Swetlanow
Begegnung mit einem sowjetischen Dirigenten

Er gehört nicht in die kleine Spitzengruppe russischer Virtuosen, die seit Jahren auch an unserem Musikhimmel zu Fixsternen geworden sind — Oistrach, Richter, Gilets, Rostropowitsch, Kondraschin, Kogan ... Aber als 1965 seine erste Platte mit russischen Ouvertüren bei uns herauskam, wurde der Name Jewgenij Swetlanow bei den Kennern mit einem Schlag zu einem Begriff: Eine so brisante und orchestral perfekte „Ruslan und Ludmila"-Ouvertüre hatte es zuvor noch nicht gegeben.
Im vorigen Jahr kam er zum ersten Mal mit seinem Orchester, dem Staatlichen Sinfonieorchester der UdSSR, auf Gastspielreise nach Deutschland, und das Hamburger Programm, das ich hörte, begann ebenfalls mit Glinkas brillanter Ouvertüre. Wieder das unerhörte Brio, der rauschende Klang. Vor dem Orchester aber nicht ein Pultvirtuose, ein Mann des dirigentischen Show-Geschäfts {das ja mehr ist als eitles Stargetue), sondern ein Zuchtmeister. Swetlanow versuchte nicht, Musik optisch zu transponieren, sondern beschränkte sich auf knappe und konventionelle Bewegungen. Die Hauptarbeit war in den Proben getan worden, jetzt brauchten nur noch einige Weg marken gesteckt zu werden. Dieser unprätentiösen Nüchternheit entsprach die äußere Erscheinung: Swetlanow ist mittelgroß, von untersetzter, eher derber Statur und militärisch kurzem Haarschnitt. Lieschen Müller würde in ihm niemals den „Künstler" vermuten. (Richtige Künstler, weiß sie spätestens nach diesem Fernsehhalbjahr, halten nämlich beim Dirigieren grundsätzlich die Augen geschlossen und haben Visionen.)
Ein „Magier“ ist Swetlanow in der Tat nicht, nicht einmal ein philosophiefreudiger Musiker, der über die Wurzeln seiner Kunst nachdenkt und ihr gedanklich auf den Grund zu gehen versucht. Er besitzt vielmehr jene „positive", handwerklich betonte Grundhaltung, die so charakteristisch ist für die jüngeren Musiker, die aus der Sowjetunion zu uns herüberkommen (und auf fast allen Wettbewerben Spitzenpositionen erringen).
Swetlanow. 40 Jahre alt, ist bei uns vor allem durch seine Tschaikowsky-Aufnahmen bekannt geworden. Er hat mit seinem Orchester im Vorjahr alle Sinfonien eingespielt: die berühmten Nummern 4 bis 6 sind hier im vorigen Herbst erschienen und gehörten zu den Bestsellern der Saison, die drei weniger populären Frühwerke werden im nächsten Monat — ebenfalls als Sonderangebot — folgen. Da versteht sich, dass unser Gespräch sehr bald um Fragen der Tschaikowsky-Interpretation kreiste.
„Herr Swetlanow, Ihre Tschaikowsky-Aufnahmen unterscheiden sich von den Interpretationen, die wir in Deutschland zu hören gewohnt sind, durch ihre klareren Konturen, ihre ,klassische‘ Haltung. Ähnliches war vor Jahren schon zu beobachten, als wir die Aufnahmen mit den Leningrader Philharmonikern unter Mrawinsky kennenlernten. Wie erklären Sie sich diese west-östlichen Unterschiede?"
„Ich kann dazu nur sagen, dass wir uns in erster Linie bemühen, die Partiturangaben so genau wie möglich zu befolgen. Das Studium der Originalpartituren bei Jürgenson ist da sehr nützlich. Es hat sich ja wegen der Popularität Tschaikowskys eine Schicht von Traditionen herausgebildet, die nicht immer dem Stil seiner Musik entsprechen."
„Allerdings beruft sich heute jeder Dirigent auf die Partitur. Und oft sogar mit vollem Recht. Nur lassen die Ausführungsvorschriften der Ausdeutung einigen Spielraum."
