Isolde 1970: Christa Ludwig
Ein fono fourm-Porträt von Herta Piper-Ziethen

Christa Ludwig steigt die Leiter immer höher hinauf. Nicht nur die der künstlerischen Reputation und des Erfolgs, sondern auch die Tonleiter. Der Mezzo beginnt den Sopranistinnen zunehmend Konkurrenz zu machen. Und er wird immer dramatischer. Eine familiäre Entwicklung sozusagen. Aus „Papageno"-Ehemann Walter Berry ist mittlerweile (in Basses Tiefen rutschend) ein „Ochs", „Wotan" und neuerdings „Hans Sachs" geworden. Christa Ludwigs letzter Coup war der Sprung vom „Rosenkavalier" Oktavian zur Feldmarschallin. Und was war sie für eine Feldmarschallin! Nicht die oft gesehene Mutter-Geliebte, sondern endlich einmal die von Strauss geforderte Frau Mitte Dreißig, die dem „Buben", weiß Gott, noch einiges zu bieten hat und offiziell mit der Grandezza der Fürstin auftritt. Faszinierend vor allem, wie die zwei Sphären nicht nur im Spiel, sondern auch in den gesanglichen Valeurs genau abgegrenzt und eingefangen wurden. Wenn Christa Ludwig sagt: „Ich denke mir halt immer, dass hinter und zwischen den Noten die Dinge stehen, auf die es ankommt", dann hat sie hier - wieder einmal - in praxi bewiesen, dass dies für sie keine leere Redensart ist.
Es reizen sie nicht die nur schön singenden Frauengestalten auf der Bühne. Sie möchte sich Partien aussuchen, die menschlich etwas auszusagen haben, in denen Frauen Wandlungen oder Entwicklungen durchmachen — „darum war der ,Fidelio‘ ja meine große Traumrolle". Die Mezzopartien der italienischen Oper entfallen aber für eine internationale Karriere, da sie weitgehend von Italienern oder Farbigen gesungen werden. Es bleibt also nur die deutsche Oper mit Strauss und Wagner. Sie wird übrigens in der „RosenkavaIier“-Neuinszenierung der „Met" unter Karl Böhm noch viermal den Oktavian und danach erst die Feldmarschallin singen. Außerdem ist sie drüben als „Walküren"-Fricka und als Färbersfrau in „Frau ohne Schatten" zu hören. Walter Berry ist jedes Mal mit von der Partie. Vor allem aber erfolgt in Amerika mit der „Lady Macbeth" der Einbruch in das hohe italienische Fach („man bietet mir immer die hohen Partien an"). Sie wird die Rolle dort nach der Callas, der Rysanek und der Nilsson singen. Aber vorher kommt im guten, alten Europa noch der Clou: Im Herbst beginnen die Schallplattenaufnahmen für Karajans „Siegfried", der nächstes Jahr in Salzburg über die Bühne gehen soll. Christa Ludwig wird die Brünnhilde singen. Und 1970 mit Karajan die Isolde: Also auch der letzte, kühne Sprung in das hochdramatische Fach. Sie hat früher einmal gesagt, dass viele Partien nur Übergangsstadien für sie seien. Waren es nur Übergänge zum Hochdramatischen? Werden wir in Zukunft auf die samtenen, süßen Töne der oberen Mittellage verzichten müssen, die bisher eine unverwechselbare Visitenkarte der Künstlerin waren? (Sie werden — hoffentlich - nicht verlorengehen, aber bei Wagner sind sie zumindest nicht anwendbar.) Emigriert Frau Ludwig endgültig in die höheren Regionen des „barbarischen" Fachs? Die Versuchung dürfte erheblich sein. Sie sagt dazu: „Ich weiß es selber noch nicht. Ich muss ausprobieren, ob es mir gelingt. Ich probiere alles, und wenn ich anstoße, gehe ich wieder zurück. Es macht mir immer Spaß zu sehen, wie weit es reicht. Ich habe zum Beispiel festgestellt, dass die ,Ariadne‘ nicht eigentlich meine Sache ist. Aber ich habe es halt probiert. Genauso werde ich sehen, ob Brünnhilde und Isolde Partien für mich sind. Ich versuche immer wieder die Entscheidung im Zimmer zu treffen, aber man kann es nicht. Ich muss die Rolle einmal auf der Bühne mit einem wunderbaren Dirigenten gesungen haben, um sagen zu können: sie liegt mir, oder sie liegt mir nicht. Überhaupt: Ich bin sehr abhängig vom Dirigenten. Ich brauche einen, der mir hilft, der mit mir musiziert. Ich brauche das gegenseitige Fluidum."
