Wie eine zweite Carreño
Ein FONO FORUM-Porträt Martha Argerichs

„Das Spiel ... einte höchste Kraftentfaltung, männliche Plastik in der Modellierung des Tons mit höchster Leichtigkeit und Lockerheit in der Betätigung des gesamten Spielorganismus ... Ihre echten donnernden ,Schütteloktaven', ihr aufs feinste geschliffenes Stakkato, der Glanz, die Intensität und Ebenmäßigkeit ihrer Passagen, die eherne Wucht ihres Akkord- und Massenspiels, ihr hinreißender Gefühlsschwung, ihre grandiose Rhythmik — all das war unvergleichlich ..." Mit diesen Worten beschrieb vor rund einem halben Jahrhundert Walter Niemann in seinem Buch „Meister des Klaviers" einen Abend der Klavierkönigin Teresa Carreno in den achtziger Jahren. Der Pädagoge Rudolf Maria Breithaupt hatte 1904 gleiche Eindrücke in seinem — „der Meisterin Teresa Carreno" gewidmeten — Standardwerk „Die natürliche Klaviertechnik" festgehalten: „Teresa Carrenos sieghaftes Temperament und ihre eherne Technik haben die Welt erobert. Ihre feurige Rasse, die unermüdliche Ausdauer und Energie, eine Spiellust von hinreißendem Schwung und funkensprühendem Rhythmus, gepaart mit angeborener Kraft... erheben sie auf die höchste Stufe reproduktiver Kunst..."
Vermutlich würden diese beiden erfahrenen Kenner des Klavierspiels heutzutage ähnliche Formulierungen gebrauchen, wenn sie Spiel und Ausstrahlung von Martha Argerich beschreiben wollten. Seit ich bei privater Gelegenheit staunend erlebt habe, wie diese noch junge Pianistin ihr tägliches Einspielpensum handhabt (dreimal hintereinander mit Wiederholungen in verblüffend schnellem Tempo die Schumann-Toccata, dazu Chopins Etüden op. 10, Nr. 1 und 4 — die beste, spannungsgeladenste Wiedergabe, die ich je hörte — und dann die Terzen-Etüde op. 25, Nr. 6), bin ich überzeugt, dass die sagenumwobene Carreno sozusagen ein zweites Mal erschienen ist. Denn alles, was man über sie lesen kann, ist auch charakteristisch für Martha Argerich: Ein derart intensives und kraftvolles Klavierspiel habe ich nie zuvor von einem anderen weiblichen Wesen vernommen.
Die Übereinstimmungen der künstlerischen Physiognomien sind auffallend, über die schon beschriebenen Spieleigenheiten und den gemeinsamen Geburtskontinent Südamerika — die Carreno wurde in Venezuela geboren, Martha Argerich in Argentinien — hinaus bis zum Repertoire mit Beethovens und Liszts Es-dur-Konzerten, Schumanns Fantasie und Polonaisen und Etüden Chopins als „Paradestücken" finden sich überraschende Parallelen.
Martha Argerichs Interpretationen etwa von Liszts sechster Ungarischer Rhapsodie, von Chopins cis-moll-Scherzo oder Prokofieffs gefürchteter Toccata (sie erschienen alle auf der ersten Schallplatte, die die Deutsche Grammophon von der Zwanzigjährigen vor einigen Jahren veröffentlichte und zum Teil inzwischen neu herausbrachte) sind bei Kennern berühmt geworden. Sie veranlassten sogar Vladimir Horowitz zu Beifall. Und wer einmal die siebente Sonate von Prokofieff in Martha Argerichs Wiedergabe gehört hat, dem wird sie zu einem packenden Erlebnis geworden sein.
Die junge Argentinierin — geboren am 5. Juni 1941 — ist eine der größten Klavierbegabungen unserer Zeit. In dieser Beurteilung ist sich die Fachwelt seit 1957 einig. Damals errang sie mit sechzehn Jahren innerhalb von drei Wochen die Siegespalme bei zweien der renommiertesten internationalen Musikwettbewerbe: Sie erhielt den ersten Preis beim Busoni-Wettbewerb in Bozen und den ersten Preis beim Wettbewerb in Genf. Acht Jahre später stellte Martha Argerich ihr Können noch einmal vor einer gestrengen Jury unter Beweis und erlebte einen weiteren Triumph: Sie erhielt 1965 den ersten Preis beim großen Chopin-Wettbewerb in Warschau. Das war die bis jetzt letzte „beurkundete" Bestätigung einer Begabung, die heute schon Versprechen in Erfüllung umwandelt.