„Hier den richtigen Weg zu finden, ist eben die Kunst des Dirigenten. Es bedarf einer sehr starken intellektuellen Arbeit, diesen Weg zu finden."
„Wie stehen Sie etwa zu den Tschaikowsky-Aufnahmen von Karajan oder Furtwängler?"
„Ich habe sie gehört, und ich muss sagen, dass es sehr musikalische Interpretationen sind. Aber sie wirken auf mich etwas ungewöhnlich. Ich kann es nicht als meine Aufgabe betrachten, etwa Furtwängler zu kritisieren. Das Wichtigste ist ja auch, dass die Interpretationen unmittelbare Überzeugungskraft besitzen. Tatsächlich gefallen sie mir im Augenblick des Hörens sehr."
„Könnten die Auffassungsunterschiede daraus resultieren, dass Tschaikowsky für Sie zu den ersten großen Komponisten Ihrer nationalen Musikgeschichte gehört und Sie ihn daher mehr als ,Klassiker‘ auffassen, während er unseren Dirigenten notwendigerweise als ein Nachgeborener erscheint?"
„Ja, ich glaube, es kann sein, dass der Unterschied darin begründet liegt.“
Ein Gespräch, das einiges über die Mentalität Swetlanows sagt. Zur Sache erfährt man mehr, wenn man sich an die Aufnahmen hält. Und da zeigt sich schnell, dass man den Tschaikowsky-Stil, den Swetlanow für so selbstverständlich und unzweifelhaft richtig hält, am besten als pragmatischen Realismus umschreiben kann. Das Besondere seiner Darstellung liegt nicht etwa darin, dass er es mit der Partitur genau nimmt — wer täte das von den namhaften Dirigenten schon nicht? —, sondern darin, dass er die Noten und nichts als die Noten wiedergibt. Sie sind für ihn nicht Zeichen für etwas Hintergründiges, nicht Chiffren seelischer Bewegungen oder gar verborgene Autobiographie, sondern werden absolut genommen. Swetlanow fühlt sich nicht als Deuter, sondern als Nur-Musiker, der es im Sinne Toscaninis als seine Aufgabe betrachtet, die aufgezeichnete Musik zum Klingen zu bringen, und dies mit Perfektion zu tun versteht. Die späten Sinfonien etwa kann man kaum genauer hören als in seinen Aufnahmen. Der Orchesterklang ist hell, schlank und bleibt auch in Fortissimo- oder Pianissimo-Passagen rhythmisch präzise; „Wolkenbildungen" bleiben ausgeklammert; die Klangbalance ist perfekt. Naheliegende Effekte wie etwa das Heraustreten einzelner Stimmen oder das Unterstreichen folkloristischer Anklänge sind spartanisch vermieden, Genrehaftes ist Überspielt. Dafür ist viel planende Strategie zu verspüren, die intelligent auf rechte Proportionen im kleinen und großen achtet. Nicht anders der Eindruck von den Aufnahmen der drei frühen Sinfonien, die im nächsten Monat den Melodia-Zyklus vervollständigen sollen. Vergleicht man Swetlanows Wiedergabe mit der des fast Gleichaltrigen Maazel, so fällt wiederum als erstes die - im guten Sinne - „preußische“ Disziplin des Russen auf. Bei Maazel klingt die Musik erhitzter, farbiger, sprechender, wilder und „russischer", Swetlanows Interpretationen wirken strenger und gelassener, aber zugleich sehr geschlossen und ausgewogen. Die klassische Architektur der Werke wird unterstrichen. So nimmt Swetlanow den sehr aparten zweiten Satz der „Kleinrussischen" Sinfonie auffällig gemessen, fast wie einen Satz „im alten Stil". Er betont dadurch den Traditionszusammenhang mit der älteren Sinfonik, bei der an dieser Stelle das Adagio stand, statt den Satz wie Maazel als eigenständiges Charakterstück zu nehmen. Und die Schlußpolonaise der dritten Sinfonie ist ebenfalls „klassisch" als reine Festmusik' aufgefasst und nicht „romantisch" mit persönlicher Dramatik beladen wie bei Maazel.
