Plädoyer für Hans Pfitzner
gehalten aus aktuellem Anlass von Clemens Höslinger

27. Februar 1949: Am dreißigsten Jahrestag der Wiener „Palestrina"-Premiere bringt die Staatsoper (damals im Theater an der Wien) eine glanzvolle Neuinszenierung von Hans Pfitzners musikalischer Legende heraus. Josef Krips dirigiert, Julius Patzak singt die Titelpartie, Hans Hotter den Kardinal Borromeo, und die junge Sena Jurinac bietet in der Rolle des Ighino eine ihrer innigsten und ergreifendsten Leistungen. Als am Schluss der Aufführung, gestützt auf die Darsteller des Borromeo und Ighino, der greise Komponist vor dem Vorhang erscheint, da braust ein so enthusiastischer Jubel auf, dass der gebrechliche alte Herr sichtbar gerührt ist. Viele von den damals Anwesenden werden in dieser stürmischen Ovation eine Entschädigung für die lange Missachtung, Zurücksetzung und Verkennung Pfitzners gesehen haben. Und im stillen mochte man zu der Überzeugung gekommen sein, nun endlich sei der Bann gebrochen, das so lange unterschätzt gebliebene Werk dieses großen Musikers werde von dieser „hohen Stunde" an seinen Weg finden zu den Herzen aller wahren Musikfreunde.
Seither sind zwei Jahrzehnte vergangen. Vieles hat sich geändert, und die musikalische Menükarte, die dem Opern- und Konzertbesucher, dem Plattenkäufer angeboten wird, ist um manche Spezialität bereichert worden. An Hans Pfitzner ist man jedoch ziemlich achtlos vorübergegangen, und die damaligen Hoffnungen auf eine Rehabilitierung seines Schaffens haben sich als Trugbild erwiesen. Zwar wird es unausbleiblich sein, dass man sich im Jahre 1969 näher mit Pfitzner befasst: Immerhin bringt der Mai die 100. Wiederkehr seines Geburtstags und den 20. Todestag. Man wird also in manchen Opernhäusern Pfitzners bekannteste Oper, den „Palestrina", auf den Spielplan setzen, da und dort werden ein paar Lieder, einige Kammermusikwerke erklingen — aber dabei wird es vermutlich bleiben.
Im Windschatten der Mode
Wen trifft an dieser chronischen Unterschätzung die Schuld? Es wird Fachleute geben, die Pfitzner selber die Verantwortung für die mangelnde Resonanz seines Werks zuschreiben. Dazu muss gleich festgestellt werden, dass bei Urteilen dieser Art, auch dann, wenn sie von sogenannten Experten gefällt werden, höchste Vorsicht geboten ist. Urteilen lässt sich bekanntlich nur über Dinge, die man kennt. Da nun in Opernhäusern und Konzertsälen nur ein winziger Bruchteil des Werkes von Pfitzner zu hören ist, da die Schallplatte von ihm so gut wie überhaupt nicht Notiz nimmt, müsste man sich der Mühe unterziehen, aus eigenem Antrieb Klavierauszüge und Partituren durchzustudieren. Und wer hat sich schon in Werke wie den „Armen Heinrich" oder „Die Rose vom Liebesgarten" genügend vertieft, wer hat die Schriften und Dichtungen Pfitzners gründlich gelesen? Wohl nur die allerwenigsten. Aber es ist eben bequemer, sich an althergebrachte Formeln zu halten und Pfitzners Musik als unzugänglich, herb, spröde und asketisch abzutun. Dabei handelt es sich bei Prädikaten dieser Gattung um Schablonen in der Art der Worte vom „lieblichen" Mozart und vom „titanischen" Beethoven. Kein ernsthafter Musiker wird sich solcher Gemeinplätze bedienen. In Wahrheit sind alle diese kategorischen Bezeichnungen völlig unzutreffend. Tatsächlich lässt sich in das Werk Pfitzners nicht gut eindringen. Aber jeder, der in der Musik mehr sucht als mundgerechten Klingklang, jeder, der vor Hindernissen nicht zurückschreckt, wird erkennen, dass das Schlagwort von der „Unzugänglichkeit" der Pfitznerschen Musik nur oberflächlichen und kenntnislosen Urteilen entspringen konnte. In gewissem Sinne lassen sich Parallelen zwischen Pfitzner und Jean Paul auffinden: Wer in das Werk dieses eigentümlichen, vielfach als „unlesbar" bezeichneten Dichters vorgedrungen ist, dem erschließen sich ganz ungewöhnliche Schönheiten. Ähnlich bei Pfitzner: Der humanitäre Grundzug seines Schaffens, der „Liebesquell", der seine Musik durchpulst, muss jeden Hörer, ganz gleich welcher „Richtung" er sich verschrieben hat, zutiefst berühren. Wer mit dem ersten Akt des „Palestrina" nichts anzufangen weiß, für den dürften auch Bach, Beethoven, Brahms und Wagner ihre Werke umsonst geschrieben haben.
