Pinchas Zukerman: „Und was hatte Menuhin als Zwanzigjähriger schon hinter sich?“
Erschienen im FONO FORUM im Juli 1969

Schon vor zwei Jahren schloss CBS mit dem Isaac-Stern-Schüler einen Exklusiv-Vertrag. Das war noch, bevor er 1967 den sehr begehrten Leventritt-Preis erhielt, der ihm ein Auftreten mit sieben der prominentesten Orchester in den USA garantierte, darunter auch mit dem New York Philharmonie unter Bernstein. Im vorigen Sommer war Pinchas Zukerman die Sensationsentdeckung des Spoleto-Festivals, und das Wort von dem phänomenal begabten Geiger mit dem unwahrscheinlich schönen Ton begann auch bei uns die Runde zu machen. Jetzt gab er in München sein europäisches Orchesterkonzertdebüt mit dem Sinfonieorchester des Bayerischen Rundfunks. Er spielte das Tschaikowsky-Konzert — und erhielt Kritiken, von denen andere angesehene Solisten nicht einmal zu träumen wagen. So dass man ihn bereits eine Woche später abermals nach München holte, um ihn in einem Gastkonzert des Französischen Rundfunk- Sinfonieorchesters für den verhinderten Arthur Grumiaux einspringen zu lassen. Stoßseufzte Münchens Schmidt-Garre: Manchmal käme man sich eben doch wie ein schlechter Mensch vor, aber an diesem Abend habe wohl kaum jemand bedauert, dass Grumiaux abgesagt hätte.
Unterdessen hatte ihn Manfred Gräter, der ebenso unternehmungslustige wie spürsichere Musikredakteur des Westdeutschen Fernsehens, bereits für eine ganze Woche zu Aufnahmen nach Köln verpflichtet, und zwar für drei Sonaten im Rahmen des fürs Beethoven-Jahr vorbereiteten Programms, das die Produktion des gesamten Kammermusikwerks von Beethoven vorsieht. Im TV-Studio in der Arnostraße bekomme ich ihn erstmalig zu Gesicht, allerdings nur von hinten: Im Regieraum sitze ich hinter ihm, als der zweite Take vom ersten Satz der Kreutzer-Sonate abgenommen wird. Dabei beeindruckt mich die lebhaft reagierende, massige Silhouette des noch immer erst Zwanzigjährigen mindestens ebenso wie seine Erscheinung und sein im Gegensatz zu seiner schweren und wuchtigen Gestalt so ganz unwahrscheinlich entkörperlichtes Spiel auf den vier Kontrollschirmen.
In der kurzen Pause vor dem dritten Take unterhält er sich mit seiner Frau, einer attraktiven Blondine: Mit der Bildqualität ist er sehr zufrieden, obgleich er sich lieber häufiger aus dem üblichen Blickwinkel, also vom Spieler aus von halb rechts vorn, fotografiert sähe. Aber Regisseur Klaus Lindemann überzeugt ihn, dass das auf die Dauer doch etwas langweilig wäre und dass die Sonate schließlich noch zwei weitere Sätze habe. Die Tonqualität allerdings gefällt ihm weniger, und wiederholt beklagt er den „muffled sound" des Klaviers, worin ihm sein Begleiter, der etwas unglücklich dreinschauende Malcolm Frager, durchaus beipflichtet. Die mangelhafte Tonqualität der Fernsehsendungen allgemein ist auch der Tenor meines kurzen Gesprächs mit Mrs. Zukerman. Sie ist Konzert-Flötistin und hat ihre Fernsehaufnahme von Beethovens Flötensonate B-dur bereits hinter sich. Also eine Art anderes Barenboim-Ehepaar?, fordere ich sie heraus. Ach nein, bedauert sie, die Literatur für Violine und Flöte sei schließlich doch sehr viel begrenzter als die für Cello und Klavier beziehungsweise Cello und Orchester. Zwar gäbe es eine Unmenge Barock-Sonaten, aber Pinkie fände sie auf die Dauer doch etwas langweilig. Weshalb er es vorzöge, mit ihr zu Hause lieber Flöten-Duette zu spielen.
Als ich dem jungen Israeli aus New York schließlich in seiner Garderobe gegenüberstehe, meine ich, dass es kaum je einen irreführenderen Kosenamen als das „Pinkie" für diesen geigenspielenden Junior- Samson gegeben haben dürfte. Wie so viele Nachwuchsviolinisten der Weltelite — unter anderen Itzhak Perlman, James Oliver Buswell IV., Jaime Laredo, Shmuel Ashkenazy und Michael Rabin - war auch Zukerman ein Schüler von Ivan Galamian, bevor Stern ihn dann unter seine Fittiche nahm. Seither geht seine Karriere im Blitztempo vor sich — die nächsten Stationen sind seine Debüts in Brighton und London, aber auch Berlin und Wien sind bereits terminiert. Und das Erstaunlichste daran ist, dass seine Schallplatten- und Fernsehaufnahmen den Konzertauftritten bereits vorauseilen — wahrlich eine Umkehrung der üblichen Praxis und bezeichnend für die soziologische Umschichtung unseres Musiklebens.
