Sir John Barbirolli
Ein fono forum-Porträt von René Elvin

Ein August morgen des Jahres 1968. In Walthamstow Town Hall, einem modernen und etwas nüchternen Saal in London, ist Aufnahmesitzung für eine Neuproduktion von Verdis …Othello". Am Dirigentenpult steht ein Mann, der in seinem schwarzen Pullover schmaler und gebrechlicher wirkt als im Konzertsaal-Frack, aber dennoch nicht das mindeste an Energie und Wachheit vermissen lässt: Auch im dreifachen Forte des Orchestertuttis entgeht ihm nicht die kleinste falsche Note. Um Sir John Barbirolli. der im nächsten Monat seinen neunundsechzigsten Geburtstag feiert, ist es seit seiner Emeritierung als Chefdirigent des geliebten Halle-Orchesters im Frühjahr nicht stiller geworden. Ganz im Gegenteil. Nachdem er in den vergangenen Jahren auf der Platte vor allem als Mahler-Dirigent hervorgetreten war und sich jetzt in Deutschland als Brahms-Interpret vorstellt — eine Besprechung seiner Aufnahmen der vier Sinfonien finden Sie auf Seite 690 dieses Heftes —. wendet er sich nun wieder stärker seiner großen Jugendliebe zu, der Oper. Seine Aufnahme mit Puccinis „Madame Butterfly" ist von der Kritik der gesamten Musikwelt mit geradezu sensationeller Einmütigkeit gefeiert worden, und was ich auf der Othello-Sitzung hören konnte, war ebenfalls außerordentlich vielversprechend.
Die innere Nähe zu dieser Musik ist sicherlich zum Teil auf Sir Johns italienische Abstammung zurückzuführen, die überhaupt für eine gerechte Einschätzung seiner Persönlichkeit von entscheidender Bedeutung ist. Er entstammt einer italienischen Musikerfamilie, die schon seit längerem in England lebt. Vater Lorenzo Barbirolli dirigierte zeitweise an Sonntagabenden Orchesterkonzerte in einem großen Londoner Hotel. John, als Giovanni Battista getauft, ließ in dieser intensiven musikalischen Atmosphäre seines Elternhauses frühzeitig besondere Begabung erkennen. Er begann schon als Kleinkind Geige zu spielen, wechselte aber bald zum Cello über und trat noch als Kind in der Queen's Hall mit einem schwierigen Konzert von Georg Eduard Goltermann zum ersten Mal öffentlich auf — nicht, wie er sich schmunzelnd erinnert, wie üblich mit gerüschtem schwarzen Kragen, sondern im „modernen" Matrosenanzug.
Er studierte dann am Trinity College weiter und errang ein Stipendium für die Royal Academy, wo er sich als Musterschüler entpuppte und viele Preise gewann. Zur Erholung ging John abends in die Queen's Ha!) und auf die Galerie der Covent-Garden-Oper, die beide in der Nähe seiner Wohnung lagen. Und hier erst begann er sich für das Dirigieren zu interessieren. Henry Wood und Thomas Beecham wurden seine heimlichen Vorbilder.
Als Sechzehnjähriger wurde er jüngstes Mitglied des Queen's-Hall-Orchesters und gab seinen ersten Soloabend in der Aeolian Hall. Bald darauf musste er zum Militär, doch war der Krieg zu Ende, bevor seine Einheit aus England an die Front verlegt wurde. In der Nachkriegszeit schlug Barbirolli sich als Cellist in vielen Orchestern durch. Als Fünfundzwanzigjähriger gründete er ein eigenes kleines Kammerorchester und begann zu dirigieren. Als Frederic Austin, der Leiter der British National Opera Company, ihn kurz darauf in einem Konzert erlebte, war er so beeindruckt, dass er ihm auf der Stelle einen Vertrag anbot. Barbirolli musste innerhalb von sechs Tagen Gounods „Romeo et Juliette", Puccinis „Madame Butterfly" und Verdis „Aida" lernen, und er hatte nicht mehr als zwei Stunden Proben für jede der drei Opern. Aber das Ergebnis war offenbar doch so überzeugend, dass er kurz darauf zum Dirigenten der Covent Garden Opera ernannt wurde.
