Spezialisten – nötiger denn je
Wolf-Eberhard von Lewinski besuchte August Wenzinger

Bestrebungen, der „alten Musik" — wie man Kompositionen aus der Zeit vor Mozarts Wirken pauschal zu rubrizieren sich angewöhnt hat — zu neuer Wirkung zu verhelfen, hat es schon vor Beginn der Schallplatten-Aktivität gegeben. Dennoch ist die Beschäftigung mit jenen Werken einem breiteren Publikum erst vor wenigen Jahren mit Hilfe der Schallplattenproduktionen möglich geworden, die in überraschendem Umfang den Bereich der „alten Musik" pflegten, nachdem die Archiv-Produktion der DG den zuerst fast argwöhnisch oder auch hochnäsig-mild belächelten Anfang gemacht hatte. „Archiv" ist zu einem Begriff geworden, „alte Musik" zu einer Ware.
Es sieht so aus, als herrsche weithin Einigkeit über die Auswirkung des Booms und auch über die kritiklose Verbreitung und Annahme von Aufnahmen der „alten Musik". Das Feld, das bisher von einigen Spezialisten beackert wurde, die sich gegenseitig ihre Methoden vorwarfen (mehr oder weniger unterstützt von Wissenschaftlern, die stolz darauf waren, eine eigene Version der Vergangenheit verteidigen zu können), ist nun überschwemmt — was recht wörtlich zu nehmen ist. Mit dieser Überschwemmung ist aber die Frage nach der richtigen Wiedergabe alter Werke nicht beantwortet oder aufgehoben, so nivelliert das Bild auf den ersten Eindruck hin zu sein scheint, so merkwürdig es wirkt, dass die Firmen auf der einen Seite die alten oder jungen Spezialisten aufbieten, auf der anderen Seite aber mit den großen Namen von Dirigenten operieren, die nun auch auf das neu entdeckte Gebiet der alten Musik losgelassen werden, erstens, weil bei der „jüngeren" Musik kaum noch etwas undirigiert blieb, zweitens, weil das Geschäft ausgeweitet werden kann, wenn man Bach und Karajan auf einen Umschlag drucken darf — und selbstverständlich mussten bald danach auch Bach und Maazel zusammengespannt werden.
Im Grunde ist es ein Jammer, dass unter einem einzigen Firmen-Namen zwei diametral entgegengesetzte Aufnahmen angeboten werden. Die „alte Musik" verkauft sich nämlich auch dann sehr gut, wenn sie nicht mit einem Star-Namen gekoppelt wird. So aber fallen viele Musikfreunde doch wieder auf den Bach Karajans und Maazels herein und erhalten dadurch das falsche Bild der „alten Musik", das dieselbe Firma unter einem etwas anderen Etikett oder in einer anderen Serie zu vermeiden trachtete. Die Konsequenz aus dieser Tatsache lautet: Die Spezialisten sind nötiger denn je. Ihre Erkenntnisse, die sie durch jahrelange Praxis im Umgang mit der „alten Musik" und mit den Möglichkeiten gewonnen haben, sie für die Schallplatte wieder neu oder jedenfalls „authentisch" auferstehen zu lassen, haben mehr Gewicht denn je zuvor. Sie sollten von den Plattenfreunden weit stärker berücksichtigt werden als bisher — so dass dann eines idealen, vielleicht utopischen Tages die Karajans ihren Bach nicht mehr verkaufen können.
Wenn man Gelegenheit hat, sich mit einem Experten der „alten Musik" zu unterhalten, spürt man die Bedeutung jener Überlegungen doppelt. Ja, es fällt einem erst ein, welche gewaltigen Aufgaben der Schallplatte, soweit sie sich auf die Produktion der „alten Musik" konzentriert, noch bevorstehen. Der Katalog der Werke, die allein von der Archiv-Produktion angeboten werden, ist erstaunlich und bewunderungswürdig genug. Aber es ist hier wie immer im Leben: Je mehr man hat, desto anspruchsvoller wird man. Spricht man etwa mit einem Musiker wie August Wenzinger, der mit Archiv eng verbunden ist und vor kurzem einige wenige Fachjournalisten zu einem Pressetee in sein neues Haus in Bottmingen bei Basel bat — der sich allerdings erfreulicher- wie sympathischerweise zu einem Presseabend ausdehnte, an dessen Gelingen die Gattin des Künstlers entscheidenden Anteil hatte —, kommt man also ein wenig ins „Fachsimpeln", dann geht einem vollends auf, welche Chancen noch offenstehen, wie groß aber auch die Verpflichtung einer Plattengesellschaft ist, den gloriosen Beginn fortzuführen.