Der Schwierige
Es lässt sich freilich auch denken, dass das Wort vom „schwierigen" Pfitzner als ein Nachhall der heute noch recht lebendigen Erinnerung an den merkwürdigen Menschen Pfitzner zu werten ist. Die Kompliziertheit seines Charakters hat man — nicht zu Recht — auch mit seinem Werk in Verbindung gebracht. Der Mensch Pfitzner, eine der unglücklichsten Künstlergestalten der Musikgeschichte, war voller widersprüchlicher Eigenschaften. Jähzornig, nachträgerisch, zynisch und bald wieder von rührender Zärtlichkeit — so wird er uns von seinen Zeitgenossen geschildert, unter denen wohl Alma Mahler-Werfel in ihrem bekannten Erinnerungswerk den Gipfel an Drastik geboten hat. Zu den positiven Seiten seines Wesens gehörten seine grundtiefe Aufrichtigkeit und Ehrlichkeit, die sein ganzes musikalisches und literarisches Schaffen bestimmte, und sein ausgeprägter Hang zu Sorgfalt und Genauigkeit. Der erzieherische Wert seiner ästhetischen Abhandlungen ist außerordentlich. Wer sie gelesen hat, wird ermessen können, wie ungerecht es ist, bei Pfitzner von Pedanterie zu sprechen. Seine Genauigkeit entsprang einem starken Misstrauen gegenüber der Leichtfertigkeit und Unbekümmertheit jener Dirigenten und Regisseure, die sich über die Vorschriften von Dichtern und Komponisten hinwegsetzen. Und aus dieser väterlichen Fürsorge für sein Werk heraus muss man es verstehen, wenn Pfitzner in den Szenenanweisungen seines Palestrina jedes geringste Detail gleichsam dogmatisch verankert. So schreibt er etwa am Beginn des ersten Aktes dem Darsteller des Silla ganz genau die Sitzhaltung vor: Das rechte Bein liegt mit dem Knöchel auf dem linken Knie.
Pfitzners tatkräftiger Einsatz für die Opernwerke der deutschen Romantik, für Weber, Marschner. E. Th. A. Hoffmann ist in die Musikhistorie eingegangen. Seine Interpretationen von Beethoven- und Schumann- Sinfonien wurden auf Schallplatten festgehalten — leider sind sie dem heutigen Hörer nicht mehr zugänglich.
Von allen Argumenten, die gegen Pfitzner seit jeher vorgebracht worden sind, sind es zwei, die auch heute noch stärkste Geltungskraft besitzen, obwohl sie — wie fast alles, was sich rund um diesen Komponisten abspielt — auf Missverständnissen beruhen: Das eine davon ist sein glühendes Bekenntnis zum Deutschtum, das allzeit ein gewisses Ausmaß an Hohn und Geringschätzung provoziert hat. Man kann darüber denken, wie man will: Jedenfalls hat Pfitzners Glaubensbekenntnis nichts mit parteipolitischer Einstellung zu tun. Seine Einstellung muss in einer rein idealen Region verstanden werden. Um Pfitzner in diesem Punkt gerecht zu werden, lohnt es sich, seine Briefe und Aufzeichnungen aus den letzten Lebenstagen zu lesen. Walter Abendroth, Pfitzners treuer Biograph, hat sie 1955 herausgegeben.