Barbirolli meint, dass es für einen jungen Dirigenten nichts gibt, was die Erfahrung der Arbeit in einem Opernhaus ersetzen kann. Denn dort „ist ein Dirigent unerwarteten Zwischenfällen aller Art ausgesetzt, die ihn das schnelle Reagieren lehren und ihm dadurch die nötige Sicherheit im Umgang mit der Musik geben. Zum Beispiel muss ein Sänger auf die Bühne stürmen und singen — aber in der Aufführung klemmt plötzlich die Tür. Ein Dirigent muss die Verzögerung, die sich ergibt, so geschickt auffangen, dass niemand im Zuschauerraum etwas davon merkt. Ebenso muss er bei Chören hinter der Bühne lernen, die Einsätze so zu geben, dass der Klangeindruck für den Zuhörer einheitlich ist. Erfahrungen dieser Art erst machen den Künstler zu einem Könner in seinem Beruf."
1936 wurde Barbirolli auf Empfehlung vieler großer Virtuosen jener Zeit, mit denen er inzwischen Schallplattenaufnahmen gemacht hatte, zum Nachfolger Toscaninis als Dirigent der New Yorker Philharmoniker ernannt. Das war damals eine Sensation, aber Barbirolli überzeugte die Amerikaner durch seine Leistung bald, ein würdiger Nachfolger des großen Arturo zu sein. Sieben Jahre darauf, 1943, erreichte ihn die Einladung, nach England zurückzukommen und das Halle-Orchester in Manchester zu reorganisieren, um das es damals schlecht stand; Viele seiner Mitglieder waren zur Armee eingezogen worden, und der Konzertsaal des Orchesters, die Free Trade Hall, hatte bei einem Luftangriff schweren Schaden erlitten.
Barbirolli reizten die Schwierigkeiten der neuen Aufgabe, und er machte sich mit Feuereifer an die Arbeit. Er durchreiste ganz England, um neue Musiker zu rekrutieren (dabei scheute er sich nicht, die erste Posaune mit einer Lehrerin der Heilsarmee zu besetzen), und nach Unmengen von Vorspielstunden und abendlichen Proben trat das neue Halle-Orchester wieder an die Öffentlichkeit — jetzt ebenso Barbirollis Instrument, wie das alte Orchester von 1858 die ureigenste Schöpfung von Sir Charles Halle gewesen war.
Seither sind Sir John — er wurde 1949 für seine Verdienste um die Musik geadelt - und sein Orchester ein Herz und eine Seele geworden. Barbirolli hat fast zwei Jahrzehnte hindurch strikt alle Angebote abgelehnt, durch die seine Arbeit mit dem Halle-Orchester gestört werden könnte. Erst 1961 schloss er einen dreijährigen Vertrag mit dem Houston-Sinfonieorchester in Texas als Nachfolger von Leopold Stokowski, blieb aber nur zweimal jährlich für sechs Wochen in den USA.
In seiner über vierzigjährigen Karriere als Dirigent ist Sir John allmählich in den Ruf eines „Spezialisten der Vielseitigkeit" gekommen. Er hat sich niemals auf einen Komponisten oder einen Stil festlegen lassen, sondern bemühte sich, aller großen Musik gerecht zu werden. Mit Erfolg; Die Royal Philharmonie Society in London verlieh ihm ihre Beethoven-Medaille, von der amerikanischen Bruckner-Gesellschaft erhielt er die Gustav-Mahler-Medaille, für seine Sibelius-Interpretationen wurde ihm der finnische Orden der Weißen Rose überreicht, und für seine Verdienste um die italienische Oper bekam er den italienischen Verdienstorden.