Die Ludwig beherrscht ihr Instrument Stimme wie wenige Sänger. Ihre Gesangstechnik ist stupend. Koloratur und Kantilene, Triller, Schwelltöne und zarte Pianissimi: Sie hat alles parat. Ihre Stimme ist rundherum intakt. Sie kann also das Wagnis, das der Marsch ins Hochdramatische immer bedeutet, vorerst einmal eingehen. Dennoch wird bei ihren Verehrern vielleicht ein besorgtes Stirnrunzeln bleiben. Ist nicht zu befürchten, dass es nicht nur bei einem Ausflug in das Heroinenfach bleibt und die Stimme vor der Zeit ihren Tribut zahlen muss? Es gibt jüngste Beispiele dafür, dass mit fünfzig Jahren die Kraftakte am hochdramatischen Trapez beendet waren. Also Verkürzung der Karriere. Frau Kammersängerin reagiert spontan: „Um Himmels willen, ich möchte gar nicht länger singen. Seit meinem 18. Lebensjahr singe ich. Ich liebe meinen Beruf, aber ich kann doch nie tun und lassen, was ich will. Ich darf mich nicht erkälten, ich darf nicht zu kalt trinken, ich habe fast nie Ferien, ich muss aufpassen, dass ich nicht zu viel spreche." (Die Interviewerin hat an dieser Stelle prompt ein schlechtes Gewissen.) „Ich möchte ja auch einmal leben. Mir wäre es daher ziemlich gleichgültig, ob ich früher oder später aufhören müsste. Ich weiß, dass meine Vorgängerinnen, die vom Alt- oder Mezzofach übergegangen sind, alle nicht lange gesungen haben. Trotzdem glaube ich nicht, dass man sich die Stimme ruiniert, wenn man drei- oder viermal die Brünnhilde oder Isolde singt. Das gibt es nicht. Das passiert nur, wenn man zu viel singt oder wenn man müde ist und keine Ferien macht. Ich habe vor einigen Jahren ja schon einmal vier Monate ausgesetzt, weil ich müde im Körper und in der Stimme war. Die Leute haben mir alles mögliche angedichtet. Dass ich nur einmal ausspannen wollte, hat mir keiner geglaubt. Von den körperlichen und nervlichen Anspannungen einer Sängerkarriere machen sich ja die wenigsten einen Begriff. Man wacht nachts auf und singt die Partie, die man gerade studiert, immer weiter. Man kommt von einer Partie in die andere. Nachts ist alles sehr schlimm. Man hat plötzlich das Gefühl: Man lernt es nicht, man kann es nicht, man schafft es nicht. Man denkt halt immer an seine Arbeit."

Eine sensible Frau also. Wer mit wachen Ohren hört, weiß es ohnehin. Zweifellos aber auch eine selbstkritische Sängerin. Ihre Attitüde ist nicht die einer Primadonna. Sie gibt sich nicht zufrieden, es plagt sie die Neugier des künstlerischen Menschen, aber sie scheint zugleich doch auch die nötige Distanz in der Beurteilung zu haben. Ohnehin ist zu vermuten, dass ihre Mutter (die sie bekanntlich ausgebildet hat und die mit den Ludwig-Berrys plus Sprössling in einem Hause lebt) sie überwacht und ihr — wenn es brenzlich wird — pädagogisch die Leviten liest. Eine Mutter, die gesagt hat; „Die Sänger haben Glück, die ihre Stimme noch so lange haben, bis sie wissen, in welches Fach sie wirklich gehören."
Die Entwicklung zum Hochdramatischen betrachtet Frau Ludwig selber nicht ohne Sorge. Es schleichen sich in ihre Gedanken schon Überlegungen ein, ob man sich bescheiden soll oder die Oper vielleicht mit der Zeit mehr oder weniger abstößt, um häufiger in Konzerten zu singen. „Am liebsten würde ich überhaupt nur Konzerte singen. Es ist etwas Wunderbares; es macht mir ungeheuer viel Freude. Aber das wäre mit unentwegten Reisen verbunden, und ich reise furchtbar ungern. Jetzt sind wir vier Monate in Wien in unserem Haus, zwei Monate in Salzburg oder Bayreuth und fünf bis sechs Monate in Amerika. Das reicht uns schon."
