„Wichtig ist allein die Musik“
Everett Helm unterhielt sich mit Arturo Benedetti Michelangeli

Der italienische Pianist Arturo Benedetti Michelangeli genießt in der Musikwelt einen ganz besonderen Ruf. „Er ist verrückt, aber er ist genial", sagte mir neulich ein Italiener und brachte damit die allgemeine Meinung auf eine kurze, wenn auch nicht besonders liebenswürdige Formel. Dass er ein großer Künstler ist, weiß jeder, der ihn an einem inspirierten Abend gehört hat — wie ich kürzlich in Venedig, als er das G-dur-Konzert von Ravel spielte. An diesem Abend muss er in besonders guter Stimmung gewesen sein, denn er spielte überraschend zwei solistische Encores — was bei ihm sonst fast nie vorkommt. Er wählte zwei Images von Debussy und trug sie mit einer wahrhaft unerhörten Mischung von Natürlichkeit, Konzentration, technischer Vollkommenheit und Feinfühligkeit vor.
Während des Gesprächs, das ich am folgenden Tag mit Michelangeli hatte, fiel es mir schwer, an ihm alle die Eigenschaften zu entdecken, die man ihm nachsagt: Weltfremdheit, Unzuverlässigkeit, Exzentrizität. Ich hatte von seinem Hang gehört, Konzerte und Aufnahmetermine kurzfristig abzusagen, sich plötzlich vom Konzertleben zurückzuziehen, und ich erinnerte mich an die vielen Geschichten, die man sich über ihn, einer schon heute legendären Figur, erzählt. Aber ich begegnete einem bescheidenen Menschen mit gewinnendem Wesen, der sehr ruhig sprach — und sich nur ungern über sich selbst äußerte. Die Begegnung mit ihm vermittelt den Eindruck, einer großen Persönlichkeit gegenüberzustehen, einer Art Genie, wenn man will, für die das Kleinliche und Triviale nicht existiert — einem Mann, der vielleicht den Kontakt mit der Alltagswelt verloren hat, in der „eine Hand die andere wäscht", und in einer eigenen, aber ebenfalls durchaus realen Welt lebt, in der die Wirklichkeit die Kunst ist und in der die üblichen Maßstäbe nicht ohne weiteres angelegt werden können.
Michelangeli hat die Figur eines Athleten. Doch sein Auftreten, sein Blick und seine Reaktionen enthüllen ihn sofort als äußerst sensiblen Künstler. Das einzig „Sportliche" an ihm ist sein Ferrari. „Weshalb soll ich mit einer Geschwindigkeit von 120 km/h fahren, wenn ich das Doppelte fahren kann?" ist sein Kommentar. Auf meine Frage nach der Fliegerei antwortet er: „Man hat sich darüber viele Geschichten erzählt. Ich fliege ab und zu als Mitglied eines Klubs, aber ich besitze kein eigenes Flugzeug. Ich habe weder für irgendeinen Sport Zeit noch für sight-seeing oder Hobbies. Mein Leben besteht aus Arbeit. Entweder übe und studiere ich die Stücke, die ich aufführe, oder ich unterrichte. Ich habe nun zwanzig Monate ununterbrochen gearbeitet und bin sehr müde."
Trotz Michelangelis robustem Äußeren macht ihm seine Gesundheit immer wieder zu schaffen. Das, erklärt er, sei auch der Grund gewesen, weshalb er sich vor einiger Zeit vom Konzertleben zurückgezogen habe. Nach einem dreijährigen Sanatoriumsaufenthalt nahm er allmählich seine Karriere wieder auf. 1964 hatte er bei einer Tournee in der Sowjetunion einen glänzenden Erfolg. 1965 konzertierte er in Japan, London, Paris, Salzburg und anderen Städten. Anfang 1966 kehrte er nach fünfzehnjähriger Pause in die Vereinigten Staaten zurück und konnte auch hier Triumphe feiern.
Das Thema, über das der 45jährige Italiener am liebsten spricht, ist seine Lehrtätigkeit. „Ich widme ihr einen großen Teil meiner Zeit", sagt er, „und sie kostet mich sehr viel Energie. Der Unterricht, den ich gebe, ist zeitlich nicht begrenzt; auch bin ich für meine Schüler jederzeit da, wenn sie Rat brauchen. Vielleicht tue ich dies aus einem Mangel an Egoismus. Viele Jahre habe ich konzertiert, nur um meine Schule zu finanzieren. Und selbst wenn ich erkläre, dass ich keine Schule mehr habe, kommen Schüler zu mir. In den Sommerkursen im Chigi-Palast sollte ich 13 Schüler unterrichten, doch 86 meldeten sich. Unglücklicherweise kommen viele erst zu mir, wenn es zu spät ist, den Beruf zu wechseln."
