So wesentlich wie die Partitur
Karlheinz Stockhausen und die Schallplatten – Ein Interview von Hanspeter Krellmann

Karlheinz Stockhausen, Jahrgang 1928, steht auch heute noch in der Avantgarde, seine Werke werden live nach wie vor fast ausschließlich in den modernistischen Musikzirkeln von Zagreb bis Hamburg aufgeführt. Aber die Zahl seiner Schallplatten ist in jüngster Zeit erheblich angewachsen. Wie er selber über diese Entwicklung denkt, was er von ihr erwartet — das war das Thema eines Gesprächs zwischen dem Komponisten und unserem Mitarbeiter Hanspeter Krellmann.
ff: „Herr Stockhausen, es existieren etwa zwanzig Langspielplatten in der Bundesrepublik und im Ausland mit Ihrer Musik. Was bedeutet Ihnen das Medium Schallplatte für Ihre eigene Arbeit?"
Stockhausen. „Die Schallplatte ist mir wichtig für die Neubildung einer Tradition für meine Kompositionen. Eine Platte mit meinen Werken, die in der Partitur nur approximativ beschreibbar sind, ist genauso wesentlich wie die Partitur selbst. Alle meine Werke werden darum auch nicht von mir publikationsfrei gegeben, bevor ich sie nicht in vielen Aufführungen und Aufnahmen geprüft habe. Die Partituren dürfen erst erscheinen, wenn die Platte vorliegt. Das akustische Beispiel ist genauso bedeutungsvoll für meine Kompositionen wie das optische Beispiel der Partitur. Ich verlange von einem Musiker, der eines meiner Stücke spielen will, dass er sich vorher eine Plattenaufnahme des Werks anhört, und zwar eine, die ich selbst gespielt oder dirigiert habe. So erst entsteht eine Vorstellung über Qualität und Art der Klangartikulation."
ff: „Man könnte meinen, das seien völlig traditionelle Gesichtspunkte: ein Musiker kauft sich Platten, um die potentiell ideale Interpretation kennenzulernen und seine eigene ihr anzugleichen."
Stockhausen: „Nein, das stimmt nicht. Es ist vielmehr so, dass die Partitur mit ihren verbalen und symbolischen Anweisungen vieles offen lässt. Beispielsweise ist in meinen letzten Stücken das Instrumentarium nicht fixiert. Auch gibt die Partitur keinen Aufschluss darüber, zu welcher Art Musik meine Instruktionen führen sollen. Dagegen klärt sich für den Musiker sogleich alles, wenn er die Platte hört. Er wird davor bewahrt, etwas Banales zu machen, und erfährt die Qualität der Musik authentisch."
ff: „Ist die Schallplatte nicht ein Kompromiss bei Ihren Werken? Sie haben Begriffe wie Kugel- und Raumklang in die Musik eingeführt und sie oft zumindest annähernd verwirklichen können durch die kreisförmige Aufstellung von Lautsprechern um das Publikum herum. Sie haben vielkanalige Musik komponiert, die auf der Stereo-Platte wieder auf zwei Kanäle zusammenschmilzt."
Stockhausen: „Ich erwarte von keinem Medium mehr, als es zu geben imstande ist. Deshalb ist die Schallplatte jedoch kein Kompromiss. Man erwartet von einem Foto mit einer Kathedrale auch nicht, dass es die Kathedrale selbst ist. Die Platte ist ein Hilfsmittel. Aber sie ist ja auch nur eine Übergangserscheinung in den Kommunikationsmitteln. Bei der heutigen zweikanaligen Stereophonie kann ich ein vierkanaliges Orchesterstück klanglich immerhin so anordnen, dass man deutlich vier Schallrichtungen hört, allerdings vor sich in der Fläche, also links, halblinks, halbrechts, rechts. Man kann das sogar erweitern auf fünf, sechs Klangquellen. Über kurz oder lang wird es ohnehin den Rundum-Klang geben. Das ist nur eine Frage der technischen und kommerziellen Entwicklung."
ff: „Meinen Sie, dass vier- oder sechskanalige Übertragungssysteme in die Bürgerhäuser einziehen werden wie vor Jahren die Stereophonie?"
Stockhausen: „Aber gewiss. Der Fortschritt der Technik ist unaufhaltsam."
ff: „Sie bezeichnen die Schallplatte als ein Hilfsmittel. Kann sie nicht doch bei Hörern, die mit Ihrem Werk wenig vertraut sind, Missverständnisse provozieren?"