Wie die meisten großen Pianisten war sie eine Frühbegabung. Einem deutschen Interviewer antwortete sie — in apart drolligem Deutsch — auf die Frage, wann sie mit dem Klavierspiel begonnen habe: „Sie werden lachen, als ich war drei. Fünf Jahre alt, da habe ich seriös angefangen." Mit acht Jahren spielte sie bereits Mozarts d-moll-Konzert, Beethovens C-dur-Konzert und dazwischen eine Bach-Suite öffentlich an einem Abend in ihrer Geburtsstadt Buenos Aires. Auf die Frage, ob ein Kind nicht mit solchen Aufgaben überfordert sei, äußert sie lebhaft: „Es gibt viele Menschen mit einem Verstand wie zehn Jahre alt — warum sollen da nicht Kinder können machen, was Erwachsene machen. Ich habe ein Band von diesem Konzert und finde, ich habe den Mozart nachher nie mehr so schön gespielt wie damals."
Ihre pianistischen Fähigkeiten werden unterstützt von einem absoluten Gehör, das es ihr zum Beispiel ermöglicht, schwierigste atonale Akkordfolgen sofort aufzunehmen und nachzuspielen, und von einem Gedächtnis, das es ihr beispielsweise erlaubte, einen so schwer zu erfassenden Satz wie das Adagio aus Ravels G-dur-Konzert buchstäblich über Nacht nur durch das Lesen der Noten auswendig zu beherrschen. Dieses gute Gedächtnis ermöglicht es ihr weiterhin, ohne äußere Hilfsmittel sich jedes Interpretationsdetail einzuprägen. In ihren Noten finden sich keinerlei Fingersatznotizen oder andere Eintragungen. Martha Argerich ist zudem (wie viele große Musiker) sehr sprachbegabt: Außer ihrer spanischen Muttersprache spricht sie deutsch, italienisch, französisch und englisch. Russisch ist ihr nächstes Ziel auf diesem Sektor. Zur Entspannung sieht sie übrigens gern gute Filme.
Die Argentinierin ist eine ungemein fesselnde, völlig ursprüngliche Persönlichkeit, deren attraktive äußere Erscheinung schon etwas von der ungewöhnlichen Intensität, Geschmeidigkeit, natürlichen Kraft und selbstverständlichen Sicherheit ihres Spiels und von ihrem eruptiven Temperament verrät. Bei persönlichen Begegnungen fallen nicht nur ihr lebendiger Charme und ihr Sinn für Humor auf, sondern auch der Ernst und die Leidenschaftlichkeit, mit der sie in Gesprächen über Kunst, Literatur oder Musik Stellung nimmt. Es ist heutzutage selten bei jungen Musikern, die meist ausschließlich mit den technischen Problemen ihres Instruments beschäftigt scheinen, ein entsprechendes geistiges Fundament anzutreffen. Doch für Martha Argerich sind zum Beispiel Jean Paul und E. Th. A. Hoffmann mit ihrer Bedeutung für Schumanns Schaffen eben so wenig leere Begriffe wie Dostojewskij, dessen Werke sie besonders liebt. Für heute so gern abschätzig beurteilte Komponisten wie Liszt oder Tschaikowsky setzt sie sich mit Eifer ein: „Ich finde das sehr traurig. Es ist eine Art Snobismus. Und eigentlich sie waren ganz große Männer. Es ist Snobismus — ich finde!"
Mit gleicher Entschiedenheit wendet sie sich gegen verfrühtes Spezialistentum bei jungen Künstlern. Auf die Frage, welche Komponisten sie bevorzuge, erklärt sie: „Ich liebe alles. Ich glaube, es ist dumm von einem jungen Menschen, wenn er sagt ,ich bin Spezialist für einen Komponisten'. Das kann man machen, wenn man älter ist. Jetzt soll man es nicht. Man muss alles versuchen!"
