Sängerin zwischen den Zeiten
Ein fono forum-Porträt der Altistin Ernestine Schuman-Heink von Alex Natan

Sie sang im alten Bayreuth Cosima Wagners und war Richard Strauss' erste Klytemnästra. Aber sie gehörte auch schon zu den „Weltstars" im Stil des 20. Jahrhunderts, denen Schallplatte und Rundfunk zur Selbstverständlichkeit wurden. Sie war eine Sängerin zwischen den Zeiten.
Primadonnen, die als Altistinnen weltberühmt wurden, sind selten in der Operngeschichte. Eine von ihnen war Ernestine Schumann-Heink. Von ihrer Stimme ist stets mit auffälliger Übereinstimmung ausgesagt worden, dass sie „wie Orgelmusik" geklungen habe. Die Altistin war eine unverbildete Lebenskünstlerin, die ihr Primadonnentum mit Humor genoss. Aus ihren drei Ehen besaß sie eine stattliche Schar von Kindern, so dass sie behaupten durfte, ihr sei „mit jedem neuen Kind ein neuer Ton in die Skala" ihrer Stimme gewachsen — einer Stimme, die übrigens zweieinhalb Oktaven umfasste. Wer verblichene Fotos der Schumann-Heink durchblättert, wird sehr bald feststellen, dass die Sängerin genau den Vorstellungen entsprach, die wir uns heute von einer Wagner-Sängerin des 19. Jahrhunderts machen. Sie besaß eine imposante Figur mit einem umfangreichen Brustkasten, der es ihr gestattete, vom kleinen D bis zum zweigestrichenen H zu singen. Mit ihren Meininger Gesten und ihren leuchtenden Augen vermochte sie selbst die größte Bühne zu- beherrschen. Die Altistin war eine besondere Favoritin von Cosima Wagner, die in ihrer prallen Fülle die ideale Gestalt einer Walküre sah, eines Oberweibs. Als Erda war ihre Wirkung durch die feierliche, mystische Schönheit ihres Auftretens und durch die Tiefe, Stärke und Macht ihrer Stimme so hinreißend, dass alte Kritiken immer wieder bedauerten, warum Richard Wagner aus der Erda keine größere Rolle geschaffen habe.
Ernestine Schumann-Heink war die Tochter eines österreichischen Kavallerieoffiziers und erblickte das Licht der Welt am 15. Juni 1861 in einer Vorstadt Prags. Die Mutter, eine Jüdin, war in Italien aufgewachsen und sang einen vielgelobten Mezzosopran. Die künftige Altistin wuchs in Garnisonstädten der ehemaligen Donaumonarchie auf und erhielt eine sorgfältige Erziehung, die auch eine Schulung ihrer Stimme umfasste — sehr gegen den Willen des Herrn Papa. Im Hause der Mutter des Komponisten Wilhelm Kienzl in Graz, wo keine geringeren Stars als Amalie Materna und Leonard Labatt zu Besuch kamen, ließ sie privat ihre Stimme hören; mit 15 Jahren trat sie zum ersten Mal öffentlich bei einem Konzert des Akademischen Gesangvereins in Beethovens neunter Sinfonie auf. Dann folgten Gesangsstunden in Dresden und der erste Kontrakt an die dortige Oper, wo die Altistin, die damals noch ihren Mädchennamen Ernestine Rössler trug, am 15. Oktober 1878 als Azucena debütierte. Sie fiel sofort auf, weil sie in ihrer Erzählung gegen alle Konvention schrill und hysterisch auflachte, als sie berichtete, wie das Kind in die Flammen geworfen wurde. Sie blieb vier Jahre in Dresden, wo sie nur kleinere Rollen sang, während Kapellmeister Franz Wüllner ihre Stimme weiter schulte. 1882 heiratete Ernestine trotz einer Verbotsklausel in ihrem Vertrag den Opernsekretär Ernst Heink, der gleichfalls nicht ohne amtliche Genehmigung die Ehe eingehen durfte. Die jungen Leute flogen sofort heraus und hatten es schwer, ein neues Engagement zu finden. Erst im Herbst 1883 engagierte der Hamburger Direktor Bernhard Pollini die Altistin und verschaffte ihrem Gatten, mittlerweile stolzer Papa, einen Posten beim Zollamt.
