seiner künstlerischen Mitgift.
Und nun also ein Sprung in die Barockmusik? Ein Sprung in eine andere Welt mit eigenen Gesetzen? Aber mein Gegenüber blieb trotz meiner Skepsis heiter und gelassen. Dass er keinem grundlosen Optimismus frönte, merkte ich ein paar Tage darauf, als wir, eine Handvoll Journalisten aus halb Europa, in Berlin zusammentrafen, um an einer Aufnahmesitzung für das neue Vorhaben teilzunehmen. Die Philips-Leute hatten sehr gute Voraussetzungen für den Start des Barockdirigenten Maazel, „ihres" Maazel, geschaffen. Sie hatten in Berlin einen neuen, guten Aufnahmeraum ausfindig gemacht und ihn für ihre Zwecke hergerichtet. Es ist der Festsaal des Johannes-Stiftes in Berlin-Spandau — eine holzgetäfelte Aula, die akustisch alle Wünsche der Tonmeister — und Tonmeister sind nur schwer zufriedenzustellen — erfüllt, außerdem aber noch andere beachtliche Vorteile aufzuweisen hat: Der Raum steht das ganze Jahr über nahezu unbeschränkt zur Verfügung; er liegt in einem großen, schönen Park abseits von allem Straßenlärm, und er befindet sich in keiner Einflugschneise, so dass — in Berlin eine Seltenheit! — Aufnahmen nicht durch Flugzeuggeräusche gestört werden können.
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Als wir eintreten, geht die Pause gerade zu Ende, und die Musiker nehmen wieder Platz. Ich zähle zwölf erste und ebenso viele zweite Geigen, zehn Bratschen, acht Celli und sechs Kontrabässe, dazu außer dem Cembalo einen Bläserchor mit sechs Oboen, drei Trompeten und zwei Fagotten — starke Besetzung also. Maazel erscheint, und es breitet sich nun innerhalb weniger Minuten die eigenartige Atmosphäre nüchterner, konzentrierter Arbeit aus, die für alle Rundfunk- und Schallplattenaufnahmen so bezeichnend ist. In diesem Fall erscheint sie mir sogar eher noch sachlicher, noch strenger als sonst. Maazel ist ein rationeller Dirigent. Es wird kein Ton unnütz gespielt. Er geht zunächst den Satz, der aufgenommen werden soll, Takt für Takt mit den Musikern durch, erklärt mit leiser Stimme, worauf es ihm ankommt, gibt Hinweise im Einzelnen. Dann ein erstes Durchspielen, kleine Korrekturen, ein paar Takte werden erneut angespielt, zweites Durchspielen — Aufnahme. Maazel dirigiert locker, dabei aber sehr energisch und sehr diszipliniert. Die Arme bleiben nahe am Körper. Alle ausladenden großen Gesten fehlen. Um so beweglicher arbeiten die Hände. Entsprechend das Klangbild: Das Orchester musiziert einen sehr straffen Bach, bei dem sich melodische Details immer dem Metrum der Musik unterordnen. Man spielt gerade die Gavotte aus Bachs vierter Ouvertüren-Suite, und mir fällt neben dem verhältnismäßig gemessenen Tempo auf, wie wenig Maazel die synkopierten Noten der Melodie absetzen und herausheben lässt. Er vermeidet offenbar Effekte, die zur Musik des 19. und 20. Jahrhunderts passen, aber in barocken Sätzen aufgesetzt wirken könnten. Der Entschluss der Philips, Maazel als Bach-Interpreten groß herauszustellen, erscheint mir künstlerisch nicht mehr so verwegen wie bisher. Denn was man auch im Einzelnen zu Maazels Bach-Interpretationen sagen kann — und es wird auf den folgenden Seiten bei den Rezensionen dieser Aufnahme einiges dazu gesagt werden müssen: Auf keinen Fall sind sie platte und unzulässige Transpositionen seines Tschaikowsky-, Strauss- oder Schostakowitsch-Stils, sondern sie tragen das Zeichen der sehr persönlichen Auseinandersetzung des Dirigenten mit dem Werk Bachs.
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„Draußen" im Saal klingt die Bach-Gavotte etwas unproportioniert: Die Streicher decken zum Beispiel den Cembaloklang so stark, dass man ihn nur an einigen Stellen überhaupt vernehmen kann. „Drinnen", nämlich im Abhörraum in einem der Zimmer an der Frontseite des Saals, ist alles im rechten Lot. Volker Straus, Absolvent der Detmolder Tonmeisterschule und schon seit Jahren Aufnahmeleiter bei der Philips, hat ein Klangbild „hergestellt", wie es typisch für fast alle großen Aufnahmen dieser Firma ist. Es ist ein klares und brillantes Klangbild, das aber trotz aller Brillanz nie den Eindruck des Geschönten, aufnahmetechnisch raffiniert überzüchteten macht. Wer diese Aufnahmen hört, wird getrost weiter hin Konzerte und Opern besuchen können, ohne vom originalen Klang eines Orchesters bitter enttäuscht zu werden. Wenn das Wort nicht so vieldeutig und vielbeansprucht wäre, könnte man sagen, Straus strebe ein „natürliches" Klangbild an. Dabei zielt dieses Wort selbstverständlich nur auf das Ergebnis, nicht auf das Verfahren. Denn um zu einem so brillanten Klangbild zu kommen, wie wir es heute von Spitzenaufnahmen gewohnt sind, kommt man ohne kleine musikalische und technische Tricks kaum noch aus. Natürlich haben auch in Spandau die Streicher und Bläser getrennte Stereo-Mikrophone, natürlich wird auch der Cembaloklang mit einem Extra-Mikrophon eingefangen. Um zu einer guten Klangbalance zu kommen, sind außerdem noch besondere Absprachen mit den Musikern getroffen; zum Beispiel spielen die sechs Kontrabassisten nur ganz selten zusammen. Meistens haben vier von ihnen Pause, und nur an bestimmten Stellen greifen sie ein, um dem Bass die nötige Grundgewalt zu geben. Und das Wichtigste: Man hat einen akustisch „trockenen", also nachhallarmen Raum ausgesucht, um die Musik möglichst klar und durchsichtig aufnehmen zu können, fügt aber, um dem Klang schöne Rundung zu geben, nach Bedarf einen Schuss Hall hinzu — „natürlichen" Hall aus der Kirche des Johannes-Stifts, die ein paar Schritte neben dem Festsaal im Park liegt, Berliner Luft von nebenan.
