Der mühsamere Weg
Julia Hamari: „Oper nur als Seitensprung“

An der Oper winken dem jungen Sänger Glanz und Gloria. Da nisten die Bravorufe auf der Galerie, liegen die Karrieren in der Luft und werden die größten Brötchen gebacken. Im Konzertsaal fallen solche süßen Früchte meist wesentlich kleiner aus. Und mehr als das: Mit Stimme und Phonzahl allein ist da nichts zu machen, und kein weggerutschter Ton kann listig in die Kulisse gesungen werden. Auf dem Konzertpodium schlägt zumal für den Sänger die Stunde der Wahrheit. Es ist die Feuer- und Wasserprobe für den Grad des Könnens, die Sauberkeit der Gesangstechnik, der gestaltenden Musikalität und der Selbstbescheidung gegenüber dem Werk. Da werden strahlende Opernsterne leicht zu kleinen Glühwürmchen. Kein Wunder also, dass sich nur wenige Kehlkopfarbeiter dieser künstlerischen Feinkontrolle stellen und ihr gewachsen sind. Innerhalb der kleinen Sekte prominenter Konzert- und Oratoriensänger taucht in letzter Zeit immer häufiger ein neuer Name auf: Julia Hamari. Sie ist Ungarin, hat ihr fünfjähriges Studium an der Budapester Musikakademie mit dem Diplom für Oper, Konzert und Lehrbefähigung abgeschlossen und gewann 1965 den Internationalen Budapester Erkel-Gesangswettbewerb. Er brachte der ersten Preisträgerin die seltene Vergünstigung eines Auslandsstipendiums ein. Karl Richter holte sich 1966 die damals 24jährige junge Altistin frisch von der Stuttgarter Musikhochschule für seine Wiener Matthäus-Passion. Zweiter Ritterschlag: Karajan hörte und setzte sie in der Rolle der Mercedes in seiner Salzburger Carmen-Inszenierung ein. Als Christa Ludwig vergangenes Jahr bei den Wiener Festwochen absagte, sang Julia Hamari an ihrer Stelle das Verdi-Requiem und bestand bei Publikum und Presse in hohen Ehren. Und seither geht es rund: Schwetzingen, Herrenhausen, Holland-Festival. Namhafte Dirigenten wie Abbado, Giulini, Kubelik und Schmidt-Isserstedt haben sie für Konzerte und Rundfunkaufnahmen in Mailand, Rom, Brüssel, Gent und Hamburg engagiert. In Schweden wird sie Mahler und in Rio de Janeiro die Matthäus-Passion singen. Für 1970 steht Glyndebourne mit einer noch auszugrabenden Oper an. Aber ein US-Angebot für Strawinskys „ödipusRex" hat sie abgelehnt, obgleich dabei nicht nur das Amerika-Debüt, sondern auch eine Plattenproduktion der RCA und ein Salzburger Konzert herausgesprungen wären.
Ihr deutscher Ehemann: „Sie sehen daran, dass meine Frau noch bescheiden ist und sich Zeit lassen will." Ihr eigener Kommentar: „Ich bin nicht bereit, mein Leben und alles zu zerstören, indem ich jetzt alles annehme, nur um Geld zu scheffeln. Ich will mich nicht kaputtsingen. Ich schone mich. Nur so kann und wird sich — wie ich hoffe — die Stimme weiterentwickeln. Und zwar insgesamt, ohne Forcierungen in der Höhe oder Tiefe. Machen kann man alles, aber dabei kann man auch ganz schön mit dem Kopf gegen die Wand rennen. Ich bin noch jung, und ich weiß, wieviel ich noch arbeiten muss. Ich kann noch wenig, aber ich kenne sehr viel. Mit sechzehn Jahren habe ich angefangen zu singen. Ich hatte das große Grück, zwei Jahre bei einer phänomenalen Pädagogin, einer Türkin, zu studieren. Sie war die einzige Lehrerin, bei der ich wirklich alles gelernt habe. An den Hochschulen wurden meine Kenntnisse lediglich erweitert. Vor allem aber arbeitete ich in diesen zwei einem Korrepetitor. Nur zum Kennenlernen habe ich Opern, Bach-Kantaten und Oratorien und so ziemlich die Liedliteratur — Schubert, Schumann, Brahms usw. - vom Blatt durchgesungen. Das war eine gute und wichtige Sache, die mir heute das Ausarbeiten erleichtert."