Hans Hickmann, der Leiter der Archiv-Produktion, hat im Juni-Heft des „fono forums" hierzu viel gesagt. Es lässt sich aber — von Seiten des „Fachhörers", wenn wir so sagen dürfen — zu diesem Thema noch einiges anmerken. Was, beispielsweise, wird aus dem abgebrochenen Projekt einer getreuen Wiedergabe der Haydn-Sinfonien? Wo bleiben die frühen Mozart-Sinfonien? Warum scheut man eine stichhaltige Wiedergabe der Werke Glucks? Weshalb zögert man, Händel-Opern archivgetreu herauszubringen? Wenzinger möchte den ersten Versuch gern mit dem „Xerxes" machen. Gewiss, alles das sind gewaltige Unternehmungen, die sich nicht mit der linken Hand erledigen lassen, die viel Geld kosten und ein langes Quellenstudium voraussetzen. Dennoch sind Forderungen gestellt, die nach einer Realisierung rufen, zumal man Künstler kennt, die bereit sind, solche Aufgaben zu übernehmen.
Aber es fehlt ja auf Archiv sogar an einer neuen, stereophonen Aufnahme etwa der Brandenburgischen Konzerte. Die erste, damals sensationell wirkende Einspielung unter Wenzinger ist zwar immer noch ein Maßstab, aber eine Neuauflage wäre längst fällig, zumal Wenzinger heute weitere Verbesserungen anbringen könnte. Sie münden in der aufregenden Feststellung Wenzingers, man sei bislang „Purist aus Unkenntnis" gewesen.
Wenzinger hat — ebenso wie einige andere neben ihm — erkannt, dass eine gewisse Beeinträchtigung des nachschöpferischen Impulses sowie die peinlich genaue Beachtung bestimmter wissenschaftlicher Behauptungen in engem Zusammenhang stehen. Wer Auskünften traut, die nur einer begrenzten historischen Episode zugehörig sind, sie aber auf eine Epoche ausdehnt, engt das Ausdrucksvermögen des Interpreten ein, gerät in die Gefahr, aus Angst vor einem „Stilbruch" steril zu werden. Nur der Künstler überzeugt, der sich in der „alten Musik" so zu Hause fühlt, dass er die „persönliche Sprache" des jeweiligen Komponisten beherrscht. Wenzinger geht heute so weit, dass er die Wahl der Instrumente in die zweite Reihe verweist, die Untersuchung der musikalischen Rhetorik dagegen an den ersten Platz rückt. Wer nicht die Ästhetik jener Zeit, deren Werke er interpretiert, genau kennt, wird die Musik nicht legitim spiegeln können.
Dennoch soll nicht geleugnet werden, dass auch der perfekte Kenner der Vergangenheit im 20. Jahrhundert lebt, dass also eine komplette Restauration einer Spielweise, wie sie vor Jahrhunderten herrschte, schlechterdings unmöglich ist. Es kommt dennoch auf eine Annäherung an das Ideal an. Sie setzt aber Spezialisten voraus, die sich von der Spezialisierung so weitgehend befreien können, dass sie nicht wie lebendige Geschichtsbücher umherlaufen: trocken, verstaubt, langweilig.
Aber wer nicht weiß, wie ein Detaché-Strich ausgeführt wird, sollte die Finger von der „alten Musik" lassen. Wenn dieser Wunsch in Erfüllung ginge, könnten allerdings alle unsere Orchester keine „alte Musik" mehr bieten. Dasselbe gilt von einer sehr speziellen Behandlung des Vibratos, das nicht nur von den Streichern gefordert werden muss, wie Flötist Linde, ein stiller, aber kundiger Teilnehmer jener Wenzinger-Runde zu Bottmingen, und der Cembalist Eduard Müller, der sich mit dynamischen Fragen quält (»Terrassendynamik gab es ja gar nicht, aber was kann man mit dem Cembalo da machen?") hinzufügten. Phrasierungen: Dieses weite Thema blieb undiskutiert, da es über den ohnedies weit vorgeschrittenen und ungemein privat-herzlichen wie zum Fachsimpeln fast ungeeigneten Sommerabend hinausgeführt hätte.
