Der mathematische Wotan
Thomas Stewart – ein fono forum-Porträt von Friedrich Herzfeld

Texas ist der größte Staat der USA. Durch das weite Land mit fruchtbaren Ebenen, unzähligen Oltürmen und ausgedörrten Wüsten werden in den zwanziger Jahren unentwegt neue Straßen gebaut. Einer der Spezialingenieure für solche Aufgaben heißt Stewart. Er lebt in San Saba. Dort wird ihm im August 1928 ein Namensträger geboren, den er Thomas nennt. Später kommt noch eine Tochter hinzu. Frau Stewart spielt etwas Klavier, und die Kinder singen. An ihrer bescheidenen Hausmusik haben sie ihre Freude. Aber sie bilden sich nicht ein, besonders musikalisch zu sein. Auf den Gedanken, dass jemand in ihrem Kreis die Musik als Beruf wählen könnte, kommt keiner.
Thomas weiß, was er werden will: Elektroingenieur. Mathematik ist seine Leidenschaft. Nebenher singt er ein bisschen, im Quartett, im Terzett und in Chören. Das macht ihm Spaß. Er hat Freude an seiner Stimme, aber mehr bedeutet ihm dieses Hobby nicht. Erst Freunde müssen ihn auf seine besonders schöne Stimme aufmerksam machen. Den Anstoß von außen nimmt er zur Kenntnis, ohne vorerst weitere Folgerungen daraus zu ziehen.
Denn jetzt ist Krieg, und Thomas muss zu den Soldaten. Er kommt zur Luftwaffe und arbeitet dank seiner mathematischen Begabung bald in einem Forschungslabor. Es nennt sich Statistische Abteilung, arbeitet in Wirklichkeit aber am Bau eines Modell-Elektronengehirns. Es ist eines der ersten in seiner Art. Nach dem Krieg bieten sich Thomas Stewart gute Aussichten, bei IBM unterzukommen.
Das reizt ihn natürlich. Aber daneben macht ihm das Singen immer mehr Spaß. Beziehungen zum Rundfunk und zum Fernsehen bahnen sich an. Er lebt zwei Leben: mit dem Kopf beim Elektronengehirn, mit der Stimme als immer erfolgreicherer Sänger. Er muss sich also entscheiden. Es gibt lange Grübeleien. Freunde raten ihm zum Singen, und ihnen folgt er schließlich.
Thomas Stewart geht zum Gesangsstudium, wie es in Amerika üblich ist, auf die Universität, und zwar in Baylor-Waco/Texas. Sein Gesangslehrer ist ein eingewanderter Engländer aus Wales, dem Stewart alles verdankt, wenn er später auch noch bei anderen gearbeitet hat.
Zum Abschluss besucht er die berühmte Juilliard School in New York. Hier studiert er Partien, korrepetiert, beschäftigt sich mit Musikgeschichte, mit Komposition, Dirigieren und, was zunächst noch wichtiger ist: Er bläst Klarinette. Denn beim Orchesterspiel sitzt hinter ihm eine junge Hornistin. Ihm imponiert wohl nicht allein, dass sie so kräftig ins Hörn stößt, sondern auch sonst vieles an ihr. Kurzum: Er verliebt sich in sie, heiratet sie und bekommt mir ihr zwei Söhne. Der Name der Hornistin: Evelyn Lear.
Nun singen sie also zu zweit. Sich in Amerika als Sänger durchzusetzen, ist schwer. Thomas Stewart und Evelyn Lear singen in Kirchen, in Oratorien-Aufführungen, im Fernsehen, im Kabarett, und sie treten im Schauspiel am Broadway auf. An einer der drei Opernbühnen ihres Landes unterzukommen, ist schwer, fast unmöglich. Einmal bekommt Thomas Stewart einen Vertrag an die City Centre Opera. Aber er singt nur winzige Partien. Ob sie es schaffen werden, ist höchst ungewiss.
Die einzige Hoffnung ist das Fulbright-Stipendium. Mit ihm kann man nach Europa gehen, dort fertig studieren und versuchen, an einem der hundert Opernhäuser in Deutschland anzukommen, was nicht allzu schwer ist. Aber das Fulbright-Stipendium will hart errungen sein. Stewart setzt jetzt alles auf eine Karte. Wenn er es bekommt, will er nach Europa. Wenn er es nicht bekommt, will er zum Elektronengehirn und zur Mathematik zurückkehren.
