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Michael Chapius

Von
Herbert Briefs
Erschienen in der Printausgabe im
August 1969
Lesezeit ca.
…
Minuten

Michel Chapuis ist auch in Deutschland kein Unbekannter mehr. Er machte sich einen Namen durch die Einspielung altfranzösischer Meister auf historischen Orgeln von Poitiers, St. Maximin und Marmoutier, vor allem aber durch die auf zwanzig Langspielplatten veranschlagte und über die Hälfte bereits durchgeführte Einspielung des gesamten Orgelwerks von Bach für Valois. Wie man hört, haben die ersten Platten dieses neuen Orgel-Bachs in Frankreich ein ungewöhnlich positives Echo gefunden, während die durchaus eigengeprägte Interpretation in Deutschland auch kritische Anmerkungen provoziert hat. Anfang Mai setzte Chapuis seine Bach-Reihe nun mit der Aufnahme des dritten Teils der Klavierübung fort. Er spielte auf der schönen 39stimmigen Beckerath-Orgel der Pauluskirche zu Hamm in Westfalen, für die er sich nach der Erprobung mehrerer norddeutscher restaurierter und neuer Orgeln entschieden hatte, und bei dieser Gelegenheit konnte ich ihn bei der Arbeit (die wegen der geringeren Außengeräusche Nachtarbeit ist) beobachten und mich mit ihm unterhalten.

Chapuis ist gleichsam von selbst zur Orgel gekommen. Sein Geburtsort Dole im Jura ist ein Städtchen mit einer herrlichen Orgel von Riepp, der auch in Ottobeuren gebaut hat. Diese Orgel lernte Chapuis als Siebenjähriger kennen und geriet allmählich in ihren Bann. Die Mutter, sehr musikliebend, wenn auch nicht ausübend, war die eigentliche Stütze des Jungen, der sich zunächst autodidaktisch auf Orgel und Klavier bildete, bis von seinem siebzehnten Lebensjahr an Edouard Souberbielle, ein Schüler von Eugene Gigont und Marcel Dupre, der Schöpfer moderner französischer Orgelkunst, in Paris seine Lehrer wurden. 1951 schloss Chapuis die Ausbildung mit dem ersten Preis für Orgel und Improvisation am Pariser Conservatoire ab. Seine Leitbilder: „Im Orgelspiel der blinde Andre Marchai im Improvisieren Jean Langlais und Oliver Messiaen."

Neben seiner Tätigkeit als Hauptorganist an St. Severin zu Paris wirkt Chapuis heute als Professor für Orgelspiel am Straßburger Konservatorium sowie als Leiter der Orgelklasse an der Sommerakademie St. Maximin. „Lassen Sie Ihren Schülern musikalisch freie Hand?" „Anfängern und jungen Schülern gegenüber, die ich heute jedoch nicht mehr habe, bin ich streng, Fortgeschrittene mit schon entwickelter Musikalität und eigenem Formbewusstsein sollen sich freischwimmen, soweit die Einstellung der Jury beim Abschlussexamen es zulässt."

Chapuis' Arbeitspensum ist umfangreich. Seine mehrjährige praktische Tätigkeit in Orgelbau und -intonation brachte ihn in die Gremien zur Denkmalspflege historischer französischer Orgeln und ließ ihn Präsident der Orgelkommission für alle Elsass-Projekte werden. Außerdem zieht seine Konzerttätigkeit, die ihn bisher in die Schweiz, die Niederlande, nach Deutschland, in die USA und nach Kanada führte, immer weitere Kreise. Wie er es mit dem Auswendigspielen im Konzert halte? Chapuis meint, dass der Spieler sein Programm natürlich auswendig beherrschen müsse. Aber die Noten (die übrigens keinerlei Eintragungen von Finger- und Fußsätzen enthalten) habe er doch gerne vor sich liegen — genau die gleiche Antwort gab mir Günther Ramin vor etwa vierzig Jahren. Ob er in Konzerten auch improvisiere? „Ja, durchaus, wenn es gewünscht wird und eine Improvisation zur Vortragsfolge des Abends passt."

