Tino Pattiera in memoriam
Erschienen im FONO FORUM im November 1966

Längst schon hat es sich herausgestellt, dass bei Opernsängern Bühnen- und Plattenkarriere verschiedene Wege gehen können. Es gibt genügend Beispiele dafür, dass Gesangskünstler, die zu ihrer Wirkungszeit nicht übermäßig beachtet worden sind, dank der von ihnen erhaltenen Plattenaufnahmen eine späte, oft auch posthume Würdigung erfahren. Das Gegenstück dazu stellen jene ruhmbeladenen Stimm-ldole vergangener Epochen dar, deren Namen jedermann kennt, aber deren Platten dem heutigen, von Erinnerungen unbeeinflussten Hörer vielleicht eine gewisse Enttäuschung bereiten. Tino Pattiera, der am 24. April dieses Jahres starb, mag zu dieser zweiten Sänger-Kategorie gerechnet werden. Zwar sind uns eine ansehnliche Reihe von Platten von ihm erhalten, den echten, hinreißenden, bezwingenden Tino Pattiera vermögen sie uns jedoch nicht begreifbar zu machen, er ist unwiderbringlich dahingeschieden. Worauf das zurückzuführen ist? Am ehesten auf den Umstand, dass sich eben nicht jede Stimme für Plattenzwecke eignet. Umgekehrt zu dem Typus des Sängers, der seine Stimme erst durch die Anwendung sublimster Tontechnik aufpoliert erhält, kommt es in zahlreichen Fällen vor, dass sich das Eigentliche und Charakteristische einer Stimme nicht auf Rillen bannen lässt. Wohl liegt dies auch daran, dass die Wirkung eines so bedeutenden Bühnenkünstlers, wie dies Pattiera war, nicht allein auf die gesangliche Komponente seiner künstlerischen Ausstrahlung zurückzuführen ist; Es kommt die blendende Erscheinung hinzu, die Leidenschaft des Vortrags und überhaupt die Faszination, die von einem strahlend jungen Tenor-Gott ausgeht. Pattiera feierte nämlich seine großartigsten Erfolge in seinen Anfängen als Jüngling. Und diese kurze, allzu kurze Glanzzeit reichte aus, ihm die „Unsterblichkeit" in der Geschichte des Kunstgesangs zu sichern. Die Stimme des jungen Pattiera war von einem wahrhaft bezaubernden Reiz: markig, männlich-dunkel, strahlend in der Höhe und mit jenem moussierenden Vibrato getönt, das von so betörender Wirkung ist. Leider sind aus dieser besten Periode nur wenige gute Aufnahmen erhalten. Ein „O Paradiso" (katalogmäßig nicht feststellbar) und die frühe Aufnahme von „La donna e mobile" (Odeon) wären hier zu erwähnen. Pattiera teilte das Los zahlreicher meteorgleich aufsteigender Gesangssterne: Sein Organ, eine Naturstimme von ungewöhnlicher Kraft und Klangfülle, verwitterte alsbald. Zuerst schwand die Höhe; die Tonart, in der er die Troubadour-„Stretta" sang, wurde nach und nach immer tiefer. Und noch ein weiteres — allerdings krankheitsbedingtes — Symptom trat auf: Er begann mit dem Atem zu kämpfen. Die meisten, um nicht zu sagen: alle Pattiera-Platten sind durch diese auffallende Erscheinung beeinträchtigt. Das stoßweise, harte, oft keuchende Ansingen, das Stemmen der höheren Töne erscheint uns heute für die Gesangsweise Pattieras typisch; zu Unrecht, denn es waren dies bereits Anzeichen des stimmlichen Verfalls. Als der Bankrott seiner Stimme vollständig war, folgte er dem Beispiel vieler Kollegen in ähnlicher Situation. Er verlegte sich aufs Unterrichten. Er erhielt sogar eine Lehrstelle an der Wiener Musikakademie. Wien blieb nach dem zweiten Weltkrieg sein Wohnsitz, in seinem Heim am Hohen Markt trafen sich alte Freunde und Kollegen, alte Verehrer und — als aparter Ausgleich dazu — viele junge Bewunderinnen. Der unwiderstehliche „Frau Diavolo", den er einst auch im Tonfilm dargestellt hat, ist er bis ins hohe Alter geblieben... Zu Ostern 1966 begab er sich auf Besuch in sein Mutterland, nach Ragusa. Es war ihm bestimmt, von dort nicht mehr zurückzukehren.
