Martti Talvela
Ein FONO FORUM-Porträt

Als er 1962 in Bayreuth in der Rolle des Titurel debütierte (sicherlich der jüngste, den Bayreuth je hatte!), war er noch gänzlich unbekannt — als Martti Talvela in diesem Jahr als König Marke, Hunding und Landgraf wieder in Bayreuth erschien, hatte sich bereits der erste, inhaltsreiche Kreis seiner Laufbahn geschlossen. Nur vier Jahre sind vergangen, aber Talvela zählt heute ohne Zweifel schon zu den ersten Sängern seines Fachs. Und wer ihn „Üve" gehört hat, wird darüber nicht einmal sonderlich erstaunt sein.
Schon das Organ als solches ist in seiner Anlage, seinem Aufbau wirklich ungewöhnlich: Im schmälsten wie im breitesten Ansatz, also zum Beispiel in vielen Schubert-Liedern auf der einen, ausladenden Opernpartien auf der anderen Seite — hier wie dort bewahrt die Stimme immer ihren dunklen, vollen Glanz, verliert nie das runde, satte Timbre: von der Tiefe bis zur Höhe im Klang völlig ausgeglichen und ebenmäßig. Ich kenne eigentlich keine gesundere, idealere Bassstimme; man fühlt sich in vielem an den großen Alexander Kipnis erinnert. Um das abgenutzte Wort vom „schwarzen Bass" kommt man bei Talvela beim besten Willen nicht herum; er hat nun einmal tatsächlich eine frei aus der Fülle strömende und dabei immer beherrschte Stimme, für die es keine Probleme zu geben scheint — die lyrischen Passagen Sarastros, der dramatische Ausbruch König Philipps und Boris': Alles ist getaucht in schier unerschöpflichen Wohllaut. So sehr er sich in der Tongebung den verschiedensten Anforderungen anzupassen und zu färben vermag, bleibt doch der Eigenklang und Eigenwert der Stimme immer unverwechselbar. Das ist keineswegs so selbstverständlich, wie es vielleicht klingt. Diese solide Basis, das „Kapital", auf dem Talvela aufbauen kann, ist also schon außerordentlich; dass zu der natürlichen Begabung nun hohe musikalische Intelligenz, Können und intensiver Fleiß hinzukommen, ist der Glücksfall, der Talvela die ebenso große wie schnelle Karriere ermöglicht hat.
Der gebürtige Finne (die Eltern sind karelische Bauern, vom Vater, sagt er, hat er die Stimme geerbt) kam nur durch einen Zufall nach Deutschland. Nachdem er schon drei Jahre lang als Volksschullehrer gearbeitet hatte (und nebenher Gesang studierte), gewann er als 26jähriger einen Liederwettbewerb in Helsinki, schloss sein Gesangsstudium ab und ging 1961 nach Stockholm an die Oper, wo er kleinere Partien sang, aber auch schon den Sparafucile und den Komtur. Da wurde Wieland Wagner auf Talvela aufmerksam und brachte ihn kurzerhand mit nach Deutschland. Gleichzeitig mit Bayreuth kam dann das Engagement an die Deutsche Oper Berlin, seinen „Durchbruch" hatte er dort als Seneca in Monteverdis „Krönung der Poppäa" und als Sarastro unter Böhm. Von nun an ging es steil aufwärts. Den Großinquisitor im „Don Carlos" sang er nach Berlin auch schon an der Mailänder Scala, in Rom (unter Giulini) und zuletzt in Soltis Londoner Schallplatten-Gesamtaufnahme. Mittlerweile hat er auch bereits den König Philipp in Düsseldorf und Berlin gespielt, ebenso wird nach dem Pimen im „Boris" (den er vergangenes Jahr in Berlin und für die Schallplatte sang) im Januar die Titelpartie in Düsseldorf folgen. Außer in Bayreuth singt er 1967 auch bei Karajans Salzburger Osterfestspielen den Hunding, und 1968 geht er dann schließlich an die „Met".