Die Frage nach der Liedersängerin Christa Ludwig ist akut. Die erste Dame des deutschen Liedgesangs, Elisabeth Schwarzkopf, ist zwar noch nicht abgetreten, aber sie braucht eine Nachfolgerin. Vor vielen anderen, die das „Gewerbe" des Liedgesangs betreiben, ist die kommende Isolde zur Liedersängerin prädestiniert. Sie bringt alle Voraussetzungen dafür mit: das innere Engagement, das Temperament, die große Skala der Gefühlstöne, die immer natürlich bleibende Gestaltung, den sicheren Instinkt für das Maß und die Form und — last not least — die schöne Stimme. Alle ihre Tugenden treten im Liedgesang besonders rein zutage. Man kann vielleicht in Details manchmal anderer Meinung sein, aber man wird sich nie ihrer „unter die Haut" gehenden künstlerischen Ausstrahlung entziehen können. Es ist da noch jenes undefinierbare Etwas der echten Persönlichkeit.
Sie singt in der kommenden Saison erstmalig einen Liederabend in Budapest. Sonst nur in Wien, München und Berlin. Hamburg hielt es bisher nicht für angezeigt, die Künstlerin einzuladen. In Amerika geht das Ehepaar - neben drei(!) Liederabenden in New York — vor allem in die kleinen Universitätsstädte, die oft mehr Studenten als Einwohner haben, um dort deutschen Liedgesang zu demonstrieren. Die Studenten werden vorher sorgfältig textlich und musikalisch auf das Programm vorbereitet. „Mein Mann und ich halten das für sehr wichtig. Nach den Emigranten, die heute 60 bis 70 Jahre alt sind, hätten wir sonst kein Publikum mehr — und wir brauchen ein junges Publikum. Die Studenten kommen zwar in Rollkragenpullover und Blue Jeans, aber sie sind ein fabelhaft verständiges Publikum."
Es ist sicher kein Zufall, dass Amerika heute so reich an musikalischem Nachwuchs ist. Old Germany sitzt derweil gemütlich auf seiner Tradition. Bezeichnenderweise gibt es drüben von der Ludwig auch sehr viele Liedplatten, die einen Riesenmarkt haben. In Europa gibt es bisher nur drei Veröffentlichungen. Ein mageres Ergebnis im Verhältnis zu der Vielzahl anderer Platten von Bach bis Mozart, die bisher von ihr eingespielt wurden. Sie meint zum Thema Schallplatte: „Die eigenen Schallplatten sind unsere größten Konkurrenten. Man setzt selber Maßstäbe, die man vielleicht später nicht mehr halten kann. Das ,Ich bin der Welt abhanden gekommen' von mir ist schon wirklich gut auf die Platte gekommen. Seitdem ich die Aufnahme gehört habe, singe ich das Lied nicht mehr im Konzert, weil ich fürchte, dass ich es da nicht wieder so schön singen kann. Das eigentlich Wunderbare an den Platten ist, dass man immer seine beste Kondition hat. Man geht ausgeruht ins Studio, und wenn etwas nicht gut ist. macht man es eben am nächsten Tag noch einmal. Aber ich bin grundsätzlich dagegen, dass die Aufnahmeleiter bei Opern oder Orchesterstücken die Singstimme zu sehr in den Vordergrund ziehen. Sie muss sich gut mit dem Orchester mischen. Sonst gibt es Enttäuschung beim Hörer, wenn er die Stücke in einem der großen Konzertsäle hört." Ihr Wort in die Ohren einiger Produzenten ...