Und sie versucht alles. Ihre Beschäftigung mit der Musik bleibt nicht auf die Klavierliteratur beschränkt; sie schließt die Werke der Sinfonik und Oper ebenso ein wie die Kammermusik. Gerade auf kammermusikalischem Gebiet hat sie viel Erfahrung sammeln können, da sie in der Schweiz (wo sie jahrelang ansässig war) privatim mit Meistern wie Joseph Szigeti (dem Schwiegervater ihres Lehrers Magaloff) und Pierre Fournier musizierte. Sie spielt auch hervorragend vom Blatt; eine schnelle Etüde für die linke Hand allein von Paul Höffer gab sie prima vista in einem Tempo wieder, das ein normalbegabter Pianist günstigstenfalls nach mehrtägigem üben erreichen würde.
Als Pianisten, die sie stark beeindruckt haben, nennt sie in erster Linie Vladimir Horowitz („Ich bin ein Horowitz-Fan"), aber auch Sergej Rachmaninow, den sie liebevoll und humorvoll als ihren „Pin-up-Boy" bezeichnet, weil sie ein Photo von ihm in ihrem Portemonnaie ständig bei sich trug. Das Spiel beider Künstler kennt sie zwar nur von Schallplatten, es entspricht jedoch ganz ihren Klavierklang-Vorstellungen.
Sie äußert sich im übrigen niemals negativ über die Leistungen anderer Pianisten, im wohltuenden Unterschied zu manchen ihrer Kollegen. Wenn sie aber überhaupt zu solchen Fragen Stellung bezieht, dann stets mit großer Genauigkeit. So bricht sie nötigenfalls eine Lanze für den oft verkannten und von ihr sehr geschätzten Shura Cherkassky: „Es ist ein Vergnügen, ihn zu hören!"
Auch an Selbstkritik mangelt es der jungen Dame nicht. Ich hatte Gelegenheit, sie bei der Vorbereitung eines Klavierkonzerts am zweiten Flügel zu begleiten und sie als stiller Zuhörer bei der Arbeit an verschiedenen Werken zu beobachten; wenn ich dann meinen Beifall über das Ergebnis ihres Übens bekundete, bekam ich zur Antwort: „Nein, ich kann es noch nicht!" Und dabei erklangen die Stücke bereits so, dass die meisten Pianisten froh wären, sie wenigstens halbwegs in dieser Art spielen zu können.
Die Klavierkonzerte ihres Repertoires hat sie immer mit allen Orchester-Vor-, -Zwischen- und -Nachspielen auswendig parat. Dabei gibt es kaum Schwierigkeiten: Mozarts d-moll-Konzert nahm sie beispielsweise nach Jahren wieder vor und hatte es in zwei Tagen mit je drei- bis vierstündigem Üben erneut konzertreif. (Wichtigstes Requisit bei der Arbeit sind Zigaretten, von denen sie nach eigener Aussage täglich etwa 40 Stück raucht.)
Was wirklich große Begabungen zu leisten vermögen, das bewies sich mir höchst eindrucksvoll eines Nachmittags, an dem Martha Argerich und Friedrich Gulda an zwei Flügeln auswendig zusammen musizierten. Sie spielten nicht nur (auf Zuruf sich darin abwechselnd) die Solo- und Orchesterparts von Mozarts d-moll- und Beethovens B-dur-Klavierkonzerten, sondern auch von Mozarts A-dur-Violinkonzert. Und das interpretierten sie ebenfalls — stilsicher souverän improvisierend — mit allen wichtigen Details, überlegen — aus reiner Freude an der Musik. Es war imponierend!
Starke Eindrücke erhielt ich auch, als im Januar dieses Jahres Martha Argerich in München eine Chopin-Platte für die Deutsche Grammophon einspielte. Diese Aufnahmen bezeichnen den Beginn eines mehrjährigen Exklusiv-Vertrags, den die Firma mit der jungen Pianistin geschlossen hat; ähnlich wie etwa bei Christoph Eschenbach erkannte und förderte die Schallplatte frühzeitig die Begabung Martha Argerichs.
Ende dieses Monats sollen dann in Berlin Aufnahmen zu einer weiteren Argerich-Platte mit Ravels G-dur- und Prokofieffs drittem Konzert stattfinden. Die Berliner Philharmoniker unter Claudio Abbado — mit dem sie besonders gerne musiziert — sind dabei ihre Partner. Das Programm ihrer Solo-Platte wird folgende Werke Chopins enthalten: die h-moll-Sonate, die große Asdur-Polonaise, die Polonaise-Fantaisie und die drei Mazurken op. 50.