Fehlen die Propheten?
Beim zweiten Argument, Pfitzners Musik sei wegen ihrer Romantik unerträglich, drängt sich gleichsam von selbst der Name eines Komponisten annähernd derselben Ära auf, an dessen „Romantik" heute niemand mehr Anstoß nimmt: Gustav Mahler. Und hier sind wir bei einem ganz entscheidenden Punkt angelangt. Denn was Pfitzner bisher gefehlt hat, waren gläubige, treue und unerschrockene Apologeten seines Werks. Wo stünde Gustav Mahler heute, wenn nicht von Bruno Walters Zeiten an bis herauf zu Leonard Bernstein ein immerwährendes Werben und Wirken für sein Werk stattgefunden hätte? Vermutlich ebendort, wo wir Pfitzner heute finden. Würden sich Dirigenten vom Range Karajans oder Bernsteins für Pfitzner einsetzen, würden unsere namhaften Sänger und Instrumentalisten sich für das Liedwerk, für die Solokonzerte, die Kammermusik verwenden, so würde der Konzerthimmel bald um ein neues, strahlendes Gestirn reicher. Aber zu solchen Hoffnungen gibt im Augenblick eigentlich nichts Anlass. Wird also die Zeit erst kommen, die Pfitzner zu würdigen weiß? Der Komponist selbst hat zu dieser Frage Stellung genommen und das beliebte Dogma vom „Reifwerden der Zeit" angezweifelt: „Ich glaube nur, dass das, was gerade .Trumpf ist, zeitlich die Vorherrschaft hat, aber dennoch für die ,zeitlosen‘ Werke zu allen Zeiten derselbe Bruchteil von Verständnis da ist."
Dieser Bruchteil, von dem Pfitzner hier spricht, ist heute vielleicht größer, als man allgemein annimmt. Man merkt dies aus Gesprächen mit jungen Leuten, man ersieht es aus Zuschriften an Rundfunkstationen und Redaktionen von Musikzeitschriften, die immer wieder fordern: Tut etwas gegen die Vernachlässigung Pfitzners!
Nun wird man wohl Verständnis dafür aufbringen können, dass bei der heutigen prekären Theatersituation kaum ein Opernhaus so diffizile Werke wie das „Herz" oder die „Rose" auf den Spielplan setzen möchte. Und auch von der Schallplatte wird man nicht verlangen können, allein in diese Bresche zu springen. Trotzdem: Wenn wir uns im neuesten Bielefelder Katalog das Kapitel Pfitzner ansehen, dann müssten wir eigentlich allesamt schamrot werden. Es enthält nicht mehr als vier Aufnahmen, und zwei von ihnen können als gemischte Liedprogramme gar nicht als eigentliche Pfitzner-Platten angesehen werden. Wenn wir hingegen die vielen Neuproduktionen auf dem Gebiet der barocken U-Musik betrachten, all das, was sich in näherer Umgebung Vivaldis an Bonportis, Albinonis, Geminianis, Torellis begibt, so fällt uns eine gewisse Übereinstimmung des Plattenkatalogs mit den „Linienproblemen" unserer Damen auf: Er setzt immer nur dort an, wo ohnehin schon genug vorhanden ist. Und es ist nur ein schwacher Trost, dass ein anderer Komponist unseres Jahrhunderts, eines der hervorragendsten und interessantesten Talente überdies, durch keine einzige Plattenaufnahme vertreten ist — Franz Schreker.