Frau Schumann-Heink sollte vierzehn Jahre lang an der Hamburger Oper bleiben und legte in dieser Zeit die Grundlage zu ihrer weltweiten Laufbahn. Die ersten Jahre waren schwer. Wieder fielen ihr nur kleinere Partien zu. Jahr nach Jahr gebar sie ein Kind, so dass oft Not im Hause herrschte. Hans von Bülow, der seine Brahms-Feste in Hamburg vorbereitete, kam immer wieder zu Hilfe. Endlich, 1889, kam der große Durchbruch; Marie Goetze, die führende Mezzosopranistin Hamburgs, die ich später noch als Hexe in „Hansel und Gretel" hören durfte, erlitt vor einer Neueinstudierung der „Carmen" einen Nervenzusammenbruch. Frau Schumann-Heink sprang ohne Proben ein — sie trug ein Kostüm, das am Nachmittag vor dem Auftritt in aller Eile zusammengeschneidert werden musste. Danach wiederholte Frau Goetze die gleiche hysterische Herausforderung im „Propheten" und als Ortrud. Jedes Mal sprang die junge Altistin erfolgreich ein und kam dadurch in den Ruf einer Opernsensation. Berlin, Paris und Skandinavien luden sie ein. Vier Jahre später gastierte Hamburg in Covent Garden, wo Schumann-Heinks Erda besonderes Lob aus der sehr kritischen Feder Bernard Shaws empfing. Im folgenden Jahr heiratete sie Paul Schumann, den Regisseur des Thalia-Theaters, der bereits zwei Ehen hinter sich hatte.

Wer in den Memoiren Bruno Walters oder der Anna von Mildenburg nachblättert, kann dort interessante Betrachtungen über die erstaunliche Stimme der inzwischen berühmt gewordenen Sängerin lesen, die nebenher Mutter von sechs Kindern geworden war. Nur mit dem neuen Kapellmeister Gustav Mahler vertrug sie sich nicht, obwohl sie sich bemühte, in allen Fragen künstlerischer Beurteilung neutralen Respekt zu wahren. Es glückte ihr nie. Die ständigen Gefechte haben Operngeschichte gemacht.
Im Jahre 1896 wurde die Altistin nach Bayreuth kommandiert, wo Cosima Wagner absolut regierte. Zwischen den beiden Frauen begann eine klippenreiche Freundschaft auf gegenseitiger Bewunderungsgrundlage. Im Jahre 1897 starb Direktor Pollini, und Frau Schumann-Heinks Kontrakt erlosch. Wien und Berlin bemühten sich um die Sängerin, die sich aber von ihren Freundinnen Marcella Sembrich und Lillian Nordica überreden ließ, einen Vertrag mit der Met in New York zu unterzeichnen. Paul Schumann wurde zum stellvertretenden Spielleiter ernannt. Als Maurice Grau in Southampton den gleichen Dampfer bestieg, den das deutsche Ehepaar benutzte, brach der Manager der New Yorker Oper zusammen: Seine berühmte Neuerwerbung war wieder einmal schwanger. Das siebente und letzte Kind kündigte sich an, der Junge George Washington Schumann. Ab 1899 verbrachte Frau Schumann- Heink die Wintersaison in New York und einige Sommermonate an europäischen Opernhäusern, während der Familienwohnsitz in der Villa Tini in Dresden aufgeschlagen wurde.
Nachdem ihr Mann gestorben war, ließ sich die Sängerin in Amerika naturalisieren, heiratete dann aber doch wieder ihren deutschen Manager Rapp, von dem sie sich 1914 scheiden ließ. Die deutsche Regierung war indessen nicht mit dem Erwerb der amerikanischen Staatsbürgerschaft der großen Sängerin einverstanden. Sie ließ ihr Geld und ihre Villa beschlagnahmen und erlaubte ihr nicht einmal, die Vormundschaft über ihre Kinder zu übernehmen. Heimlich mussten der Nachwuchs und ihr Hab und Gut unter falschem Namen auf einem Schiff aus Deutschland herausgeschmuggelt werden.