Launig berichtet er von seinem Londoner Schallplattendebüt, zu dem er buchstäblich über Nacht kam, als der Pianist Raymond Lewenthai plötzlich wegen seiner Hongkong-Grippe (die im Englischen übrigens den schönen Namen „Mao flu" hat) eine Aufnahme des Klavierkonzerts von Henselt mit Dorati und dem London Symphony Orchestra absagen musste. Was tun? fragten sich die Londoner CBS-Verantwortlichen zwei Tage vor dem Termin. Und kamen auf ihren Exklusiv-Violinisten Zukerman, der indessen noch keinerlei Schallplattenaufnahmen gemacht hatte. Hektische Telefongespräche zwischen London, New York und Paris machten's möglich. Und nach Abschluss waren alle überzeugt, einen „winner" produziert zu haben: das Tschaikowsky-Konzert, das mit dem Mendelssohn-Konzert, dessen Produktion im Herbst unter Bernstein stattfindet, gekoppelt werden soll.
Jegliche Star-Eitelkeit ist dem „winner" zumindest derzeit noch fremd — man kann sich allerdings schwer vorstellen, dass er sie jemals sein eigen nennen wird, sein Körperbau und sein Temperament stehen dem entgegen. Zukerman ist einer der jungen Virtuosen des elektronischen Zeitalters. Er erzählt, dass ihm sein Tonbandgerät als Kontrollinstanz unschätzbare Dienste geleistet habe. Und er ist offenbar fasziniert vom Fernsehen und seinen Möglichkeiten, obgleich er durchaus seine Zweifel daran hat, ob gerade der TV-Schirm ein geeignetes Medium für die Vermittlung von Beethovens Violinsonaten ist. Aber für ihn selbst sei die Fernseh-Aufnahmepraxis eine großartige Erfahrensbereicherung. Weit davon entfernt, sich über die ewigen Wiederholungen zu beklagen, schätzt er sich glücklich, bei der Abnahme seine technischen Fehler, die ihm oft unbewusst geblieben seien, endlich auch wirklich sehen zu können.
Überhaupt gibt er Schallplatte und Fernsehen große Zukunftschancen, darin ein unbedingter Anhänger Marshall MacLuhans. Die Konzertsäle sieht er mehr und mehr veröden — eine Folge des Überangebots, aber auch der rückläufigen Qualität, die wiederum kein Wunder sei, wenn man sich beispielsweise den Beschäftigungsplan der amerikanischen Orchester ansähe, nachdem sie endlich ihr Traumziel einer ganzjährigen Saison erreicht hätten. Der Rückgang der amerikanischen Konzertbesucherziffern sei alarmierend — und eben deswegen böten sich den elektronischen Medien ganz unwahrscheinliche Möglichkeiten, die allerdings auf eben diesen Medien entsprechende Weise genützt werden müssen; und das heiße, „education“ mit „entertainment" zu verbinden. Es ist die gleiche Formel, die mir wenige Tage vorher Jac Venza, ein Executive Producer vom amerikanischen National Educational TV, genannt hat. Beide, Zukerman wie Venza, sind hingerissen von der Quantität wie von der Qualität unserer kulturambitionierten Fernsehproduktionen — im Gegensatz zu ihren amerikanischen Errungenschaften -, beide sehen allerdings auch eine gewisse Gefahr in der Überbewertung der Lehrtendenz zuungunsten des Unterhaltungswertes.
Der Rest des Gesprächs springt von Thema zu Thema. Im Vordergrund steht die geplante Übersiedlung nach London — einmal weil es heute die Stadt mit dem interessantesten Kulturangebot sei, zweitens weil es Israel eben doch beträchtlich näher liege als New York und drittens offensichtlich wegen der Freundschaft zu den Barenboims, mit denen mehrere gemeinsame musikalische Unternehmungen geplant sind. Im übrigen jede Menge Kammermusik und Orchesterkonzerte, Schallplattenproduktionen und Fernsehaufnahmen ... Zu den vielen Kammermusikwerken und zwanzig Solistenkonzerten, die sein gegenwärtiges Repertoire umfasst, studiert er augenblicklich noch die Konzerte von Bartók und Prokofieff ein. - Und keine Angst, sich mit dieser Blitzkarriere zu übernehmen — bei seinen zwanzig Jahren? Lächelnd winkt er ab: Und Menuhin, was hatte der schon alles als Zwanzigjähriger hinter sich?