Pfitzner-Initiativen
Allerdings soll uns diese düstere Bilanz nicht dazu verleiten, Bestrebungen zu unterschätzen, die tatkräftig der allgemeinen Ignoranz entgegenwirken: Hier wären Sänger zu nennen, die zumindest hin und wieder Pfitzner-Lieder auf das Programm ihrer Konzerte setzen: Elisabeth Schwarzkopf, Christa Ludwig, Dietrich Fischer-Dieskau, Hermann Prey. Hier wären zu erwähnen die Bemühungen einzelner Rundfunkstationen, ihren Hörern die Werke Pfitzners zu erschließen. Und hier muss vor allem die Leistung der Deutschen Grammophon Gesellschaft gewürdigt werden, die immerhin für drei der vier vorhandenen Pfitzner-Platten verantwortlich zeichnet. Es befinden sich darunter die Einspielungen der C-dur-Sinfonie, der drei Palestrina-Vorspiele mit den Berliner Philharmonikern unter Ferdinand Leitner sowie die einzige große und wirklich repräsentative Pfitzner-Aufnahme unserer Tage: die Kantate „Von Deutscher Seele". Aber gerade diese Aufnahme kann traurig stimmen: Joseph Keilberth, einer der wenigen Pfitzner-Getreuen, ist inzwischen gestorben, und Fritz Wunderlich, der als Palestrina seine wohl beste Bühnenleistung geboten hat, ist ebenfalls tot. Es liegt seit jeher eine tiefe Tragik über dem Werke Pfitzners. Man wird also den künftigen Entwicklungen mit leisem Pessimismus entgegensehen müssen.
Um so mehr ist zu hoffen, dass das Pfitzner-Jahr 1969 uns vom öden Plansoll an Ehrungen und Gedenkstunden verschont. Wir besitzen nicht den geringsten Grund für besonderen Jubel. Aber wir sollten die Gelegenheit benutzen, uns seiner Musik zu entsinnen, jener großen und reichen, die Unwissenheit und Vorurteil zu unverdientem Stillschweigen verurteilt haben.
27. Februar 1949: Am dreißigsten Jahrestag der Wiener „Palestrina"-Premiere bringt die Staatsoper (damals im Theater an der Wien) eine glanzvolle Neuinszenierung von Hans Pfitzners musikalischer Legende heraus. Josef Krips dirigiert, Julius Patzak singt die Titelpartie, Hans Hotter den Kardinal Borromeo, und die junge Sena Jurinac bietet in der Rolle des Ighino eine ihrer innigsten und ergreifendsten Leistungen. Als am Schluss der Aufführung, gestützt auf die Darsteller des Borromeo und Ighino, der greise Komponist vor dem Vorhang erscheint, da braust ein so enthusiastischer Jubel auf, dass der gebrechliche alte Herr sichtbar gerührt ist. Viele von den damals Anwesenden werden in dieser stürmischen Ovation eine Entschädigung für die lange Missachtung, Zurücksetzung und Verkennung Pfitzners gesehen haben. Und im stillen mochte man zu der Überzeugung gekommen sein, nun endlich sei der Bann gebrochen, das so lange unterschätzt gebliebene Werk dieses großen Musikers werde von dieser „hohen Stunde" an seinen Weg finden zu den Herzen aller wahren Musikfreunde.
Seither sind zwei Jahrzehnte vergangen. Vieles hat sich geändert, und die musikalische Menükarte, die dem Opern- und Konzertbesucher, dem Plattenkäufer angeboten wird, ist um manche Spezialität bereichert worden. An Hans Pfitzner ist man jedoch ziemlich achtlos vorübergegangen, und die damaligen Hoffnungen auf eine Rehabilitierung seines Schaffens haben sich als Trugbild erwiesen. Zwar wird es unausbleiblich sein, dass man sich im Jahre 1969 näher mit Pfitzner befasst: Immerhin bringt der Mai die 100. Wiederkehr seines Geburtstags und den 20. Todestag. Man wird also in manchen Opernhäusern Pfitzners bekannteste Oper, den „Palestrina", auf den Spielplan setzen, da und dort werden ein paar Lieder, einige Kammermusikwerke erklingen — aber dabei wird es vermutlich bleiben.
