Auf Mozart eingestimmt: Edith Mathis
Ein fono forum-Porträt von Herta Piper-Ziethen

Der Pour le mérite für die Sänger ist das Engagement an die Met. Sie wissen zwar alle, dass auch dort heftig mit Wasser gekocht wird und nicht alles Kunst ist. was sich Kunst nennt; aber an der Met singen zu dürfen, ist die Erhebung in den Adelsstand der Sänger-Weltelite.
In der Spielzeit 1969/1970 wird nun auch Edith Mathis Einzug in die geheiligten Hallen halten. Sie dürfte zu den wenigen gehören, die nicht gleich triumphierend zugegriffen haben. „Ich habe sehr geschwankt, ob ich nach Amerika gehen soll. Ich bin nämlich gar kein Publicity-Typ.“ Sie ist es weiß Gott nicht. Urd auch kein Ellbogentyp. Die kecke, gewitzte und temperamentvoll-tatkräftige Figaro-Susanne ist privat eine der bescheidensten Sängerinnen, die mir begegnet sind. Nichts von der Aura der Erfolgreichen. Eine sehr natürliche junge Frau mit einem kleinen Schalk in den Augen, fröhlichen Lachern, mit Scheu vor Fotografen und dem Tonband und überhaupt nicht mitteilsam. Ich hätte nichts von dem Met-Engagement erfahren, wenn ich sie nicht zufällig noch einmal angerufen hätte. Dabei kam es dann zögernd heraus. Ihr Kommentar: „Ich mag nicht viel von mir reden." Ein liebenswertes Understatement, dass ihr in den USA vielleicht noch Schwierigkeiten bereiten wird.
Ihr Met-Debüt ist durchaus der Rede wert. Sie wird dort die Figaro-Susanne, die Zauberflöten-Pamina (im November in Hamburg zum ersten Mal unter Solti) und in der Schenk-Böhm-Neuinszenierung das Freischütz-Ännchen singen. In Salzburg kommt im nächsten Jahr zu der Fidelio-Marzelline neu die Rosenkavalier-Sophie. Sie hat sich ehrlich emporgesungen. Eine Karriere ohne Sensationen, Vom Theater ihrer Heimatstadt Luzern ging sie 1959 nach Köln... Es war die berühmte Ära Schuh-Sawallisch. Ich war fast in sämtlichen Schuh-Inszenierungen dabei und habe bei ihm sehr viel gelernt.“ 1960 kamen dann schon Salzburg und Hamburg, danach Glyndebourne und Berlin.
Dass sie nicht in den attraktiveren Süden gegangen ist, sondern sich mit Abendverträgen an die Hamburger und Berliner Oper gebunden hat, ist der Tatsache zu verdanken, dass sie mit dem Lübecker Generalmusikdirektor Bernhard Klee verheiratet ist. So lassen sich Beruf und Familie einigermaßen vereinigen. In einer Autostunde ist sie von der Probe in Hamburg wieder bei ihren Kindern Bettina (4,1/2) und Thomas (3).
Sie hat ihre Karriere mit Talent und Mozart gemacht. Es begann mit dem zweiten Knaben in der Zauberflöte. „Dann kam schon der Figaro-Cherubin. Er hat mich bis jetzt verfolgt. Ich musste ihn überall singen. Ich hatte schon lange die ,Susanne‘ drauf, aber sie wollten mich immer als Cherubin." Seit einem Jahr „darf“ sie nun als Susanne. Und spätestens nach der neuen Figaro-Aufnahme unter Böhm weiß man es genau: Sie ist derzeit eine der besten Vertreterinnen dieser „Isolde" der lyrischen Koloratursopranistinnen. Eine Mozart-Sängerin par excellence. Ihre Stimme hat den Charme des Mühelosen. Sie hat Wärme, Leichtigkeit und auch im Forte noch Weichheit. Sie ist von federnder Elastizität und behält auch im dolce-piano noch Substanz. Intensität ohne Kraft. In ihrem Gesang schwingt die Gefühlsskala und das Lächeln der Musik. Perfektes Legato und ein Lagenausgleich nach der bemerkenswert guten Tiefe – „die Tiefe macht mir gar nichts“ —, wie er bei leichten Stimmen selten zu hören ist. Bezeichnenderweise ist ihr sängerisches Vorbild, das sie sich aus vielen „herausgepickt“ hat, Elisabeth Grummer gewesen. Das Wesentliche des Mozart-Gesangs ist für Edith Mathis das Stilgefühl. „Viele haben es einfach nicht. Sie versuchen es zu lernen und bekommen vielleicht auch etwas davon mit. Aber man muss es selber spuren und fühlen. Und dann die Sauberkeit. Die Intonation ist viel schwerer als bei irgendeinem anderen Komponisten. Bei Verdi oder den Romantikern kann man eher einmal so ein bisschen darüber hinwegsingen. Von Strauss wollen wir gar nicht erst reden. Aber bei Mozart hört man jede Schwingung.“ Wie sehr sie solchermaßen auf Mozart eingestimmt ist. demonstriert auch die EMI-Platte des Requiems, in dem ihr lieblicher Sopran glockenrein über dem Ensemble schwebt.

