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Star zweier Generationen Adelina Patti

Von
Alex Natan
Erschienen in der Printausgabe im
November 1969
Lesezeit ca.
…
Minuten

Vor fünfzig Jahren, am 27. September 1919, starb Adelina Patti, „primadonna assoluta” der Opernhäuser in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts und Besitzerin eines Koloratursoprans, der keinerlei technische Schwierigkeiten zu kennen schien. Ihr Ruhm ließe erwarten, dass die Patti, die die Abschiedsvorstellungen der großen Primadonnen „erfunden" hatte und ihr wirklich allerletztes Auftreten vor fünfundfünfzig Jahren gab, eine Fülle von Einspielungen hinterlassen hat. Tatsächlich aber existieren nur vierzehn Aufnahmen von ihr, die als authentisch zu betrachten sind. Gegenwärtig gibt es überhaupt nur eine einzige LP der Patti, eine Olympus-Aufnahme (ORL 212), die wenigstens zwölf der Aufnahmen zusammenbringt; es fehlen nur das „Ave Maria" von Bach-Gounod und Tostis „Serenata". Der englische Musikwissenschaftler James Dennis hat bereits vor Jahren aufklären können, warum es früher sehr viel mehr „Patti“-Aufnahmen gegeben hat. Er stellte fest, dass alle Zylinder- Aufnahmen der Patti in Wirklichkeit von einer Madame Chalia gesungen worden sind, die ihre Stimme zu diesem Zweck „vermietet" hatte. Dieses „Vorsingen falscher Tatsachen" war damals durchaus keine Seltenheit, denn Sänger von der späteren Klasse eines de Luca und Zenatello haben zugegeben, vor rund 70 oder mehr Jahren für Victor Maurel eingesprungen zu sein.

Tatsächlich hat Adelina Patti überhaupt nur zweimal in England in den Trichter gesungen, beide Mal zur Klavierbegleitung von Landon Ronald. Die erste Gruppe wurde auf ihrem Schloss in Wales 1905, die zweite in London 1906 aufgenommen, also zu einer Zeit, als die Sängerin längst über 60 Jahre alt gewesen ist. Wir wissen auch, dass zehn damalige Aufnahmen niemals veröffentlicht worden sind und wohl zerstört sein müssen, weil sie den Ansprüchen der Sängerin nicht genügten. Natürlich ist es etwas problematisch, wenn eine Frau an der Schwelle des Alters das „Batti, batti" der Mozart-Zerline singt, eines blutjungen Mädchens also. Das Wunder der Einspielung liegt aber eben in der Tatsache, dass die Patti all dies sehr schnell vergessen lässt, weil die technische Vollendung dieser Stimme auch damals noch staunenswert war. Bestechend der sichere Einsatz der Töne und die unfehlbare Reinheit der Intonation — ganz gleich, ob es sich um die Bravourarie „Casta Diva" oder um den einst berühmten Schlager „Coming Thro' the Rye" handelt. Wer darüber hinaus ein kleines Wunder hören möchte, spiele sich „La Calasera“ vor, ein Volkslied aus dem heimatlichen Madrid, den die zarte, „petite“ alte Dame mit einer Verve, einem Temperament singt, das man vorher für unmöglich gehalten hätte: Diese Aufnahme bringt den klingenden Beleg für die Tatsache, dass Adelina Patti am brillantesten in naiven oder halb-seriösen Rollen war, als Zerline, als Norina und vor allem als Rosina. Diese Rollen brachten am natürlichsten ihre künstlerische Individualität und ihre Bühnenerscheinung zur Geltung. Aber ihr Ehrgeiz zielte darauf ab, auch schwere dramatische Rollen meistern zu können. Sie muss eine glänzende Traviata und Leonore gewesen sein, doch gibt es dafür keine Ohrenzeugen mehr. Hingegen wissen wir, dass ihr trotz der Versicherung „Non sono una buffa" Rollen wie etwa die Valentine aus den „Hugenotten" oder Fausts „Marguerite" nicht sehr gelegen haben; ihre Carmen galt allgemein als Fehlschlag.