Im Windschatten der Mode
Wen trifft an dieser chronischen Unterschätzung die Schuld? Es wird Fachleute geben, die Pfitzner selber die Verantwortung für die mangelnde Resonanz seines Werks zuschreiben. Dazu muss gleich festgestellt werden, dass bei Urteilen dieser Art, auch dann, wenn sie von sogenannten Experten gefällt werden, höchste Vorsicht geboten ist. Urteilen lässt sich bekanntlich nur über Dinge, die man kennt. Da nun in Opernhäusern und Konzertsälen nur ein winziger Bruchteil des Werkes von Pfitzner zu hören ist, da die Schallplatte von ihm so gut wie überhaupt nicht Notiz nimmt, müsste man sich der Mühe unterziehen, aus eigenem Antrieb Klavierauszüge und Partituren durchzustudieren. Und wer hat sich schon in Werke wie den „Armen Heinrich" oder „Die Rose vom Liebesgarten" genügend vertieft, wer hat die Schriften und Dichtungen Pfitzners gründlich gelesen? Wohl nur die allerwenigsten. Aber es ist eben bequemer, sich an althergebrachte Formeln zu halten und Pfitzners Musik als unzugänglich, herb, spröde und asketisch abzutun. Dabei handelt es sich bei Prädikaten dieser Gattung um Schablonen in der Art der Worte vom „lieblichen" Mozart und vom „titanischen" Beethoven. Kein ernsthafter Musiker wird sich solcher Gemeinplätze bedienen. In Wahrheit sind alle diese kategorischen Bezeichnungen völlig unzutreffend. Tatsächlich lässt sich in das Werk Pfitzners nicht gut eindringen. Aber jeder, der in der Musik mehr sucht als mundgerechten Klingklang, jeder, der vor Hindernissen nicht zurückschreckt, wird erkennen, dass das Schlagwort von der „Unzugänglichkeit" der Pfitznerschen Musik nur oberflächlichen und kenntnislosen Urteilen entspringen konnte. In gewissem Sinne lassen sich Parallelen zwischen Pfitzner und Jean Paul auffinden: Wer in das Werk dieses eigentümlichen, vielfach als „unlesbar" bezeichneten Dichters vorgedrungen ist, dem erschließen sich ganz ungewöhnliche Schönheiten. Ähnlich bei Pfitzner: Der humanitäre Grundzug seines Schaffens, der „Liebesquell", der seine Musik durchpulst, muss jeden Hörer, ganz gleich welcher „Richtung" er sich verschrieben hat, zutiefst berühren. Wer mit dem ersten Akt des „Palestrina" nichts anzufangen weiß, für den dürften auch Bach, Beethoven, Brahms und Wagner ihre Werke umsonst geschrieben haben.