Aufschlussreich, wie etwa die neue Produktion der Händel-Orgelkonzerte zustande kam, was man unternehmen musste, um die Aufnahmen Anfang Juli in Basel zu ermöglichen. Da hatte man eine Orgel der Händelzeit in England entdeckt. Doch kaum war man angekommen, stellte man mit Staunen und Schrecken fest, dass die Engländer die Stimmung geändert hatten, indem sie brutalerweise die Pfeifen kappten, sie also für die alte Stimmung unbrauchbar machten, nur weil ein Londoner Orchester eine Aufnahme machen sollte. „Kulturschande" ist ein zu mildes Wort für diese Tat. In Hamburg und in Solothurn stehen Orgeln, die Händeis dreigestrichenes „d" aufweisen, aber zugleich soviel Straßenlärm in die Kirche eindringen lassen, dass eine Aufnahme nicht möglich ist. In Wien, der letzten Möglichkeit vom Instrument her, waren die Termine, an denen die Kirche freistand, nicht mit denen der Archiv-Produzenten in Übereinstimmung zu bringen. Das Resultat hieß: Eine „alte" Orgel war neu zu bauen. Der Auftrag wurde erteilt.
Bei der Suche nach den Original-Texten gab es weitere höchst amüsante und aufschlussreiche Entdeckungen zu machen. Bei einem der Konzerte wurde bisher der langsame Satz weggelassen, weil man ihn nicht kannte; in einem anderen Fall wird ein Finale zum ersten Mal original als Chorstück aufgeführt. Man hat also allerlei zu erwarten, wenn die neuen Orgelkonzert-Aufnahmen herauskommen.
Es ist schade, dass Wenzinger so selten zu Hause ist: Man möchte mehr mit ihm plaudern, um in die Geheimnisse einer reichen Welt eingeführt zu werden und seine Instrumente, die er in einem Glasschrank aufbewahrt, in dem schönen großen Raum erklingen hören, der bis zu sechzig Personen fasst und ein Prunkstück des neuen Hauses darstellt. Wenzinger ist nämlich einer der wenigen Interpreten, die als ideale Spezialisten anzusehen sind, und zwar deshalb, weil er nicht nur große Erfahrung gesammelt und sich stets um deren wissenschaftliche Fundierung bemüht hat, sondern weil er die Gambe beherrscht und dennoch genauso gern und gut Cello spielt und einen Brahms oder Hindemith oder Krenek vorträgt.
Wenzinger, 1905 in Basel geboren, hat Altphilologie und Musikwissenschaft, Philosophie und Violoncello studiert. Er war Wagnerianer, Freund der modernen Musik im neuerstandenen Donaueschingen von 1922 und seit der Begegnung mit Paul Grümmer 1927 in Köln ein Verfechter der „alten Musik". 1934 übernahm er die Konzertgruppe „Schola Cantorum Basiliensis", deren Dirigent er noch heute ist — ebenso wie er als Pädagoge seit langem an Basels Musikakademie tätig ist und nach wie vor in den Konzerten des Basler Orchesters mitwirkt. Leider war die Zeit, in der er außerdem die Cappella Coloniensis leitete, nur kurz.
Eine solche Schilderung des Lebenslaufs ist kaum mehr als ein Abriss. Und, genau genommen, gibt die Schallplatte auch nur einen Teil dessen wider, was das Spiel August Wenzingers auf einer Viola da Gamba des Jacobus Stainer von 1673 ausmacht, was es bedeutet, wenn August Wenzinger in seinem modernen Heim mit Worten oder Klängen in das Wesen der „alten Musik" einführt, besser gesagt: zu ihr hinzwingt, mit der technischen wie geistigen Überzeugungskraft nicht nur eines Kundigen, sondern eines wahren Maestro im Sinne der Musik, die bei ihm und seinen Mitmusikern nicht „alt" wirkt.