In den Staaten begann sie eine lebhafte Aktivität zu entfalten und gab zum Beispiel allein in der Saison 1903/04 nicht weniger als 101 Konzerte und Liederabende, für die sie 42 000 Meilen reisen musste. Diese Tourneen waren pekuniär notwendig geworden, da die temperamentvolle Altistin inzwischen aus der Met mit Krach ausgeschieden war und nur noch als „free lance" auftrat. Mit Deutschland erfolgte 1909 die Versöhnung, als sie auf Wunsch Richard Strauss' die erste Klytemnästra sang. Sie brillierte in Bayreuth, sie sang für Oscar Hammerstein, sie gastierte in Boston und Chicago. Als jedoch 1911 der 50. Geburtstag herangekommen war, hatte sich die Sängerin darauf spezialisiert, Liederabende zu geben und in den Trichter zu singen. Als Liedersängerin wurde sie das Idol der Amerikaner. Es gab keine amerikanische Stadt, in der sie nicht aufgetreten ist; ihre Stimme blieb bis ins hohe Alter hinein den schwersten Anforderungen gewachsen.
Im Jahre 1914 brach auch ihre Welt zusammen. Ihr Bruder befehligte ein österreichisches Kriegsschiff, ihr ältester Sohn eilte heim zu den Fahnen und fiel. Der zweite Sohn starb an Typhus. Zudem hatte die Boulevardpresse einen Brief der Sängerin erwischt, in dem sie Sympathien für die alte Heimat ausdrückte. Sie wurde als Spionin gebrandmarkt. Als Amerika in den Krieg trat, scheute sich Frau Schumann- Heink trotzdem nicht, ihre Pflicht als Amerikanerin zu tun. Sie sang nur noch für Truppen und Verwundete, verzichtete auf jedes Honorar und ersang sich den Ehrentitel einer „Mother Schumann-Heink". Sie weigerte sich standhaft, ihren Namen amerikanisieren zu lassen. Nach Kriegsende, im Alter von 60 Jahren, unternahm die Altistin eine Konzertreise durch den Fernen Osten, die ihr neue Triumphe einbrachte. Das goldene Berufsjubiläum 1926 wurde ihr durch die Versöhnung mit der Met verschönt, die ihr einen Ehrenabend bereitete, dem eine Dinner-Party für über 1000 Personen folgte. Dann trat die „alte" Dame noch zweimal als Erda auf, um mit 65 Jahren eine ihrer vielen Abschiedstourneen zu beginnen. Im gleichen Jahr ließ sie ihre tiefe Stimme auch zum ersten Mal im Radio erklingen. 1929 verlor die Sängerin ihr ganzes Vermögen im Börsenkrach der Wall Street. Damals waren 28 Freunde und Verwandte von den Einkünften der 68jährigen Primadonna abhängig. Sie musste neu beginnen. Mit 70 Jahren reiste sie mit einer Vaudeville-Truppe in einem Omnibus durch ganz Nordamerika. Sie trat auch in Filmen und Operetten auf und ließ sich im Radio hören. Auf ihrer letzten Konzertreise im Winter 1932/33 vermochte sie nur noch in Kinos, zwischen den Filmen, „Danny Boy" und „Stille Nacht, heilige Nacht" zu singen. Noch einmal, am 11. März 1932, ließ sie sich in der Met als Erda in Wagners „Siegfried" vernehmen. Ihr zur Seite standen Göta Ljundberg, Lauritz Melchior und Michael Bohnen auf der Bühne. Nach einer Kritik der „New York Times" soll Ernestine Schumann-Heink damals ebenso schön wie 33 Jahre zuvor gesungen haben. Mit 74 Jahren unterzeichnete die Künstlerin einen neuen Kontrakt mit Hollywood und beging ihren 75. Geburtstag bereits in Kalifornien. Dann traten die ersten Anzeichen einer Leukämie auf. Am 17. November 1936 kam es zu einer Blutung von Kehle und Stimmbändern, der das Herz keinen Widerstand mehr entgegenzusetzen vermochte. Sie liegt in San Diego beerdigt.
Ernestine Schumann-Heink, die eine einzigartige Laufbahn hinter sich hatte, besaß keine Feinde. Auf der Kreditseite der großen Altistin sollen über 150 Rollen gestanden haben. Doch haben Opernhistoriker nachweislich „nur" 89 feststellen können, beginnend mit der Azucena und endend mit der Klytemnästra. Die Diskografie der Sängerin soll über 500 verschiedene Einspielungen umfassen, dazu kommen noch Hunderte von Funkaufnahmen, über die es jedoch keine verlässlichen Auskünfte gibt.
Wir haben genügend Langspielplatten, um uns eine Vorstellung von der einzigartigen Stimme Ernestine Schumann-Heinks machen zu können, die alle mir bekannten Altstimmen an Klang und Ausmaßen übertraf. Der Leser kann sich davon anhand der folgenden Einspielungen überzeugen, die auch heute noch über Spezialhändler erhältlich sind.