Stockhausen: „Diese Gefahr ist nicht völlig auszuschließen. Es wäre natürlich schöner, wenn meine Stücke oft in großen Sälen zu hören wären. Aber in Hongkong hat niemand die Chance, meine ,Gruppen‘ für drei Orchester, ,Carre‘ für Orchester und Chöre oder die .Hymnen' achtkanalig live zu hören. Auch nicht der Legationsrat in einem afrikanischen Nest. So bleibt die Platte für die meisten das einzige Mittel, um überhaupt Kontakt mit dieser Musik aufzunehmen."
ff: „Genügt es denn auch, Ihre Werke mono zu hören?"
Stockhausen: „Nein. So wie eine räumliche Verteilung von Klängen in den Kompositionen eine ausschlaggebende Rolle spielt, soll man die Platte so hören, wie sie vorliegt. Ist der technische Standard der Übertragungsanlage eingeschränkt, so verliert man wesentliche Information."
ff: „Auf der Plattentasche der ,Hymnen‘ haben Sie die Aufstellung von acht Lautsprechern empfohlen. Ist das eine wesentliche Verbesserung gegenüber dem stereophonen Zweikanalsystem?"
Stockhausen: „Der Unterschied ist wie Tag und Nacht. Selbst eine nur stereophone Aufnahme der ,Hymnen‘ erreicht bei kreisförmiger Aufstellung von vier oder gar acht Lautsprechern nahezu den originalen Effekt wie eine Vierkanalanlage."
ff: „Wie sind die Verkaufserfolge Ihrer Platten? Dau heißt: Wie groß ist der Hörerzuwachs für Ihre Musik über die Platte?"
Stockhausen: „Von meiner ersten Platte mit dem ,Gesang der Jünglinge‘ und den ,Kontakten‘, die fast zwölf Jahre auf dem Markt ist, steigerte sich die Entwicklung zuerst mit tausend Exemplaren pro halbem Jahr auf zweitausend. Nach drei Jahren ging es dann weiter in die Höhe, und ich schätze, dass heute zehn- bis zwölftausend Stück von dieser Platte pro Jahr verkauft werden. Die DG-Platte mit ,Gruppen‘ und ,Carre‘ wurde zum Beispiel in den ersten zwei Monaten ihrer Veröffentlichung mit über neuntausend Exemplaren verkauft. Auch der Verkaufspreis spielt da natürlich eine Rolle. Das merkt man besonders in Amerika. Dort gibt es Platten mit meiner Musik in Massenproduktion, die man in Studentenläden für sieben Mark bekommt. In reicheren Gegenden sind sie entsprechend teurer. Eine solche in Amerika übliche Preisungebundenheit begünstigt die Auflagenentwicklung wesentlich."
ff: „Gibt es Erhebungen darüber, wer Ihre Platten kauft?"
Stockhausen: „Die meisten Käufer meiner Platten leben in den Vereinigten Staaten von Amerika und sind Angehörige der jüngeren Generation. Aber da existieren auch andere Verkaufsmethoden. Alle meine Musik, die den gewohnten Klangrahmen sprengt, also elektronische oder elektronisch-instrumentale Musik, wird zusammen mit Pop-Musik verkauft."
ff: „Und wie steht es mit den europäischen Käufern von Stockhausen-Platten?"
Stockhausen: „In Frankreich und England sind die meisten, in Italien so viele wie in der Bundesrepublik. Sehr viel Verkauf gibt es auch in Holland und in den skandinavischen Ländern. Der Verkauf ist dort prozentual höher als in Deutschland."
ff: „Wer ist Ihr Schallplattenkäufer in der Bundesrepublik?"
Stockhausen: „Das weiß ich nicht. Ich weiß nur, dass meine Platten hier — wenn überhaupt — in Radiogeschäften neben den Platten mit klassischer Musik ausliegen, was sicherlich falsch ist. Auch das vornehme Äußere der Plattentaschen verrät keine Spur einer Kenntnis davon, wie man junge Leute ansprechen muss."
ff: „Meinen Sie, dass das eine Schranke ist für junge Leute, Ihre Platten zu kaufen?"
Stockhausen: „Die kommen ja gar nicht in diese Läden. Meine Platten müssen in den Kästen stehen, wo sie die Pop-Fans suchen. Junge Leute wissen noch kaum, dass es so eine Musik wie die meine gibt."