Dass Swetlanow bei uns so ausschließlich als Tschaikowsky-Dirigent gesehen wird, ist ihm übrigens gar nicht recht. Er möchte sich nicht auf einen Komponisten festlegen und erst recht nicht als Spezialist abgestempelt sein. „Ein guter Dirigent muss alles dirigieren können", meint er, und sein Repertoire zeigt, dass dies keine leere Redensart Ist. Das Staatliche Sinfonieorchester, das er seit 1965 leitet und das in Moskau durchschnittlich zehn Konzerte im Monat zu absolvieren hat, muss ständig neue Programme einstudieren — mitunter kommt es vor, dass bei zehn Konzerten zehn verschiedene Programme gespielt werden!
Für die Schallplatte haben das Orchester und er in den vergangenen Monaten neben den Tschaikowsky-Werken auch alle Skrjabin-Sinfonien und sinfonische Werke von Glinka eingespielt, etwas weiter zurück liegen Aufnahmen von Werken Haydns und Mozarts; außerdem hat Swetlanow im Studio Mahlers Siebente und die siebente Sinfonie von Schostakowitsch dirigiert. Aber er hat auch Opernaufnahmen geleitet. So gibt es in der Sowjetunion eine neue russische „Tosca" unter ihm.
Überhaupt haben Oper und Theater in Swetlanows bisherigem Leben eine sehr große Rolle gespielt. Beide Eltern arbeiteten im Bolschoi-Theater, er selber hat dort schon als Kind zum ersten Mal Bühnenluft geatmet. Sein Ausbildungsweg verlief dann in der sowjetüblichen Weise: Aufstieg durch die verschiedenen Klassen einer Musikschule, dann Aufnahme in das zentrale Moskauer Konservatorium. Swetlanows Hauptinstrument war das Klavier, und so kam er dort zum wohl berühmtesten russischen „Pianistenmacher“ unserer Zeit, zu Heinrich Neuhaus, dem Lehrer Richters und Gilels'. Sein Hauptfach wurde aber das Dirigieren, das er in der Klasse von Alexander Gauk lernte — seine entscheidenden Lehrer seien also deutscher Abstammung gewesen, fügt Swetlanow als nette Geste hinzu.
1953, als 25jähriger, begann er öffentlich zu dirigieren, ein Jahr später stand er zum ersten Mal vor dem Moskauer Rundfunk-Sinfonieorchester, das Gauk damals leitete. 1955 kam er als Kapellmeister an das Bolschoi-Theater, wo er sich zehn Jahre lang hochdiente und in dieser Zeit gründlich die Opernliteratur kennenlernte. Dann folgte die Berufung an die Spitze des Staatlichen Sinfonieorchesters der UdSSR, das 1936 von Gauk gegründet worden war und später von den Dirigenten Rachlin und Konstantin Iwanow geleitet wurde. Mit 37 Jahren war er zum Chef eines der ersten Orchester der Sowjetunion avanciert — eine stolze Bilanz, die Swetlanow um so mehr befriedigt, als auch die neue Stellung ihm, dem „Wurzel-Moskauer", die Möglichkeit bietet, weiterhin in seiner Vaterstadt zu leben und zu arbeiten. Und das bedeutet ihm viel, denn „Weltmann“ ist Swetlanow nicht. So ist er auch im Gespräch fast misstrauisch vorsichtig und weicht, sobald Fragen ihn zu bedrängen beginnen, sofort in unverbindliche Spruchbandthesen aus. Und eine herzlich unpersönliche Antwort in bester Partei-Diktion bekomme ich auch, als ich Swetlanow abschließend auf mögliche Unterschiede zwischen dem deutschen Publikum und den Zuhörern in seiner Heimat anspreche: „Ich muss jetzt ehrlich sagen, dass ich das Gemeinsame bemerkt habe und nicht die Unterschiede. Das Publikum hier und bei uns in Moskau weiß, dass es im Konzert große, hervorragende Zeugnisse menschlichen Geistes zu hören bekommt. Es ist allem aufgeschlossen, was echt und groß ist. Ich sehe meine Aufgabe darin, diesen Ansprüchen gerecht zu werden."