Ich war dabei, als die grandiose Polonaise aufgenommen wurde. Der E-dur-Mittelteil dieses Stückes mit seinen rollenden Oktavenbewegungen ist ein gefürchteter Prüfstein für das Gelenk der linken Hand. Deshalb nutzen die meisten Pianisten die Möglichkeit, an zwei Stellen die linke durch die rechte Hand zu entlasten. Die Argerich gönnte sich diese Erleichterung kein einziges Mal, sie spielte die Oktaven immer — beim üben wie bei den Aufnahmen — mit der linken Hand allein.
Wer nun nach alledem vielleicht denkt, ihre Spezialität sei das „Donnern", der verkennt völlig die Spannweite ihrer Begabung. Auch zeichnet sie ein sensibles Verantwortungsgefühl aus-. 1962 unterbrach sie ihre mit sechzehn Jahren begonnene steile Karriere aus freien Stücken, weil sie nicht mehr mit sich zufrieden war. „Meine Freunde haben gesagt, ich sei verrückt, aber ich glaubte, es müsse sein. Und es hat mir sehr gut getan."
Nach zweijähriger arbeitsreicher Pause nahm sie ihre Konzerttätigkeit wieder auf und ist seitdem zu einer der strahlendsten Erscheinungen im internationalen Musikleben geworden. In der Konzertsaison 1965/66 war man in London (wo sie zur Zeit ihren Wohnsitz hat), in New York, Zürich und Wien gleichermaßen begeistert von ihrem Spiel. Fünfzehn Konzerte gab sie allein im Oktober 1966 in Holland und England. Ihr Tournee-Programm für 1967 sieht unter anderem Klavierabende in Berlin, München und Wien sowie eine erneute Mitwirkung bei den Edinburgher Festspielen vor, wo sie in einem Orchesterkonzert (wahrscheinlich mit Strawinskys Konzert für Klavier und Bläser) und mit einem Soloabend gastiert. Im Januar 1968 wird sie unter Bernstein mit den New Yorker Philharmonikern spielen, im März musiziert sie dann mit Eugen Jochum und den Berliner Philharmonikern das dritte Konzert von Beia Bartök: Eine junge Carreno unserer Zeit erobert die Konzertsäle der Welt.
„Das Spiel ... einte höchste Kraftentfaltung, männliche Plastik in der Modellierung des Tons mit höchster Leichtigkeit und Lockerheit in der Betätigung des gesamten Spielorganismus ... Ihre echten donnernden ,Schütteloktaven', ihr aufs feinste geschliffenes Stakkato, der Glanz, die Intensität und Ebenmäßigkeit ihrer Passagen, die eherne Wucht ihres Akkord- und Massenspiels, ihr hinreißender Gefühlsschwung, ihre grandiose Rhythmik — all das war unvergleichlich ..." Mit diesen Worten beschrieb vor rund einem halben Jahrhundert Walter Niemann in seinem Buch „Meister des Klaviers" einen Abend der Klavierkönigin Teresa Carreno in den achtziger Jahren. Der Pädagoge Rudolf Maria Breithaupt hatte 1904 gleiche Eindrücke in seinem — „der Meisterin Teresa Carreno" gewidmeten — Standardwerk „Die natürliche Klaviertechnik" festgehalten: „Teresa Carrenos sieghaftes Temperament und ihre eherne Technik haben die Welt erobert. Ihre feurige Rasse, die unermüdliche Ausdauer und Energie, eine Spiellust von hinreißendem Schwung und funkensprühendem Rhythmus, gepaart mit angeborener Kraft... erheben sie auf die höchste Stufe reproduktiver Kunst..."
Vermutlich würden diese beiden erfahrenen Kenner des Klavierspiels heutzutage ähnliche Formulierungen gebrauchen, wenn sie Spiel und Ausstrahlung von Martha Argerich beschreiben wollten. Seit ich bei privater Gelegenheit staunend erlebt habe, wie diese noch junge Pianistin ihr tägliches Einspielpensum handhabt (dreimal hintereinander mit Wiederholungen in verblüffend schnellem Tempo die Schumann-Toccata, dazu Chopins Etüden op. 10, Nr. 1 und 4 — die beste, spannungsgeladenste Wiedergabe, die ich je hörte — und dann die Terzen-Etüde op. 25, Nr. 6), bin ich überzeugt, dass die sagenumwobene Carreno sozusagen ein zweites Mal erschienen ist. Denn alles, was man über sie lesen kann, ist auch charakteristisch für Martha Argerich: Ein derart intensives und kraftvolles Klavierspiel habe ich nie zuvor von einem anderen weiblichen Wesen vernommen.