Wer sich über das geringe Plattenmaterial hinaus eine Vorstellung von der Stimme und der Persönlichkeit der Patti machen möchte, sei auf den Essay verwiesen, den der Wiener Kritiker Eduard Hanslick 1879 über die Sängerin erscheinen ließ. Hanslick, der Patti allerdings freundschaftlich verbunden, rühmt besonders, dass die Sängerin in einer Zeit, die die musikalischen Absichten des Komponisten nicht immer beachtete, die Vorschriften der Partitur strikt befolgt habe: „Sie gibt sich weder der Leidenschaft hin, Tremolo zu singen, noch klingt ihre Stimme eine Note undeutlich oder etwa angestrengt. Sie besitzt völlig das fast verlorene Geheimnis guter italienischer Sänger: den Ton voll und stark produzieren zu können, ohne dabei zu schreien. Auch ihr Spiel hat die restlose Einfachheit einer graziösen Natur behalten. Übersättigung mit Rollen, die sie vielleicht hundertmal gesungen hat, brachte sie niemals in Versuchung, etwa um jeden Preis Tricks der Komödie oder der Neuheit zu versuchen." So schrieb Hanslick, als Adelina Patti noch keine vierzig Jahre alt war. Diese Beurteilung konnte die Zerreißprüfung der Zeit bestehen und galt auch noch für die 65jährige. Wer übrigens das seltene Glück haben sollte, eine ihrer vierzehn echten Aufnahmen auf 78er Platte zu besitzen, wird mit der Umdrehungszahl sehr herumexperimentieren müssen, bevor er die richtige Tonhöhe erwischt.

Man sollte meinen, dass eine Sängerin, die nicht nur die Opernbühnen souverän beherrschte, sondern auch für genügend presseergiebige Skandale sorgte, seit jenem Abend vor genau 110 Jahren, an dem sie als „Lucia di Lammermoor" unter dem Namen „Linie Florinda" in New York debütierte, genügend Biographen gefunden hätte. Dies ist aber nicht der Fall — was angesichts der recht erheblichen Nellie-Melba-Literatur einigermaßen verwunderlich ist. Wer an der bewegten Karriere der Patti interessiert ist, sollte versuchen, ein Exemplar des Buches „Great Women Singers of My Time" von Herman Klein zu erhalten, die vor wenigen Jahren neuaufgelegten Memoiren ihres Managers Mapleson oder die ihres Dirigenten Fred Gaisberg. Natürlich ist eine erhebliche Portion Skepsis bei der Lektüre am Platz. So behauptet Mapleson, dass Adelina Patti auf der Höhe ihres Ruhmes überhaupt nicht mehr zu Proben erschienen wäre und daher nicht einmal gewusst habe, wer mit ihr am gleichen Abend auftreten würde. Auch sollte man die Gagenangaben mit Vorsicht aufnehmen, da mir die Differenz zwischen Covent Garden und der Metropolitan Opera zu groß erscheint.

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Die Primadonna begann ihre irdische Laufbahn recht ungewöhnlich. 1843 sangen beide Eltern - Italiener von Herkunft — in Madrid. Am 9. Februar traten Signora Caterina Barili Patti als Bellinis Norma und Salvatore Patti als Pollione auf. Aber noch vor Ende der Vorstellung musste die keusche Druidenpriesterin Bühne und Theater verlassen, da sich ihr achtes Kind ankündigte: Adelina Giovanna Maria. Zwei Jahre später emigrierten die Eltern nach New York, wo Adelina in einer sehr musikalischen Umgebung aufwuchs. Als Kind durfte sie sich bereits Proben anhören, auf denen Jenny Lind, Henriette Sontag, Grisi und Alboni sangen. Sie war musikalisch frühreif, und als sie mit sieben Jahren bereits die schwierige Donizetti-Arie „Casta diva“ auswendig und völlig fehlerfrei zu singen vermochte, wurde sofort ein Konzert arrangiert, um die neue „Königin des Gesangs" zu lancieren, die auch schon die Arie „Una voce" aus Rossinis „Barbier" in ihr kleines Repertoire aufgenommen hatte. Der Erfolg war sensationell. Maurice Strakosch, der später Schwager der Patti wurde, arrangierte sofort eine Konzerttournee für das Wunderkind, die drei Jahre lang dauerte und auf der die Sängerin von dem sehr bekannten norwegischen Geiger Ole Bull begleitet wurde. Erst als 15jährige entschied sich Adelina, zur Opernbühne zu gehen. Ihr Debüt als Lucia am 24. November 1859 wurde eine Sensation. Das blutjunge Mädchen wurde für den Rest der Spielzeit engagiert, für die sie vierzehn verschiedene Rollen lernen musste. Es begann eine der glänzendsten und längsten Bühnenkarrieren der Operngeschichte. Als Adelina Patti 1861 zum ersten Mal nach Europa kam und in London Triumphe feierte, erhielt sie anfangs nur rund 32 Pfund Gage pro Abend. Wenige Jahre später konnte sie an verschiedenen amerikanischen Bühnen, die sich um den Star rissen, nicht weniger als 3000 Gold-Dollar kassieren. Deutsche Musikfreunde mag noch interessieren, dass Adelina Patti regelmäßig Deutschland besuchte, um in Berlin, Hamburg, Frankfurt, München und anderen großen Städten zu singen — eine Reiseroute, die damals viele der berühmten Stars mieden.