Er selber betrachtet sich, wie er mir erzählte, zuerst und vor allem als einen lateinischen und mediterranen Musiker. Als solcher und als Kammermusikliebhaber hält er Klarheit für die vornehmste Tugend einer guten Interpretation: „Ich möchte hören, was in der Partitur steht." Es war vor allem diese Eigenart, die die Wiener Philharmoniker beeindruckte, als er mit ihnen vor einem Jahr die Brahms-Sinfonien aufnahm. Mich interessierte Barbirollis Einstellung zu Brahms. dessen Rang in England siebzig Jahre nach dem Tode des Komponisten immer noch Gegenstand von Auseinandersetzungen zwischen denen ist, die ihn zu den „drei großen B" der Musik rechnen, und den anderen, die ihm seine nüchterne Orchestrierung und Harmonik ankreiden und darauf hinweisen, dass sogar ein Fanatiker der Werktreue wie Toscanini einige Holzbläserstimmen durch Hörner verstärkte und im letzten Satz der ersten Sinfonie einige Paukentakte einfugte. Sir John denkt anders darüber. Er hält Änderungen der Orchestration von Brahms weder für nützlich noch auch nur für wünschenswert. Das will nicht sagen, dass er auf die Buchstaben der Partitur schwört. Er hat sich in seinem ganzen Leben niemals dem Joch des Metronoms gebeugt. Er wollte dies auch nicht bei Brahms, und er gesteht, mit seinen Rubati durchaus über die Angaben der Partitur hinausgegangen zu sein. Aber, so meint er, dies sei hoffentlich niemals zum Schaden des natürlichen Flusses und des Geistes der Musik geschehen.
Sir John hat längst den Überblick über die von ihm dirigierten Schallplatten verloren, und da er ebenso wie sein Vorgänger Toscanini ein langes aktives Leben fuhren kann, werden wir auch in Zukunft noch viel von ihm zu erwarten haben. Apropos Toscanini: So viele Ähnlichkeiten und biografische Berührungspunkte Barbirolli mit ihm auch hat — in einem Punki unterscheiden sich die beiden Dirigenten erheblich: Toscanini war bei Proben ein Zuchtmeister, der sich in eine verbissene Wut hineinsteigern konnte. Barbirolli ist niemals ein „Jupiter tonans" gewesen, der einen Musiker wegen einer falschen Note angefaucht hat. Bei einem Fehler klopft er ab und beginnt ohne ein Wort von neuem, und gibt es noch einmal eine Panne, versucht er die Situation mit einem humorvollen Wort zu retten. Seine Zusammenarbeit mit den Musikern ist kameradschaftlich im besten Sinne gewesen. Er ist immer für sie da. eine Probe oder sogar ein Konzert von einem Stellvertreter ausführen zu lassen, wäre für ihn unglaublich. Und die Musiker zahlen ihm dies mit rührender Anhänglichkeit und Loyalität zurück.
