Zeuge wienerischer Musik-Tradition, das Weller-Quartett
Erschienen im FONO FORUM im September 1966

Die Kammermusik hat im Wiener Musikleben seit jeher ihren besonderen Platz. Vor allem, seit im ausklingenden 18. Jahrhundert das Bürgertum Träger der Musikkultur geworden war, seit Haydn, Mozart, Beethoven und Schubert für dieses Bürgertum musizierten und den „Liebhaber" mit Kostbarkeiten der Hausmusik überhäuften. Im 19. und um die Wende zum 20. Jahrhundert war Kammermusik in jedem besseren Wiener Bürgerhaus selbstverständlich, die Angehörigen der gehobenen akademischen Berufe — vor allem Ärzte und Juristen — pflegten ihrem musikalischen Hobby zumindest einmal, nicht selten aber drei- oder viermal in der Woche nachzugehen. Für dieses Publikum, mit dem das passive Konsumpublikum unserer Zeit nicht zu vergleichen ist, komponierten die großen und kleineren Meister unzählige Werke der Kammermusik bis herauf in die neuromantische Zeit eines Franz Schmidt. Manches ist davon in Vergessenheit geraten, vieles aber zählen wir zu den persönlichsten Dokumenten der Großen der Musik.
Dieser Blüte einer bürgerlichen Musikkultur verdankt Wien seinen Ruf als Welthauptstadt der Musik, aus diesem unvorstellbar reichen, musikgesättigten Boden bezog Wien seine Musiker, vor allem die des Philharmonischen Orchesters, das immer mehr zum Aushängeschild seiner Musikkultur wurde. In unserem Jahrhundert freilich hat sich mit dem allgemeinen Verfall des Bürgertums, das in all den Umschichtungen der große Verlierer war, auch für Wien das Bild geändert. Radio, Schallplatte, Fernsehen haben die Hausmusik verdrängt und die Basis der aktiven Musikliebhaber sehr verkleinert. Allmählich haben Berufsmusiker die Liebhaber abgelöst. Die regelmäßigen Konzertveranstaltungen der Trios, Quartette und anderer Kammermusikensembles, die sich meist aus Mitgliedern der Wiener Philharmoniker zusammensetzten, haben sich zwar ein wenig von dem gesellschaftlich-familiären Flair bewahrt, doch nicht immer nur im positiven Sinn. Nicht selten wurden solche Abende von den Ausführenden recht oberflächlich vorbereitet. Die kritiklose Anerkennung durch das Stammpublikum, das kommt, um zu genießen, ließ oft den Eindruck entstehen, als seien diese Abende von durchaus lokaler Bedeutung — um so mehr, als bei Gastspielen die internationalen Kammermusik-Profis einen Maßstab setzten, den die Wiener Ensembles, deren Zusammensetzung in den letzten Jahren zudem einem dauernden Wechsel unterlag, oft nicht erreichen konnten. Da wurden dann wehmütige Erinnerungen laut an die Zeiten des Rose-Quartetts, des Kolisch-Quartetts, des Schneiderhan-Quartetts, aus dem sich später das Musikvereinsquartett mit Walter Barylli entwickelte, an das Philharmonia-Quartett oder die großen Jahre des Konzerthaus-Quartetts. Noch nach dem Krieg, als die amerikanischen Schallplattenfirmen entdeckten, wie billig man in Wien produzieren kann, besaß die Tradition wienerischer Kammermusik Weltgeltung.
Doch dieser Ruf war bald vertan, und auch in Wien mehrten sich die kritischen Stimmen, die meinten, die Herren Philharmoniker müssten, um den Anschluss an den internationalen Standard nicht zu versäumen, anders arbeiten. In dieser Situation wurde das Weiler-Quartett gegründet. Vier junge Musiker, Söhne von Philharmonikern, Schüler von Philharmonikern, selbst bereits zum Teil Mitglieder des Orchesters, reizte es zu beweisen, dass es auch anders geht. Sie taten das Beste, was sie tun konnten. Sie bereiteten sich gewissenhaft auf den Wettbewerb der Deutschen Rundfunkanstalten in München vor und gewannen auf Anhieb. Die Verbindung von philharmonischer Klangkultur, wienerischer Musikalität und ernsthafter Arbeit verfehlte gleich aufs erste nicht ihren Eindruck.