Der eigenen Qualität entsprechend ist ihr Sinn für musikalische Qualität. Unter anderem: zur Gretchenfrage, wie (und ob) sie es in Zukunft mit Puccini halten will. „Um Gottes willen, nein. Höchstens die ,Mimi', und auch die nicht einmal. Ist mir zu zuckerig." Aber sie möchte gerne einmal Debussys „Melisande" singen und als einzige geheime Wunschpartie die „Fiordiligi" in Mozarts Cosi fan tutte, „die ich aber wahrscheinlich nie singen werde, weil sie eine schwerere Stimme verlangt“. Wer weiß? Denn: In der Figaro-Aufnahme sind (ein Negativpunkt) im Briefduett die Stimmen von Mathis und Janowitz kaum zu unterscheiden. Und bei ihrer Arabella-Zdenka in der Hamburger Oper zeigt sie erstaunliches Stimmvolumen.
Aber Frau Mathis ist sympathischerweise überhaupt noch nicht von dem unter den Sängerinnen beängstigend grassierenden Ehrgeiz-Bazillus nach schwereren Partien infiziert. Sie will in ihrem Fach (das heißt: im Naturschutzgebiet der Stimme) bleiben und nichts forcieren. „Ich lege sehr viel Gewicht auf Konzerte. Und wenn ich mich im Theater vor lauter Ehrgeiz kaputt brülle, um Erfolg einzuheimsen, dann kann ich keine Matthäus-Passion mehr singen." In nächster Zeit stehen das Brahms-Requiem, Haydns Schöpfung und Mahlers vierte Sinfonie an.
Die Künstlerin ist überhaupt eine selbstkritische Dame. „Ich finde alles schrecklich, was ich mache. Auch manches im Figaro. Beim Abhören der Schallplattenaufnahmen könnte ich jedes Mal heulen. Bei den Platten müssten überhaupt die Ensembles viel geschlossener sein, Die Stimmstärken sollten mehr beachtet werden. Aber es wird einfach den Tonmeistern überlassen, ob einer zu laut oder leise singt. Der dreht dann ein Knöpfchen auf oder zu."
Innerhalb ihres dreijährigen Exklusiv-Vertrags mit der Deutschen Grammophon wird sie noch Fidelio mit Gwyneth Jones, („ich glaube") Bachs Weihnachtsoratorium und mit Hermann Prey zusammen eine Platte mit sämtlichen Mozart-Liedern machen. Wer ihre allererste, sehr reizende Lied platte „Flirt in Rokoko" kennt, wundert sich, dass die DG sie nicht schon längst einmal als Liedersängerin präsentiert hat.
Der Terminkalender ist also reichlich gefüllt. Trotzdem (oder gerade deshalb) fährt Edith Mathis in Abständen nach Zürich zu ihrer Lehrerin, um sich kontrollieren zu lassen. Wie beruhigend. Garantie für sie und uns, dass ihr schönes, so wertvolles Instrument („man kann die Stimme ja nicht wie ein Klavier behandeln“) bei den Strapazen des Berufs keinen Schaden nehmen wird. Denn Singen ist höchste Konzentration und Kraftleistung. Und auch die beste Gesangstechnik muss ständig gepflegt werden, wenn sie erhalten bleiben soll. Die Kunst aber beginnt dort, wo die Technik selbstverständlich geworden ist, wo man sie nicht mehr hört. Wie bei Edith Mathis.