Die Übereinstimmungen der künstlerischen Physiognomien sind auffallend, über die schon beschriebenen Spieleigenheiten und den gemeinsamen Geburtskontinent Südamerika — die Carreno wurde in Venezuela geboren, Martha Argerich in Argentinien — hinaus bis zum Repertoire mit Beethovens und Liszts Es-dur-Konzerten, Schumanns Fantasie und Polonaisen und Etüden Chopins als „Paradestücken" finden sich überraschende Parallelen.
Martha Argerichs Interpretationen etwa von Liszts sechster Ungarischer Rhapsodie, von Chopins cis-moll-Scherzo oder Prokofieffs gefürchteter Toccata (sie erschienen alle auf der ersten Schallplatte, die die Deutsche Grammophon von der Zwanzigjährigen vor einigen Jahren veröffentlichte und zum Teil inzwischen neu herausbrachte) sind bei Kennern berühmt geworden. Sie veranlassten sogar Vladimir Horowitz zu Beifall. Und wer einmal die siebente Sonate von Prokofieff in Martha Argerichs Wiedergabe gehört hat, dem wird sie zu einem packenden Erlebnis geworden sein.
Die junge Argentinierin — geboren am 5. Juni 1941 — ist eine der größten Klavierbegabungen unserer Zeit. In dieser Beurteilung ist sich die Fachwelt seit 1957 einig. Damals errang sie mit sechzehn Jahren innerhalb von drei Wochen die Siegespalme bei zweien der renommiertesten internationalen Musikwettbewerbe: Sie erhielt den ersten Preis beim Busoni-Wettbewerb in Bozen und den ersten Preis beim Wettbewerb in Genf. Acht Jahre später stellte Martha Argerich ihr Können noch einmal vor einer gestrengen Jury unter Beweis und erlebte einen weiteren Triumph: Sie erhielt 1965 den ersten Preis beim großen Chopin-Wettbewerb in Warschau. Das war die bis jetzt letzte „beurkundete" Bestätigung einer Begabung, die heute schon Versprechen in Erfüllung umwandelt.
Wie die meisten großen Pianisten war sie eine Frühbegabung. Einem deutschen Interviewer antwortete sie — in apart drolligem Deutsch — auf die Frage, wann sie mit dem Klavierspiel begonnen habe: „Sie werden lachen, als ich war drei. Fünf Jahre alt, da habe ich seriös angefangen." Mit acht Jahren spielte sie bereits Mozarts d-moll-Konzert, Beethovens C-dur-Konzert und dazwischen eine Bach-Suite öffentlich an einem Abend in ihrer Geburtsstadt Buenos Aires. Auf die Frage, ob ein Kind nicht mit solchen Aufgaben überfordert sei, äußert sie lebhaft: „Es gibt viele Menschen mit einem Verstand wie zehn Jahre alt — warum sollen da nicht Kinder können machen, was Erwachsene machen. Ich habe ein Band von diesem Konzert und finde, ich habe den Mozart nachher nie mehr so schön gespielt wie damals."
Ihre pianistischen Fähigkeiten werden unterstützt von einem absoluten Gehör, das es ihr zum Beispiel ermöglicht, schwierigste atonale Akkordfolgen sofort aufzunehmen und nachzuspielen, und von einem Gedächtnis, das es ihr beispielsweise erlaubte, einen so schwer zu erfassenden Satz wie das Adagio aus Ravels G-dur-Konzert buchstäblich über Nacht nur durch das Lesen der Noten auswendig zu beherrschen. Dieses gute Gedächtnis ermöglicht es ihr weiterhin, ohne äußere Hilfsmittel sich jedes Interpretationsdetail einzuprägen. In ihren Noten finden sich keinerlei Fingersatznotizen oder andere Eintragungen. Martha Argerich ist zudem (wie viele große Musiker) sehr sprachbegabt: Außer ihrer spanischen Muttersprache spricht sie deutsch, italienisch, französisch und englisch. Russisch ist ihr nächstes Ziel auf diesem Sektor. Zur Entspannung sieht sie übrigens gern gute Filme.