Es wäre noch zu vermelden, dass von Christa Ludwig und Walter Berry im Herbst auf CBS zwei Aufnahmen mit Mahlers Wunderhorn-Liedern herauskommen. Einmal als Wiener Konzert-Mitschnitt mit Bernstein am Flügel, sodann in der Orchesterfassung mit Bernstein als Dirigent. Eine Aufnahme dieser Lieder mit den New Yorker Philharmonikern wurde übrigens vorige Weihnachten in den USA über das Farbfernsehen ausgestrahlt. Demnächst geht es auch an die Aufnahmen für eine programmatisch nicht alltägliche Platte mit Regers „An die Hoffnung" („was — genau wie Wolf - kein Mensch aufnehmen will, weil es sich nicht verkauft"), den sieben frühen Liedern und dem „Lied der Waldtaube“ aus den Gurre-Liedern von Schönberg. Bei der Deutschen Grammophon (Christa Ludwig ist bekanntlich — wenn auch nicht mehr exklusiv — mit Columbia „verheiratet") hat Begleiter Erich Werba „so lange gestänkert, bis wir jetzt endlich eine Schumann-Wolf-Platte gemacht haben“. In Parenthese: Mit Werba dürfte sie auch besser bedient sein als mit dem neuen Columbia-Begleiter Geoffrey Parsons, bei dem sich die Frage erhebt, ob er der geeignete Nachfolger Gerald Moores ist und je werden wird.
Fazit: Berühmt sein heißt Schwerarbeiter sein. Ein Weltstar („Sie wissen. Frau Ludwig, a star ist bigger than life" — „Ja, wie grässlich") kann sich nicht auf die faule Haut legen. Das große Problem heißt: woher die Zeit zum Lernen und Probieren nehmen. Ich weiß nicht, ob es ein so beneidenswertes Leben ist, nur Gast im eigenen Haus zu sein, immer unter Druck zu stehen, immer in Hochform sein zu müssen. Tröstlich daran vielleicht nur, dass das Ehepaar Ludwig-Berry es in Zweisamkeit führen kann. Aber die Sehnsucht nach einem privaten, normalen Leben ist in Untertönen nicht zu überhören. Die Künstlerin macht in der persönlichen Begegnung nicht den Eindruck einer Frau, die über unerschöpfliche Kraftreserven verfügt. Aber ein Sänger muss nun einmal seine besten Jahre nützen. Christa Ludwig — die übrigens in natura viel jünger aussieht als auf der Bühne und auf fast sämtlichen Fotos — befindet sich derzeit in ihren goldenen Jahren. Ihre Sonne steht im Zenit.
Christa Ludwig steigt die Leiter immer höher hinauf. Nicht nur die der künstlerischen Reputation und des Erfolgs, sondern auch die Tonleiter. Der Mezzo beginnt den Sopranistinnen zunehmend Konkurrenz zu machen. Und er wird immer dramatischer. Eine familiäre Entwicklung sozusagen. Aus „Papageno"-Ehemann Walter Berry ist mittlerweile (in Basses Tiefen rutschend) ein „Ochs", „Wotan" und neuerdings „Hans Sachs" geworden. Christa Ludwigs letzter Coup war der Sprung vom „Rosenkavalier" Oktavian zur Feldmarschallin. Und was war sie für eine Feldmarschallin! Nicht die oft gesehene Mutter-Geliebte, sondern endlich einmal die von Strauss geforderte Frau Mitte Dreißig, die dem „Buben", weiß Gott, noch einiges zu bieten hat und offiziell mit der Grandezza der Fürstin auftritt. Faszinierend vor allem, wie die zwei Sphären nicht nur im Spiel, sondern auch in den gesanglichen Valeurs genau abgegrenzt und eingefangen wurden. Wenn Christa Ludwig sagt: „Ich denke mir halt immer, dass hinter und zwischen den Noten die Dinge stehen, auf die es ankommt", dann hat sie hier - wieder einmal - in praxi bewiesen, dass dies für sie keine leere Redensart ist.