Vor einigen Jahren wurde Sir John gebeten, angehenden Dirigenten einige Ratschläge für ihre Karriere mit auf den Weg zu geben. Was er damals sagte, ist so charakteristisch für Barbirolli und seine Kunstauffassung, dass wir seine Worte an den Schluss dieses Porträts stellen wollen: „Mache zu deiner Losung Redlichkeit und Aufrichtigkeit gegenüber dir selber und Treue gegenüber dem Komponisten, dessen Musik du zu interpretieren versuchst. Denke nie: Was kann ich aus diesem Stück machen? Sondern versuche zu entdecken, was der Komponist damit sagen wollte ... Aufführungen, die der Herausstellung einer Dirigentenpersönlichkeit, so begabt sie auch sein mag. dienen sollen, können uns nur von dem entfernen, was das Ziel aller echten Musiker sein und bleiben sollte: Dienst an der schönen und großen Kunst, die wir auszuüben privilegiert sind.“
Ein August morgen des Jahres 1968. In Walthamstow Town Hall, einem modernen und etwas nüchternen Saal in London, ist Aufnahmesitzung für eine Neuproduktion von Verdis …Othello". Am Dirigentenpult steht ein Mann, der in seinem schwarzen Pullover schmaler und gebrechlicher wirkt als im Konzertsaal-Frack, aber dennoch nicht das mindeste an Energie und Wachheit vermissen lässt: Auch im dreifachen Forte des Orchestertuttis entgeht ihm nicht die kleinste falsche Note. Um Sir John Barbirolli. der im nächsten Monat seinen neunundsechzigsten Geburtstag feiert, ist es seit seiner Emeritierung als Chefdirigent des geliebten Halle-Orchesters im Frühjahr nicht stiller geworden. Ganz im Gegenteil. Nachdem er in den vergangenen Jahren auf der Platte vor allem als Mahler-Dirigent hervorgetreten war und sich jetzt in Deutschland als Brahms-Interpret vorstellt — eine Besprechung seiner Aufnahmen der vier Sinfonien finden Sie auf Seite 690 dieses Heftes —. wendet er sich nun wieder stärker seiner großen Jugendliebe zu, der Oper. Seine Aufnahme mit Puccinis „Madame Butterfly" ist von der Kritik der gesamten Musikwelt mit geradezu sensationeller Einmütigkeit gefeiert worden, und was ich auf der Othello-Sitzung hören konnte, war ebenfalls außerordentlich vielversprechend.
Die innere Nähe zu dieser Musik ist sicherlich zum Teil auf Sir Johns italienische Abstammung zurückzuführen, die überhaupt für eine gerechte Einschätzung seiner Persönlichkeit von entscheidender Bedeutung ist. Er entstammt einer italienischen Musikerfamilie, die schon seit längerem in England lebt. Vater Lorenzo Barbirolli dirigierte zeitweise an Sonntagabenden Orchesterkonzerte in einem großen Londoner Hotel. John, als Giovanni Battista getauft, ließ in dieser intensiven musikalischen Atmosphäre seines Elternhauses frühzeitig besondere Begabung erkennen. Er begann schon als Kleinkind Geige zu spielen, wechselte aber bald zum Cello über und trat noch als Kind in der Queen's Hall mit einem schwierigen Konzert von Georg Eduard Goltermann zum ersten Mal öffentlich auf — nicht, wie er sich schmunzelnd erinnert, wie üblich mit gerüschtem schwarzen Kragen, sondern im „modernen" Matrosenanzug.
Er studierte dann am Trinity College weiter und errang ein Stipendium für die Royal Academy, wo er sich als Musterschüler entpuppte und viele Preise gewann. Zur Erholung ging John abends in die Queen's Ha!) und auf die Galerie der Covent-Garden-Oper, die beide in der Nähe seiner Wohnung lagen. Und hier erst begann er sich für das Dirigieren zu interessieren. Henry Wood und Thomas Beecham wurden seine heimlichen Vorbilder.
Als Sechzehnjähriger wurde er jüngstes Mitglied des Queen's-Hall-Orchesters und gab seinen ersten Soloabend in der Aeolian Hall. Bald darauf musste er zum Militär, doch war der Krieg zu Ende, bevor seine Einheit aus England an die Front verlegt wurde. In der Nachkriegszeit schlug Barbirolli sich als Cellist in vielen Orchestern durch. Als Fünfundzwanzigjähriger gründete er ein eigenes kleines Kammerorchester und begann zu dirigieren. Als Frederic Austin, der Leiter der British National Opera Company, ihn kurz darauf in einem Konzert erlebte, war er so beeindruckt, dass er ihm auf der Stelle einen Vertrag anbot. Barbirolli musste innerhalb von sechs Tagen Gounods „Romeo et Juliette", Puccinis „Madame Butterfly" und Verdis „Aida" lernen, und er hatte nicht mehr als zwei Stunden Proben für jede der drei Opern. Aber das Ergebnis war offenbar doch so überzeugend, dass er kurz darauf zum Dirigenten der Covent Garden Opera ernannt wurde.