Das war 1959, und seither hat sich das Weller-Quartett nicht nur in Wien einen ersten Platz erobert, es gehört zweifellos bereits jetzt zu den führenden Quartetten der Welt. Das bestätigen Konzertreisen durch alle fünf Kontinente ebenso wie die großartigen Kritiken ihrer ersten Platten vor allem im klassischen europäischen Schallplattenland, in England. Decca hat dem Weller-Quartett einen Exklusiv-Vertrag angeboten, und im Laufe der Jahre sollen dort sämtliche Beethoven- und Brahms-Quartette, vor allem aber eine Gesamtaufnahme der 84 Streichquartette von Joseph Haydn ediert werden. Neben ersten und sehr erfolgreichen Zeugnissen dieser drei Serien erschien aber als Zeugnis der musikantischen Vielseitigkeit der Wiener Musiker auch eine Platte mit dem Opus 3 von Alban Berg und dem zehnten Streichquartett op. 118 von Schostakowitsch, das der sowjetische Komponist dem Ensemble zur Erstaufnahme persönlich zusandte. Neue Platten mit Debussy, Verdi und drei frühen Mozart-Quartetten sind in Vorbereitung. Das Weller-Quartett wurde von der Wiener Mozart-Gemeinde mit dem Interpretationspreis 1965 ausgezeichnet. Angebote zu Tourneen liegen weit zahlreicher vor, als sie angenommen werden können.
Denn noch sind alle Vier Mitglieder der Wiener Philharmoniker, Walter Weller seit 1964 sogar deren Konzertmeister. Das bedeutet monatlich nicht nur mindestens fünfzehn Abenddienste in der Staatsoper, sondern auch Konzerte, Schallplatten und Reisen, nicht zuletzt auch zahlreiche Proben. Und das wiederum bedeutet, dass die Zeit für die Arbeit des Quartetts nur mit äußerster Disziplin zu finden ist, dass die Musiker nicht selten zehn Stunden am Tag an ihren Instrumenten zubringen. Noch sind sie jung — Walter Weller ist 1939, Alfred Staar 1938, Helmut Weis 1937 und der Cellist Stefan Beinl als Ältester 1928 geboren —, doch schon beginnt ihnen die Anstrengung der vielfältigen Tätigkeit zu viel zu werden. Es fehlt allenthalben nicht an guten Ratschlägen, doch ganz in das „Profi"-Lager zu wechseln, bevor die Anstrengung auf die Qualität drückt, doch bietet das Beispiel großer Berufsquartette, die bis zu zweihundert Konzerte im Jahr spielen und deren Stil — wir haben Beispiele — in dieser Tretmühle des modernen Musikbetriebs überspitzt und artifiziell geworden ist, keinen allzu verlockenden Anreiz. Die materielle Sicherheit, die der Staat Österreich seinem Opernorchester bietet, bedeutet in unserer unsicheren Zeit doch einen gewissen Halt, auf den zu verzichten für niemanden leicht ist. Doch sollten sich hier Möglichkeiten einer großzügigen Lösung finden lassen — im Interesse der Kontinuität und Geltung der Wiener Kammermusik-Tradition, der dem Weller-Quartett wesentlichen Auftrieb gegeben hat.
Die Kammermusik hat im Wiener Musikleben seit jeher ihren besonderen Platz. Vor allem, seit im ausklingenden 18. Jahrhundert das Bürgertum Träger der Musikkultur geworden war, seit Haydn, Mozart, Beethoven und Schubert für dieses Bürgertum musizierten und den „Liebhaber" mit Kostbarkeiten der Hausmusik überhäuften. Im 19. und um die Wende zum 20. Jahrhundert war Kammermusik in jedem besseren Wiener Bürgerhaus selbstverständlich, die Angehörigen der gehobenen akademischen Berufe — vor allem Ärzte und Juristen — pflegten ihrem musikalischen Hobby zumindest einmal, nicht selten aber drei- oder viermal in der Woche nachzugehen. Für dieses Publikum, mit dem das passive Konsumpublikum unserer Zeit nicht zu vergleichen ist, komponierten die großen und kleineren Meister unzählige Werke der Kammermusik bis herauf in die neuromantische Zeit eines Franz Schmidt. Manches ist davon in Vergessenheit geraten, vieles aber zählen wir zu den persönlichsten Dokumenten der Großen der Musik.
Dieser Blüte einer bürgerlichen Musikkultur verdankt Wien seinen Ruf als Welthauptstadt der Musik, aus diesem unvorstellbar reichen, musikgesättigten Boden bezog Wien seine Musiker, vor allem die des Philharmonischen Orchesters, das immer mehr zum Aushängeschild seiner Musikkultur wurde. In unserem Jahrhundert freilich hat sich mit dem allgemeinen Verfall des Bürgertums, das in all den Umschichtungen der große Verlierer war, auch für Wien das Bild geändert. Radio, Schallplatte, Fernsehen haben die Hausmusik verdrängt und die Basis der aktiven Musikliebhaber sehr verkleinert. Allmählich haben Berufsmusiker die Liebhaber abgelöst. Die regelmäßigen Konzertveranstaltungen der Trios, Quartette und anderer Kammermusikensembles, die sich meist aus Mitgliedern der Wiener Philharmoniker zusammensetzten, haben sich zwar ein wenig von dem gesellschaftlich-familiären Flair bewahrt, doch nicht immer nur im positiven Sinn. Nicht selten wurden solche Abende von den Ausführenden recht oberflächlich vorbereitet. Die kritiklose Anerkennung durch das Stammpublikum, das kommt, um zu genießen, ließ oft den Eindruck entstehen, als seien diese Abende von durchaus lokaler Bedeutung — um so mehr, als bei Gastspielen die internationalen Kammermusik-Profis einen Maßstab setzten, den die Wiener Ensembles, deren Zusammensetzung in den letzten Jahren zudem einem dauernden Wechsel unterlag, oft nicht erreichen konnten. Da wurden dann wehmütige Erinnerungen laut an die Zeiten des Rose-Quartetts, des Kolisch-Quartetts, des Schneiderhan-Quartetts, aus dem sich später das Musikvereinsquartett mit Walter Barylli entwickelte, an das Philharmonia-Quartett oder die großen Jahre des Konzerthaus-Quartetts. Noch nach dem Krieg, als die amerikanischen Schallplattenfirmen entdeckten, wie billig man in Wien produzieren kann, besaß die Tradition wienerischer Kammermusik Weltgeltung.