Ein sowjetischer Dirigent...
Er gehört nicht in die kleine Spitzengruppe russischer Virtuosen, die seit Jahren auch an unserem Musikhimmel zu Fixsternen geworden sind — Oistrach, Richter, Gilets, Rostropowitsch, Kondraschin, Kogan ... Aber als 1965 seine erste Platte mit russischen Ouvertüren bei uns herauskam, wurde der Name Jewgenij Swetlanow bei den Kennern mit einem Schlag zu einem Begriff: Eine so brisante und orchestral perfekte „Ruslan und Ludmila"-Ouvertüre hatte es zuvor noch nicht gegeben.
Im vorigen Jahr kam er zum ersten Mal mit seinem Orchester, dem Staatlichen Sinfonieorchester der UdSSR, auf Gastspielreise nach Deutschland, und das Hamburger Programm, das ich hörte, begann ebenfalls mit Glinkas brillanter Ouvertüre. Wieder das unerhörte Brio, der rauschende Klang. Vor dem Orchester aber nicht ein Pultvirtuose, ein Mann des dirigentischen Show-Geschäfts {das ja mehr ist als eitles Stargetue), sondern ein Zuchtmeister. Swetlanow versuchte nicht, Musik optisch zu transponieren, sondern beschränkte sich auf knappe und konventionelle Bewegungen. Die Hauptarbeit war in den Proben getan worden, jetzt brauchten nur noch einige Weg marken gesteckt zu werden. Dieser unprätentiösen Nüchternheit entsprach die äußere Erscheinung: Swetlanow ist mittelgroß, von untersetzter, eher derber Statur und militärisch kurzem Haarschnitt. Lieschen Müller würde in ihm niemals den „Künstler" vermuten. (Richtige Künstler, weiß sie spätestens nach diesem Fernsehhalbjahr, halten nämlich beim Dirigieren grundsätzlich die Augen geschlossen und haben Visionen.)
Ein „Magier“ ist Swetlanow in der Tat nicht, nicht einmal ein philosophiefreudiger Musiker, der über die Wurzeln seiner Kunst nachdenkt und ihr gedanklich auf den Grund zu gehen versucht. Er besitzt vielmehr jene „positive", handwerklich betonte Grundhaltung, die so charakteristisch ist für die jüngeren Musiker, die aus der Sowjetunion zu uns herüberkommen (und auf fast allen Wettbewerben Spitzenpositionen erringen).
Swetlanow. 40 Jahre alt, ist bei uns vor allem durch seine Tschaikowsky-Aufnahmen bekannt geworden. Er hat mit seinem Orchester im Vorjahr alle Sinfonien eingespielt: die berühmten Nummern 4 bis 6 sind hier im vorigen Herbst erschienen und gehörten zu den Bestsellern der Saison, die drei weniger populären Frühwerke werden im nächsten Monat — ebenfalls als Sonderangebot — folgen. Da versteht sich, dass unser Gespräch sehr bald um Fragen der Tschaikowsky-Interpretation kreiste.
„Herr Swetlanow, Ihre Tschaikowsky-Aufnahmen unterscheiden sich von den Interpretationen, die wir in Deutschland zu hören gewohnt sind, durch ihre klareren Konturen, ihre ,klassische‘ Haltung. Ähnliches war vor Jahren schon zu beobachten, als wir die Aufnahmen mit den Leningrader Philharmonikern unter Mrawinsky kennenlernten. Wie erklären Sie sich diese west-östlichen Unterschiede?"
„Ich kann dazu nur sagen, dass wir uns in erster Linie bemühen, die Partiturangaben so genau wie möglich zu befolgen. Das Studium der Originalpartituren bei Jürgenson ist da sehr nützlich. Es hat sich ja wegen der Popularität Tschaikowskys eine Schicht von Traditionen herausgebildet, die nicht immer dem Stil seiner Musik entsprechen."
„Allerdings beruft sich heute jeder Dirigent auf die Partitur. Und oft sogar mit vollem Recht. Nur lassen die Ausführungsvorschriften der Ausdeutung einigen Spielraum."