Er bekommt es, und das fast unmöglich Scheinende gelingt: Auch Evelyn Lear bekommt es. 1957 gehen die beiden nach Europa. In Berlin singt Thomas Stewart Professor Carl Ebert an der Städtischen Oper in Berlin vor und wird sofort engagiert. Damit verschwindet das Elektronengehirn aus seinem Gesichtskreis. Vorerst muss Stewart um ein Jahr Urlaub bitten, denn er kann noch kein Wort Deutsch. Er büffelt also die verteufelt schwere deutsche Grammatik. Aber ehe er sie einigermaßen beherrscht und ehe das Jahr um ist, holen sie ihn an die Oper, denn sie brauchen einen lyrischen Bariton. Stewart singt als erstes den Minister im „Fidelio“. Dann wird er in der „Lucretia" von Benjamin Britten herausgestellt. 1959 wird auch Evelyn Lear an die Oper verpflichtet.
Damit beginnt eine außerordentliche Entwicklung. Schauspielerisch arbeitet Thomas Stewart vor allem mit Jaro Prohaska, dem alternden und erfahrenen Heldenbariton von der Staatsoper, der vielen jungen Künstlern geholfen hat. Stewart muss lernen, auf der Bühne zu stehen und zu gehen. Jede neue Rolle verlangt Neues von ihm. Und die Aufgaben folgen so dicht aufeinander, dass er gar nicht zum Atemholen kommt.
Seine Stimme wandelt sich allmählich. In Amerika hat er geglaubt, ein Bassist zu sein. Deswegen sang er in einer Konzertaufführung des „Capriccio" von Richard Strauss nicht etwa eine der beiden Baritonpartien, sondern den Theaterdirektor La Röche, eine typische Bass-Charakterpartie. Jetzt ist die Stimme in die Höhe gegangen. Thomas Stewart ist lyrischer Bariton geworden. Dabei hat sich dieser Wandel fast unbemerkt und jedenfalls unbeabsichtigt vollzogen.
Das entspricht Stewarts Anschauungen über die beste Stimmausbildung. Es wird, so meint er, in der Regel nicht zu wenig, sondern zu viel studiert. Die Gesangmeister versuchen, etwas aus der Stimme zu „machen". Sie treiben sie in Positionen, die nicht der angeborenen Begabung entsprechen. Sie versuchen, die Stimmen zu „bilden", zu frisieren, in Wirklichkeit kann nichts gemacht werden, was nicht von Natur aus da ist. Gesangsausbildung darf nur heißen: die Hemmungen, die Kratzer auf der Stimme zu beseitigen, sie zu entschlacken, zu entbinden, ihr freien Auslauf zu verschaffen, ihr organisches Wachstum von allen Belastungen zu befreien. Geschieht das, so wächst die Stimme von allein und findet genau den Platz, der ihrer Natur entspricht.
Dieses Prinzip hat sich bei Stewart glänzend bewährt. Weil der organische Auslauf der Stimme gewährleistet war, wuchs sie unentwegt. Aus dem lyrischen Bariton wurde ein Heldenbariton. Dem Wolfram von Eschenbach folgte der Amfortas, eine der expressivsten Baritonpartien der Literatur. Das brachte Thomas Stewart nach Bayreuth, wo der Platz eines schweren Heldenbaritons gerade frei geworden war. Die Brüder Wagner hatten wieder einmal ihre Chance wahrgenommen, indem sie Thomas Stewart dafür einsetzten, obwohl er sonst noch nicht viel Gelegenheit gehabt hatte, Erfahrungen im schweren Fach zu sammeln.
Herbert von Karajan hat nicht weniger feines Gespür für die Möglichkeiten einer Stimme und vertraute Thomas Stewart daher den Wotan in seinem Salzburger Oster-Festival an. In der großen Erzählung des zweiten Walküren-Aktes wird von Wotan das Äußerste an geistiger Konzentration verlangt. Hier kann nur ein Sänger bestehen, der die Aussagekraft der deutschem Sprache meistert.