Bestrebungen, der „alten Musik" — wie man Kompositionen aus der Zeit vor Mozarts Wirken pauschal zu rubrizieren sich angewöhnt hat — zu neuer Wirkung zu verhelfen, hat es schon vor Beginn der Schallplatten-Aktivität gegeben. Dennoch ist die Beschäftigung mit jenen Werken einem breiteren Publikum erst vor wenigen Jahren mit Hilfe der Schallplattenproduktionen möglich geworden, die in überraschendem Umfang den Bereich der „alten Musik" pflegten, nachdem die Archiv-Produktion der DG den zuerst fast argwöhnisch oder auch hochnäsig-mild belächelten Anfang gemacht hatte. „Archiv" ist zu einem Begriff geworden, „alte Musik" zu einer Ware.
Es sieht so aus, als herrsche weithin Einigkeit über die Auswirkung des Booms und auch über die kritiklose Verbreitung und Annahme von Aufnahmen der „alten Musik". Das Feld, das bisher von einigen Spezialisten beackert wurde, die sich gegenseitig ihre Methoden vorwarfen (mehr oder weniger unterstützt von Wissenschaftlern, die stolz darauf waren, eine eigene Version der Vergangenheit verteidigen zu können), ist nun überschwemmt — was recht wörtlich zu nehmen ist. Mit dieser Überschwemmung ist aber die Frage nach der richtigen Wiedergabe alter Werke nicht beantwortet oder aufgehoben, so nivelliert das Bild auf den ersten Eindruck hin zu sein scheint, so merkwürdig es wirkt, dass die Firmen auf der einen Seite die alten oder jungen Spezialisten aufbieten, auf der anderen Seite aber mit den großen Namen von Dirigenten operieren, die nun auch auf das neu entdeckte Gebiet der alten Musik losgelassen werden, erstens, weil bei der „jüngeren" Musik kaum noch etwas undirigiert blieb, zweitens, weil das Geschäft ausgeweitet werden kann, wenn man Bach und Karajan auf einen Umschlag drucken darf — und selbstverständlich mussten bald danach auch Bach und Maazel zusammengespannt werden.
Im Grunde ist es ein Jammer, dass unter einem einzigen Firmen-Namen zwei diametral entgegengesetzte Aufnahmen angeboten werden. Die „alte Musik" verkauft sich nämlich auch dann sehr gut, wenn sie nicht mit einem Star-Namen gekoppelt wird. So aber fallen viele Musikfreunde doch wieder auf den Bach Karajans und Maazels herein und erhalten dadurch das falsche Bild der „alten Musik", das dieselbe Firma unter einem etwas anderen Etikett oder in einer anderen Serie zu vermeiden trachtete. Die Konsequenz aus dieser Tatsache lautet: Die Spezialisten sind nötiger denn je. Ihre Erkenntnisse, die sie durch jahrelange Praxis im Umgang mit der „alten Musik" und mit den Möglichkeiten gewonnen haben, sie für die Schallplatte wieder neu oder jedenfalls „authentisch" auferstehen zu lassen, haben mehr Gewicht denn je zuvor. Sie sollten von den Plattenfreunden weit stärker berücksichtigt werden als bisher — so dass dann eines idealen, vielleicht utopischen Tages die Karajans ihren Bach nicht mehr verkaufen können.
Wenn man Gelegenheit hat, sich mit einem Experten der „alten Musik" zu unterhalten, spürt man die Bedeutung jener Überlegungen doppelt. Ja, es fällt einem erst ein, welche gewaltigen Aufgaben der Schallplatte, soweit sie sich auf die Produktion der „alten Musik" konzentriert, noch bevorstehen. Der Katalog der Werke, die allein von der Archiv-Produktion angeboten werden, ist erstaunlich und bewunderungswürdig genug. Aber es ist hier wie immer im Leben: Je mehr man hat, desto anspruchsvoller wird man. Spricht man etwa mit einem Musiker wie August Wenzinger, der mit Archiv eng verbunden ist und vor kurzem einige wenige Fachjournalisten zu einem Pressetee in sein neues Haus in Bottmingen bei Basel bat — der sich allerdings erfreulicher- wie sympathischerweise zu einem Presseabend ausdehnte, an dessen Gelingen die Gattin des Künstlers entscheidenden Anteil hatte —, kommt man also ein wenig ins „Fachsimpeln", dann geht einem vollends auf, welche Chancen noch offenstehen, wie groß aber auch die Verpflichtung einer Plattengesellschaft ist, den gloriosen Beginn fortzuführen.