Pattiera war der Typ des Nur-Sängers, und das ist heute, da die Klügelei und Geistreichelei auf diesem Gebiet so seltsame Blüten treibt, unbedingt als Kompliment aufzufassen. Der junge Piccaver, der junge Tauber, der junge Pattiera — es waren Tenor-Erlebnisse, denen wir heute nichts auch nur entfernt Ähnliches gegenüberzustellen haben.
Unter seinen Platten nehmen die Duett-Aufnahmen einen besonderen Platz ein. Meta Seinemeyer, die geniale, früh verstorbene Sopranistin, war oftmals die Plattenpartnerin Pattieras, ihre glutvolle, allerdings auch ungemein kultivierte Stimme harmonierte mit dem feurigen Vortrag des Tenors auf besondere Weise. Die Aufnahme des Schwurduetts aus Othello (mit Michael Bohnen) lässt es begreiflich erscheinen, dass man den jungen Pattiera oft mit Caruso verglich. Hervorzuheben wäre schließlich noch die Aufnahme des Carmen-Finales im Duett mit Barbara Kemp, die vielen Plattenfreunden als unübertroffen und unübertreffbar gilt. Mit der Herstellung dieser Aufnahme verknüpft sich die Anekdote, dass man die beiden temperamentvollen Künstler fesseln musste, um ihre überschäumende „Spielwut", die selbst vor dem Mikrophon nicht haltmachte, zu bändigen.
Eine vollständige Aufstellung der Pattiera-Platten zu liefern, ist schlechterdings unmöglich. Es gibt keine Verzeichnisse und Kataloge, die darüber zuverlässig Auskunft geben, und in den meisten der einschlägigen literarischen Werke wurde Pattiera bisher — zu Unrecht — übergangen. Der Sänger selber vermochte keine Auskunft über die von ihm besungenen Platten zu geben — ein merkwürdiger Umstand, der allerdings bei Sängern im Ruhestand häufig anzutreffen ist.
Längst schon hat es sich herausgestellt, dass bei Opernsängern Bühnen- und Plattenkarriere verschiedene Wege gehen können. Es gibt genügend Beispiele dafür, dass Gesangskünstler, die zu ihrer Wirkungszeit nicht übermäßig beachtet worden sind, dank der von ihnen erhaltenen Plattenaufnahmen eine späte, oft auch posthume Würdigung erfahren. Das Gegenstück dazu stellen jene ruhmbeladenen Stimm-ldole vergangener Epochen dar, deren Namen jedermann kennt, aber deren Platten dem heutigen, von Erinnerungen unbeeinflussten Hörer vielleicht eine gewisse Enttäuschung bereiten. Tino Pattiera, der am 24. April dieses Jahres starb, mag zu dieser zweiten Sänger-Kategorie gerechnet werden. Zwar sind uns eine ansehnliche Reihe von Platten von ihm erhalten, den echten, hinreißenden, bezwingenden Tino Pattiera vermögen sie uns jedoch nicht begreifbar zu machen, er ist unwiderbringlich dahingeschieden. Worauf das zurückzuführen ist? Am ehesten auf den Umstand, dass sich eben nicht jede Stimme für Plattenzwecke eignet. Umgekehrt zu dem Typus des Sängers, der seine Stimme erst durch die Anwendung sublimster Tontechnik aufpoliert erhält, kommt es in zahlreichen Fällen vor, dass sich das Eigentliche und Charakteristische einer Stimme nicht auf Rillen bannen lässt. Wohl liegt dies auch daran, dass die Wirkung eines so bedeutenden Bühnenkünstlers, wie dies Pattiera war, nicht allein auf die gesangliche Komponente seiner künstlerischen Ausstrahlung zurückzuführen ist; Es kommt die blendende Erscheinung hinzu, die Leidenschaft des Vortrags und überhaupt die Faszination, die von einem strahlend jungen Tenor-Gott ausgeht. Pattiera feierte nämlich seine großartigsten Erfolge in seinen Anfängen als Jüngling. Und diese kurze, allzu kurze Glanzzeit reichte aus, ihm die „Unsterblichkeit" in der Geschichte des