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Aus erster Hand: „Das Studio hat eigene Gesetze“

Von
Wolf-Eberhard von Lewinski
Erschienen in der Printausgabe im
Januar 1969
Lesezeit ca.
…
Minuten

Solti-Platten haben Bestseller-Wert und setzen oft genug Maßstäbe. Der Chef der Covent-Garden-Oper in London hat sich schon früh für die Schallplatte interessiert und ihre besonderen Bedingungen studiert. Von den Wandlungen, die dieses Studium inzwischen verursachte, sprach Solti mit unserem Mitarbeiter Wolf-Eberhard von Lewinski.

Die Unterhaltung hatte sich an der Tatsache des Abschieds Soltis von London entzündet, der für 1971 vorgesehen ist. Solti will die Leitung eines Opernhauses aufgeben, um sich — erstmals — einem eigenen Sinfonie-Orchester zu widmen. Der Schwerpunkt seiner zukünftigen Arbeit soll sich auf das sinfonische Gebiet verlagern. Als Grund nennt der 56jährige Dirigent nicht nur die Neigung, einen eigenen Klang eines Orchesters, wie er ihn sich vorstellt, zu realisieren, sondern auch die Schwierigkeiten, die heute die Leitung eines Opernhauses mit sich bringen: „Es mangelt an allem. Es gibt keine Dirigenten, keine Regisseure, keine Sänger in ausreichender Qualität und Zahl. Mehrere Stunden des Tages muss ich mit organisatorischen Fragen verbringen."

ff: „Ist Ihre Arbeit für die Schallplatte dann eine Art Ersatz für das, was Ihnen die Praxis an künstlerischer Entfaltung vielleicht vorenthält?"

Solti: „Nein, niemals. Wenn ich die Wahl zwischen Studio und Konzert oder Oper hätte, würde ich sofort für das lebendige Musikleben stimmen. Die Schallplatte spielt eine Sonderrolle, gewiss eine sehr wichtige — auch für mich selbst: Das Aufnehmen der Interpretation auf Band hat mich außerordentlich viel gelehrt. Ich habe mehr von meinen Fehlern als von meinen Tugenden gelernt. Viel mehr. Ich bin zu einem dramatischen Musizieren geboren, das ist meine natürliche Art, gegen die ich aber manchmal ankämpfen muss, um eine wirkliche Synthese zu erreichen."

ff: „Worin bestehen die besonderen Bedingungen einer Plattenaufnahme?"

Solti: „Zunächst gibt uns die Schallplatte die ungeheure Möglichkeit einer Konzentration auf den rein musikalischen Ausdruck, den man im Operntheater nicht mehr erreichen kann. Ich habe in beiden Bereichen viele Erfahrungen und darf deshalb wohl sagen, dass das eine das andere nie wird ersetzen können. Aber es ist ganz klar, dass die Platte ihre eigenen musikalischen Wege hat — und ich versuche bewusst, sie zu respektieren. Wege, die nicht immer mehr mit dem Theater oder dem Konzert übereinstimmen."

ff: „Sprechen Sie Ihre künstlerische Arbeit mit John Culshaw an, die mit akustischen Mitteln optische Suggestion zu gewinnen versuchte? Haben Sie dabei eigentlich nicht hin und wieder Sorge gehabt, dass die Partitur missachtet werden könnte?"

Solti: „Nein, durchaus nicht. Was ich bei den Schallplatten-Aufnahmen versucht habe und ununterbrochen versuche, ist, dem seltsamen Phänomen zu entsprechen, dass das Band eigene Gesetze hinsichtlich Tempo, Dynamik und Rhythmik hat. Das alles klingt vom Band anders als live. Es hat damit zu tun, dass man sich selbst ununterbrochen kontrolliert. Und gewisse Dinge, von denen man beim Dirigieren glaubt, sie seien großartig gelungen, wirken überhaupt nicht, wenn man dann das Band abhört — und umgekehrt. So haben die Opernaufnahmen eigene aufnahmetechnische Gesetze im Ausdruck und in der Farbe. Man muss freilich genau wissen, was man will."

ff: „Sind diese technischen Bedingungen nicht einem starken Wandel unterworfen, wird man nicht morgen neue Bedingungen allein von der Technik her schaffen, die dann auch die Aufnahme, vielleicht sogar die Interpretation selbst beeinflussen?"