Viele junge Pianisten haben bei Michelangeli studiert. Er unterrichtet nicht nur in seinem Heim in Bozen, sondern nimmt Schüler an, wo er sich gerade befindet. Wenn es darum geht, einen Klaviereleven anzunehmen, scheint Michelangeli nicht nein sagen zu können — vorausgesetzt, der Schüler hat Talent. Und gewöhnlich nimmt er auch kein Honorar für seine Stunden an, da er den Standpunkt vertritt, jeder begabte junge Künstler habe das Recht auf eine erstklassige musikalische Ausbildung.
Kurz nach dem Krieg eröffnete Michelangeli seine ambulante Ein-Mann-Schule, die er aus eigener Tasche unterhält und die den Namen Arturo Benedetti Michelangeli trägt. „Sie wurde von anderen so getauft, nicht von mir selber", fügt der Maestro hinzu. Es ist eine völlig unorthodoxe Schule; sie hat nicht einmal ein Gebäude, über die Möglichkeiten, seine Akademie als eine regelrechte Institution in Brescia aufzuziehen, äußert sich Michelangeli zweifelnd. „Ich bin skeptisch, denn die Stadt möchte die finanziellen Lasten tragen. Meiner Erfahrung nach bleiben staatliche Projekte meistens stecken. Wenn ich will, dass etwas geschieht, dann muss ich es selber tun." Zu den Unternehmen, die Michelangeli aus eigener Initiative zustande brachte, gehört das „Internationale Klavierfestival", das im vergangenen Mai zum zweiten Mal stattfand und in seiner Heimatstadt Brescia und in dem nahegelegenen Bergamo gefeiert wird. Es war dem Schaffen Mozarts gewidmet und bestand aus Konzerten und Soloabenden, in denen Künstler wie Jörg Demus, Nikita Magaloff, Paul Badura-Skoda, Jakob Flier, Alexis Weissenburg und Michelangeli selber auftraten.
Was die Ausbildung junger Pianisten betrifft, so hält Michelangeli eine gründliche musikalische Ausbildung für den wichtigsten Faktor. „Die meisten Studenten müssen anfangen Musik zu studieren, nachdem sie das Konservatorium absolviert haben; denn dort lernen sie in dieser Beziehung nicht viel. Technik ist natürlich wichtig, aber sie hat erst dann einen Wert, wenn sie für musikalische Zwecke angewandt wird. Zu viele Pianisten üben heutzutage ihre Musik wie Klavierspieler aus. Die Aufgabe eines Künstlers ist, die Gedanken und die Aussage des Komponisten zum Leben zu erwecken. Dazu muss man die Musik spielen und nicht nur die Noten.
Inwieweit ist die Tradition für die Interpretation von Bedeutung? Nach Michelangeli ist sie bis zu einem bestimmten Grad wichtig, „Doch", fügt er hinzu, „mit der Traditionstreue verhält es sich wie mit dem Gesellschaftsspiel, bei dem einer dem anderen eine Mitteilung zuflüstert. Nachdem sie einmal den Kreis der Mitspieler durchlaufen hat, ist von der ursprünglichen Nachricht nicht viel übriggeblieben. Einmal, bei einem Wettbewerb in Bologna, spielte ein Student Chopin besonders schlecht. Als man ihn fragte, wie er zu einer solchen Interpretation komme, sagte er, er habe sie nach einer Schallplatte von Michelangeli studiert."
Und die Schallplatte? Wenn ein geplantes Projekt realisiert werden kann, wird es in absehbarer Zeit eine ganze Reihe neuer Michelangeli-Platten geben. Er hat nichts gegen Schallplatten-Aufnahmen und vermisst dabei auch das Publikum nicht, „denn wichtig ist allein die Musik". Er findet, dass die Schallplatte viel dazu beigetragen habe, den technischen, nicht aber den künstlerischen Standard zu heben. „Der Diskophile aber, der sich nur auf die technischen Dinge einer Platte konzentriert, ist ein Monstrum."
Michelangeli ist das Gegenteil des selbstbewussten, robusten Künstlers, der mit Elan von Triumph zu Triumph rast. Er stellt unablässig den Wert dessen, was er erreicht hat, in Frage und verbringt Jahre damit, Interpretationen zu studieren und immer von neuem zu durchdenken, die einen weniger gewissenhaften und weniger besessenen Künstler vollauf befriedigt hätten. Und wenn er auch hinreißend gespielt hat — er ist nie mit seinen eigenen Leistungen zufrieden und findet unzählige Punkte, die er ausfeilen will. In solchen Augenblicken kann er sich so an seine Arbeit verlieren, dass er fähig ist, eine angesetzte Konzertreise rundweg abzusagen. Er ist ein Idealist, ein Perfektionist und ein Nonkonformist — und er ist ein Musiker der Sonderklasse.