Der Schwierige
Es lässt sich freilich auch denken, dass das Wort vom „schwierigen" Pfitzner als ein Nachhall der heute noch recht lebendigen Erinnerung an den merkwürdigen Menschen Pfitzner zu werten ist. Die Kompliziertheit seines Charakters hat man — nicht zu Recht — auch mit seinem Werk in Verbindung gebracht. Der Mensch Pfitzner, eine der unglücklichsten Künstlergestalten der Musikgeschichte, war voller widersprüchlicher Eigenschaften. Jähzornig, nachträgerisch, zynisch und bald wieder von rührender Zärtlichkeit — so wird er uns von seinen Zeitgenossen geschildert, unter denen wohl Alma Mahler-Werfel in ihrem bekannten Erinnerungswerk den Gipfel an Drastik geboten hat. Zu den positiven Seiten seines Wesens gehörten seine grundtiefe Aufrichtigkeit und Ehrlichkeit, die sein ganzes musikalisches und literarisches Schaffen bestimmte, und sein ausgeprägter Hang zu Sorgfalt und Genauigkeit. Der erzieherische Wert seiner ästhetischen Abhandlungen ist außerordentlich. Wer sie gelesen hat, wird ermessen können, wie ungerecht es ist, bei Pfitzner von Pedanterie zu sprechen. Seine Genauigkeit entsprang einem starken Misstrauen gegenüber der Leichtfertigkeit und Unbekümmertheit jener Dirigenten und Regisseure, die sich über die Vorschriften von Dichtern und Komponisten hinwegsetzen. Und aus dieser väterlichen Fürsorge für sein Werk heraus muss man es verstehen, wenn Pfitzner in den Szenenanweisungen seines Palestrina jedes geringste Detail gleichsam dogmatisch verankert. So schreibt er etwa am Beginn des ersten Aktes dem Darsteller des Silla ganz genau die Sitzhaltung vor: Das rechte Bein liegt mit dem Knöchel auf dem linken Knie.
Pfitzners tatkräftiger Einsatz für die Opernwerke der deutschen Romantik, für Weber, Marschner. E. Th. A. Hoffmann ist in die Musikhistorie eingegangen. Seine Interpretationen von Beethoven- und Schumann- Sinfonien wurden auf Schallplatten festgehalten — leider sind sie dem heutigen Hörer nicht mehr zugänglich.
Von allen Argumenten, die gegen Pfitzner seit jeher vorgebracht worden sind, sind es zwei, die auch heute noch stärkste Geltungskraft besitzen, obwohl sie — wie fast alles, was sich rund um diesen Komponisten abspielt — auf Missverständnissen beruhen: Das eine davon ist sein glühendes Bekenntnis zum Deutschtum, das allzeit ein gewisses Ausmaß an Hohn und Geringschätzung provoziert hat. Man kann darüber denken, wie man will: Jedenfalls hat Pfitzners Glaubensbekenntnis nichts mit parteipolitischer Einstellung zu tun. Seine Einstellung muss in einer rein idealen Region verstanden werden. Um Pfitzner in diesem Punkt gerecht zu werden, lohnt es sich, seine Briefe und Aufzeichnungen aus den letzten Lebenstagen zu lesen. Walter Abendroth, Pfitzners treuer Biograph, hat sie 1955 herausgegeben.
Fehlen die Propheten?
Beim zweiten Argument, Pfitzners Musik sei wegen ihrer Romantik unerträglich, drängt sich gleichsam von selbst der Name eines Komponisten annähernd derselben Ära auf, an dessen „Romantik" heute niemand mehr Anstoß nimmt: Gustav Mahler. Und hier sind wir bei einem ganz entscheidenden Punkt angelangt. Denn was Pfitzner bisher gefehlt hat, waren gläubige, treue und unerschrockene Apologeten seines Werks. Wo stünde Gustav Mahler heute, wenn nicht von Bruno Walters Zeiten an bis herauf zu Leonard Bernstein ein immerwährendes Werben und Wirken für sein Werk stattgefunden hätte? Vermutlich ebendort, wo wir Pfitzner heute finden. Würden sich Dirigenten vom Range Karajans oder Bernsteins für Pfitzner einsetzen, würden unsere namhaften Sänger und Instrumentalisten sich für das Liedwerk, für die Solokonzerte, die Kammermusik verwenden, so würde der Konzerthimmel bald um ein neues, strahlendes Gestirn reicher. Aber zu solchen Hoffnungen gibt im Augenblick eigentlich nichts Anlass. Wird also die Zeit erst kommen, die Pfitzner zu würdigen weiß? Der Komponist selbst hat zu dieser Frage Stellung genommen und das beliebte Dogma vom „Reifwerden der Zeit" angezweifelt: „Ich glaube nur, dass das, was gerade .Trumpf ist, zeitlich die Vorherrschaft hat, aber dennoch für die ,zeitlosen‘ Werke zu allen Zeiten derselbe Bruchteil von Verständnis da ist."