Chapuis' Einstellung gegenüber der Orgelhistorie ist selbstverständlich positiv zu den alten und zeitgenössischen Franzosen wie zu der großen Reihe niederländischer, deutscher und auch italienischer Komponisten von der Renaissance bis zum Barock mit Bach als Höhepunkt. Er bejaht auch die romantische Orgelmusik Mendelssohns, Liszts und Brahms'. Ganz Franzose ist er dagegen in seinem etwas distanzierten Verhältnis zu Max Reger. Er hat sich bisher nur zwei Choral-Fantasien Regers erarbeitet. Und auch zur neuesten Orgelmusik eines Ligeti, Kagel, Heider, Haller, in der die polyphone Struktur zugunsten von Tonclustern und Orgelschreien, zum Teil in graphischer Notation, abgelöst ist, hat Chapuis bis jetzt keine Beziehung gefunden. Noch weniger zu den Versuchen, dem jahrhundertealten steten Bemühen um einen edlen Ton neue Klangeffekte mittels Windabstellen, halbgezogener Register oder durch Tastenschlagen und Armauflegen gegenüberzustellen.

Zur Vorbereitung eines Konzerts auf einer ihm noch fremden Orgel hört er ihre wichtigsten Stimmen und Möglichkeiten vom Kirchenraum aus eingehend ab. Die Einregistrierung selbst wird ebenfalls immer wieder von dort kontrolliert — ein Vorgehen, das für den kritischen Orgelspieler ohnehin selbstverständlich sein sollte. Im gleichen Sinn erfolgt bei Plattenaufnahmen die Beurteilung auch vor allem vom Band her, also im Abhörraum. Ich wurde Zeuge, wie der in seiner Stimmführung wesentliche mittlere Teil der Tripelfuge aus BWV 552 von Chapuis immer wieder „gearbeitet", abgehört, neu gespielt, überprüft wurde, bis nach drei Stunden das 8-Minuten-Stück endlich wunschgemäß „stand". Der Ernst und die Gründlichkeit, mit der Chapuis dabei vorging, sein Gefühl für Form und Struktur, sein mitunter eigenwillig-aparter Klangsinn und nicht zuletzt seine persönliche Bescheidenheit machten, wie ich bekennen muss, auf mich starken Eindruck.

Chapuis' Bach-Interpretation gründet sich auf ein festgefügtes Bild, das er sich aus der Beherrschung des gesamten Kantaten- und Instrumentalwerks erarbeitet hat. Zweierlei Gefahren will er unter allen Umständen ausweichen: Die eine ist eine unangebrachte Romantisierung; dass man ihm diesen Vorwurf gewiss nicht machen kann, zeigen die bisherigen Einspielungen in aller Deutlichkeit: Cantus-firmus-Melodien zum Beispiel, vor allem solche mit Melismatik, erklingen unter seinen Händen in schöner Ruhe und gänzlich unsentimental. Die zweite Gefahr sieht er in einer akademischen Wiedergabe der Musik Bachs. Und Chapuis' Spiel ist nun wahrhaftig alles andere als akademisch. Im Gegenteil hat ihn seine souveräne Beherrschung des Technischen - eine perfekte Geschmeidigkeit des Fingerspiels bei völliger Ruhigstellung der Hände und eine leichte Pedaltechnik — zu klar artikulierten und natürlich phrasierten Interpretationen geführt, die niemals steif oder unlebendig wirken.

Ein Instrument mit stationären Klängen, wie es die Orgel ist, bietet als weitere Interpretationshilfen die Motorik und eventuell die Gestaltung durch agogische Mittel, also durch ein „atmendes" Spiel. Die Motorik ist bei Chapuis immer lebendig, als Mischung von Formstrenge und französischem Esprit imponierend, für deutsche Vorstellungen allerdings manchmal auch überzogen. Über Tempi kann man ja aber durchaus verschiedener Meinung sein. Immer noch gilt der Erfahrungssatz, dass ein Tempo dann als richtig empfunden wird, wenn es durchdacht ist und dadurch innerlich überzeugt. Dies allerdings muss man Chapuis wohl zubilligen. Die Möglichkeiten einer Auflockerung und spannungsvollen Gestaltung durch die Agogik („bewusst kaum fühlbar, aber vorhanden", wie Fritz Heitmann vor Jahren zum Berichterstatter meinte) nutzt Chapuis nur wenig. Er stellt ihnen die absolute Kontinuität der Linienführung, jedoch mit feiner Artikulation, entgegen — und entgeht so wiederum jeglicher Gefahr unangebrachten Romantisierens. Das Ergebnis ist ein eigengeprägtes Bach-Spiel mit unverkennbar romanischem Akzent, aus deutscher Sicht mitunter etwas ungewohnt, aber im ganzen auf so hohem Niveau, dass eine Auseinandersetzung mit dieser Einspielung für den Orgelfreund notwendig und lohnend zugleich ist.