Damit allerdings, so sagt Straus, sei es zu Ende mit der technischen Hilfestellung. Während der Aufnahme werde nicht mehr manipuliert. Was natürlich cum grano salis zu verstehen ist. Denn ganz ohne Schieben der Eingangsregler geht es, wie ich sehe, auch bei dieser Aufnahme nicht ab.
Inzwischen ist auch Rene Klopfenstein eingetroffen. Er ist der Initiator der Aufnahmen und zugleich Mitglied des neuen dreiköpfigen Gremiums, das für die zentrale Planung des Philips-Repertoires und für die Produktions-Koordination der verschiedenen nationalen Philips-Gesellschaften zuständig ist. Wir hatten schon vor der Probe zusammengesessen, und er sprach dabei mit echter Begeisterung von Maazel. Besonders hat es ihm, dem gebürtigen Schweizer, die uhrwerkartige Präzision angetan, mit der Maazel sein Pensum erfüllt: Er habe einen unglaublich gedrängten Terminplan, aber er könne ihn einhalten, weil er zu Aufnahmen und Proben mit ganz festen Vorstellungen über die jeweiligen Werke komme. Er versuche, sie in Klang umzusetzen, und wenn ihm das wunschgemäß gelinge, sei das Thema damit für ihn ein für allemal abgeschlossen. Es gibt hinterher keine vergrübelten Diskussionen über die Aufnahme, keine nächtlichen Telefonanrufe mit zweifelnden Fragen. Klopfenstein malte in leuchtenden Farben das Bild eines „modernen" Musikers, mit dem glänzend zusammenzuarbeiten ist, der den technischen Erfordernissen der Schallplatte dadurch seinen Tribut zollt, dass er „mit sich im reinen" ist, bevor er zur Sitzung kommt — eines Musikers der schnellen und unumstößlichen Entschlüsse dazu.
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Die Aussage bestätigt sich, als Maazel in den Kontrollraum kommt, um sich anzuhören, wie die Gavotte vom Band klingt. Kein überflüssiges Wort fällt, Dirigent und Aufnahmeleiter sind sich sofort einig, welche Stelle einer Korrektur bedarf, man stimmt sich über den neuen Einsatz ab, und schon ist Maazel wieder beim Orchester, um eine zweite Fassung zu spielen.
Als sich nach der Sitzung die Gelegenheit zu einem ausführlichen Gespräch ergibt, steht die Frage nach der Interpretation Bachscher Musik sofort im Mittelpunkt. Maazel hat sich seit Jahren mit ihr beschäftigt. Er glaubt die verschiedenen Spielarten ihrer Darstellung zu kennen. Aber weder sie noch musikwissenschaftliche Erkenntnisse sind für ihn die letzte Instanz. Wenn er ein Werk einstudiert, beschäftigt er sich ausschließlich mit der Partitur und formt sich daraus seine Vorstellung. Er versucht sich Bach ohne vorgefasste Meinung, ohne Vorurteil zu nähern. Ich denke, es wird Maazel bewusst sein, dass auch ein „vorurteilsloser" Musiker eine Partitur immer nur durch die Brille seiner Zeit und seiner Erziehung sehen kann. Und dass umgekehrt auch ein musikhistorisch engagierter Dirigent nicht nur angewandte Philologie treibt. Aber Erwägungen dieser Art scheinen Maazel nicht anzufechten. Das Reich der Interpretation ist für ihn groß, und es geht ihm um einen Bach aus modernem Geist.
Lebhaft wird Maazel, als das Gespräch auf Musiksendungen in Fernsehen und Rundfunk kommt. Er hat einige Erfahrungen auf diesem Gebiet, und es schweben ihm neue Pläne vor, die allerdings noch keine festen Formen angenommen haben. Eines aber ist ihm klar: Es werden keine Sendungen sein, in denen Musik zerredet und „erklärt" wird. „Musik kann man nicht erklären. Man kann in solchen Fernsehsendungen nur einen Begriff geben von der Atmosphäre, in der wir musizieren."
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Am Abend sah ich Maazel wieder. Er dirigierte im Sendesaal des SFB ein Konzert mit Werken russischer Komponisten. Eine verblüffende Wandlung war mit ihm vorgegangen: Aus dem ernsten, ruhigen, leisen Gesprächspartner, aus dem rationellen Probentechniker war ein Musiker äußerster Konzentration und Gespanntheit geworden. Das Publikum war begeistert.