Solti: „Die Schallplatte ist heute technisch so gut, dass sie nicht viel weiterkommen wird. Ich glaube nicht, dass es noch wesentliche Verbesserungen geben kann. Wir werden immer bessere Klangresultate bieten, noch sauberere Trennungen zwischen Solostimmen und Orchester, wenn beide gleichzeitig klingen, aber alles dies geschieht im Prinzip schon. Der nächste große Schritt wird die ,sichtbare Schallplatte‘ sein — heute noch nicht, aber morgen. Da sind unzählige Möglichkeiten enthalten. Noch fehlen die Voraussetzungen: Wir haben einen viel zu kleinen Bildkasten und eine furchtbare Klangqualität beim heutigen Fernseh-Apparat sowie ein unzureichendes technisches Verfahren überhaupt."

ff: „Bleiben wir also noch bei der Schallplatte, wenn sie auch nur — wie etwa in Culshaws Aufnahmen — Bildvorstellungen auf Umwegen suggerieren kann. Ist hierbei aber nicht auch eine Gefahr, dass außermusikalische Effekte die Partiturwiedergabe beeinträchtigen könnten?"

Solti: „Nun, ich habe bei Plattenaufnahmen keinerlei ,Effekte‘ gemacht. Alles, was ich versuchte klarzustellen, sind Dinge, die in der Partitur stehen. Aber wir kommen da auf einen ganz entscheidenden Unterschied zwischen dem Theater und der Platte: Alle Opern-Partituren, seien sie von Wagner, seien sie von Strauss, seien sie sogar von Verdi, von Puccini jedenfalls, der etwas zu dick instrumentierte, alle verlangen Retuschen. Wenn Sie das als Dirigent nicht tun, wird man die Sänger überhaupt nicht hören. Das ist selbstverständlich. Und dazu ist der Theaterdirigent ja da, dass er versucht, mit gutem Geschmack und seiner eigenen Erfahrung die Balance herzustellen. Bei der Schallplatte ist das nicht mehr notwendig. Man kann Orchester und Sänger gleichzeitig hervortreten lassen."

ff: „Aber haben nicht gerade Ihre Schallplatten darin einen gewissen Nachteil, dass man das Orchester zu sehr im Vordergrund hört — oder urteilen wir da aus der Konvention, die das Operntheater uns bietet?"

Solti: „Bitte, ich habe, als ich erstmals Opern aufgenommen habe, viel gesündigt, weil mir die alte Technik noch in den Ohren war, die nur die Stimmen hören ließ, während das Orchester weit aus dem Hintergrund klang. Es war fast nicht zu hören. Das fand ich abscheulich. Da habe ich das Gegenteil versucht. Und eben gesündigt, indem ich das Orchester zu sehr in den Vordergrund ließ — zumal dort, wo ich mit den Wiener Philharmonikern arbeitete, die sich so gern in ihrer Klangstärke zeigen. Mit Culshaw zusammen habe ich seitdem viel dazugelernt – das Missverhältnis gibt es jetzt nicht mehr. Das sind aber alles keine ,Tricks‘, sondern Erfahrungen, die man bei Aufnahmen macht."

ff: „Was ist nun aber bei der Aufnahme eines Konzertwerks anders als im Konzertsaal?"

Solti: „Auf dem Konzertpodium kann es sein, dass eine starke Dirigenten-Persönlichkeit Details, die nicht ausgefeilt sind, überdeckt, dem Publikum durch seine Ausstrahlungskraft zum Verständnis einer Komposition im Sinne eines Brückenschlags verhilft. Das ist bei einer Aufnahme anders. Da gibt es zwei ausschlaggebende Voraussetzungen: Einmal muss man die Form vor sich sehen, die verwirklicht werden soll. Aus diesem Grund dürfte man keine kurzen Aufnahmen mehr zulassen. Ich mache sie nicht mehr. Ich verlange durchgehende Aufnahmen von ganzen Sätzen oder wenigstens zehn- bis fünfzehnminütigen Abschnitten. Sonst kann man sich nicht auf die Form konzentrieren. Zum anderen ist bei der Band-Aufnahme das Detail wichtiger als im Konzert: weil im Konzert alles zu schnell vorbeigeht und nicht alle Details wesentlich sind — oft hören Sie auf dem Podium andere Details als das Publikum. Aber bei der Aufnahme können Sie mehrmals hören und empfinden deshalb ein schlechtes Zusammenspiel oder eine ungenaue Intonation als störend. Nun ist immer die Gefahr vorhanden, dass diese Beschäftigung mit dem Detail einen den großen Bogen verlieren lässt. Wenn ich die — schmerzliche – Wahl zwischen beiden habe, gebe ich dem großen Bogen auf Kosten des Details den Vorrang. Aber ideal wäre es, beide Komponenten zu realisieren. Man kann es. Man muss sich dazu leidend und kämpfend hinarbeiten. Es geht."