Michel Chapuis ist auch in Deutschland kein Unbekannter mehr. Er machte sich einen Namen durch die Einspielung altfranzösischer Meister auf historischen Orgeln von Poitiers, St. Maximin und Marmoutier, vor allem aber durch die auf zwanzig Langspielplatten veranschlagte und über die Hälfte bereits durchgeführte Einspielung des gesamten Orgelwerks von Bach für Valois. Wie man hört, haben die ersten Platten dieses neuen Orgel-Bachs in Frankreich ein ungewöhnlich positives Echo gefunden, während die durchaus eigengeprägte Interpretation in Deutschland auch kritische Anmerkungen provoziert hat. Anfang Mai setzte Chapuis seine Bach-Reihe nun mit der Aufnahme des dritten Teils der Klavierübung fort. Er spielte auf der schönen 39stimmigen Beckerath-Orgel der Pauluskirche zu Hamm in Westfalen, für die er sich nach der Erprobung mehrerer norddeutscher restaurierter und neuer Orgeln entschieden hatte, und bei dieser Gelegenheit konnte ich ihn bei der Arbeit (die wegen der geringeren Außengeräusche Nachtarbeit ist) beobachten und mich mit ihm unterhalten.

Chapuis ist gleichsam von selbst zur Orgel gekommen. Sein Geburtsort Dole im Jura ist ein Städtchen mit einer herrlichen Orgel von Riepp, der auch in Ottobeuren gebaut hat. Diese Orgel lernte Chapuis als Siebenjähriger kennen und geriet allmählich in ihren Bann. Die Mutter, sehr musikliebend, wenn auch nicht ausübend, war die eigentliche Stütze des Jungen, der sich zunächst autodidaktisch auf Orgel und Klavier bildete, bis von seinem siebzehnten Lebensjahr an Edouard Souberbielle, ein Schüler von Eugene Gigont und Marcel Dupre, der Schöpfer moderner französischer Orgelkunst, in Paris seine Lehrer wurden. 1951 schloss Chapuis die Ausbildung mit dem ersten Preis für Orgel und Improvisation am Pariser Conservatoire ab. Seine Leitbilder: „Im Orgelspiel der blinde Andre Marchai im Improvisieren Jean Langlais und Oliver Messiaen."

Neben seiner Tätigkeit als Hauptorganist an St. Severin zu Paris wirkt Chapuis heute als Professor für Orgelspiel am Straßburger Konservatorium sowie als Leiter der Orgelklasse an der Sommerakademie St. Maximin. „Lassen Sie Ihren Schülern musikalisch freie Hand?" „Anfängern und jungen Schülern gegenüber, die ich heute jedoch nicht mehr habe, bin ich streng, Fortgeschrittene mit schon entwickelter Musikalität und eigenem Formbewusstsein sollen sich freischwimmen, soweit die Einstellung der Jury beim Abschlussexamen es zulässt."

Chapuis' Arbeitspensum ist umfangreich. Seine mehrjährige praktische Tätigkeit in Orgelbau und -intonation brachte ihn in die Gremien zur Denkmalspflege historischer französischer Orgeln und ließ ihn Präsident der Orgelkommission für alle Elsass-Projekte werden. Außerdem zieht seine Konzerttätigkeit, die ihn bisher in die Schweiz, die Niederlande, nach Deutschland, in die USA und nach Kanada führte, immer weitere Kreise. Wie er es mit dem Auswendigspielen im Konzert halte? Chapuis meint, dass der Spieler sein Programm natürlich auswendig beherrschen müsse. Aber die Noten (die übrigens keinerlei Eintragungen von Finger- und Fußsätzen enthalten) habe er doch gerne vor sich liegen — genau die gleiche Antwort gab mir Günther Ramin vor etwa vierzig Jahren. Ob er in Konzerten auch improvisiere? „Ja, durchaus, wenn es gewünscht wird und eine Improvisation zur Vortragsfolge des Abends passt."