Obgleich Julia Hamari sich selbst als leichten, lyrischen Alt bezeichnet („Es ist falsch, wenn geschrieben wird, ich sei Mezzosopran"), stürzte sie sich dieses Jahr in ein dramatisches Abenteuer. Sie sang als erste große Hauptrolle die Kleinigkeit Carmen. Das ging unter anderem infolge eines sozusagen nicht vorhandenen Regisseurs in der Gestaltung noch etwas in die Binsen. Der Sängerin aber wurde schwarz auf weiß bestätigt, dass sie eine „zweite Simionato" werden könne, dass sie ein „ungarisches Stimmphänomen" sei und über eine „schier unglaubliche, mühelos tragende" Stimmfülle verfüge. Indessen betrachtet die „Zukunfts-Carmen" die Oper eigentlich mehr als einen vergnüglichen Seitensprung. Sie will sich mit keinem Engagement binden, denn „ich bin in erster Linie Konzert- und Liedersängerin und möchte es auch bleiben". Womit sie den künstlerisch anspruchsvollsten Weg wählt. Nach ihrem ersten, ganz famosen Liederabend in Deutschland sagte sie trotz eines dicken Publikumserfolgs in Hamburg: „Nach so einem Liedabend bin ich eigentlich ganz leer und sehr müde. Liedersingen ist das anstrengendste, wo gibt."
Die junge Budapesterin ist zweifellos eine der stimmbegabtesten und bestgeschultesten Nachwuchs-Altistinnen, die derzeit auf dem „Markt" sind. Das bezeugen ihre erste Liedplatte mit Zigeunerliedern und die Gönnenwein-Aufnahme der Matthäus-Passion. Da präsentiert sich ein sehr schlank geführter, warmer Alt ohne Schwulst und Fett mit freier Höhe, tragender Mittellage und einer Tiefe ohne brustiges Röhren. „Ich mag die Protzerei mit der brustigen Tiefe nicht. Es macht mir mehr Freude, schön und über alle Lagen ausgeglichen zu singen. Meine Technik erlaubt mir, die Tiefe ebenso hell zu lassen wie die Höhe." Sie erlaubt ihr — mit einem dreigestrichenen C in der Kehle — neben dem Altfach auch den Ausflug in die Rossini-Mezzo-Koloraturen.
Ihr Traum ist, einmal den „Orpheus" auf Platten zu singen. Vorerst hat sie jetzt die Cornelia in Händeis „Julius Cäsar" und Beethovens C-dur-Messe bei der DG aufgenommen, die jetzt auch eine Liedplatte von ihr herausgebracht hat. Sie erschien in der Reihe Debüt. Das ist vernünftig. Es stellt die Leistung an den rechten Platz. Eine so junge Liedersängerin soll und darf noch nicht mit den großen Interpreten verglichen werden. Um Rothenberger zu zitieren: „Ich halte das Lied für den Endpunkt. Liedgesang setzt eine Reife voraus, die ein junger Mensch einfach nicht haben kann." Julia Hamari ist auf dem besten Weg, in die Gefilde des „Allerheiligsten" einzudringen. Sie bringt alle Voraussetzungen dafür mit. Man darf an sie glauben.
An der Oper winken dem jungen Sänger Glanz und Gloria. Da nisten die Bravorufe auf der Galerie, liegen die Karrieren in der Luft und werden die größten Brötchen gebacken. Im Konzertsaal fallen solche süßen Früchte meist wesentlich kleiner aus. Und mehr als das: Mit Stimme und Phonzahl allein ist da nichts zu machen, und kein weggerutschter Ton kann listig in die Kulisse gesungen werden. Auf dem Konzertpodium schlägt zumal für den Sänger die Stunde der Wahrheit. Es ist die Feuer- und Wasserprobe für den Grad des Könnens, die Sauberkeit der Gesangstechnik, der gestaltenden Musikalität und der Selbstbescheidung gegenüber dem Werk. Da werden strahlende Opernsterne leicht zu kleinen Glühwürmchen. Kein Wunder also, dass sich nur wenige Kehlkopfarbeiter dieser künstlerischen Feinkontrolle stellen und ihr gewachsen sind. Innerhalb der kleinen Sekte prominenter Konzert- und Oratoriensänger taucht in letzter Zeit immer häufiger ein neuer Name auf: Julia Hamari. Sie ist Ungarin, hat ihr fünfjähriges Studium an der Budapester Musikakademie mit dem Diplom für Oper, Konzert und Lehrbefähigung abgeschlossen und gewann 1965 den Internationalen Budapester Erkel-Gesangswettbewerb. Er brachte der ersten Preisträgerin die seltene Vergünstigung eines Auslandsstipendiums ein. Karl Richter holte sich 1966 die damals 24jährige junge Altistin frisch von der Stuttgarter Musikhochschule für seine Wiener Matthäus-Passion. Zweiter Ritterschlag: Karajan hörte und setzte sie in der Rolle der Mercedes in seiner Salzburger Carmen-Inszenierung ein. Als Christa Ludwig vergangenes Jahr bei den Wiener Festwochen absagte, sang Julia Hamari an ihrer Stelle das Verdi-Requiem und bestand bei Publikum und Presse in hohen Ehren. Und seither geht es rund: Schwetzingen, Herrenhausen, Holland-Festival. Namhafte Dirigenten wie Abbado, Giulini, Kubelik und Schmidt-Isserstedt haben sie für Konzerte und Rundfunkaufnahmen in Mailand, Rom, Brüssel, Gent und Hamburg engagiert. In Schweden wird sie Mahler und in Rio de Janeiro die Matthäus-Passion singen. Für 1970 steht Glyndebourne mit einer noch auszugrabenden Oper an. Aber ein US-Angebot für Strawinskys „ödipusRex" hat sie abgelehnt, obgleich dabei nicht nur das Amerika-Debüt, sondern auch eine Plattenproduktion der RCA und ein Salzburger Konzert herausgesprungen wären.