ff: „In London heißt es, Sie hätten mit dem Opernorchester einen Solti-Klang erzielt. Ist das nun auch für den Konzertbereich beabsichtigt oder bei der Schallplatte vorhanden?"

Solti: „Ich habe eine bestimmte Vorstellung, wie es klingen soll — ganz gleich, um welche Musik es sich handelt. Und diese Vorstellung möchte ich überall verwirklichen. Aber wenn ich als Gast eines Konzerts oder bei einer Aufnahme nur wenige Proben für den aktuellen Anlass habe, kann ich diesen Klang, den ich mir denke, nicht erzielen. Einen eigenen Klangkörper, ein Orchester, das man ständig leitet, kann man dagegen auf diese Klang-Vorstellung einarbeiten."

ff: „Und das Sinfonieorchester von Chikago wäre für Sie das geeignete Orchester hierfür?"

Solti: „Wenn ich dorthin gehe, was noch nicht ganz sicher, aber sehr wahrscheinlich ist, dann habe ich dort drei Monate pro Jahr zu tun, also dreißig bis vierzig Konzerte zu dirigieren. Das genügt, um den Klang nach meinen Vorstellungen zu prägen. Man kann so etwas mit jedem guten Orchester erzielen. Ich bin dagegen, zu sagen, es gäbe einen englischen, deutschen oder amerikanischen Orchesterklang. Gute Musiker können alles lernen und spielen, was der Dirigent wünscht."

Solti-Platten haben Bestseller-Wert und setzen oft genug Maßstäbe. Der Chef der Covent-Garden-Oper in London hat sich schon früh für die Schallplatte interessiert und ihre besonderen Bedingungen studiert. Von den Wandlungen, die dieses Studium inzwischen verursachte, sprach Solti mit unserem Mitarbeiter Wolf-Eberhard von Lewinski.

Die Unterhaltung hatte sich an der Tatsache des Abschieds Soltis von London entzündet, der für 1971 vorgesehen ist. Solti will die Leitung eines Opernhauses aufgeben, um sich — erstmals — einem eigenen Sinfonie-Orchester zu widmen. Der Schwerpunkt seiner zukünftigen Arbeit soll sich auf das sinfonische Gebiet verlagern. Als Grund nennt der 56jährige Dirigent nicht nur die Neigung, einen eigenen Klang eines Orchesters, wie er ihn sich vorstellt, zu realisieren, sondern auch die Schwierigkeiten, die heute die Leitung eines Opernhauses mit sich bringen: „Es mangelt an allem. Es gibt keine Dirigenten, keine Regisseure, keine Sänger in ausreichender Qualität und Zahl. Mehrere Stunden des Tages muss ich mit organisatorischen Fragen verbringen."

ff: „Ist Ihre Arbeit für die Schallplatte dann eine Art Ersatz für das, was Ihnen die Praxis an künstlerischer Entfaltung vielleicht vorenthält?"

Solti: „Nein, niemals. Wenn ich die Wahl zwischen Studio und Konzert oder Oper hätte, würde ich sofort für das lebendige Musikleben stimmen. Die Schallplatte spielt eine Sonderrolle, gewiss eine sehr wichtige — auch für mich selbst: Das Aufnehmen der Interpretation auf Band hat mich außerordentlich viel gelehrt. Ich habe mehr von meinen Fehlern als von meinen Tugenden gelernt. Viel mehr. Ich bin zu einem dramatischen Musizieren geboren, das ist meine natürliche Art, gegen die ich aber manchmal ankämpfen muss, um eine wirkliche Synthese zu erreichen."

ff: „Worin bestehen die besonderen Bedingungen einer Plattenaufnahme?"