Im dritten Walkürenakt muss er außerdem große, weitschwingende Emphase zeigen, muss die Stimme die Tragik und Leidenschaft Wotans deutlich machen können. Als ich Stewart zuletzt sprach, waren die Schallplattenaufnahmen mit Karajan gerade abgeschlossen, und er berichtete, dass er selbst (nach anfänglichen Skrupeln) am Ende doch erstaunt war, wie seine Stimme den pathetischen Raum des Gottvaters ausfüllte. Inzwischen sind die ersten Osterfestspiele vorüber, und man konnte in allen Zeitungen Lobsprüche auf die Intelligenz und Intensität seiner Darstellung lesen — mochte man auch leise Bedenken gegen einen so lyrischen, so wenig im herkömmlichen Sinne heldischen Wotan haben.
Stewart ist gelungen, was viele amerikanische Sänger erträumen. Er ist von Amerika nach Europa gegangen, als er drüben nicht recht vorwärtskam, ist bei uns etwas geworden und als Star in seine Heimat zurückgekehrt. Heute singt er an allen Welt-Opernhäusern, die ihm vor zehn Jahren verschlossen waren, entweder allein oder, noch lieber, mit seiner Frau Evelyn Lear zusammen. Sie segeln beide auf den Flügeln der internationalen Karriere und haben vorerst nicht die Absicht, davon abzugehen. Bei aller Liebe zu Berlin, wo sie groß geworden sind, singen sie dort nur noch selten. Am ehesten kehren sie nach Berlin zurück, um Schallplatten-Aufnahmen einzusingen. Als er im Januar 1967 mit seiner Frau Evelyn Lear eine Platte „Internationale Lieder" aufnahmen, fingen die Rillen das Sinnbild ihres derzeitigen Lebens ein.
Obwohl die internationale Opernwelt ihre eigentliche Heimat ist, hat sich Familie Stewart, wie es bei guten Bundesdeutschen üblich ist, in Locarno ein neues Heim geschaffen. Er kam zu Weihnachten aus Berlin, sie aus England und die zwei Söhne aus Amerika. Sie trafen sich in Frankfurt, um drei Tage in Locarno zu verbringen und dann wieder in alle Richtungen auseinanderzulaufen. Vielleicht kehrt Thomas Stewart doch noch einmal zum Elektronengehirn zurück — um die zahlreichen Termine seiner Familie in Ordnung zu halten.
Texas ist der größte Staat der USA. Durch das weite Land mit fruchtbaren Ebenen, unzähligen Oltürmen und ausgedörrten Wüsten werden in den zwanziger Jahren unentwegt neue Straßen gebaut. Einer der Spezialingenieure für solche Aufgaben heißt Stewart. Er lebt in San Saba. Dort wird ihm im August 1928 ein Namensträger geboren, den er Thomas nennt. Später kommt noch eine Tochter hinzu. Frau Stewart spielt etwas Klavier, und die Kinder singen. An ihrer bescheidenen Hausmusik haben sie ihre Freude. Aber sie bilden sich nicht ein, besonders musikalisch zu sein. Auf den Gedanken, dass jemand in ihrem Kreis die Musik als Beruf wählen könnte, kommt keiner.
Thomas weiß, was er werden will: Elektroingenieur. Mathematik ist seine Leidenschaft. Nebenher singt er ein bisschen, im Quartett, im Terzett und in Chören. Das macht ihm Spaß. Er hat Freude an seiner Stimme, aber mehr bedeutet ihm dieses Hobby nicht. Erst Freunde müssen ihn auf seine besonders schöne Stimme aufmerksam machen. Den Anstoß von außen nimmt er zur Kenntnis, ohne vorerst weitere Folgerungen daraus zu ziehen.
Denn jetzt ist Krieg, und Thomas muss zu den Soldaten. Er kommt zur Luftwaffe und arbeitet dank seiner mathematischen Begabung bald in einem Forschungslabor. Es nennt sich Statistische Abteilung, arbeitet in Wirklichkeit aber am Bau eines Modell-Elektronengehirns. Es ist eines der ersten in seiner Art. Nach dem Krieg bieten sich Thomas Stewart gute Aussichten, bei IBM unterzukommen.
Das reizt ihn natürlich. Aber daneben macht ihm das Singen immer mehr Spaß. Beziehungen zum Rundfunk und zum Fernsehen bahnen sich an. Er lebt zwei Leben: mit dem Kopf beim Elektronengehirn, mit der Stimme als immer erfolgreicherer Sänger. Er muss sich also entscheiden. Es gibt lange Grübeleien. Freunde raten ihm zum Singen, und ihnen folgt er schließlich.