Barbirolli meint, dass es für einen jungen Dirigenten nichts gibt, was die Erfahrung der Arbeit in einem Opernhaus ersetzen kann. Denn dort „ist ein Dirigent unerwarteten Zwischenfällen aller Art ausgesetzt, die ihn das schnelle Reagieren lehren und ihm dadurch die nötige Sicherheit im Umgang mit der Musik geben. Zum Beispiel muss ein Sänger auf die Bühne stürmen und singen — aber in der Aufführung klemmt plötzlich die Tür. Ein Dirigent muss die Verzögerung, die sich ergibt, so geschickt auffangen, dass niemand im Zuschauerraum etwas davon merkt. Ebenso muss er bei Chören hinter der Bühne lernen, die Einsätze so zu geben, dass der Klangeindruck für den Zuhörer einheitlich ist. Erfahrungen dieser Art erst machen den Künstler zu einem Könner in seinem Beruf."
1936 wurde Barbirolli auf Empfehlung vieler großer Virtuosen jener Zeit, mit denen er inzwischen Schallplattenaufnahmen gemacht hatte, zum Nachfolger Toscaninis als Dirigent der New Yorker Philharmoniker ernannt. Das war damals eine Sensation, aber Barbirolli überzeugte die Amerikaner durch seine Leistung bald, ein würdiger Nachfolger des großen Arturo zu sein. Sieben Jahre darauf, 1943, erreichte ihn die Einladung, nach England zurückzukommen und das Halle-Orchester in Manchester zu reorganisieren, um das es damals schlecht stand; Viele seiner Mitglieder waren zur Armee eingezogen worden, und der Konzertsaal des Orchesters, die Free Trade Hall, hatte bei einem Luftangriff schweren Schaden erlitten.
Barbirolli reizten die Schwierigkeiten der neuen Aufgabe, und er machte sich mit Feuereifer an die Arbeit. Er durchreiste ganz England, um neue Musiker zu rekrutieren (dabei scheute er sich nicht, die erste Posaune mit einer Lehrerin der Heilsarmee zu besetzen), und nach Unmengen von Vorspielstunden und abendlichen Proben trat das neue Halle-Orchester wieder an die Öffentlichkeit — jetzt ebenso Barbirollis Instrument, wie das alte Orchester von 1858 die ureigenste Schöpfung von Sir Charles Halle gewesen war.
Seither sind Sir John — er wurde 1949 für seine Verdienste um die Musik geadelt - und sein Orchester ein Herz und eine Seele geworden. Barbirolli hat fast zwei Jahrzehnte hindurch strikt alle Angebote abgelehnt, durch die seine Arbeit mit dem Halle-Orchester gestört werden könnte. Erst 1961 schloss er einen dreijährigen Vertrag mit dem Houston-Sinfonieorchester in Texas als Nachfolger von Leopold Stokowski, blieb aber nur zweimal jährlich für sechs Wochen in den USA.
In seiner über vierzigjährigen Karriere als Dirigent ist Sir John allmählich in den Ruf eines „Spezialisten der Vielseitigkeit" gekommen. Er hat sich niemals auf einen Komponisten oder einen Stil festlegen lassen, sondern bemühte sich, aller großen Musik gerecht zu werden. Mit Erfolg; Die Royal Philharmonie Society in London verlieh ihm ihre Beethoven-Medaille, von der amerikanischen Bruckner-Gesellschaft erhielt er die Gustav-Mahler-Medaille, für seine Sibelius-Interpretationen wurde ihm der finnische Orden der Weißen Rose überreicht, und für seine Verdienste um die italienische Oper bekam er den italienischen Verdienstorden.