Chapuis' Einstellung gegenüber der Orgelhistorie ist selbstverständlich positiv zu den alten und zeitgenössischen Franzosen wie zu der großen Reihe niederländischer, deutscher und auch italienischer Komponisten von der Renaissance bis zum Barock mit Bach als Höhepunkt. Er bejaht auch die romantische Orgelmusik Mendelssohns, Liszts und Brahms'. Ganz Franzose ist er dagegen in seinem etwas distanzierten Verhältnis zu Max Reger. Er hat sich bisher nur zwei Choral-Fantasien Regers erarbeitet. Und auch zur neuesten Orgelmusik eines Ligeti, Kagel, Heider, Haller, in der die polyphone Struktur zugunsten von Tonclustern und Orgelschreien, zum Teil in graphischer Notation, abgelöst ist, hat Chapuis bis jetzt keine Beziehung gefunden. Noch weniger zu den Versuchen, dem jahrhundertealten steten Bemühen um einen edlen Ton neue Klangeffekte mittels Windabstellen, halbgezogener Register oder durch Tastenschlagen und Armauflegen gegenüberzustellen.

Zur Vorbereitung eines Konzerts auf einer ihm noch fremden Orgel hört er ihre wichtigsten Stimmen und Möglichkeiten vom Kirchenraum aus eingehend ab. Die Einregistrierung selbst wird ebenfalls immer wieder von dort kontrolliert — ein Vorgehen, das für den kritischen Orgelspieler ohnehin selbstverständlich sein sollte. Im gleichen Sinn erfolgt bei Plattenaufnahmen die Beurteilung auch vor allem vom Band her, also im Abhörraum. Ich wurde Zeuge, wie der in seiner Stimmführung wesentliche mittlere Teil der Tripelfuge aus BWV 552 von Chapuis immer wieder „gearbeitet", abgehört, neu gespielt, überprüft wurde, bis nach drei Stunden das 8-Minuten-Stück endlich wunschgemäß „stand". Der Ernst und die Gründlichkeit, mit der Chapuis dabei vorging, sein Gefühl für Form und Struktur, sein mitunter eigenwillig-aparter Klangsinn und nicht zuletzt seine persönliche Bescheidenheit machten, wie ich bekennen muss, auf mich starken Eindruck.

Chapuis' Bach-Interpretation gründet sich auf ein festgefügtes Bild, das er sich aus der Beherrschung des gesamten Kantaten- und Instrumentalwerks erarbeitet hat. Zweierlei Gefahren will er unter allen Umständen ausweichen: Die eine ist eine unangebrachte Romantisierung; dass man ihm diesen Vorwurf gewiss nicht machen kann, zeigen die bisherigen Einspielungen in aller Deutlichkeit: Cantus-firmus-Melodien zum Beispiel, vor allem solche mit Melismatik, erklingen unter seinen Händen in schöner Ruhe und gänzlich unsentimental. Die zweite Gefahr sieht er in einer akademischen Wiedergabe der Musik Bachs. Und Chapuis' Spiel ist nun wahrhaftig alles andere als akademisch. Im Gegenteil hat ihn seine souveräne Beherrschung des Technischen - eine perfekte Geschmeidigkeit des Fingerspiels bei völliger Ruhigstellung der Hände und eine leichte Pedaltechnik — zu klar artikulierten und natürlich phrasierten Interpretationen geführt, die niemals steif oder unlebendig wirken.

Ein Instrument mit stationären Klängen, wie es die Orgel ist, bietet als weitere Interpretationshilfen die Motorik und eventuell die Gestaltung durch agogische Mittel, also durch ein „atmendes" Spiel. Die Motorik ist bei Chapuis immer lebendig, als Mischung von Formstrenge und französischem Esprit imponierend, für deutsche Vorstellungen allerdings manchmal auch überzogen. Über Tempi kann man ja aber durchaus verschiedener Meinung sein. Immer noch gilt der Erfahrungssatz, dass ein Tempo dann als richtig empfunden wird, wenn es durchdacht ist und dadurch innerlich überzeugt. Dies allerdings muss man Chapuis wohl zubilligen. Die Möglichkeiten einer Auflockerung und spannungsvollen Gestaltung durch die Agogik („bewusst kaum fühlbar, aber vorhanden", wie Fritz Heitmann vor Jahren zum Berichterstatter meinte) nutzt Chapuis nur wenig. Er stellt ihnen die absolute Kontinuität der Linienführung, jedoch mit feiner Artikulation, entgegen — und entgeht so wiederum jeglicher Gefahr unangebrachten Romantisierens. Das Ergebnis ist ein eigengeprägtes Bach-Spiel mit unverkennbar romanischem Akzent, aus deutscher Sicht mitunter etwas ungewohnt, aber im ganzen auf so hohem Niveau, dass eine Auseinandersetzung mit dieser Einspielung für den Orgelfreund notwendig und lohnend zugleich ist.