Talvela ist ein Star im guten Sinne, ohne jede Eitelkeit. Das reine „Startheater" als Gegenstück (und Tod) des Ensembles lehnt er völlig ab. Er sagt dazu: „Es ist mir unverständlich, dass gerade heute, da das ,Konzert im Kostüm' endlich und doch zur allgemeinen Genugtuung weitgehend überwunden zu sein scheint, diese negativen Merkmale von der anderen Seite unversehens wieder neu zu Ansehen kommen sollen! Was sich heute an manchen großen Opernhäusern abspielt, hat mit ,Musiktheater' oft nicht mehr viel gemein. Zu oft verbirgt sich leider hinter dem großen ,Star' nicht eine wirklich überragende Sängerpersönlichkeit, sondern bloß eitle, eigentlich aber sinnlose Stimm-Präsentation. Man muss sich doch klarmachen, warum und wozu wir eigentlich Theater spielen — es soll doch das Drama, das Menschlich-Wahre auf die Szene gebracht werden, nicht stimmprotzende persönliche Überheblichkeit. Dann ist doch alles — Entschuldigung — einfach Kitsch. Ein Sänger ohne das wirkliche künstlerische Bewusstsein und Ernst hat doch, auch vor sich selbst, keine Rechtfertigung."
Der beherrschende Eindruck in der Unterhaltung mit Talvela ist der eines starken Verantwortungsgefühls. Er zählt ganz bestimmt nicht zu den Sängern, die sich einfach auf die Bühne stellen und je nach Tagesform und Laune heute so und morgen anders singen. Talvela macht es sich nicht leicht, er ringt um jede Rolle, ja um jede Vorstellung. „Es ist unehrlich, ohne die rechte innere Einstellung zu singen, ohne den seelischen Kontakt, der sich aber nicht erzwingen lässt. Man muss mit sich und der Aufgabe eins sein, muss wissen, warum und wozu man überhaupt singt. Und man darf nur an etwas herangehen, wofür man reif ist und was man wirklich kann — vor allem innerlich, nicht nur von der Stimme her. Sonst wird keine echte, empfundene Gestalt daraus, und darauf kommt es doch vor allem an."
Talveia ist auch ein ehrgeiziger Liedersänger. Besonders setzt er sich für die Lieder seiner Heimat ein. Und wer ihn mit finnischen Liedern gehört hat, kann am besten abschätzen, was er an Stimme und innerer Begeisterung einzusetzen hat!
Doch auch das deutsche Lied liegt ihm am Herzen. Jahrelang zum Beispiel hat er an der „Winterreise" gearbeitet, ehe er sie im Konzert sang und inzwischen mit seinem Vortrag in Wien und Berlin schöne Erfolge gehabt hat.
Seine größten, ihn selbst am stärksten beeindruckenden Erlebnisse waren die Aufführungen der „Missa solemnis" unter Klemperer in London (die Aufnahme ist vor kurzem herausgekommen) und, im April, der „Neunten" in Tokio unter Karajan. Von diesen Konzerten erzählt er voller Begeisterung. Selten hätte er sich so wohl und so sicher gefühlt wie unter diesen beiden Dirigenten!
Seine Lieblingsrollen — wie könnte es anders sein — sind natürlich Boris und König Philipp. Er sagt dazu selbst: „Das sind eigentlich Aufgaben für das ganze Leben. Immer wieder gibt es etwas Neues daran zu lernen und Neues zu finden. Sie sind nie fertig." Unter den großen Wagner-Partien, die er ja auch alle schon in Bayreuth gesungen hat, fehlen ihm nur noch die gewichtigsten; Hagen und Gurnemanz. Doch damit will er noch lange warten, obwohl er schon intensiv an beiden arbeitet. Er ist ja, man vergisst es fast, schließlich erst ganze 32 Jahre alt — wieviel Zeit hat er, in solche Partien hineinzuwachsen!
Kein Wunder, dass sich auch die Schallplatte rasch dieses Sängers bemächtigt hat, der wie wenige andere schon als reines „Hör-Erlebnis" ein Ereignis ist. Außer den Aufnahmen als Pimen im „Boris" und Großinquisitor des „Don Carlos" hören wir ihn ja auch auf Knappertsbuschs Bayreuther „Parsifal" als Titurel, die „Missa solemnis" unter Klemperer wurde schon erwähnt, ebenso ist eine Neuaufnahme von Beethovens „Neunter" unter Schmidt-Isserstedt eingespielt, in Otto Klemperers neuem „Don Giovanni" mit Ghiaurov singt Talvela den Komtur, in Karajans anstehender „Fting"-Einspielung bei der Deutschen Grammophon unter anderem den Hunding. Auch hier ist Talvela also offenbar ein „kommender Mann". Bis 1968/69 ist er schon heute voll besetzt, außer den Opernverpflichtungen kommen noch viele Konzerte hinzu, besonders in Wien, Berlin und London.
Und nach vier „urlaubsfreien" Jahren müssen ja schließlich auch einmal Ferien gemacht werden ...