Er selber betrachtet sich, wie er mir erzählte, zuerst und vor allem als einen lateinischen und mediterranen Musiker. Als solcher und als Kammermusikliebhaber hält er Klarheit für die vornehmste Tugend einer guten Interpretation: „Ich möchte hören, was in der Partitur steht." Es war vor allem diese Eigenart, die die Wiener Philharmoniker beeindruckte, als er mit ihnen vor einem Jahr die Brahms-Sinfonien aufnahm. Mich interessierte Barbirollis Einstellung zu Brahms. dessen Rang in England siebzig Jahre nach dem Tode des Komponisten immer noch Gegenstand von Auseinandersetzungen zwischen denen ist, die ihn zu den „drei großen B" der Musik rechnen, und den anderen, die ihm seine nüchterne Orchestrierung und Harmonik ankreiden und darauf hinweisen, dass sogar ein Fanatiker der Werktreue wie Toscanini einige Holzbläserstimmen durch Hörner verstärkte und im letzten Satz der ersten Sinfonie einige Paukentakte einfugte. Sir John denkt anders darüber. Er hält Änderungen der Orchestration von Brahms weder für nützlich noch auch nur für wünschenswert. Das will nicht sagen, dass er auf die Buchstaben der Partitur schwört. Er hat sich in seinem ganzen Leben niemals dem Joch des Metronoms gebeugt. Er wollte dies auch nicht bei Brahms, und er gesteht, mit seinen Rubati durchaus über die Angaben der Partitur hinausgegangen zu sein. Aber, so meint er, dies sei hoffentlich niemals zum Schaden des natürlichen Flusses und des Geistes der Musik geschehen.
Sir John hat längst den Überblick über die von ihm dirigierten Schallplatten verloren, und da er ebenso wie sein Vorgänger Toscanini ein langes aktives Leben fuhren kann, werden wir auch in Zukunft noch viel von ihm zu erwarten haben. Apropos Toscanini: So viele Ähnlichkeiten und biografische Berührungspunkte Barbirolli mit ihm auch hat — in einem Punki unterscheiden sich die beiden Dirigenten erheblich: Toscanini war bei Proben ein Zuchtmeister, der sich in eine verbissene Wut hineinsteigern konnte. Barbirolli ist niemals ein „Jupiter tonans" gewesen, der einen Musiker wegen einer falschen Note angefaucht hat. Bei einem Fehler klopft er ab und beginnt ohne ein Wort von neuem, und gibt es noch einmal eine Panne, versucht er die Situation mit einem humorvollen Wort zu retten. Seine Zusammenarbeit mit den Musikern ist kameradschaftlich im besten Sinne gewesen. Er ist immer für sie da. eine Probe oder sogar ein Konzert von einem Stellvertreter ausführen zu lassen, wäre für ihn unglaublich. Und die Musiker zahlen ihm dies mit rührender Anhänglichkeit und Loyalität zurück.
Vor einigen Jahren wurde Sir John gebeten, angehenden Dirigenten einige Ratschläge für ihre Karriere mit auf den Weg zu geben. Was er damals sagte, ist so charakteristisch für Barbirolli und seine Kunstauffassung, dass wir seine Worte an den Schluss dieses Porträts stellen wollen: „Mache zu deiner Losung Redlichkeit und Aufrichtigkeit gegenüber dir selber und Treue gegenüber dem Komponisten, dessen Musik du zu interpretieren versuchst. Denke nie: Was kann ich aus diesem Stück machen? Sondern versuche zu entdecken, was der Komponist damit sagen wollte ... Aufführungen, die der Herausstellung einer Dirigentenpersönlichkeit, so begabt sie auch sein mag. dienen sollen, können uns nur von dem entfernen, was das Ziel aller echten Musiker sein und bleiben sollte: Dienst an der schönen und großen Kunst, die wir auszuüben privilegiert sind.“