Es reizen sie nicht die nur schön singenden Frauengestalten auf der Bühne. Sie möchte sich Partien aussuchen, die menschlich etwas auszusagen haben, in denen Frauen Wandlungen oder Entwicklungen durchmachen — „darum war der ,Fidelio‘ ja meine große Traumrolle". Die Mezzopartien der italienischen Oper entfallen aber für eine internationale Karriere, da sie weitgehend von Italienern oder Farbigen gesungen werden. Es bleibt also nur die deutsche Oper mit Strauss und Wagner. Sie wird übrigens in der „RosenkavaIier“-Neuinszenierung der „Met" unter Karl Böhm noch viermal den Oktavian und danach erst die Feldmarschallin singen. Außerdem ist sie drüben als „Walküren"-Fricka und als Färbersfrau in „Frau ohne Schatten" zu hören. Walter Berry ist jedes Mal mit von der Partie. Vor allem aber erfolgt in Amerika mit der „Lady Macbeth" der Einbruch in das hohe italienische Fach („man bietet mir immer die hohen Partien an"). Sie wird die Rolle dort nach der Callas, der Rysanek und der Nilsson singen. Aber vorher kommt im guten, alten Europa noch der Clou: Im Herbst beginnen die Schallplattenaufnahmen für Karajans „Siegfried", der nächstes Jahr in Salzburg über die Bühne gehen soll. Christa Ludwig wird die Brünnhilde singen. Und 1970 mit Karajan die Isolde: Also auch der letzte, kühne Sprung in das hochdramatische Fach. Sie hat früher einmal gesagt, dass viele Partien nur Übergangsstadien für sie seien. Waren es nur Übergänge zum Hochdramatischen? Werden wir in Zukunft auf die samtenen, süßen Töne der oberen Mittellage verzichten müssen, die bisher eine unverwechselbare Visitenkarte der Künstlerin waren? (Sie werden — hoffentlich - nicht verlorengehen, aber bei Wagner sind sie zumindest nicht anwendbar.) Emigriert Frau Ludwig endgültig in die höheren Regionen des „barbarischen" Fachs? Die Versuchung dürfte erheblich sein. Sie sagt dazu: „Ich weiß es selber noch nicht. Ich muss ausprobieren, ob es mir gelingt. Ich probiere alles, und wenn ich anstoße, gehe ich wieder zurück. Es macht mir immer Spaß zu sehen, wie weit es reicht. Ich habe zum Beispiel festgestellt, dass die ,Ariadne‘ nicht eigentlich meine Sache ist. Aber ich habe es halt probiert. Genauso werde ich sehen, ob Brünnhilde und Isolde Partien für mich sind. Ich versuche immer wieder die Entscheidung im Zimmer zu treffen, aber man kann es nicht. Ich muss die Rolle einmal auf der Bühne mit einem wunderbaren Dirigenten gesungen haben, um sagen zu können: sie liegt mir, oder sie liegt mir nicht. Überhaupt: Ich bin sehr abhängig vom Dirigenten. Ich brauche einen, der mir hilft, der mit mir musiziert. Ich brauche das gegenseitige Fluidum."
Die Ludwig beherrscht ihr Instrument Stimme wie wenige Sänger. Ihre Gesangstechnik ist stupend. Koloratur und Kantilene, Triller, Schwelltöne und zarte Pianissimi: Sie hat alles parat. Ihre Stimme ist rundherum intakt. Sie kann also das Wagnis, das der Marsch ins Hochdramatische immer bedeutet, vorerst einmal eingehen. Dennoch wird bei ihren Verehrern vielleicht ein besorgtes Stirnrunzeln bleiben. Ist nicht zu befürchten, dass es nicht nur bei einem Ausflug in das Heroinenfach bleibt und die Stimme vor der Zeit ihren Tribut zahlen muss? Es gibt jüngste Beispiele dafür, dass mit fünfzig Jahren die Kraftakte am hochdramatischen Trapez beendet waren. Also Verkürzung der Karriere. Frau Kammersängerin reagiert spontan: „Um Himmels willen, ich möchte gar nicht länger singen. Seit meinem 18. Lebensjahr singe ich. Ich liebe meinen Beruf, aber ich kann doch nie tun und lassen, was ich will. Ich darf mich nicht erkälten, ich darf nicht zu kalt trinken, ich habe fast nie Ferien, ich muss aufpassen, dass ich nicht zu viel spreche." (Die Interviewerin hat an dieser Stelle prompt ein schlechtes Gewissen.) „Ich möchte ja auch einmal leben. Mir wäre es daher ziemlich gleichgültig, ob ich früher oder später aufhören müsste. Ich weiß, dass meine Vorgängerinnen, die vom Alt- oder Mezzofach übergegangen sind, alle nicht lange gesungen haben. Trotzdem glaube ich nicht, dass man sich die Stimme ruiniert, wenn man drei- oder viermal die Brünnhilde oder Isolde singt. Das gibt es nicht. Das passiert nur, wenn man zu viel singt oder wenn man müde ist und keine Ferien macht. Ich habe vor einigen Jahren ja schon einmal vier Monate ausgesetzt, weil ich müde im Körper und in der Stimme war. Die Leute haben mir alles mögliche angedichtet. Dass ich nur einmal ausspannen wollte, hat mir keiner geglaubt. Von den körperlichen und nervlichen Anspannungen einer Sängerkarriere machen sich ja die wenigsten einen Begriff. Man wacht nachts auf und singt die Partie, die man gerade studiert, immer weiter. Man kommt von einer Partie in die andere. Nachts ist alles sehr schlimm. Man hat plötzlich das Gefühl: Man lernt es nicht, man kann es nicht, man schafft es nicht. Man denkt halt immer an seine Arbeit."