Sie sang im alten Bayreuth Cosima Wagners und war Richard Strauss' erste Klytemnästra. Aber sie gehörte auch schon zu den „Weltstars" im Stil des 20. Jahrhunderts, denen Schallplatte und Rundfunk zur Selbstverständlichkeit wurden. Sie war eine Sängerin zwischen den Zeiten.
Primadonnen, die als Altistinnen weltberühmt wurden, sind selten in der Operngeschichte. Eine von ihnen war Ernestine Schumann-Heink. Von ihrer Stimme ist stets mit auffälliger Übereinstimmung ausgesagt worden, dass sie „wie Orgelmusik" geklungen habe. Die Altistin war eine unverbildete Lebenskünstlerin, die ihr Primadonnentum mit Humor genoss. Aus ihren drei Ehen besaß sie eine stattliche Schar von Kindern, so dass sie behaupten durfte, ihr sei „mit jedem neuen Kind ein neuer Ton in die Skala" ihrer Stimme gewachsen — einer Stimme, die übrigens zweieinhalb Oktaven umfasste. Wer verblichene Fotos der Schumann-Heink durchblättert, wird sehr bald feststellen, dass die Sängerin genau den Vorstellungen entsprach, die wir uns heute von einer Wagner-Sängerin des 19. Jahrhunderts machen. Sie besaß eine imposante Figur mit einem umfangreichen Brustkasten, der es ihr gestattete, vom kleinen D bis zum zweigestrichenen H zu singen. Mit ihren Meininger Gesten und ihren leuchtenden Augen vermochte sie selbst die größte Bühne zu- beherrschen. Die Altistin war eine besondere Favoritin von Cosima Wagner, die in ihrer prallen Fülle die ideale Gestalt einer Walküre sah, eines Oberweibs. Als Erda war ihre Wirkung durch die feierliche, mystische Schönheit ihres Auftretens und durch die Tiefe, Stärke und Macht ihrer Stimme so hinreißend, dass alte Kritiken immer wieder bedauerten, warum Richard Wagner aus der Erda keine größere Rolle geschaffen habe.
Ernestine Schumann-Heink war die Tochter eines österreichischen Kavallerieoffiziers und erblickte das Licht der Welt am 15. Juni 1861 in einer Vorstadt Prags. Die Mutter, eine Jüdin, war in Italien aufgewachsen und sang einen vielgelobten Mezzosopran. Die künftige Altistin wuchs in Garnisonstädten der ehemaligen Donaumonarchie auf und erhielt eine sorgfältige Erziehung, die auch eine Schulung ihrer Stimme umfasste — sehr gegen den Willen des Herrn Papa. Im Hause der Mutter des Komponisten Wilhelm Kienzl in Graz, wo keine geringeren Stars als Amalie Materna und Leonard Labatt zu Besuch kamen, ließ sie privat ihre Stimme hören; mit 15 Jahren trat sie zum ersten Mal öffentlich bei einem Konzert des Akademischen Gesangvereins in Beethovens neunter Sinfonie auf. Dann folgten Gesangsstunden in Dresden und der erste Kontrakt an die dortige Oper, wo die Altistin, die damals noch ihren Mädchennamen Ernestine Rössler trug, am 15. Oktober 1878 als Azucena debütierte. Sie fiel sofort auf, weil sie in ihrer Erzählung gegen alle Konvention schrill und hysterisch auflachte, als sie berichtete, wie das Kind in die Flammen geworfen wurde. Sie blieb vier Jahre in Dresden, wo sie nur kleinere Rollen sang, während Kapellmeister Franz Wüllner ihre Stimme weiter schulte. 1882 heiratete Ernestine trotz einer Verbotsklausel in ihrem Vertrag den Opernsekretär Ernst Heink, der gleichfalls nicht ohne amtliche Genehmigung die Ehe eingehen durfte. Die jungen Leute flogen sofort heraus und hatten es schwer, ein neues Engagement zu finden. Erst im Herbst 1883 engagierte der Hamburger Direktor Bernhard Pollini die Altistin und verschaffte ihrem Gatten, mittlerweile stolzer Papa, einen Posten beim Zollamt.