Schon vor zwei Jahren schloss CBS mit dem Isaac-Stern-Schüler einen Exklusiv-Vertrag. Das war noch, bevor er 1967 den sehr begehrten Leventritt-Preis erhielt, der ihm ein Auftreten mit sieben der prominentesten Orchester in den USA garantierte, darunter auch mit dem New York Philharmonie unter Bernstein. Im vorigen Sommer war Pinchas Zukerman die Sensationsentdeckung des Spoleto-Festivals, und das Wort von dem phänomenal begabten Geiger mit dem unwahrscheinlich schönen Ton begann auch bei uns die Runde zu machen. Jetzt gab er in München sein europäisches Orchesterkonzertdebüt mit dem Sinfonieorchester des Bayerischen Rundfunks. Er spielte das Tschaikowsky-Konzert — und erhielt Kritiken, von denen andere angesehene Solisten nicht einmal zu träumen wagen. So dass man ihn bereits eine Woche später abermals nach München holte, um ihn in einem Gastkonzert des Französischen Rundfunk- Sinfonieorchesters für den verhinderten Arthur Grumiaux einspringen zu lassen. Stoßseufzte Münchens Schmidt-Garre: Manchmal käme man sich eben doch wie ein schlechter Mensch vor, aber an diesem Abend habe wohl kaum jemand bedauert, dass Grumiaux abgesagt hätte.
Unterdessen hatte ihn Manfred Gräter, der ebenso unternehmungslustige wie spürsichere Musikredakteur des Westdeutschen Fernsehens, bereits für eine ganze Woche zu Aufnahmen nach Köln verpflichtet, und zwar für drei Sonaten im Rahmen des fürs Beethoven-Jahr vorbereiteten Programms, das die Produktion des gesamten Kammermusikwerks von Beethoven vorsieht. Im TV-Studio in der Arnostraße bekomme ich ihn erstmalig zu Gesicht, allerdings nur von hinten: Im Regieraum sitze ich hinter ihm, als der zweite Take vom ersten Satz der Kreutzer-Sonate abgenommen wird. Dabei beeindruckt mich die lebhaft reagierende, massige Silhouette des noch immer erst Zwanzigjährigen mindestens ebenso wie seine Erscheinung und sein im Gegensatz zu seiner schweren und wuchtigen Gestalt so ganz unwahrscheinlich entkörperlichtes Spiel auf den vier Kontrollschirmen.
In der kurzen Pause vor dem dritten Take unterhält er sich mit seiner Frau, einer attraktiven Blondine: Mit der Bildqualität ist er sehr zufrieden, obgleich er sich lieber häufiger aus dem üblichen Blickwinkel, also vom Spieler aus von halb rechts vorn, fotografiert sähe. Aber Regisseur Klaus Lindemann überzeugt ihn, dass das auf die Dauer doch etwas langweilig wäre und dass die Sonate schließlich noch zwei weitere Sätze habe. Die Tonqualität allerdings gefällt ihm weniger, und wiederholt beklagt er den „muffled sound" des Klaviers, worin ihm sein Begleiter, der etwas unglücklich dreinschauende Malcolm Frager, durchaus beipflichtet. Die mangelhafte Tonqualität der Fernsehsendungen allgemein ist auch der Tenor meines kurzen Gesprächs mit Mrs. Zukerman. Sie ist Konzert-Flötistin und hat ihre Fernsehaufnahme von Beethovens Flötensonate B-dur bereits hinter sich. Also eine Art anderes Barenboim-Ehepaar?, fordere ich sie heraus. Ach nein, bedauert sie, die Literatur für Violine und Flöte sei schließlich doch sehr viel begrenzter als die für Cello und Klavier beziehungsweise Cello und Orchester. Zwar gäbe es eine Unmenge Barock-Sonaten, aber Pinkie fände sie auf die Dauer doch etwas langweilig. Weshalb er es vorzöge, mit ihr zu Hause lieber Flöten-Duette zu spielen.
Als ich dem jungen Israeli aus New York schließlich in seiner Garderobe gegenüberstehe, meine ich, dass es kaum je einen irreführenderen Kosenamen als das „Pinkie" für diesen geigenspielenden Junior- Samson gegeben haben dürfte. Wie so viele Nachwuchsviolinisten der Weltelite — unter anderen Itzhak Perlman, James Oliver Buswell IV., Jaime Laredo, Shmuel Ashkenazy und Michael Rabin - war auch Zukerman ein Schüler von Ivan Galamian, bevor Stern ihn dann unter seine Fittiche nahm. Seither geht seine Karriere im Blitztempo vor sich — die nächsten Stationen sind seine Debüts in Brighton und London, aber auch Berlin und Wien sind bereits terminiert. Und das Erstaunlichste daran ist, dass seine Schallplatten- und Fernsehaufnahmen den Konzertauftritten bereits vorauseilen — wahrlich eine Umkehrung der üblichen Praxis und bezeichnend für die soziologische Umschichtung unseres Musiklebens.