Karlheinz Stockhausen, Jahrgang 1928, steht auch heute noch in der Avantgarde, seine Werke werden live nach wie vor fast ausschließlich in den modernistischen Musikzirkeln von Zagreb bis Hamburg aufgeführt. Aber die Zahl seiner Schallplatten ist in jüngster Zeit erheblich angewachsen. Wie er selber über diese Entwicklung denkt, was er von ihr erwartet — das war das Thema eines Gesprächs zwischen dem Komponisten und unserem Mitarbeiter Hanspeter Krellmann.
ff: „Herr Stockhausen, es existieren etwa zwanzig Langspielplatten in der Bundesrepublik und im Ausland mit Ihrer Musik. Was bedeutet Ihnen das Medium Schallplatte für Ihre eigene Arbeit?"
Stockhausen. „Die Schallplatte ist mir wichtig für die Neubildung einer Tradition für meine Kompositionen. Eine Platte mit meinen Werken, die in der Partitur nur approximativ beschreibbar sind, ist genauso wesentlich wie die Partitur selbst. Alle meine Werke werden darum auch nicht von mir publikationsfrei gegeben, bevor ich sie nicht in vielen Aufführungen und Aufnahmen geprüft habe. Die Partituren dürfen erst erscheinen, wenn die Platte vorliegt. Das akustische Beispiel ist genauso bedeutungsvoll für meine Kompositionen wie das optische Beispiel der Partitur. Ich verlange von einem Musiker, der eines meiner Stücke spielen will, dass er sich vorher eine Plattenaufnahme des Werks anhört, und zwar eine, die ich selbst gespielt oder dirigiert habe. So erst entsteht eine Vorstellung über Qualität und Art der Klangartikulation."
ff: „Man könnte meinen, das seien völlig traditionelle Gesichtspunkte: ein Musiker kauft sich Platten, um die potentiell ideale Interpretation kennenzulernen und seine eigene ihr anzugleichen."
Stockhausen: „Nein, das stimmt nicht. Es ist vielmehr so, dass die Partitur mit ihren verbalen und symbolischen Anweisungen vieles offen lässt. Beispielsweise ist in meinen letzten Stücken das Instrumentarium nicht fixiert. Auch gibt die Partitur keinen Aufschluss darüber, zu welcher Art Musik meine Instruktionen führen sollen. Dagegen klärt sich für den Musiker sogleich alles, wenn er die Platte hört. Er wird davor bewahrt, etwas Banales zu machen, und erfährt die Qualität der Musik authentisch."
ff: „Ist die Schallplatte nicht ein Kompromiss bei Ihren Werken? Sie haben Begriffe wie Kugel- und Raumklang in die Musik eingeführt und sie oft zumindest annähernd verwirklichen können durch die kreisförmige Aufstellung von Lautsprechern um das Publikum herum. Sie haben vielkanalige Musik komponiert, die auf der Stereo-Platte wieder auf zwei Kanäle zusammenschmilzt."
Stockhausen: „Ich erwarte von keinem Medium mehr, als es zu geben imstande ist. Deshalb ist die Schallplatte jedoch kein Kompromiss. Man erwartet von einem Foto mit einer Kathedrale auch nicht, dass es die Kathedrale selbst ist. Die Platte ist ein Hilfsmittel. Aber sie ist ja auch nur eine Übergangserscheinung in den Kommunikationsmitteln. Bei der heutigen zweikanaligen Stereophonie kann ich ein vierkanaliges Orchesterstück klanglich immerhin so anordnen, dass man deutlich vier Schallrichtungen hört, allerdings vor sich in der Fläche, also links, halblinks, halbrechts, rechts. Man kann das sogar erweitern auf fünf, sechs Klangquellen. Über kurz oder lang wird es ohnehin den Rundum-Klang geben. Das ist nur eine Frage der technischen und kommerziellen Entwicklung."
ff: „Meinen Sie, dass vier- oder sechskanalige Übertragungssysteme in die Bürgerhäuser einziehen werden wie vor Jahren die Stereophonie?"
Stockhausen: „Aber gewiss. Der Fortschritt der Technik ist unaufhaltsam."
ff: „Sie bezeichnen die Schallplatte als ein Hilfsmittel. Kann sie nicht doch bei Hörern, die mit Ihrem Werk wenig vertraut sind, Missverständnisse provozieren?"