Frau Schumann-Heink sollte vierzehn Jahre lang an der Hamburger Oper bleiben und legte in dieser Zeit die Grundlage zu ihrer weltweiten Laufbahn. Die ersten Jahre waren schwer. Wieder fielen ihr nur kleinere Partien zu. Jahr nach Jahr gebar sie ein Kind, so dass oft Not im Hause herrschte. Hans von Bülow, der seine Brahms-Feste in Hamburg vorbereitete, kam immer wieder zu Hilfe. Endlich, 1889, kam der große Durchbruch; Marie Goetze, die führende Mezzosopranistin Hamburgs, die ich später noch als Hexe in „Hansel und Gretel" hören durfte, erlitt vor einer Neueinstudierung der „Carmen" einen Nervenzusammenbruch. Frau Schumann-Heink sprang ohne Proben ein — sie trug ein Kostüm, das am Nachmittag vor dem Auftritt in aller Eile zusammengeschneidert werden musste. Danach wiederholte Frau Goetze die gleiche hysterische Herausforderung im „Propheten" und als Ortrud. Jedes Mal sprang die junge Altistin erfolgreich ein und kam dadurch in den Ruf einer Opernsensation. Berlin, Paris und Skandinavien luden sie ein. Vier Jahre später gastierte Hamburg in Covent Garden, wo Schumann-Heinks Erda besonderes Lob aus der sehr kritischen Feder Bernard Shaws empfing. Im folgenden Jahr heiratete sie Paul Schumann, den Regisseur des Thalia-Theaters, der bereits zwei Ehen hinter sich hatte.

Wer in den Memoiren Bruno Walters oder der Anna von Mildenburg nachblättert, kann dort interessante Betrachtungen über die erstaunliche Stimme der inzwischen berühmt gewordenen Sängerin lesen, die nebenher Mutter von sechs Kindern geworden war. Nur mit dem neuen Kapellmeister Gustav Mahler vertrug sie sich nicht, obwohl sie sich bemühte, in allen Fragen künstlerischer Beurteilung neutralen Respekt zu wahren. Es glückte ihr nie. Die ständigen Gefechte haben Operngeschichte gemacht.
Im Jahre 1896 wurde die Altistin nach Bayreuth kommandiert, wo Cosima Wagner absolut regierte. Zwischen den beiden Frauen begann eine klippenreiche Freundschaft auf gegenseitiger Bewunderungsgrundlage. Im Jahre 1897 starb Direktor Pollini, und Frau Schumann-Heinks Kontrakt erlosch. Wien und Berlin bemühten sich um die Sängerin, die sich aber von ihren Freundinnen Marcella Sembrich und Lillian Nordica überreden ließ, einen Vertrag mit der Met in New York zu unterzeichnen. Paul Schumann wurde zum stellvertretenden Spielleiter ernannt. Als Maurice Grau in Southampton den gleichen Dampfer bestieg, den das deutsche Ehepaar benutzte, brach der Manager der New Yorker Oper zusammen: Seine berühmte Neuerwerbung war wieder einmal schwanger. Das siebente und letzte Kind kündigte sich an, der Junge George Washington Schumann. Ab 1899 verbrachte Frau Schumann- Heink die Wintersaison in New York und einige Sommermonate an europäischen Opernhäusern, während der Familienwohnsitz in der Villa Tini in Dresden aufgeschlagen wurde.
Nachdem ihr Mann gestorben war, ließ sich die Sängerin in Amerika naturalisieren, heiratete dann aber doch wieder ihren deutschen Manager Rapp, von dem sie sich 1914 scheiden ließ. Die deutsche Regierung war indessen nicht mit dem Erwerb der amerikanischen Staatsbürgerschaft der großen Sängerin einverstanden. Sie ließ ihr Geld und ihre Villa beschlagnahmen und erlaubte ihr nicht einmal, die Vormundschaft über ihre Kinder zu übernehmen. Heimlich mussten der Nachwuchs und ihr Hab und Gut unter falschem Namen auf einem Schiff aus Deutschland herausgeschmuggelt werden.
In den Staaten begann sie eine lebhafte Aktivität zu entfalten und gab zum Beispiel allein in der Saison 1903/04 nicht weniger als 101 Konzerte und Liederabende, für die sie 42 000 Meilen reisen musste. Diese Tourneen waren pekuniär notwendig geworden, da die temperamentvolle Altistin inzwischen aus der Met mit Krach ausgeschieden war und nur noch als „free lance" auftrat. Mit Deutschland erfolgte 1909 die Versöhnung, als sie auf Wunsch Richard Strauss' die erste Klytemnästra sang. Sie brillierte in Bayreuth, sie sang für Oscar Hammerstein, sie gastierte in Boston und Chicago. Als jedoch 1911 der 50. Geburtstag herangekommen war, hatte sich die Sängerin darauf spezialisiert, Liederabende zu geben und in den Trichter zu singen. Als Liedersängerin wurde sie das Idol der Amerikaner. Es gab keine amerikanische Stadt, in der sie nicht aufgetreten ist; ihre Stimme blieb bis ins hohe Alter hinein den schwersten Anforderungen gewachsen.