Die Argentinierin ist eine ungemein fesselnde, völlig ursprüngliche Persönlichkeit, deren attraktive äußere Erscheinung schon etwas von der ungewöhnlichen Intensität, Geschmeidigkeit, natürlichen Kraft und selbstverständlichen Sicherheit ihres Spiels und von ihrem eruptiven Temperament verrät. Bei persönlichen Begegnungen fallen nicht nur ihr lebendiger Charme und ihr Sinn für Humor auf, sondern auch der Ernst und die Leidenschaftlichkeit, mit der sie in Gesprächen über Kunst, Literatur oder Musik Stellung nimmt. Es ist heutzutage selten bei jungen Musikern, die meist ausschließlich mit den technischen Problemen ihres Instruments beschäftigt scheinen, ein entsprechendes geistiges Fundament anzutreffen. Doch für Martha Argerich sind zum Beispiel Jean Paul und E. Th. A. Hoffmann mit ihrer Bedeutung für Schumanns Schaffen eben so wenig leere Begriffe wie Dostojewskij, dessen Werke sie besonders liebt. Für heute so gern abschätzig beurteilte Komponisten wie Liszt oder Tschaikowsky setzt sie sich mit Eifer ein: „Ich finde das sehr traurig. Es ist eine Art Snobismus. Und eigentlich sie waren ganz große Männer. Es ist Snobismus — ich finde!"
Mit gleicher Entschiedenheit wendet sie sich gegen verfrühtes Spezialistentum bei jungen Künstlern. Auf die Frage, welche Komponisten sie bevorzuge, erklärt sie: „Ich liebe alles. Ich glaube, es ist dumm von einem jungen Menschen, wenn er sagt ,ich bin Spezialist für einen Komponisten'. Das kann man machen, wenn man älter ist. Jetzt soll man es nicht. Man muss alles versuchen!"
Und sie versucht alles. Ihre Beschäftigung mit der Musik bleibt nicht auf die Klavierliteratur beschränkt; sie schließt die Werke der Sinfonik und Oper ebenso ein wie die Kammermusik. Gerade auf kammermusikalischem Gebiet hat sie viel Erfahrung sammeln können, da sie in der Schweiz (wo sie jahrelang ansässig war) privatim mit Meistern wie Joseph Szigeti (dem Schwiegervater ihres Lehrers Magaloff) und Pierre Fournier musizierte. Sie spielt auch hervorragend vom Blatt; eine schnelle Etüde für die linke Hand allein von Paul Höffer gab sie prima vista in einem Tempo wieder, das ein normalbegabter Pianist günstigstenfalls nach mehrtägigem üben erreichen würde.
Als Pianisten, die sie stark beeindruckt haben, nennt sie in erster Linie Vladimir Horowitz („Ich bin ein Horowitz-Fan"), aber auch Sergej Rachmaninow, den sie liebevoll und humorvoll als ihren „Pin-up-Boy" bezeichnet, weil sie ein Photo von ihm in ihrem Portemonnaie ständig bei sich trug. Das Spiel beider Künstler kennt sie zwar nur von Schallplatten, es entspricht jedoch ganz ihren Klavierklang-Vorstellungen.
Sie äußert sich im übrigen niemals negativ über die Leistungen anderer Pianisten, im wohltuenden Unterschied zu manchen ihrer Kollegen. Wenn sie aber überhaupt zu solchen Fragen Stellung bezieht, dann stets mit großer Genauigkeit. So bricht sie nötigenfalls eine Lanze für den oft verkannten und von ihr sehr geschätzten Shura Cherkassky: „Es ist ein Vergnügen, ihn zu hören!"
Auch an Selbstkritik mangelt es der jungen Dame nicht. Ich hatte Gelegenheit, sie bei der Vorbereitung eines Klavierkonzerts am zweiten Flügel zu begleiten und sie als stiller Zuhörer bei der Arbeit an verschiedenen Werken zu beobachten; wenn ich dann meinen Beifall über das Ergebnis ihres Übens bekundete, bekam ich zur Antwort: „Nein, ich kann es noch nicht!" Und dabei erklangen die Stücke bereits so, dass die meisten Pianisten froh wären, sie wenigstens halbwegs in dieser Art spielen zu können.