Kunstgesangs zu sichern. Die Stimme des jungen Pattiera war von einem wahrhaft bezaubernden Reiz: markig, männlich-dunkel, strahlend in der Höhe und mit jenem moussierenden Vibrato getönt, das von so betörender Wirkung ist. Leider sind aus dieser besten Periode nur wenige gute Aufnahmen erhalten. Ein „O Paradiso" (katalogmäßig nicht feststellbar) und die frühe Aufnahme von „La donna e mobile" (Odeon) wären hier zu erwähnen. Pattiera teilte das Los zahlreicher meteorgleich aufsteigender Gesangssterne: Sein Organ, eine Naturstimme von ungewöhnlicher Kraft und Klangfülle, verwitterte alsbald. Zuerst schwand die Höhe; die Tonart, in der er die Troubadour-„Stretta" sang, wurde nach und nach immer tiefer. Und noch ein weiteres — allerdings krankheitsbedingtes — Symptom trat auf: Er begann mit dem Atem zu kämpfen. Die meisten, um nicht zu sagen: alle Pattiera-Platten sind durch diese auffallende Erscheinung beeinträchtigt. Das stoßweise, harte, oft keuchende Ansingen, das Stemmen der höheren Töne erscheint uns heute für die Gesangsweise Pattieras typisch; zu Unrecht, denn es waren dies bereits Anzeichen des stimmlichen Verfalls. Als der Bankrott seiner Stimme vollständig war, folgte er dem Beispiel vieler Kollegen in ähnlicher Situation. Er verlegte sich aufs Unterrichten. Er erhielt sogar eine Lehrstelle an der Wiener Musikakademie. Wien blieb nach dem zweiten Weltkrieg sein Wohnsitz, in seinem Heim am Hohen Markt trafen sich alte Freunde und Kollegen, alte Verehrer und — als aparter Ausgleich dazu — viele junge Bewunderinnen. Der unwiderstehliche „Frau Diavolo", den er einst auch im Tonfilm dargestellt hat, ist er bis ins hohe Alter geblieben... Zu Ostern 1966 begab er sich auf Besuch in sein Mutterland, nach Ragusa. Es war ihm bestimmt, von dort nicht mehr zurückzukehren.
Pattiera war der Typ des Nur-Sängers, und das ist heute, da die Klügelei und Geistreichelei auf diesem Gebiet so seltsame Blüten treibt, unbedingt als Kompliment aufzufassen. Der junge Piccaver, der junge Tauber, der junge Pattiera — es waren Tenor-Erlebnisse, denen wir heute nichts auch nur entfernt Ähnliches gegenüberzustellen haben.
Unter seinen Platten nehmen die Duett-Aufnahmen einen besonderen Platz ein. Meta Seinemeyer, die geniale, früh verstorbene Sopranistin, war oftmals die Plattenpartnerin Pattieras, ihre glutvolle, allerdings auch ungemein kultivierte Stimme harmonierte mit dem feurigen Vortrag des Tenors auf besondere Weise. Die Aufnahme des Schwurduetts aus Othello (mit Michael Bohnen) lässt es begreiflich erscheinen, dass man den jungen Pattiera oft mit Caruso verglich. Hervorzuheben wäre schließlich noch die Aufnahme des Carmen-Finales im Duett mit Barbara Kemp, die vielen Plattenfreunden als unübertroffen und unübertreffbar gilt. Mit der Herstellung dieser Aufnahme verknüpft sich die Anekdote, dass man die beiden temperamentvollen Künstler fesseln musste, um ihre überschäumende „Spielwut", die selbst vor dem Mikrophon nicht haltmachte, zu bändigen.
Eine vollständige Aufstellung der Pattiera-Platten zu liefern, ist schlechterdings unmöglich. Es gibt keine Verzeichnisse und Kataloge, die darüber zuverlässig Auskunft geben, und in den meisten der einschlägigen literarischen Werke wurde Pattiera bisher — zu Unrecht — übergangen. Der Sänger selber vermochte keine Auskunft über die von ihm besungenen Platten zu geben — ein merkwürdiger Umstand, der allerdings bei Sängern im Ruhestand häufig anzutreffen ist.