„Hier den richtigen Weg zu finden, ist eben die Kunst des Dirigenten. Es bedarf einer sehr starken intellektuellen Arbeit, diesen Weg zu finden."
„Wie stehen Sie etwa zu den Tschaikowsky-Aufnahmen von Karajan oder Furtwängler?"
„Ich habe sie gehört, und ich muss sagen, dass es sehr musikalische Interpretationen sind. Aber sie wirken auf mich etwas ungewöhnlich. Ich kann es nicht als meine Aufgabe betrachten, etwa Furtwängler zu kritisieren. Das Wichtigste ist ja auch, dass die Interpretationen unmittelbare Überzeugungskraft besitzen. Tatsächlich gefallen sie mir im Augenblick des Hörens sehr."
„Könnten die Auffassungsunterschiede daraus resultieren, dass Tschaikowsky für Sie zu den ersten großen Komponisten Ihrer nationalen Musikgeschichte gehört und Sie ihn daher mehr als ,Klassiker‘ auffassen, während er unseren Dirigenten notwendigerweise als ein Nachgeborener erscheint?"
„Ja, ich glaube, es kann sein, dass der Unterschied darin begründet liegt.“
Ein Gespräch, das einiges über die Mentalität Swetlanows sagt. Zur Sache erfährt man mehr, wenn man sich an die Aufnahmen hält. Und da zeigt sich schnell, dass man den Tschaikowsky-Stil, den Swetlanow für so selbstverständlich und unzweifelhaft richtig hält, am besten als pragmatischen Realismus umschreiben kann. Das Besondere seiner Darstellung liegt nicht etwa darin, dass er es mit der Partitur genau nimmt — wer täte das von den namhaften Dirigenten schon nicht? —, sondern darin, dass er die Noten und nichts als die Noten wiedergibt. Sie sind für ihn nicht Zeichen für etwas Hintergründiges, nicht Chiffren seelischer Bewegungen oder gar verborgene Autobiographie, sondern werden absolut genommen. Swetlanow fühlt sich nicht als Deuter, sondern als Nur-Musiker, der es im Sinne Toscaninis als seine Aufgabe betrachtet, die aufgezeichnete Musik zum Klingen zu bringen, und dies mit Perfektion zu tun versteht. Die späten Sinfonien etwa kann man kaum genauer hören als in seinen Aufnahmen. Der Orchesterklang ist hell, schlank und bleibt auch in Fortissimo- oder Pianissimo-Passagen rhythmisch präzise; „Wolkenbildungen" bleiben ausgeklammert; die Klangbalance ist perfekt. Naheliegende Effekte wie etwa das Heraustreten einzelner Stimmen oder das Unterstreichen folkloristischer Anklänge sind spartanisch vermieden, Genrehaftes ist Überspielt. Dafür ist viel planende Strategie zu verspüren, die intelligent auf rechte Proportionen im kleinen und großen achtet. Nicht anders der Eindruck von den Aufnahmen der drei frühen Sinfonien, die im nächsten Monat den Melodia-Zyklus vervollständigen sollen. Vergleicht man Swetlanows Wiedergabe mit der des fast Gleichaltrigen Maazel, so fällt wiederum als erstes die - im guten Sinne - „preußische“ Disziplin des Russen auf. Bei Maazel klingt die Musik erhitzter, farbiger, sprechender, wilder und „russischer", Swetlanows Interpretationen wirken strenger und gelassener, aber zugleich sehr geschlossen und ausgewogen. Die klassische Architektur der Werke wird unterstrichen. So nimmt Swetlanow den sehr aparten zweiten Satz der „Kleinrussischen" Sinfonie auffällig gemessen, fast wie einen Satz „im alten Stil". Er betont dadurch den Traditionszusammenhang mit der älteren Sinfonik, bei der an dieser Stelle das Adagio stand, statt den Satz wie Maazel als eigenständiges Charakterstück zu nehmen. Und die Schlußpolonaise der dritten Sinfonie ist ebenfalls „klassisch" als reine Festmusik' aufgefasst und nicht „romantisch" mit persönlicher Dramatik beladen wie bei Maazel.