Doch dieser Ruf war bald vertan, und auch in Wien mehrten sich die kritischen Stimmen, die meinten, die Herren Philharmoniker müssten, um den Anschluss an den internationalen Standard nicht zu versäumen, anders arbeiten. In dieser Situation wurde das Weiler-Quartett gegründet. Vier junge Musiker, Söhne von Philharmonikern, Schüler von Philharmonikern, selbst bereits zum Teil Mitglieder des Orchesters, reizte es zu beweisen, dass es auch anders geht. Sie taten das Beste, was sie tun konnten. Sie bereiteten sich gewissenhaft auf den Wettbewerb der Deutschen Rundfunkanstalten in München vor und gewannen auf Anhieb. Die Verbindung von philharmonischer Klangkultur, wienerischer Musikalität und ernsthafter Arbeit verfehlte gleich aufs erste nicht ihren Eindruck.
Das war 1959, und seither hat sich das Weller-Quartett nicht nur in Wien einen ersten Platz erobert, es gehört zweifellos bereits jetzt zu den führenden Quartetten der Welt. Das bestätigen Konzertreisen durch alle fünf Kontinente ebenso wie die großartigen Kritiken ihrer ersten Platten vor allem im klassischen europäischen Schallplattenland, in England. Decca hat dem Weller-Quartett einen Exklusiv-Vertrag angeboten, und im Laufe der Jahre sollen dort sämtliche Beethoven- und Brahms-Quartette, vor allem aber eine Gesamtaufnahme der 84 Streichquartette von Joseph Haydn ediert werden. Neben ersten und sehr erfolgreichen Zeugnissen dieser drei Serien erschien aber als Zeugnis der musikantischen Vielseitigkeit der Wiener Musiker auch eine Platte mit dem Opus 3 von Alban Berg und dem zehnten Streichquartett op. 118 von Schostakowitsch, das der sowjetische Komponist dem Ensemble zur Erstaufnahme persönlich zusandte. Neue Platten mit Debussy, Verdi und drei frühen Mozart-Quartetten sind in Vorbereitung. Das Weller-Quartett wurde von der Wiener Mozart-Gemeinde mit dem Interpretationspreis 1965 ausgezeichnet. Angebote zu Tourneen liegen weit zahlreicher vor, als sie angenommen werden können.
Denn noch sind alle Vier Mitglieder der Wiener Philharmoniker, Walter Weller seit 1964 sogar deren Konzertmeister. Das bedeutet monatlich nicht nur mindestens fünfzehn Abenddienste in der Staatsoper, sondern auch Konzerte, Schallplatten und Reisen, nicht zuletzt auch zahlreiche Proben. Und das wiederum bedeutet, dass die Zeit für die Arbeit des Quartetts nur mit äußerster Disziplin zu finden ist, dass die Musiker nicht selten zehn Stunden am Tag an ihren Instrumenten zubringen. Noch sind sie jung — Walter Weller ist 1939, Alfred Staar 1938, Helmut Weis 1937 und der Cellist Stefan Beinl als Ältester 1928 geboren —, doch schon beginnt ihnen die Anstrengung der vielfältigen Tätigkeit zu viel zu werden. Es fehlt allenthalben nicht an guten Ratschlägen, doch ganz in das „Profi"-Lager zu wechseln, bevor die Anstrengung auf die Qualität drückt, doch bietet das Beispiel großer Berufsquartette, die bis zu zweihundert Konzerte im Jahr spielen und deren Stil — wir haben Beispiele — in dieser Tretmühle des modernen Musikbetriebs überspitzt und artifiziell geworden ist, keinen allzu verlockenden Anreiz. Die materielle Sicherheit, die der Staat Österreich seinem Opernorchester bietet, bedeutet in unserer unsicheren Zeit doch einen gewissen Halt, auf den zu verzichten für niemanden leicht ist. Doch sollten sich hier Möglichkeiten einer großzügigen Lösung finden lassen — im Interesse der Kontinuität und Geltung der Wiener Kammermusik-Tradition, der dem Weller-Quartett wesentlichen Auftrieb gegeben hat.