Thomas Stewart geht zum Gesangsstudium, wie es in Amerika üblich ist, auf die Universität, und zwar in Baylor-Waco/Texas. Sein Gesangslehrer ist ein eingewanderter Engländer aus Wales, dem Stewart alles verdankt, wenn er später auch noch bei anderen gearbeitet hat.
Zum Abschluss besucht er die berühmte Juilliard School in New York. Hier studiert er Partien, korrepetiert, beschäftigt sich mit Musikgeschichte, mit Komposition, Dirigieren und, was zunächst noch wichtiger ist: Er bläst Klarinette. Denn beim Orchesterspiel sitzt hinter ihm eine junge Hornistin. Ihm imponiert wohl nicht allein, dass sie so kräftig ins Hörn stößt, sondern auch sonst vieles an ihr. Kurzum: Er verliebt sich in sie, heiratet sie und bekommt mir ihr zwei Söhne. Der Name der Hornistin: Evelyn Lear.
Nun singen sie also zu zweit. Sich in Amerika als Sänger durchzusetzen, ist schwer. Thomas Stewart und Evelyn Lear singen in Kirchen, in Oratorien-Aufführungen, im Fernsehen, im Kabarett, und sie treten im Schauspiel am Broadway auf. An einer der drei Opernbühnen ihres Landes unterzukommen, ist schwer, fast unmöglich. Einmal bekommt Thomas Stewart einen Vertrag an die City Centre Opera. Aber er singt nur winzige Partien. Ob sie es schaffen werden, ist höchst ungewiss.
Die einzige Hoffnung ist das Fulbright-Stipendium. Mit ihm kann man nach Europa gehen, dort fertig studieren und versuchen, an einem der hundert Opernhäuser in Deutschland anzukommen, was nicht allzu schwer ist. Aber das Fulbright-Stipendium will hart errungen sein. Stewart setzt jetzt alles auf eine Karte. Wenn er es bekommt, will er nach Europa. Wenn er es nicht bekommt, will er zum Elektronengehirn und zur Mathematik zurückkehren.
Er bekommt es, und das fast unmöglich Scheinende gelingt: Auch Evelyn Lear bekommt es. 1957 gehen die beiden nach Europa. In Berlin singt Thomas Stewart Professor Carl Ebert an der Städtischen Oper in Berlin vor und wird sofort engagiert. Damit verschwindet das Elektronengehirn aus seinem Gesichtskreis. Vorerst muss Stewart um ein Jahr Urlaub bitten, denn er kann noch kein Wort Deutsch. Er büffelt also die verteufelt schwere deutsche Grammatik. Aber ehe er sie einigermaßen beherrscht und ehe das Jahr um ist, holen sie ihn an die Oper, denn sie brauchen einen lyrischen Bariton. Stewart singt als erstes den Minister im „Fidelio“. Dann wird er in der „Lucretia" von Benjamin Britten herausgestellt. 1959 wird auch Evelyn Lear an die Oper verpflichtet.
Damit beginnt eine außerordentliche Entwicklung. Schauspielerisch arbeitet Thomas Stewart vor allem mit Jaro Prohaska, dem alternden und erfahrenen Heldenbariton von der Staatsoper, der vielen jungen Künstlern geholfen hat. Stewart muss lernen, auf der Bühne zu stehen und zu gehen. Jede neue Rolle verlangt Neues von ihm. Und die Aufgaben folgen so dicht aufeinander, dass er gar nicht zum Atemholen kommt.
Seine Stimme wandelt sich allmählich. In Amerika hat er geglaubt, ein Bassist zu sein. Deswegen sang er in einer Konzertaufführung des „Capriccio" von Richard Strauss nicht etwa eine der beiden Baritonpartien, sondern den Theaterdirektor La Röche, eine typische Bass-Charakterpartie. Jetzt ist die Stimme in die Höhe gegangen. Thomas Stewart ist lyrischer Bariton geworden. Dabei hat sich dieser Wandel fast unbemerkt und jedenfalls unbeabsichtigt vollzogen.