Solti: „Zunächst gibt uns die Schallplatte die ungeheure Möglichkeit einer Konzentration auf den rein musikalischen Ausdruck, den man im Operntheater nicht mehr erreichen kann. Ich habe in beiden Bereichen viele Erfahrungen und darf deshalb wohl sagen, dass das eine das andere nie wird ersetzen können. Aber es ist ganz klar, dass die Platte ihre eigenen musikalischen Wege hat — und ich versuche bewusst, sie zu respektieren. Wege, die nicht immer mehr mit dem Theater oder dem Konzert übereinstimmen."

ff: „Sprechen Sie Ihre künstlerische Arbeit mit John Culshaw an, die mit akustischen Mitteln optische Suggestion zu gewinnen versuchte? Haben Sie dabei eigentlich nicht hin und wieder Sorge gehabt, dass die Partitur missachtet werden könnte?"

Solti: „Nein, durchaus nicht. Was ich bei den Schallplatten-Aufnahmen versucht habe und ununterbrochen versuche, ist, dem seltsamen Phänomen zu entsprechen, dass das Band eigene Gesetze hinsichtlich Tempo, Dynamik und Rhythmik hat. Das alles klingt vom Band anders als live. Es hat damit zu tun, dass man sich selbst ununterbrochen kontrolliert. Und gewisse Dinge, von denen man beim Dirigieren glaubt, sie seien großartig gelungen, wirken überhaupt nicht, wenn man dann das Band abhört — und umgekehrt. So haben die Opernaufnahmen eigene aufnahmetechnische Gesetze im Ausdruck und in der Farbe. Man muss freilich genau wissen, was man will."

ff: „Sind diese technischen Bedingungen nicht einem starken Wandel unterworfen, wird man nicht morgen neue Bedingungen allein von der Technik her schaffen, die dann auch die Aufnahme, vielleicht sogar die Interpretation selbst beeinflussen?"

Solti: „Die Schallplatte ist heute technisch so gut, dass sie nicht viel weiterkommen wird. Ich glaube nicht, dass es noch wesentliche Verbesserungen geben kann. Wir werden immer bessere Klangresultate bieten, noch sauberere Trennungen zwischen Solostimmen und Orchester, wenn beide gleichzeitig klingen, aber alles dies geschieht im Prinzip schon. Der nächste große Schritt wird die ,sichtbare Schallplatte‘ sein — heute noch nicht, aber morgen. Da sind unzählige Möglichkeiten enthalten. Noch fehlen die Voraussetzungen: Wir haben einen viel zu kleinen Bildkasten und eine furchtbare Klangqualität beim heutigen Fernseh-Apparat sowie ein unzureichendes technisches Verfahren überhaupt."

ff: „Bleiben wir also noch bei der Schallplatte, wenn sie auch nur — wie etwa in Culshaws Aufnahmen — Bildvorstellungen auf Umwegen suggerieren kann. Ist hierbei aber nicht auch eine Gefahr, dass außermusikalische Effekte die Partiturwiedergabe beeinträchtigen könnten?"

Solti: „Nun, ich habe bei Plattenaufnahmen keinerlei ,Effekte‘ gemacht. Alles, was ich versuchte klarzustellen, sind Dinge, die in der Partitur stehen. Aber wir kommen da auf einen ganz entscheidenden Unterschied zwischen dem Theater und der Platte: Alle Opern-Partituren, seien sie von Wagner, seien sie von Strauss, seien sie sogar von Verdi, von Puccini jedenfalls, der etwas zu dick instrumentierte, alle verlangen Retuschen. Wenn Sie das als Dirigent nicht tun, wird man die Sänger überhaupt nicht hören. Das ist selbstverständlich. Und dazu ist der Theaterdirigent ja da, dass er versucht, mit gutem Geschmack und seiner eigenen Erfahrung die Balance herzustellen. Bei der Schallplatte ist das nicht mehr notwendig. Man kann Orchester und Sänger gleichzeitig hervortreten lassen."

ff: „Aber haben nicht gerade Ihre Schallplatten darin einen gewissen Nachteil, dass man das Orchester zu sehr im Vordergrund hört — oder urteilen wir da aus der Konvention, die das Operntheater uns bietet?"