Eine sensible Frau also. Wer mit wachen Ohren hört, weiß es ohnehin. Zweifellos aber auch eine selbstkritische Sängerin. Ihre Attitüde ist nicht die einer Primadonna. Sie gibt sich nicht zufrieden, es plagt sie die Neugier des künstlerischen Menschen, aber sie scheint zugleich doch auch die nötige Distanz in der Beurteilung zu haben. Ohnehin ist zu vermuten, dass ihre Mutter (die sie bekanntlich ausgebildet hat und die mit den Ludwig-Berrys plus Sprössling in einem Hause lebt) sie überwacht und ihr — wenn es brenzlich wird — pädagogisch die Leviten liest. Eine Mutter, die gesagt hat; „Die Sänger haben Glück, die ihre Stimme noch so lange haben, bis sie wissen, in welches Fach sie wirklich gehören."
Die Entwicklung zum Hochdramatischen betrachtet Frau Ludwig selber nicht ohne Sorge. Es schleichen sich in ihre Gedanken schon Überlegungen ein, ob man sich bescheiden soll oder die Oper vielleicht mit der Zeit mehr oder weniger abstößt, um häufiger in Konzerten zu singen. „Am liebsten würde ich überhaupt nur Konzerte singen. Es ist etwas Wunderbares; es macht mir ungeheuer viel Freude. Aber das wäre mit unentwegten Reisen verbunden, und ich reise furchtbar ungern. Jetzt sind wir vier Monate in Wien in unserem Haus, zwei Monate in Salzburg oder Bayreuth und fünf bis sechs Monate in Amerika. Das reicht uns schon."
Die Frage nach der Liedersängerin Christa Ludwig ist akut. Die erste Dame des deutschen Liedgesangs, Elisabeth Schwarzkopf, ist zwar noch nicht abgetreten, aber sie braucht eine Nachfolgerin. Vor vielen anderen, die das „Gewerbe" des Liedgesangs betreiben, ist die kommende Isolde zur Liedersängerin prädestiniert. Sie bringt alle Voraussetzungen dafür mit: das innere Engagement, das Temperament, die große Skala der Gefühlstöne, die immer natürlich bleibende Gestaltung, den sicheren Instinkt für das Maß und die Form und — last not least — die schöne Stimme. Alle ihre Tugenden treten im Liedgesang besonders rein zutage. Man kann vielleicht in Details manchmal anderer Meinung sein, aber man wird sich nie ihrer „unter die Haut" gehenden künstlerischen Ausstrahlung entziehen können. Es ist da noch jenes undefinierbare Etwas der echten Persönlichkeit.
Sie singt in der kommenden Saison erstmalig einen Liederabend in Budapest. Sonst nur in Wien, München und Berlin. Hamburg hielt es bisher nicht für angezeigt, die Künstlerin einzuladen. In Amerika geht das Ehepaar - neben drei(!) Liederabenden in New York — vor allem in die kleinen Universitätsstädte, die oft mehr Studenten als Einwohner haben, um dort deutschen Liedgesang zu demonstrieren. Die Studenten werden vorher sorgfältig textlich und musikalisch auf das Programm vorbereitet. „Mein Mann und ich halten das für sehr wichtig. Nach den Emigranten, die heute 60 bis 70 Jahre alt sind, hätten wir sonst kein Publikum mehr — und wir brauchen ein junges Publikum. Die Studenten kommen zwar in Rollkragenpullover und Blue Jeans, aber sie sind ein fabelhaft verständiges Publikum."