Launig berichtet er von seinem Londoner Schallplattendebüt, zu dem er buchstäblich über Nacht kam, als der Pianist Raymond Lewenthai plötzlich wegen seiner Hongkong-Grippe (die im Englischen übrigens den schönen Namen „Mao flu" hat) eine Aufnahme des Klavierkonzerts von Henselt mit Dorati und dem London Symphony Orchestra absagen musste. Was tun? fragten sich die Londoner CBS-Verantwortlichen zwei Tage vor dem Termin. Und kamen auf ihren Exklusiv-Violinisten Zukerman, der indessen noch keinerlei Schallplattenaufnahmen gemacht hatte. Hektische Telefongespräche zwischen London, New York und Paris machten's möglich. Und nach Abschluss waren alle überzeugt, einen „winner" produziert zu haben: das Tschaikowsky-Konzert, das mit dem Mendelssohn-Konzert, dessen Produktion im Herbst unter Bernstein stattfindet, gekoppelt werden soll.
Jegliche Star-Eitelkeit ist dem „winner" zumindest derzeit noch fremd — man kann sich allerdings schwer vorstellen, dass er sie jemals sein eigen nennen wird, sein Körperbau und sein Temperament stehen dem entgegen. Zukerman ist einer der jungen Virtuosen des elektronischen Zeitalters. Er erzählt, dass ihm sein Tonbandgerät als Kontrollinstanz unschätzbare Dienste geleistet habe. Und er ist offenbar fasziniert vom Fernsehen und seinen Möglichkeiten, obgleich er durchaus seine Zweifel daran hat, ob gerade der TV-Schirm ein geeignetes Medium für die Vermittlung von Beethovens Violinsonaten ist. Aber für ihn selbst sei die Fernseh-Aufnahmepraxis eine großartige Erfahrensbereicherung. Weit davon entfernt, sich über die ewigen Wiederholungen zu beklagen, schätzt er sich glücklich, bei der Abnahme seine technischen Fehler, die ihm oft unbewusst geblieben seien, endlich auch wirklich sehen zu können.
Überhaupt gibt er Schallplatte und Fernsehen große Zukunftschancen, darin ein unbedingter Anhänger Marshall MacLuhans. Die Konzertsäle sieht er mehr und mehr veröden — eine Folge des Überangebots, aber auch der rückläufigen Qualität, die wiederum kein Wunder sei, wenn man sich beispielsweise den Beschäftigungsplan der amerikanischen Orchester ansähe, nachdem sie endlich ihr Traumziel einer ganzjährigen Saison erreicht hätten. Der Rückgang der amerikanischen Konzertbesucherziffern sei alarmierend — und eben deswegen böten sich den elektronischen Medien ganz unwahrscheinliche Möglichkeiten, die allerdings auf eben diesen Medien entsprechende Weise genützt werden müssen; und das heiße, „education“ mit „entertainment" zu verbinden. Es ist die gleiche Formel, die mir wenige Tage vorher Jac Venza, ein Executive Producer vom amerikanischen National Educational TV, genannt hat. Beide, Zukerman wie Venza, sind hingerissen von der Quantität wie von der Qualität unserer kulturambitionierten Fernsehproduktionen — im Gegensatz zu ihren amerikanischen Errungenschaften -, beide sehen allerdings auch eine gewisse Gefahr in der Überbewertung der Lehrtendenz zuungunsten des Unterhaltungswertes.
Der Rest des Gesprächs springt von Thema zu Thema. Im Vordergrund steht die geplante Übersiedlung nach London — einmal weil es heute die Stadt mit dem interessantesten Kulturangebot sei, zweitens weil es Israel eben doch beträchtlich näher liege als New York und drittens offensichtlich wegen der Freundschaft zu den Barenboims, mit denen mehrere gemeinsame musikalische Unternehmungen geplant sind. Im übrigen jede Menge Kammermusik und Orchesterkonzerte, Schallplattenproduktionen und Fernsehaufnahmen ... Zu den vielen Kammermusikwerken und zwanzig Solistenkonzerten, die sein gegenwärtiges Repertoire umfasst, studiert er augenblicklich noch die Konzerte von Bartók und Prokofieff ein. - Und keine Angst, sich mit dieser Blitzkarriere zu übernehmen — bei seinen zwanzig Jahren? Lächelnd winkt er ab: Und Menuhin, was hatte der schon alles als Zwanzigjähriger hinter sich?