Hans Hickmann, der Leiter der Archiv-Produktion, hat im Juni-Heft des „fono forums" hierzu viel gesagt. Es lässt sich aber — von Seiten des „Fachhörers", wenn wir so sagen dürfen — zu diesem Thema noch einiges anmerken. Was, beispielsweise, wird aus dem abgebrochenen Projekt einer getreuen Wiedergabe der Haydn-Sinfonien? Wo bleiben die frühen Mozart-Sinfonien? Warum scheut man eine stichhaltige Wiedergabe der Werke Glucks? Weshalb zögert man, Händel-Opern archivgetreu herauszubringen? Wenzinger möchte den ersten Versuch gern mit dem „Xerxes" machen. Gewiss, alles das sind gewaltige Unternehmungen, die sich nicht mit der linken Hand erledigen lassen, die viel Geld kosten und ein langes Quellenstudium voraussetzen. Dennoch sind Forderungen gestellt, die nach einer Realisierung rufen, zumal man Künstler kennt, die bereit sind, solche Aufgaben zu übernehmen.
Aber es fehlt ja auf Archiv sogar an einer neuen, stereophonen Aufnahme etwa der Brandenburgischen Konzerte. Die erste, damals sensationell wirkende Einspielung unter Wenzinger ist zwar immer noch ein Maßstab, aber eine Neuauflage wäre längst fällig, zumal Wenzinger heute weitere Verbesserungen anbringen könnte. Sie münden in der aufregenden Feststellung Wenzingers, man sei bislang „Purist aus Unkenntnis" gewesen.
Wenzinger hat — ebenso wie einige andere neben ihm — erkannt, dass eine gewisse Beeinträchtigung des nachschöpferischen Impulses sowie die peinlich genaue Beachtung bestimmter wissenschaftlicher Behauptungen in engem Zusammenhang stehen. Wer Auskünften traut, die nur einer begrenzten historischen Episode zugehörig sind, sie aber auf eine Epoche ausdehnt, engt das Ausdrucksvermögen des Interpreten ein, gerät in die Gefahr, aus Angst vor einem „Stilbruch" steril zu werden. Nur der Künstler überzeugt, der sich in der „alten Musik" so zu Hause fühlt, dass er die „persönliche Sprache" des jeweiligen Komponisten beherrscht. Wenzinger geht heute so weit, dass er die Wahl der Instrumente in die zweite Reihe verweist, die Untersuchung der musikalischen Rhetorik dagegen an den ersten Platz rückt. Wer nicht die Ästhetik jener Zeit, deren Werke er interpretiert, genau kennt, wird die Musik nicht legitim spiegeln können.
Dennoch soll nicht geleugnet werden, dass auch der perfekte Kenner der Vergangenheit im 20. Jahrhundert lebt, dass also eine komplette Restauration einer Spielweise, wie sie vor Jahrhunderten herrschte, schlechterdings unmöglich ist. Es kommt dennoch auf eine Annäherung an das Ideal an. Sie setzt aber Spezialisten voraus, die sich von der Spezialisierung so weitgehend befreien können, dass sie nicht wie lebendige Geschichtsbücher umherlaufen: trocken, verstaubt, langweilig.
Aber wer nicht weiß, wie ein Detaché-Strich ausgeführt wird, sollte die Finger von der „alten Musik" lassen. Wenn dieser Wunsch in Erfüllung ginge, könnten allerdings alle unsere Orchester keine „alte Musik" mehr bieten. Dasselbe gilt von einer sehr speziellen Behandlung des Vibratos, das nicht nur von den Streichern gefordert werden muss, wie Flötist Linde, ein stiller, aber kundiger Teilnehmer jener Wenzinger-Runde zu Bottmingen, und der Cembalist Eduard Müller, der sich mit dynamischen Fragen quält (»Terrassendynamik gab es ja gar nicht, aber was kann man mit dem Cembalo da machen?") hinzufügten. Phrasierungen: Dieses weite Thema blieb undiskutiert, da es über den ohnedies weit vorgeschrittenen und ungemein privat-herzlichen wie zum Fachsimpeln fast ungeeigneten Sommerabend hinausgeführt hätte.