Als er 1962 in Bayreuth in der Rolle des Titurel debütierte (sicherlich der jüngste, den Bayreuth je hatte!), war er noch gänzlich unbekannt — als Martti Talvela in diesem Jahr als König Marke, Hunding und Landgraf wieder in Bayreuth erschien, hatte sich bereits der erste, inhaltsreiche Kreis seiner Laufbahn geschlossen. Nur vier Jahre sind vergangen, aber Talvela zählt heute ohne Zweifel schon zu den ersten Sängern seines Fachs. Und wer ihn „Üve" gehört hat, wird darüber nicht einmal sonderlich erstaunt sein.
Schon das Organ als solches ist in seiner Anlage, seinem Aufbau wirklich ungewöhnlich: Im schmälsten wie im breitesten Ansatz, also zum Beispiel in vielen Schubert-Liedern auf der einen, ausladenden Opernpartien auf der anderen Seite — hier wie dort bewahrt die Stimme immer ihren dunklen, vollen Glanz, verliert nie das runde, satte Timbre: von der Tiefe bis zur Höhe im Klang völlig ausgeglichen und ebenmäßig. Ich kenne eigentlich keine gesundere, idealere Bassstimme; man fühlt sich in vielem an den großen Alexander Kipnis erinnert. Um das abgenutzte Wort vom „schwarzen Bass" kommt man bei Talvela beim besten Willen nicht herum; er hat nun einmal tatsächlich eine frei aus der Fülle strömende und dabei immer beherrschte Stimme, für die es keine Probleme zu geben scheint — die lyrischen Passagen Sarastros, der dramatische Ausbruch König Philipps und Boris': Alles ist getaucht in schier unerschöpflichen Wohllaut. So sehr er sich in der Tongebung den verschiedensten Anforderungen anzupassen und zu färben vermag, bleibt doch der Eigenklang und Eigenwert der Stimme immer unverwechselbar. Das ist keineswegs so selbstverständlich, wie es vielleicht klingt. Diese solide Basis, das „Kapital", auf dem Talvela aufbauen kann, ist also schon außerordentlich; dass zu der natürlichen Begabung nun hohe musikalische Intelligenz, Können und intensiver Fleiß hinzukommen, ist der Glücksfall, der Talvela die ebenso große wie schnelle Karriere ermöglicht hat.
Der gebürtige Finne (die Eltern sind karelische Bauern, vom Vater, sagt er, hat er die Stimme geerbt) kam nur durch einen Zufall nach Deutschland. Nachdem er schon drei Jahre lang als Volksschullehrer gearbeitet hatte (und nebenher Gesang studierte), gewann er als 26jähriger einen Liederwettbewerb in Helsinki, schloss sein Gesangsstudium ab und ging 1961 nach Stockholm an die Oper, wo er kleinere Partien sang, aber auch schon den Sparafucile und den Komtur. Da wurde Wieland Wagner auf Talvela aufmerksam und brachte ihn kurzerhand mit nach Deutschland. Gleichzeitig mit Bayreuth kam dann das Engagement an die Deutsche Oper Berlin, seinen „Durchbruch" hatte er dort als Seneca in Monteverdis „Krönung der Poppäa" und als Sarastro unter Böhm. Von nun an ging es steil aufwärts. Den Großinquisitor im „Don Carlos" sang er nach Berlin auch schon an der Mailänder Scala, in Rom (unter Giulini) und zuletzt in Soltis Londoner Schallplatten-Gesamtaufnahme. Mittlerweile hat er auch bereits den König Philipp in Düsseldorf und Berlin gespielt, ebenso wird nach dem Pimen im „Boris" (den er vergangenes Jahr in Berlin und für die Schallplatte sang) im Januar die Titelpartie in Düsseldorf folgen. Außer in Bayreuth singt er 1967 auch bei Karajans Salzburger Osterfestspielen den Hunding, und 1968 geht er dann schließlich an die „Met".