Die Patti blieb ihr Leben lang eine große Bewunderin Richard Wagners und besuchte Bayreuth in ihren späteren Lebensjahren regelmäßig. Doch musste sie es sich aus Gründen des Stimmtyps versagen, eine Rolle in seinen Opern zu singen. Immerhin nahm sie 1894 Wagner einmal in London in ihr Konzertprogramm auf und sang auf deutsch Elisabeths Gebet aus dem „Tannhäuser" und das Wesendonck-Lied „Träume". Man kann bei George Bernard Shaw nachlesen, welchen Schock ihm diese unvorhergesehene Wagner-Auslese versetzte. Was jedoch noch wichtiger ist: Sie sang „Träume" ganz besonders eindrucksvoll. Als später das unvermeidliche Encore verlangt wurde, wiederholte sie das Wagner- Lied anstelle des obligaten „Home, Sweet Home".

In diesen ersten dreißig Jahren ihrer Karriere hatte die Patti kaum Konkurrenz zu befürchten. Bei einer Tournee durch Russland wurde die Sängerin buchstäblich mit einem Vermögen von Juwelen überschüttet. Ihre erste Ehe ging sie mit dem französischen Marquis de Caux ein, sie wurde 1885 geschieden. Die Scheidung kostete der Patti damals die Summe von 1 1/2 Millionen Gold-Francs — für sie allerdings eine Kleinigkeit, denn sie verdiente allein in der Spielzeit 1888/89 100 000 Pfund! Sie war damals bereits mit dem französischen Tenor Nicolini verheiratet, der oft als ihr Partner auf der Bühne aufgetreten war. Für ihn kaufte sie das Schloss Craig-y-Nos im Innern von Wales, um dort einen Feriensitz zu haben. Das Schloss wurde erweitert und um ein intimes Theater bereichert, das auch heute noch existiert, besichtigt werden kann und gelegentlich zu Wohltätigkeitskonzerten verwendet wird. Nicolini starb 1898. Ein Jahr später war die Patti, nun bereits 55 Jahre alt, erneut verheiratet, diesmal mit dem viel jüngeren schwedischen Baron Rolf Cederström. Die Hochzeit wurde in Wales gefeiert, das Frühstück dagegen im eigenen Sonderzug nach London eingenommen.

1906 zog sich die Patti offiziell von der Londoner Bühne zurück, ein Jahr lang folgten die Abschiedsvorstellungen in der Provinz. Doch ließ sie sich 1914 noch einmal überreden, im Alter von 71 Jahren auf einem Wohltätigkeitskonzert des Roten Kreuzes aufzutreten. Ihr letzter Auftritt in einer Opernrolle hatte 1907 stattgefunden, als sie im Privattheater des großen Sängers Jean de Reszke in Paris an seiner Seite und von seinem Bruder Edouard, den Sängern Anselmi, Ancona und Pini Corsi assistiert, vor einem geladenen Publikum Rossinis Rosina sang.

Viele Kritiker haben nach dem Geheimnis ihrer langen Laufbahn und der erstaunlichen Erhaltung der Stimme geforscht. Die beste Erklärung des Phänomens hat wohl die berühmte Kollegin Lilli Lehmann gegeben: „Adelina Patti besaß unbewusst, als eine Gabe der Natur, die Übereinstimmung aller jener Qualitäten, die sich alle anderen Sänger aneignen und dann bewusst besitzen müssen. Ihre stimmlichen Organe standen in der günstigsten Beziehung zueinander. Ihr Talent und ihr außergewöhnlich geübtes Ohr behielten Kontrolle über die Schönheit ihres Gesangs und ihrer Stimme. Die glücklichen Lebensumstände schützten sie vor allen Verletzungen. Die Reinheit und Makellosigkeit ihres Tones, der wunderbare Ausgleich ihrer ganzen Stimme bestimmten den Zauber, mit dem sie ihr Publikum gefangen hielt."