Ihr deutscher Ehemann: „Sie sehen daran, dass meine Frau noch bescheiden ist und sich Zeit lassen will." Ihr eigener Kommentar: „Ich bin nicht bereit, mein Leben und alles zu zerstören, indem ich jetzt alles annehme, nur um Geld zu scheffeln. Ich will mich nicht kaputtsingen. Ich schone mich. Nur so kann und wird sich — wie ich hoffe — die Stimme weiterentwickeln. Und zwar insgesamt, ohne Forcierungen in der Höhe oder Tiefe. Machen kann man alles, aber dabei kann man auch ganz schön mit dem Kopf gegen die Wand rennen. Ich bin noch jung, und ich weiß, wieviel ich noch arbeiten muss. Ich kann noch wenig, aber ich kenne sehr viel. Mit sechzehn Jahren habe ich angefangen zu singen. Ich hatte das große Grück, zwei Jahre bei einer phänomenalen Pädagogin, einer Türkin, zu studieren. Sie war die einzige Lehrerin, bei der ich wirklich alles gelernt habe. An den Hochschulen wurden meine Kenntnisse lediglich erweitert. Vor allem aber arbeitete ich in diesen zwei einem Korrepetitor. Nur zum Kennenlernen habe ich Opern, Bach-Kantaten und Oratorien und so ziemlich die Liedliteratur — Schubert, Schumann, Brahms usw. - vom Blatt durchgesungen. Das war eine gute und wichtige Sache, die mir heute das Ausarbeiten erleichtert."

Obgleich Julia Hamari sich selbst als leichten, lyrischen Alt bezeichnet („Es ist falsch, wenn geschrieben wird, ich sei Mezzosopran"), stürzte sie sich dieses Jahr in ein dramatisches Abenteuer. Sie sang als erste große Hauptrolle die Kleinigkeit Carmen. Das ging unter anderem infolge eines sozusagen nicht vorhandenen Regisseurs in der Gestaltung noch etwas in die Binsen. Der Sängerin aber wurde schwarz auf weiß bestätigt, dass sie eine „zweite Simionato" werden könne, dass sie ein „ungarisches Stimmphänomen" sei und über eine „schier unglaubliche, mühelos tragende" Stimmfülle verfüge. Indessen betrachtet die „Zukunfts-Carmen" die Oper eigentlich mehr als einen vergnüglichen Seitensprung. Sie will sich mit keinem Engagement binden, denn „ich bin in erster Linie Konzert- und Liedersängerin und möchte es auch bleiben". Womit sie den künstlerisch anspruchsvollsten Weg wählt. Nach ihrem ersten, ganz famosen Liederabend in Deutschland sagte sie trotz eines dicken Publikumserfolgs in Hamburg: „Nach so einem Liedabend bin ich eigentlich ganz leer und sehr müde. Liedersingen ist das anstrengendste, wo gibt."
Die junge Budapesterin ist zweifellos eine der stimmbegabtesten und bestgeschultesten Nachwuchs-Altistinnen, die derzeit auf dem „Markt" sind. Das bezeugen ihre erste Liedplatte mit Zigeunerliedern und die Gönnenwein-Aufnahme der Matthäus-Passion. Da präsentiert sich ein sehr schlank geführter, warmer Alt ohne Schwulst und Fett mit freier Höhe, tragender Mittellage und einer Tiefe ohne brustiges Röhren. „Ich mag die Protzerei mit der brustigen Tiefe nicht. Es macht mir mehr Freude, schön und über alle Lagen ausgeglichen zu singen. Meine Technik erlaubt mir, die Tiefe ebenso hell zu lassen wie die Höhe." Sie erlaubt ihr — mit einem dreigestrichenen C in der Kehle — neben dem Altfach auch den Ausflug in die Rossini-Mezzo-Koloraturen.
Ihr Traum ist, einmal den „Orpheus" auf Platten zu singen. Vorerst hat sie jetzt die Cornelia in Händeis „Julius Cäsar" und Beethovens C-dur-Messe bei der DG aufgenommen, die jetzt auch eine Liedplatte von ihr herausgebracht hat. Sie erschien in der Reihe Debüt. Das ist vernünftig. Es stellt die Leistung an den rechten Platz. Eine so junge Liedersängerin soll und darf noch nicht mit den großen Interpreten verglichen werden. Um Rothenberger zu zitieren: „Ich halte das Lied für den Endpunkt. Liedgesang setzt eine Reife voraus, die ein junger Mensch einfach nicht haben kann." Julia Hamari ist auf dem besten Weg, in die Gefilde des „Allerheiligsten" einzudringen. Sie bringt alle Voraussetzungen dafür mit. Man darf an sie glauben.