Die Klavierkonzerte ihres Repertoires hat sie immer mit allen Orchester-Vor-, -Zwischen- und -Nachspielen auswendig parat. Dabei gibt es kaum Schwierigkeiten: Mozarts d-moll-Konzert nahm sie beispielsweise nach Jahren wieder vor und hatte es in zwei Tagen mit je drei- bis vierstündigem Üben erneut konzertreif. (Wichtigstes Requisit bei der Arbeit sind Zigaretten, von denen sie nach eigener Aussage täglich etwa 40 Stück raucht.)
Was wirklich große Begabungen zu leisten vermögen, das bewies sich mir höchst eindrucksvoll eines Nachmittags, an dem Martha Argerich und Friedrich Gulda an zwei Flügeln auswendig zusammen musizierten. Sie spielten nicht nur (auf Zuruf sich darin abwechselnd) die Solo- und Orchesterparts von Mozarts d-moll- und Beethovens B-dur-Klavierkonzerten, sondern auch von Mozarts A-dur-Violinkonzert. Und das interpretierten sie ebenfalls — stilsicher souverän improvisierend — mit allen wichtigen Details, überlegen — aus reiner Freude an der Musik. Es war imponierend!
Starke Eindrücke erhielt ich auch, als im Januar dieses Jahres Martha Argerich in München eine Chopin-Platte für die Deutsche Grammophon einspielte. Diese Aufnahmen bezeichnen den Beginn eines mehrjährigen Exklusiv-Vertrags, den die Firma mit der jungen Pianistin geschlossen hat; ähnlich wie etwa bei Christoph Eschenbach erkannte und förderte die Schallplatte frühzeitig die Begabung Martha Argerichs.
Ende dieses Monats sollen dann in Berlin Aufnahmen zu einer weiteren Argerich-Platte mit Ravels G-dur- und Prokofieffs drittem Konzert stattfinden. Die Berliner Philharmoniker unter Claudio Abbado — mit dem sie besonders gerne musiziert — sind dabei ihre Partner. Das Programm ihrer Solo-Platte wird folgende Werke Chopins enthalten: die h-moll-Sonate, die große Asdur-Polonaise, die Polonaise-Fantaisie und die drei Mazurken op. 50.
Ich war dabei, als die grandiose Polonaise aufgenommen wurde. Der E-dur-Mittelteil dieses Stückes mit seinen rollenden Oktavenbewegungen ist ein gefürchteter Prüfstein für das Gelenk der linken Hand. Deshalb nutzen die meisten Pianisten die Möglichkeit, an zwei Stellen die linke durch die rechte Hand zu entlasten. Die Argerich gönnte sich diese Erleichterung kein einziges Mal, sie spielte die Oktaven immer — beim üben wie bei den Aufnahmen — mit der linken Hand allein.
Wer nun nach alledem vielleicht denkt, ihre Spezialität sei das „Donnern", der verkennt völlig die Spannweite ihrer Begabung. Auch zeichnet sie ein sensibles Verantwortungsgefühl aus-. 1962 unterbrach sie ihre mit sechzehn Jahren begonnene steile Karriere aus freien Stücken, weil sie nicht mehr mit sich zufrieden war. „Meine Freunde haben gesagt, ich sei verrückt, aber ich glaubte, es müsse sein. Und es hat mir sehr gut getan."
Nach zweijähriger arbeitsreicher Pause nahm sie ihre Konzerttätigkeit wieder auf und ist seitdem zu einer der strahlendsten Erscheinungen im internationalen Musikleben geworden. In der Konzertsaison 1965/66 war man in London (wo sie zur Zeit ihren Wohnsitz hat), in New York, Zürich und Wien gleichermaßen begeistert von ihrem Spiel. Fünfzehn Konzerte gab sie allein im Oktober 1966 in Holland und England. Ihr Tournee-Programm für 1967 sieht unter anderem Klavierabende in Berlin, München und Wien sowie eine erneute Mitwirkung bei den Edinburgher Festspielen vor, wo sie in einem Orchesterkonzert (wahrscheinlich mit Strawinskys Konzert für Klavier und Bläser) und mit einem Soloabend gastiert. Im Januar 1968 wird sie unter Bernstein mit den New Yorker Philharmonikern spielen, im März musiziert sie dann mit Eugen Jochum und den Berliner Philharmonikern das dritte Konzert von Beia Bartök: Eine junge Carreno unserer Zeit erobert die Konzertsäle der Welt.