Der Pour le mérite für die Sänger ist das Engagement an die Met. Sie wissen zwar alle, dass auch dort heftig mit Wasser gekocht wird und nicht alles Kunst ist. was sich Kunst nennt; aber an der Met singen zu dürfen, ist die Erhebung in den Adelsstand der Sänger-Weltelite.
In der Spielzeit 1969/1970 wird nun auch Edith Mathis Einzug in die geheiligten Hallen halten. Sie dürfte zu den wenigen gehören, die nicht gleich triumphierend zugegriffen haben. „Ich habe sehr geschwankt, ob ich nach Amerika gehen soll. Ich bin nämlich gar kein Publicity-Typ.“ Sie ist es weiß Gott nicht. Urd auch kein Ellbogentyp. Die kecke, gewitzte und temperamentvoll-tatkräftige Figaro-Susanne ist privat eine der bescheidensten Sängerinnen, die mir begegnet sind. Nichts von der Aura der Erfolgreichen. Eine sehr natürliche junge Frau mit einem kleinen Schalk in den Augen, fröhlichen Lachern, mit Scheu vor Fotografen und dem Tonband und überhaupt nicht mitteilsam. Ich hätte nichts von dem Met-Engagement erfahren, wenn ich sie nicht zufällig noch einmal angerufen hätte. Dabei kam es dann zögernd heraus. Ihr Kommentar: „Ich mag nicht viel von mir reden." Ein liebenswertes Understatement, dass ihr in den USA vielleicht noch Schwierigkeiten bereiten wird.
Ihr Met-Debüt ist durchaus der Rede wert. Sie wird dort die Figaro-Susanne, die Zauberflöten-Pamina (im November in Hamburg zum ersten Mal unter Solti) und in der Schenk-Böhm-Neuinszenierung das Freischütz-Ännchen singen. In Salzburg kommt im nächsten Jahr zu der Fidelio-Marzelline neu die Rosenkavalier-Sophie. Sie hat sich ehrlich emporgesungen. Eine Karriere ohne Sensationen, Vom Theater ihrer Heimatstadt Luzern ging sie 1959 nach Köln... Es war die berühmte Ära Schuh-Sawallisch. Ich war fast in sämtlichen Schuh-Inszenierungen dabei und habe bei ihm sehr viel gelernt.“ 1960 kamen dann schon Salzburg und Hamburg, danach Glyndebourne und Berlin.
Dass sie nicht in den attraktiveren Süden gegangen ist, sondern sich mit Abendverträgen an die Hamburger und Berliner Oper gebunden hat, ist der Tatsache zu verdanken, dass sie mit dem Lübecker Generalmusikdirektor Bernhard Klee verheiratet ist. So lassen sich Beruf und Familie einigermaßen vereinigen. In einer Autostunde ist sie von der Probe in Hamburg wieder bei ihren Kindern Bettina (4,1/2) und Thomas (3).
Sie hat ihre Karriere mit Talent und Mozart gemacht. Es begann mit dem zweiten Knaben in der Zauberflöte. „Dann kam schon der Figaro-Cherubin. Er hat mich bis jetzt verfolgt. Ich musste ihn überall singen. Ich hatte schon lange die ,Susanne‘ drauf, aber sie wollten mich immer als Cherubin." Seit einem Jahr „darf“ sie nun als Susanne. Und spätestens nach der neuen Figaro-Aufnahme unter Böhm weiß man es genau: Sie ist derzeit eine der besten Vertreterinnen dieser „Isolde" der lyrischen Koloratursopranistinnen. Eine Mozart-Sängerin par excellence. Ihre Stimme hat den Charme des Mühelosen. Sie hat Wärme, Leichtigkeit und auch im Forte noch Weichheit. Sie ist von federnder Elastizität und behält auch im dolce-piano noch Substanz. Intensität ohne Kraft. In ihrem Gesang schwingt die Gefühlsskala und das Lächeln der Musik. Perfektes Legato und ein Lagenausgleich nach der bemerkenswert guten Tiefe – „die Tiefe macht mir gar nichts“ —, wie er bei leichten Stimmen selten zu hören ist. Bezeichnenderweise ist ihr sängerisches Vorbild, das sie sich aus vielen „herausgepickt“ hat, Elisabeth Grummer gewesen. Das Wesentliche des Mozart-Gesangs ist für Edith Mathis das Stilgefühl. „Viele haben es einfach nicht. Sie versuchen es zu lernen und bekommen vielleicht auch etwas davon mit. Aber man muss es selber spuren und fühlen. Und dann die Sauberkeit. Die Intonation ist viel schwerer als bei irgendeinem anderen Komponisten. Bei Verdi oder den Romantikern kann man eher einmal so ein bisschen darüber hinwegsingen. Von Strauss wollen wir gar nicht erst reden. Aber bei Mozart hört man jede Schwingung.“ Wie sehr sie solchermaßen auf Mozart eingestimmt ist. demonstriert auch die EMI-Platte des Requiems, in dem ihr lieblicher Sopran glockenrein über dem Ensemble schwebt.