Der italienische Pianist Arturo Benedetti Michelangeli genießt in der Musikwelt einen ganz besonderen Ruf. „Er ist verrückt, aber er ist genial", sagte mir neulich ein Italiener und brachte damit die allgemeine Meinung auf eine kurze, wenn auch nicht besonders liebenswürdige Formel. Dass er ein großer Künstler ist, weiß jeder, der ihn an einem inspirierten Abend gehört hat — wie ich kürzlich in Venedig, als er das G-dur-Konzert von Ravel spielte. An diesem Abend muss er in besonders guter Stimmung gewesen sein, denn er spielte überraschend zwei solistische Encores — was bei ihm sonst fast nie vorkommt. Er wählte zwei Images von Debussy und trug sie mit einer wahrhaft unerhörten Mischung von Natürlichkeit, Konzentration, technischer Vollkommenheit und Feinfühligkeit vor.
Während des Gesprächs, das ich am folgenden Tag mit Michelangeli hatte, fiel es mir schwer, an ihm alle die Eigenschaften zu entdecken, die man ihm nachsagt: Weltfremdheit, Unzuverlässigkeit, Exzentrizität. Ich hatte von seinem Hang gehört, Konzerte und Aufnahmetermine kurzfristig abzusagen, sich plötzlich vom Konzertleben zurückzuziehen, und ich erinnerte mich an die vielen Geschichten, die man sich über ihn, einer schon heute legendären Figur, erzählt. Aber ich begegnete einem bescheidenen Menschen mit gewinnendem Wesen, der sehr ruhig sprach — und sich nur ungern über sich selbst äußerte. Die Begegnung mit ihm vermittelt den Eindruck, einer großen Persönlichkeit gegenüberzustehen, einer Art Genie, wenn man will, für die das Kleinliche und Triviale nicht existiert — einem Mann, der vielleicht den Kontakt mit der Alltagswelt verloren hat, in der „eine Hand die andere wäscht", und in einer eigenen, aber ebenfalls durchaus realen Welt lebt, in der die Wirklichkeit die Kunst ist und in der die üblichen Maßstäbe nicht ohne weiteres angelegt werden können.
Michelangeli hat die Figur eines Athleten. Doch sein Auftreten, sein Blick und seine Reaktionen enthüllen ihn sofort als äußerst sensiblen Künstler. Das einzig „Sportliche" an ihm ist sein Ferrari. „Weshalb soll ich mit einer Geschwindigkeit von 120 km/h fahren, wenn ich das Doppelte fahren kann?" ist sein Kommentar. Auf meine Frage nach der Fliegerei antwortet er: „Man hat sich darüber viele Geschichten erzählt. Ich fliege ab und zu als Mitglied eines Klubs, aber ich besitze kein eigenes Flugzeug. Ich habe weder für irgendeinen Sport Zeit noch für sight-seeing oder Hobbies. Mein Leben besteht aus Arbeit. Entweder übe und studiere ich die Stücke, die ich aufführe, oder ich unterrichte. Ich habe nun zwanzig Monate ununterbrochen gearbeitet und bin sehr müde."
Trotz Michelangelis robustem Äußeren macht ihm seine Gesundheit immer wieder zu schaffen. Das, erklärt er, sei auch der Grund gewesen, weshalb er sich vor einiger Zeit vom Konzertleben zurückgezogen habe. Nach einem dreijährigen Sanatoriumsaufenthalt nahm er allmählich seine Karriere wieder auf. 1964 hatte er bei einer Tournee in der Sowjetunion einen glänzenden Erfolg. 1965 konzertierte er in Japan, London, Paris, Salzburg und anderen Städten. Anfang 1966 kehrte er nach fünfzehnjähriger Pause in die Vereinigten Staaten zurück und konnte auch hier Triumphe feiern.
Das Thema, über das der 45jährige Italiener am liebsten spricht, ist seine Lehrtätigkeit. „Ich widme ihr einen großen Teil meiner Zeit", sagt er, „und sie kostet mich sehr viel Energie. Der Unterricht, den ich gebe, ist zeitlich nicht begrenzt; auch bin ich für meine Schüler jederzeit da, wenn sie Rat brauchen. Vielleicht tue ich dies aus einem Mangel an Egoismus. Viele Jahre habe ich konzertiert, nur um meine Schule zu finanzieren. Und selbst wenn ich erkläre, dass ich keine Schule mehr habe, kommen Schüler zu mir. In den Sommerkursen im Chigi-Palast sollte ich 13 Schüler unterrichten, doch 86 meldeten sich. Unglücklicherweise kommen viele erst zu mir, wenn es zu spät ist, den Beruf zu wechseln."