Solti: „Bitte, ich habe, als ich erstmals Opern aufgenommen habe, viel gesündigt, weil mir die alte Technik noch in den Ohren war, die nur die Stimmen hören ließ, während das Orchester weit aus dem Hintergrund klang. Es war fast nicht zu hören. Das fand ich abscheulich. Da habe ich das Gegenteil versucht. Und eben gesündigt, indem ich das Orchester zu sehr in den Vordergrund ließ — zumal dort, wo ich mit den Wiener Philharmonikern arbeitete, die sich so gern in ihrer Klangstärke zeigen. Mit Culshaw zusammen habe ich seitdem viel dazugelernt – das Missverhältnis gibt es jetzt nicht mehr. Das sind aber alles keine ,Tricks‘, sondern Erfahrungen, die man bei Aufnahmen macht."

ff: „Was ist nun aber bei der Aufnahme eines Konzertwerks anders als im Konzertsaal?"

Solti: „Auf dem Konzertpodium kann es sein, dass eine starke Dirigenten-Persönlichkeit Details, die nicht ausgefeilt sind, überdeckt, dem Publikum durch seine Ausstrahlungskraft zum Verständnis einer Komposition im Sinne eines Brückenschlags verhilft. Das ist bei einer Aufnahme anders. Da gibt es zwei ausschlaggebende Voraussetzungen: Einmal muss man die Form vor sich sehen, die verwirklicht werden soll. Aus diesem Grund dürfte man keine kurzen Aufnahmen mehr zulassen. Ich mache sie nicht mehr. Ich verlange durchgehende Aufnahmen von ganzen Sätzen oder wenigstens zehn- bis fünfzehnminütigen Abschnitten. Sonst kann man sich nicht auf die Form konzentrieren. Zum anderen ist bei der Band-Aufnahme das Detail wichtiger als im Konzert: weil im Konzert alles zu schnell vorbeigeht und nicht alle Details wesentlich sind — oft hören Sie auf dem Podium andere Details als das Publikum. Aber bei der Aufnahme können Sie mehrmals hören und empfinden deshalb ein schlechtes Zusammenspiel oder eine ungenaue Intonation als störend. Nun ist immer die Gefahr vorhanden, dass diese Beschäftigung mit dem Detail einen den großen Bogen verlieren lässt. Wenn ich die — schmerzliche – Wahl zwischen beiden habe, gebe ich dem großen Bogen auf Kosten des Details den Vorrang. Aber ideal wäre es, beide Komponenten zu realisieren. Man kann es. Man muss sich dazu leidend und kämpfend hinarbeiten. Es geht."

ff: „In London heißt es, Sie hätten mit dem Opernorchester einen Solti-Klang erzielt. Ist das nun auch für den Konzertbereich beabsichtigt oder bei der Schallplatte vorhanden?"

Solti: „Ich habe eine bestimmte Vorstellung, wie es klingen soll — ganz gleich, um welche Musik es sich handelt. Und diese Vorstellung möchte ich überall verwirklichen. Aber wenn ich als Gast eines Konzerts oder bei einer Aufnahme nur wenige Proben für den aktuellen Anlass habe, kann ich diesen Klang, den ich mir denke, nicht erzielen. Einen eigenen Klangkörper, ein Orchester, das man ständig leitet, kann man dagegen auf diese Klang-Vorstellung einarbeiten."

ff: „Und das Sinfonieorchester von Chikago wäre für Sie das geeignete Orchester hierfür?"

Solti: „Wenn ich dorthin gehe, was noch nicht ganz sicher, aber sehr wahrscheinlich ist, dann habe ich dort drei Monate pro Jahr zu tun, also dreißig bis vierzig Konzerte zu dirigieren. Das genügt, um den Klang nach meinen Vorstellungen zu prägen. Man kann so etwas mit jedem guten Orchester erzielen. Ich bin dagegen, zu sagen, es gäbe einen englischen, deutschen oder amerikanischen Orchesterklang. Gute Musiker können alles lernen und spielen, was der Dirigent wünscht."