Vor fünfzig Jahren, am 27. September 1919, starb Adelina Patti, „primadonna assoluta” der Opernhäuser in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts und Besitzerin eines Koloratursoprans, der keinerlei technische Schwierigkeiten zu kennen schien. Ihr Ruhm ließe erwarten, dass die Patti, die die Abschiedsvorstellungen der großen Primadonnen „erfunden" hatte und ihr wirklich allerletztes Auftreten vor fünfundfünfzig Jahren gab, eine Fülle von Einspielungen hinterlassen hat. Tatsächlich aber existieren nur vierzehn Aufnahmen von ihr, die als authentisch zu betrachten sind. Gegenwärtig gibt es überhaupt nur eine einzige LP der Patti, eine Olympus-Aufnahme (ORL 212), die wenigstens zwölf der Aufnahmen zusammenbringt; es fehlen nur das „Ave Maria" von Bach-Gounod und Tostis „Serenata". Der englische Musikwissenschaftler James Dennis hat bereits vor Jahren aufklären können, warum es früher sehr viel mehr „Patti“-Aufnahmen gegeben hat. Er stellte fest, dass alle Zylinder- Aufnahmen der Patti in Wirklichkeit von einer Madame Chalia gesungen worden sind, die ihre Stimme zu diesem Zweck „vermietet" hatte. Dieses „Vorsingen falscher Tatsachen" war damals durchaus keine Seltenheit, denn Sänger von der späteren Klasse eines de Luca und Zenatello haben zugegeben, vor rund 70 oder mehr Jahren für Victor Maurel eingesprungen zu sein.

Tatsächlich hat Adelina Patti überhaupt nur zweimal in England in den Trichter gesungen, beide Mal zur Klavierbegleitung von Landon Ronald. Die erste Gruppe wurde auf ihrem Schloss in Wales 1905, die zweite in London 1906 aufgenommen, also zu einer Zeit, als die Sängerin längst über 60 Jahre alt gewesen ist. Wir wissen auch, dass zehn damalige Aufnahmen niemals veröffentlicht worden sind und wohl zerstört sein müssen, weil sie den Ansprüchen der Sängerin nicht genügten. Natürlich ist es etwas problematisch, wenn eine Frau an der Schwelle des Alters das „Batti, batti" der Mozart-Zerline singt, eines blutjungen Mädchens also. Das Wunder der Einspielung liegt aber eben in der Tatsache, dass die Patti all dies sehr schnell vergessen lässt, weil die technische Vollendung dieser Stimme auch damals noch staunenswert war. Bestechend der sichere Einsatz der Töne und die unfehlbare Reinheit der Intonation — ganz gleich, ob es sich um die Bravourarie „Casta Diva" oder um den einst berühmten Schlager „Coming Thro' the Rye" handelt. Wer darüber hinaus ein kleines Wunder hören möchte, spiele sich „La Calasera“ vor, ein Volkslied aus dem heimatlichen Madrid, den die zarte, „petite“ alte Dame mit einer Verve, einem Temperament singt, das man vorher für unmöglich gehalten hätte: Diese Aufnahme bringt den klingenden Beleg für die Tatsache, dass Adelina Patti am brillantesten in naiven oder halb-seriösen Rollen war, als Zerline, als Norina und vor allem als Rosina. Diese Rollen brachten am natürlichsten ihre künstlerische Individualität und ihre Bühnenerscheinung zur Geltung. Aber ihr Ehrgeiz zielte darauf ab, auch schwere dramatische Rollen meistern zu können. Sie muss eine glänzende Traviata und Leonore gewesen sein, doch gibt es dafür keine Ohrenzeugen mehr. Hingegen wissen wir, dass ihr trotz der Versicherung „Non sono una buffa" Rollen wie etwa die Valentine aus den „Hugenotten" oder Fausts „Marguerite" nicht sehr gelegen haben; ihre Carmen galt allgemein als Fehlschlag.