Viele junge Pianisten haben bei Michelangeli studiert. Er unterrichtet nicht nur in seinem Heim in Bozen, sondern nimmt Schüler an, wo er sich gerade befindet. Wenn es darum geht, einen Klaviereleven anzunehmen, scheint Michelangeli nicht nein sagen zu können — vorausgesetzt, der Schüler hat Talent. Und gewöhnlich nimmt er auch kein Honorar für seine Stunden an, da er den Standpunkt vertritt, jeder begabte junge Künstler habe das Recht auf eine erstklassige musikalische Ausbildung.
Kurz nach dem Krieg eröffnete Michelangeli seine ambulante Ein-Mann-Schule, die er aus eigener Tasche unterhält und die den Namen Arturo Benedetti Michelangeli trägt. „Sie wurde von anderen so getauft, nicht von mir selber", fügt der Maestro hinzu. Es ist eine völlig unorthodoxe Schule; sie hat nicht einmal ein Gebäude, über die Möglichkeiten, seine Akademie als eine regelrechte Institution in Brescia aufzuziehen, äußert sich Michelangeli zweifelnd. „Ich bin skeptisch, denn die Stadt möchte die finanziellen Lasten tragen. Meiner Erfahrung nach bleiben staatliche Projekte meistens stecken. Wenn ich will, dass etwas geschieht, dann muss ich es selber tun." Zu den Unternehmen, die Michelangeli aus eigener Initiative zustande brachte, gehört das „Internationale Klavierfestival", das im vergangenen Mai zum zweiten Mal stattfand und in seiner Heimatstadt Brescia und in dem nahegelegenen Bergamo gefeiert wird. Es war dem Schaffen Mozarts gewidmet und bestand aus Konzerten und Soloabenden, in denen Künstler wie Jörg Demus, Nikita Magaloff, Paul Badura-Skoda, Jakob Flier, Alexis Weissenburg und Michelangeli selber auftraten.
Was die Ausbildung junger Pianisten betrifft, so hält Michelangeli eine gründliche musikalische Ausbildung für den wichtigsten Faktor. „Die meisten Studenten müssen anfangen Musik zu studieren, nachdem sie das Konservatorium absolviert haben; denn dort lernen sie in dieser Beziehung nicht viel. Technik ist natürlich wichtig, aber sie hat erst dann einen Wert, wenn sie für musikalische Zwecke angewandt wird. Zu viele Pianisten üben heutzutage ihre Musik wie Klavierspieler aus. Die Aufgabe eines Künstlers ist, die Gedanken und die Aussage des Komponisten zum Leben zu erwecken. Dazu muss man die Musik spielen und nicht nur die Noten.
Inwieweit ist die Tradition für die Interpretation von Bedeutung? Nach Michelangeli ist sie bis zu einem bestimmten Grad wichtig, „Doch", fügt er hinzu, „mit der Traditionstreue verhält es sich wie mit dem Gesellschaftsspiel, bei dem einer dem anderen eine Mitteilung zuflüstert. Nachdem sie einmal den Kreis der Mitspieler durchlaufen hat, ist von der ursprünglichen Nachricht nicht viel übriggeblieben. Einmal, bei einem Wettbewerb in Bologna, spielte ein Student Chopin besonders schlecht. Als man ihn fragte, wie er zu einer solchen Interpretation komme, sagte er, er habe sie nach einer Schallplatte von Michelangeli studiert."
Und die Schallplatte? Wenn ein geplantes Projekt realisiert werden kann, wird es in absehbarer Zeit eine ganze Reihe neuer Michelangeli-Platten geben. Er hat nichts gegen Schallplatten-Aufnahmen und vermisst dabei auch das Publikum nicht, „denn wichtig ist allein die Musik". Er findet, dass die Schallplatte viel dazu beigetragen habe, den technischen, nicht aber den künstlerischen Standard zu heben. „Der Diskophile aber, der sich nur auf die technischen Dinge einer Platte konzentriert, ist ein Monstrum."
Michelangeli ist das Gegenteil des selbstbewussten, robusten Künstlers, der mit Elan von Triumph zu Triumph rast. Er stellt unablässig den Wert dessen, was er erreicht hat, in Frage und verbringt Jahre damit, Interpretationen zu studieren und immer von neuem zu durchdenken, die einen weniger gewissenhaften und weniger besessenen Künstler vollauf befriedigt hätten. Und wenn er auch hinreißend gespielt hat — er ist nie mit seinen eigenen Leistungen zufrieden und findet unzählige Punkte, die er ausfeilen will. In solchen Augenblicken kann er sich so an seine Arbeit verlieren, dass er fähig ist, eine angesetzte Konzertreise rundweg abzusagen. Er ist ein Idealist, ein Perfektionist und ein Nonkonformist — und er ist ein Musiker der Sonderklasse.