Im Jahre 1914 brach auch ihre Welt zusammen. Ihr Bruder befehligte ein österreichisches Kriegsschiff, ihr ältester Sohn eilte heim zu den Fahnen und fiel. Der zweite Sohn starb an Typhus. Zudem hatte die Boulevardpresse einen Brief der Sängerin erwischt, in dem sie Sympathien für die alte Heimat ausdrückte. Sie wurde als Spionin gebrandmarkt. Als Amerika in den Krieg trat, scheute sich Frau Schumann- Heink trotzdem nicht, ihre Pflicht als Amerikanerin zu tun. Sie sang nur noch für Truppen und Verwundete, verzichtete auf jedes Honorar und ersang sich den Ehrentitel einer „Mother Schumann-Heink". Sie weigerte sich standhaft, ihren Namen amerikanisieren zu lassen. Nach Kriegsende, im Alter von 60 Jahren, unternahm die Altistin eine Konzertreise durch den Fernen Osten, die ihr neue Triumphe einbrachte. Das goldene Berufsjubiläum 1926 wurde ihr durch die Versöhnung mit der Met verschönt, die ihr einen Ehrenabend bereitete, dem eine Dinner-Party für über 1000 Personen folgte. Dann trat die „alte" Dame noch zweimal als Erda auf, um mit 65 Jahren eine ihrer vielen Abschiedstourneen zu beginnen. Im gleichen Jahr ließ sie ihre tiefe Stimme auch zum ersten Mal im Radio erklingen. 1929 verlor die Sängerin ihr ganzes Vermögen im Börsenkrach der Wall Street. Damals waren 28 Freunde und Verwandte von den Einkünften der 68jährigen Primadonna abhängig. Sie musste neu beginnen. Mit 70 Jahren reiste sie mit einer Vaudeville-Truppe in einem Omnibus durch ganz Nordamerika. Sie trat auch in Filmen und Operetten auf und ließ sich im Radio hören. Auf ihrer letzten Konzertreise im Winter 1932/33 vermochte sie nur noch in Kinos, zwischen den Filmen, „Danny Boy" und „Stille Nacht, heilige Nacht" zu singen. Noch einmal, am 11. März 1932, ließ sie sich in der Met als Erda in Wagners „Siegfried" vernehmen. Ihr zur Seite standen Göta Ljundberg, Lauritz Melchior und Michael Bohnen auf der Bühne. Nach einer Kritik der „New York Times" soll Ernestine Schumann-Heink damals ebenso schön wie 33 Jahre zuvor gesungen haben. Mit 74 Jahren unterzeichnete die Künstlerin einen neuen Kontrakt mit Hollywood und beging ihren 75. Geburtstag bereits in Kalifornien. Dann traten die ersten Anzeichen einer Leukämie auf. Am 17. November 1936 kam es zu einer Blutung von Kehle und Stimmbändern, der das Herz keinen Widerstand mehr entgegenzusetzen vermochte. Sie liegt in San Diego beerdigt.
Ernestine Schumann-Heink, die eine einzigartige Laufbahn hinter sich hatte, besaß keine Feinde. Auf der Kreditseite der großen Altistin sollen über 150 Rollen gestanden haben. Doch haben Opernhistoriker nachweislich „nur" 89 feststellen können, beginnend mit der Azucena und endend mit der Klytemnästra. Die Diskografie der Sängerin soll über 500 verschiedene Einspielungen umfassen, dazu kommen noch Hunderte von Funkaufnahmen, über die es jedoch keine verlässlichen Auskünfte gibt.
Wir haben genügend Langspielplatten, um uns eine Vorstellung von der einzigartigen Stimme Ernestine Schumann-Heinks machen zu können, die alle mir bekannten Altstimmen an Klang und Ausmaßen übertraf. Der Leser kann sich davon anhand der folgenden Einspielungen überzeugen, die auch heute noch über Spezialhändler erhältlich sind.