Das entspricht Stewarts Anschauungen über die beste Stimmausbildung. Es wird, so meint er, in der Regel nicht zu wenig, sondern zu viel studiert. Die Gesangmeister versuchen, etwas aus der Stimme zu „machen". Sie treiben sie in Positionen, die nicht der angeborenen Begabung entsprechen. Sie versuchen, die Stimmen zu „bilden", zu frisieren, in Wirklichkeit kann nichts gemacht werden, was nicht von Natur aus da ist. Gesangsausbildung darf nur heißen: die Hemmungen, die Kratzer auf der Stimme zu beseitigen, sie zu entschlacken, zu entbinden, ihr freien Auslauf zu verschaffen, ihr organisches Wachstum von allen Belastungen zu befreien. Geschieht das, so wächst die Stimme von allein und findet genau den Platz, der ihrer Natur entspricht.
Dieses Prinzip hat sich bei Stewart glänzend bewährt. Weil der organische Auslauf der Stimme gewährleistet war, wuchs sie unentwegt. Aus dem lyrischen Bariton wurde ein Heldenbariton. Dem Wolfram von Eschenbach folgte der Amfortas, eine der expressivsten Baritonpartien der Literatur. Das brachte Thomas Stewart nach Bayreuth, wo der Platz eines schweren Heldenbaritons gerade frei geworden war. Die Brüder Wagner hatten wieder einmal ihre Chance wahrgenommen, indem sie Thomas Stewart dafür einsetzten, obwohl er sonst noch nicht viel Gelegenheit gehabt hatte, Erfahrungen im schweren Fach zu sammeln.
Herbert von Karajan hat nicht weniger feines Gespür für die Möglichkeiten einer Stimme und vertraute Thomas Stewart daher den Wotan in seinem Salzburger Oster-Festival an. In der großen Erzählung des zweiten Walküren-Aktes wird von Wotan das Äußerste an geistiger Konzentration verlangt. Hier kann nur ein Sänger bestehen, der die Aussagekraft der deutschem Sprache meistert.
Im dritten Walkürenakt muss er außerdem große, weitschwingende Emphase zeigen, muss die Stimme die Tragik und Leidenschaft Wotans deutlich machen können. Als ich Stewart zuletzt sprach, waren die Schallplattenaufnahmen mit Karajan gerade abgeschlossen, und er berichtete, dass er selbst (nach anfänglichen Skrupeln) am Ende doch erstaunt war, wie seine Stimme den pathetischen Raum des Gottvaters ausfüllte. Inzwischen sind die ersten Osterfestspiele vorüber, und man konnte in allen Zeitungen Lobsprüche auf die Intelligenz und Intensität seiner Darstellung lesen — mochte man auch leise Bedenken gegen einen so lyrischen, so wenig im herkömmlichen Sinne heldischen Wotan haben.
Stewart ist gelungen, was viele amerikanische Sänger erträumen. Er ist von Amerika nach Europa gegangen, als er drüben nicht recht vorwärtskam, ist bei uns etwas geworden und als Star in seine Heimat zurückgekehrt. Heute singt er an allen Welt-Opernhäusern, die ihm vor zehn Jahren verschlossen waren, entweder allein oder, noch lieber, mit seiner Frau Evelyn Lear zusammen. Sie segeln beide auf den Flügeln der internationalen Karriere und haben vorerst nicht die Absicht, davon abzugehen. Bei aller Liebe zu Berlin, wo sie groß geworden sind, singen sie dort nur noch selten. Am ehesten kehren sie nach Berlin zurück, um Schallplatten-Aufnahmen einzusingen. Als er im Januar 1967 mit seiner Frau Evelyn Lear eine Platte „Internationale Lieder" aufnahmen, fingen die Rillen das Sinnbild ihres derzeitigen Lebens ein.
Obwohl die internationale Opernwelt ihre eigentliche Heimat ist, hat sich Familie Stewart, wie es bei guten Bundesdeutschen üblich ist, in Locarno ein neues Heim geschaffen. Er kam zu Weihnachten aus Berlin, sie aus England und die zwei Söhne aus Amerika. Sie trafen sich in Frankfurt, um drei Tage in Locarno zu verbringen und dann wieder in alle Richtungen auseinanderzulaufen. Vielleicht kehrt Thomas Stewart doch noch einmal zum Elektronengehirn zurück — um die zahlreichen Termine seiner Familie in Ordnung zu halten.