Der eigenen Qualität entsprechend ist ihr Sinn für musikalische Qualität. Unter anderem: zur Gretchenfrage, wie (und ob) sie es in Zukunft mit Puccini halten will. „Um Gottes willen, nein. Höchstens die ,Mimi', und auch die nicht einmal. Ist mir zu zuckerig." Aber sie möchte gerne einmal Debussys „Melisande" singen und als einzige geheime Wunschpartie die „Fiordiligi" in Mozarts Cosi fan tutte, „die ich aber wahrscheinlich nie singen werde, weil sie eine schwerere Stimme verlangt“. Wer weiß? Denn: In der Figaro-Aufnahme sind (ein Negativpunkt) im Briefduett die Stimmen von Mathis und Janowitz kaum zu unterscheiden. Und bei ihrer Arabella-Zdenka in der Hamburger Oper zeigt sie erstaunliches Stimmvolumen.
Aber Frau Mathis ist sympathischerweise überhaupt noch nicht von dem unter den Sängerinnen beängstigend grassierenden Ehrgeiz-Bazillus nach schwereren Partien infiziert. Sie will in ihrem Fach (das heißt: im Naturschutzgebiet der Stimme) bleiben und nichts forcieren. „Ich lege sehr viel Gewicht auf Konzerte. Und wenn ich mich im Theater vor lauter Ehrgeiz kaputt brülle, um Erfolg einzuheimsen, dann kann ich keine Matthäus-Passion mehr singen." In nächster Zeit stehen das Brahms-Requiem, Haydns Schöpfung und Mahlers vierte Sinfonie an.
Die Künstlerin ist überhaupt eine selbstkritische Dame. „Ich finde alles schrecklich, was ich mache. Auch manches im Figaro. Beim Abhören der Schallplattenaufnahmen könnte ich jedes Mal heulen. Bei den Platten müssten überhaupt die Ensembles viel geschlossener sein, Die Stimmstärken sollten mehr beachtet werden. Aber es wird einfach den Tonmeistern überlassen, ob einer zu laut oder leise singt. Der dreht dann ein Knöpfchen auf oder zu."
Innerhalb ihres dreijährigen Exklusiv-Vertrags mit der Deutschen Grammophon wird sie noch Fidelio mit Gwyneth Jones, („ich glaube") Bachs Weihnachtsoratorium und mit Hermann Prey zusammen eine Platte mit sämtlichen Mozart-Liedern machen. Wer ihre allererste, sehr reizende Lied platte „Flirt in Rokoko" kennt, wundert sich, dass die DG sie nicht schon längst einmal als Liedersängerin präsentiert hat.
Der Terminkalender ist also reichlich gefüllt. Trotzdem (oder gerade deshalb) fährt Edith Mathis in Abständen nach Zürich zu ihrer Lehrerin, um sich kontrollieren zu lassen. Wie beruhigend. Garantie für sie und uns, dass ihr schönes, so wertvolles Instrument („man kann die Stimme ja nicht wie ein Klavier behandeln“) bei den Strapazen des Berufs keinen Schaden nehmen wird. Denn Singen ist höchste Konzentration und Kraftleistung. Und auch die beste Gesangstechnik muss ständig gepflegt werden, wenn sie erhalten bleiben soll. Die Kunst aber beginnt dort, wo die Technik selbstverständlich geworden ist, wo man sie nicht mehr hört. Wie bei Edith Mathis.