Dieser Bruchteil, von dem Pfitzner hier spricht, ist heute vielleicht größer, als man allgemein annimmt. Man merkt dies aus Gesprächen mit jungen Leuten, man ersieht es aus Zuschriften an Rundfunkstationen und Redaktionen von Musikzeitschriften, die immer wieder fordern: Tut etwas gegen die Vernachlässigung Pfitzners!
Nun wird man wohl Verständnis dafür aufbringen können, dass bei der heutigen prekären Theatersituation kaum ein Opernhaus so diffizile Werke wie das „Herz" oder die „Rose" auf den Spielplan setzen möchte. Und auch von der Schallplatte wird man nicht verlangen können, allein in diese Bresche zu springen. Trotzdem: Wenn wir uns im neuesten Bielefelder Katalog das Kapitel Pfitzner ansehen, dann müssten wir eigentlich allesamt schamrot werden. Es enthält nicht mehr als vier Aufnahmen, und zwei von ihnen können als gemischte Liedprogramme gar nicht als eigentliche Pfitzner-Platten angesehen werden. Wenn wir hingegen die vielen Neuproduktionen auf dem Gebiet der barocken U-Musik betrachten, all das, was sich in näherer Umgebung Vivaldis an Bonportis, Albinonis, Geminianis, Torellis begibt, so fällt uns eine gewisse Übereinstimmung des Plattenkatalogs mit den „Linienproblemen" unserer Damen auf: Er setzt immer nur dort an, wo ohnehin schon genug vorhanden ist. Und es ist nur ein schwacher Trost, dass ein anderer Komponist unseres Jahrhunderts, eines der hervorragendsten und interessantesten Talente überdies, durch keine einzige Plattenaufnahme vertreten ist — Franz Schreker.
Pfitzner-Initiativen
Allerdings soll uns diese düstere Bilanz nicht dazu verleiten, Bestrebungen zu unterschätzen, die tatkräftig der allgemeinen Ignoranz entgegenwirken: Hier wären Sänger zu nennen, die zumindest hin und wieder Pfitzner-Lieder auf das Programm ihrer Konzerte setzen: Elisabeth Schwarzkopf, Christa Ludwig, Dietrich Fischer-Dieskau, Hermann Prey. Hier wären zu erwähnen die Bemühungen einzelner Rundfunkstationen, ihren Hörern die Werke Pfitzners zu erschließen. Und hier muss vor allem die Leistung der Deutschen Grammophon Gesellschaft gewürdigt werden, die immerhin für drei der vier vorhandenen Pfitzner-Platten verantwortlich zeichnet. Es befinden sich darunter die Einspielungen der C-dur-Sinfonie, der drei Palestrina-Vorspiele mit den Berliner Philharmonikern unter Ferdinand Leitner sowie die einzige große und wirklich repräsentative Pfitzner-Aufnahme unserer Tage: die Kantate „Von Deutscher Seele". Aber gerade diese Aufnahme kann traurig stimmen: Joseph Keilberth, einer der wenigen Pfitzner-Getreuen, ist inzwischen gestorben, und Fritz Wunderlich, der als Palestrina seine wohl beste Bühnenleistung geboten hat, ist ebenfalls tot. Es liegt seit jeher eine tiefe Tragik über dem Werke Pfitzners. Man wird also den künftigen Entwicklungen mit leisem Pessimismus entgegensehen müssen.
Um so mehr ist zu hoffen, dass das Pfitzner-Jahr 1969 uns vom öden Plansoll an Ehrungen und Gedenkstunden verschont. Wir besitzen nicht den geringsten Grund für besonderen Jubel. Aber wir sollten die Gelegenheit benutzen, uns seiner Musik zu entsinnen, jener großen und reichen, die Unwissenheit und Vorurteil zu unverdientem Stillschweigen verurteilt haben.