Es ist sicher kein Zufall, dass Amerika heute so reich an musikalischem Nachwuchs ist. Old Germany sitzt derweil gemütlich auf seiner Tradition. Bezeichnenderweise gibt es drüben von der Ludwig auch sehr viele Liedplatten, die einen Riesenmarkt haben. In Europa gibt es bisher nur drei Veröffentlichungen. Ein mageres Ergebnis im Verhältnis zu der Vielzahl anderer Platten von Bach bis Mozart, die bisher von ihr eingespielt wurden. Sie meint zum Thema Schallplatte: „Die eigenen Schallplatten sind unsere größten Konkurrenten. Man setzt selber Maßstäbe, die man vielleicht später nicht mehr halten kann. Das ,Ich bin der Welt abhanden gekommen' von mir ist schon wirklich gut auf die Platte gekommen. Seitdem ich die Aufnahme gehört habe, singe ich das Lied nicht mehr im Konzert, weil ich fürchte, dass ich es da nicht wieder so schön singen kann. Das eigentlich Wunderbare an den Platten ist, dass man immer seine beste Kondition hat. Man geht ausgeruht ins Studio, und wenn etwas nicht gut ist. macht man es eben am nächsten Tag noch einmal. Aber ich bin grundsätzlich dagegen, dass die Aufnahmeleiter bei Opern oder Orchesterstücken die Singstimme zu sehr in den Vordergrund ziehen. Sie muss sich gut mit dem Orchester mischen. Sonst gibt es Enttäuschung beim Hörer, wenn er die Stücke in einem der großen Konzertsäle hört." Ihr Wort in die Ohren einiger Produzenten ...
Es wäre noch zu vermelden, dass von Christa Ludwig und Walter Berry im Herbst auf CBS zwei Aufnahmen mit Mahlers Wunderhorn-Liedern herauskommen. Einmal als Wiener Konzert-Mitschnitt mit Bernstein am Flügel, sodann in der Orchesterfassung mit Bernstein als Dirigent. Eine Aufnahme dieser Lieder mit den New Yorker Philharmonikern wurde übrigens vorige Weihnachten in den USA über das Farbfernsehen ausgestrahlt. Demnächst geht es auch an die Aufnahmen für eine programmatisch nicht alltägliche Platte mit Regers „An die Hoffnung" („was — genau wie Wolf - kein Mensch aufnehmen will, weil es sich nicht verkauft"), den sieben frühen Liedern und dem „Lied der Waldtaube“ aus den Gurre-Liedern von Schönberg. Bei der Deutschen Grammophon (Christa Ludwig ist bekanntlich — wenn auch nicht mehr exklusiv — mit Columbia „verheiratet") hat Begleiter Erich Werba „so lange gestänkert, bis wir jetzt endlich eine Schumann-Wolf-Platte gemacht haben“. In Parenthese: Mit Werba dürfte sie auch besser bedient sein als mit dem neuen Columbia-Begleiter Geoffrey Parsons, bei dem sich die Frage erhebt, ob er der geeignete Nachfolger Gerald Moores ist und je werden wird.
Fazit: Berühmt sein heißt Schwerarbeiter sein. Ein Weltstar („Sie wissen. Frau Ludwig, a star ist bigger than life" — „Ja, wie grässlich") kann sich nicht auf die faule Haut legen. Das große Problem heißt: woher die Zeit zum Lernen und Probieren nehmen. Ich weiß nicht, ob es ein so beneidenswertes Leben ist, nur Gast im eigenen Haus zu sein, immer unter Druck zu stehen, immer in Hochform sein zu müssen. Tröstlich daran vielleicht nur, dass das Ehepaar Ludwig-Berry es in Zweisamkeit führen kann. Aber die Sehnsucht nach einem privaten, normalen Leben ist in Untertönen nicht zu überhören. Die Künstlerin macht in der persönlichen Begegnung nicht den Eindruck einer Frau, die über unerschöpfliche Kraftreserven verfügt. Aber ein Sänger muss nun einmal seine besten Jahre nützen. Christa Ludwig — die übrigens in natura viel jünger aussieht als auf der Bühne und auf fast sämtlichen Fotos — befindet sich derzeit in ihren goldenen Jahren. Ihre Sonne steht im Zenit.