Talvela ist ein Star im guten Sinne, ohne jede Eitelkeit. Das reine „Startheater" als Gegenstück (und Tod) des Ensembles lehnt er völlig ab. Er sagt dazu: „Es ist mir unverständlich, dass gerade heute, da das ,Konzert im Kostüm' endlich und doch zur allgemeinen Genugtuung weitgehend überwunden zu sein scheint, diese negativen Merkmale von der anderen Seite unversehens wieder neu zu Ansehen kommen sollen! Was sich heute an manchen großen Opernhäusern abspielt, hat mit ,Musiktheater' oft nicht mehr viel gemein. Zu oft verbirgt sich leider hinter dem großen ,Star' nicht eine wirklich überragende Sängerpersönlichkeit, sondern bloß eitle, eigentlich aber sinnlose Stimm-Präsentation. Man muss sich doch klarmachen, warum und wozu wir eigentlich Theater spielen — es soll doch das Drama, das Menschlich-Wahre auf die Szene gebracht werden, nicht stimmprotzende persönliche Überheblichkeit. Dann ist doch alles — Entschuldigung — einfach Kitsch. Ein Sänger ohne das wirkliche künstlerische Bewusstsein und Ernst hat doch, auch vor sich selbst, keine Rechtfertigung."
Der beherrschende Eindruck in der Unterhaltung mit Talvela ist der eines starken Verantwortungsgefühls. Er zählt ganz bestimmt nicht zu den Sängern, die sich einfach auf die Bühne stellen und je nach Tagesform und Laune heute so und morgen anders singen. Talvela macht es sich nicht leicht, er ringt um jede Rolle, ja um jede Vorstellung. „Es ist unehrlich, ohne die rechte innere Einstellung zu singen, ohne den seelischen Kontakt, der sich aber nicht erzwingen lässt. Man muss mit sich und der Aufgabe eins sein, muss wissen, warum und wozu man überhaupt singt. Und man darf nur an etwas herangehen, wofür man reif ist und was man wirklich kann — vor allem innerlich, nicht nur von der Stimme her. Sonst wird keine echte, empfundene Gestalt daraus, und darauf kommt es doch vor allem an."
Talveia ist auch ein ehrgeiziger Liedersänger. Besonders setzt er sich für die Lieder seiner Heimat ein. Und wer ihn mit finnischen Liedern gehört hat, kann am besten abschätzen, was er an Stimme und innerer Begeisterung einzusetzen hat!
Doch auch das deutsche Lied liegt ihm am Herzen. Jahrelang zum Beispiel hat er an der „Winterreise" gearbeitet, ehe er sie im Konzert sang und inzwischen mit seinem Vortrag in Wien und Berlin schöne Erfolge gehabt hat.
Seine größten, ihn selbst am stärksten beeindruckenden Erlebnisse waren die Aufführungen der „Missa solemnis" unter Klemperer in London (die Aufnahme ist vor kurzem herausgekommen) und, im April, der „Neunten" in Tokio unter Karajan. Von diesen Konzerten erzählt er voller Begeisterung. Selten hätte er sich so wohl und so sicher gefühlt wie unter diesen beiden Dirigenten!
Seine Lieblingsrollen — wie könnte es anders sein — sind natürlich Boris und König Philipp. Er sagt dazu selbst: „Das sind eigentlich Aufgaben für das ganze Leben. Immer wieder gibt es etwas Neues daran zu lernen und Neues zu finden. Sie sind nie fertig." Unter den großen Wagner-Partien, die er ja auch alle schon in Bayreuth gesungen hat, fehlen ihm nur noch die gewichtigsten; Hagen und Gurnemanz. Doch damit will er noch lange warten, obwohl er schon intensiv an beiden arbeitet. Er ist ja, man vergisst es fast, schließlich erst ganze 32 Jahre alt — wieviel Zeit hat er, in solche Partien hineinzuwachsen!
Kein Wunder, dass sich auch die Schallplatte rasch dieses Sängers bemächtigt hat, der wie wenige andere schon als reines „Hör-Erlebnis" ein Ereignis ist. Außer den Aufnahmen als Pimen im „Boris" und Großinquisitor des „Don Carlos" hören wir ihn ja auch auf Knappertsbuschs Bayreuther „Parsifal" als Titurel, die „Missa solemnis" unter Klemperer wurde schon erwähnt, ebenso ist eine Neuaufnahme von Beethovens „Neunter" unter Schmidt-Isserstedt eingespielt, in Otto Klemperers neuem „Don Giovanni" mit Ghiaurov singt Talvela den Komtur, in Karajans anstehender „Fting"-Einspielung bei der Deutschen Grammophon unter anderem den Hunding. Auch hier ist Talvela also offenbar ein „kommender Mann". Bis 1968/69 ist er schon heute voll besetzt, außer den Opernverpflichtungen kommen noch viele Konzerte hinzu, besonders in Wien, Berlin und London.
Und nach vier „urlaubsfreien" Jahren müssen ja schließlich auch einmal Ferien gemacht werden ...