Stockhausen: „Diese Gefahr ist nicht völlig auszuschließen. Es wäre natürlich schöner, wenn meine Stücke oft in großen Sälen zu hören wären. Aber in Hongkong hat niemand die Chance, meine ,Gruppen‘ für drei Orchester, ,Carre‘ für Orchester und Chöre oder die .Hymnen' achtkanalig live zu hören. Auch nicht der Legationsrat in einem afrikanischen Nest. So bleibt die Platte für die meisten das einzige Mittel, um überhaupt Kontakt mit dieser Musik aufzunehmen."
ff: „Genügt es denn auch, Ihre Werke mono zu hören?"
Stockhausen: „Nein. So wie eine räumliche Verteilung von Klängen in den Kompositionen eine ausschlaggebende Rolle spielt, soll man die Platte so hören, wie sie vorliegt. Ist der technische Standard der Übertragungsanlage eingeschränkt, so verliert man wesentliche Information."
ff: „Auf der Plattentasche der ,Hymnen‘ haben Sie die Aufstellung von acht Lautsprechern empfohlen. Ist das eine wesentliche Verbesserung gegenüber dem stereophonen Zweikanalsystem?"
Stockhausen: „Der Unterschied ist wie Tag und Nacht. Selbst eine nur stereophone Aufnahme der ,Hymnen‘ erreicht bei kreisförmiger Aufstellung von vier oder gar acht Lautsprechern nahezu den originalen Effekt wie eine Vierkanalanlage."
ff: „Wie sind die Verkaufserfolge Ihrer Platten? Dau heißt: Wie groß ist der Hörerzuwachs für Ihre Musik über die Platte?"
Stockhausen: „Von meiner ersten Platte mit dem ,Gesang der Jünglinge‘ und den ,Kontakten‘, die fast zwölf Jahre auf dem Markt ist, steigerte sich die Entwicklung zuerst mit tausend Exemplaren pro halbem Jahr auf zweitausend. Nach drei Jahren ging es dann weiter in die Höhe, und ich schätze, dass heute zehn- bis zwölftausend Stück von dieser Platte pro Jahr verkauft werden. Die DG-Platte mit ,Gruppen‘ und ,Carre‘ wurde zum Beispiel in den ersten zwei Monaten ihrer Veröffentlichung mit über neuntausend Exemplaren verkauft. Auch der Verkaufspreis spielt da natürlich eine Rolle. Das merkt man besonders in Amerika. Dort gibt es Platten mit meiner Musik in Massenproduktion, die man in Studentenläden für sieben Mark bekommt. In reicheren Gegenden sind sie entsprechend teurer. Eine solche in Amerika übliche Preisungebundenheit begünstigt die Auflagenentwicklung wesentlich."
ff: „Gibt es Erhebungen darüber, wer Ihre Platten kauft?"
Stockhausen: „Die meisten Käufer meiner Platten leben in den Vereinigten Staaten von Amerika und sind Angehörige der jüngeren Generation. Aber da existieren auch andere Verkaufsmethoden. Alle meine Musik, die den gewohnten Klangrahmen sprengt, also elektronische oder elektronisch-instrumentale Musik, wird zusammen mit Pop-Musik verkauft."
ff: „Und wie steht es mit den europäischen Käufern von Stockhausen-Platten?"
Stockhausen: „In Frankreich und England sind die meisten, in Italien so viele wie in der Bundesrepublik. Sehr viel Verkauf gibt es auch in Holland und in den skandinavischen Ländern. Der Verkauf ist dort prozentual höher als in Deutschland."
ff: „Wer ist Ihr Schallplattenkäufer in der Bundesrepublik?"
Stockhausen: „Das weiß ich nicht. Ich weiß nur, dass meine Platten hier — wenn überhaupt — in Radiogeschäften neben den Platten mit klassischer Musik ausliegen, was sicherlich falsch ist. Auch das vornehme Äußere der Plattentaschen verrät keine Spur einer Kenntnis davon, wie man junge Leute ansprechen muss."
ff: „Meinen Sie, dass das eine Schranke ist für junge Leute, Ihre Platten zu kaufen?"
Stockhausen: „Die kommen ja gar nicht in diese Läden. Meine Platten müssen in den Kästen stehen, wo sie die Pop-Fans suchen. Junge Leute wissen noch kaum, dass es so eine Musik wie die meine gibt."