Dass Swetlanow bei uns so ausschließlich als Tschaikowsky-Dirigent gesehen wird, ist ihm übrigens gar nicht recht. Er möchte sich nicht auf einen Komponisten festlegen und erst recht nicht als Spezialist abgestempelt sein. „Ein guter Dirigent muss alles dirigieren können", meint er, und sein Repertoire zeigt, dass dies keine leere Redensart Ist. Das Staatliche Sinfonieorchester, das er seit 1965 leitet und das in Moskau durchschnittlich zehn Konzerte im Monat zu absolvieren hat, muss ständig neue Programme einstudieren — mitunter kommt es vor, dass bei zehn Konzerten zehn verschiedene Programme gespielt werden!
Für die Schallplatte haben das Orchester und er in den vergangenen Monaten neben den Tschaikowsky-Werken auch alle Skrjabin-Sinfonien und sinfonische Werke von Glinka eingespielt, etwas weiter zurück liegen Aufnahmen von Werken Haydns und Mozarts; außerdem hat Swetlanow im Studio Mahlers Siebente und die siebente Sinfonie von Schostakowitsch dirigiert. Aber er hat auch Opernaufnahmen geleitet. So gibt es in der Sowjetunion eine neue russische „Tosca" unter ihm.
Überhaupt haben Oper und Theater in Swetlanows bisherigem Leben eine sehr große Rolle gespielt. Beide Eltern arbeiteten im Bolschoi-Theater, er selber hat dort schon als Kind zum ersten Mal Bühnenluft geatmet. Sein Ausbildungsweg verlief dann in der sowjetüblichen Weise: Aufstieg durch die verschiedenen Klassen einer Musikschule, dann Aufnahme in das zentrale Moskauer Konservatorium. Swetlanows Hauptinstrument war das Klavier, und so kam er dort zum wohl berühmtesten russischen „Pianistenmacher“ unserer Zeit, zu Heinrich Neuhaus, dem Lehrer Richters und Gilels'. Sein Hauptfach wurde aber das Dirigieren, das er in der Klasse von Alexander Gauk lernte — seine entscheidenden Lehrer seien also deutscher Abstammung gewesen, fügt Swetlanow als nette Geste hinzu.
1953, als 25jähriger, begann er öffentlich zu dirigieren, ein Jahr später stand er zum ersten Mal vor dem Moskauer Rundfunk-Sinfonieorchester, das Gauk damals leitete. 1955 kam er als Kapellmeister an das Bolschoi-Theater, wo er sich zehn Jahre lang hochdiente und in dieser Zeit gründlich die Opernliteratur kennenlernte. Dann folgte die Berufung an die Spitze des Staatlichen Sinfonieorchesters der UdSSR, das 1936 von Gauk gegründet worden war und später von den Dirigenten Rachlin und Konstantin Iwanow geleitet wurde. Mit 37 Jahren war er zum Chef eines der ersten Orchester der Sowjetunion avanciert — eine stolze Bilanz, die Swetlanow um so mehr befriedigt, als auch die neue Stellung ihm, dem „Wurzel-Moskauer", die Möglichkeit bietet, weiterhin in seiner Vaterstadt zu leben und zu arbeiten. Und das bedeutet ihm viel, denn „Weltmann“ ist Swetlanow nicht. So ist er auch im Gespräch fast misstrauisch vorsichtig und weicht, sobald Fragen ihn zu bedrängen beginnen, sofort in unverbindliche Spruchbandthesen aus. Und eine herzlich unpersönliche Antwort in bester Partei-Diktion bekomme ich auch, als ich Swetlanow abschließend auf mögliche Unterschiede zwischen dem deutschen Publikum und den Zuhörern in seiner Heimat anspreche: „Ich muss jetzt ehrlich sagen, dass ich das Gemeinsame bemerkt habe und nicht die Unterschiede. Das Publikum hier und bei uns in Moskau weiß, dass es im Konzert große, hervorragende Zeugnisse menschlichen Geistes zu hören bekommt. Es ist allem aufgeschlossen, was echt und groß ist. Ich sehe meine Aufgabe darin, diesen Ansprüchen gerecht zu werden."
Ein sowjetischer Dirigent...