Aufschlussreich, wie etwa die neue Produktion der Händel-Orgelkonzerte zustande kam, was man unternehmen musste, um die Aufnahmen Anfang Juli in Basel zu ermöglichen. Da hatte man eine Orgel der Händelzeit in England entdeckt. Doch kaum war man angekommen, stellte man mit Staunen und Schrecken fest, dass die Engländer die Stimmung geändert hatten, indem sie brutalerweise die Pfeifen kappten, sie also für die alte Stimmung unbrauchbar machten, nur weil ein Londoner Orchester eine Aufnahme machen sollte. „Kulturschande" ist ein zu mildes Wort für diese Tat. In Hamburg und in Solothurn stehen Orgeln, die Händeis dreigestrichenes „d" aufweisen, aber zugleich soviel Straßenlärm in die Kirche eindringen lassen, dass eine Aufnahme nicht möglich ist. In Wien, der letzten Möglichkeit vom Instrument her, waren die Termine, an denen die Kirche freistand, nicht mit denen der Archiv-Produzenten in Übereinstimmung zu bringen. Das Resultat hieß: Eine „alte" Orgel war neu zu bauen. Der Auftrag wurde erteilt.
Bei der Suche nach den Original-Texten gab es weitere höchst amüsante und aufschlussreiche Entdeckungen zu machen. Bei einem der Konzerte wurde bisher der langsame Satz weggelassen, weil man ihn nicht kannte; in einem anderen Fall wird ein Finale zum ersten Mal original als Chorstück aufgeführt. Man hat also allerlei zu erwarten, wenn die neuen Orgelkonzert-Aufnahmen herauskommen.
Es ist schade, dass Wenzinger so selten zu Hause ist: Man möchte mehr mit ihm plaudern, um in die Geheimnisse einer reichen Welt eingeführt zu werden und seine Instrumente, die er in einem Glasschrank aufbewahrt, in dem schönen großen Raum erklingen hören, der bis zu sechzig Personen fasst und ein Prunkstück des neuen Hauses darstellt. Wenzinger ist nämlich einer der wenigen Interpreten, die als ideale Spezialisten anzusehen sind, und zwar deshalb, weil er nicht nur große Erfahrung gesammelt und sich stets um deren wissenschaftliche Fundierung bemüht hat, sondern weil er die Gambe beherrscht und dennoch genauso gern und gut Cello spielt und einen Brahms oder Hindemith oder Krenek vorträgt.
Wenzinger, 1905 in Basel geboren, hat Altphilologie und Musikwissenschaft, Philosophie und Violoncello studiert. Er war Wagnerianer, Freund der modernen Musik im neuerstandenen Donaueschingen von 1922 und seit der Begegnung mit Paul Grümmer 1927 in Köln ein Verfechter der „alten Musik". 1934 übernahm er die Konzertgruppe „Schola Cantorum Basiliensis", deren Dirigent er noch heute ist — ebenso wie er als Pädagoge seit langem an Basels Musikakademie tätig ist und nach wie vor in den Konzerten des Basler Orchesters mitwirkt. Leider war die Zeit, in der er außerdem die Cappella Coloniensis leitete, nur kurz.
Eine solche Schilderung des Lebenslaufs ist kaum mehr als ein Abriss. Und, genau genommen, gibt die Schallplatte auch nur einen Teil dessen wider, was das Spiel August Wenzingers auf einer Viola da Gamba des Jacobus Stainer von 1673 ausmacht, was es bedeutet, wenn August Wenzinger in seinem modernen Heim mit Worten oder Klängen in das Wesen der „alten Musik" einführt, besser gesagt: zu ihr hinzwingt, mit der technischen wie geistigen Überzeugungskraft nicht nur eines Kundigen, sondern eines wahren Maestro im Sinne der Musik, die bei ihm und seinen Mitmusikern nicht „alt" wirkt.