Wer sich über das geringe Plattenmaterial hinaus eine Vorstellung von der Stimme und der Persönlichkeit der Patti machen möchte, sei auf den Essay verwiesen, den der Wiener Kritiker Eduard Hanslick 1879 über die Sängerin erscheinen ließ. Hanslick, der Patti allerdings freundschaftlich verbunden, rühmt besonders, dass die Sängerin in einer Zeit, die die musikalischen Absichten des Komponisten nicht immer beachtete, die Vorschriften der Partitur strikt befolgt habe: „Sie gibt sich weder der Leidenschaft hin, Tremolo zu singen, noch klingt ihre Stimme eine Note undeutlich oder etwa angestrengt. Sie besitzt völlig das fast verlorene Geheimnis guter italienischer Sänger: den Ton voll und stark produzieren zu können, ohne dabei zu schreien. Auch ihr Spiel hat die restlose Einfachheit einer graziösen Natur behalten. Übersättigung mit Rollen, die sie vielleicht hundertmal gesungen hat, brachte sie niemals in Versuchung, etwa um jeden Preis Tricks der Komödie oder der Neuheit zu versuchen." So schrieb Hanslick, als Adelina Patti noch keine vierzig Jahre alt war. Diese Beurteilung konnte die Zerreißprüfung der Zeit bestehen und galt auch noch für die 65jährige. Wer übrigens das seltene Glück haben sollte, eine ihrer vierzehn echten Aufnahmen auf 78er Platte zu besitzen, wird mit der Umdrehungszahl sehr herumexperimentieren müssen, bevor er die richtige Tonhöhe erwischt.

Man sollte meinen, dass eine Sängerin, die nicht nur die Opernbühnen souverän beherrschte, sondern auch für genügend presseergiebige Skandale sorgte, seit jenem Abend vor genau 110 Jahren, an dem sie als „Lucia di Lammermoor" unter dem Namen „Linie Florinda" in New York debütierte, genügend Biographen gefunden hätte. Dies ist aber nicht der Fall — was angesichts der recht erheblichen Nellie-Melba-Literatur einigermaßen verwunderlich ist. Wer an der bewegten Karriere der Patti interessiert ist, sollte versuchen, ein Exemplar des Buches „Great Women Singers of My Time" von Herman Klein zu erhalten, die vor wenigen Jahren neuaufgelegten Memoiren ihres Managers Mapleson oder die ihres Dirigenten Fred Gaisberg. Natürlich ist eine erhebliche Portion Skepsis bei der Lektüre am Platz. So behauptet Mapleson, dass Adelina Patti auf der Höhe ihres Ruhmes überhaupt nicht mehr zu Proben erschienen wäre und daher nicht einmal gewusst habe, wer mit ihr am gleichen Abend auftreten würde. Auch sollte man die Gagenangaben mit Vorsicht aufnehmen, da mir die Differenz zwischen Covent Garden und der Metropolitan Opera zu groß erscheint.

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Die Primadonna begann ihre irdische Laufbahn recht ungewöhnlich. 1843 sangen beide Eltern - Italiener von Herkunft — in Madrid. Am 9. Februar traten Signora Caterina Barili Patti als Bellinis Norma und Salvatore Patti als Pollione auf. Aber noch vor Ende der Vorstellung musste die keusche Druidenpriesterin Bühne und Theater verlassen, da sich ihr achtes Kind ankündigte: Adelina Giovanna Maria. Zwei Jahre später emigrierten die Eltern nach New York, wo Adelina in einer sehr musikalischen Umgebung aufwuchs. Als Kind durfte sie sich bereits Proben anhören, auf denen Jenny Lind, Henriette Sontag, Grisi und Alboni sangen. Sie war musikalisch frühreif, und als sie mit sieben Jahren bereits die schwierige Donizetti-Arie „Casta diva“ auswendig und völlig fehlerfrei zu singen vermochte, wurde sofort ein Konzert arrangiert, um die neue „Königin des Gesangs" zu lancieren, die auch schon die Arie „Una voce" aus Rossinis „Barbier" in ihr kleines Repertoire aufgenommen hatte. Der Erfolg war sensationell. Maurice Strakosch, der später Schwager der Patti wurde, arrangierte sofort eine Konzerttournee für das Wunderkind, die drei Jahre lang dauerte und auf der die Sängerin von dem sehr bekannten norwegischen Geiger Ole Bull begleitet wurde. Erst als 15jährige entschied sich Adelina, zur Opernbühne zu gehen. Ihr Debüt als Lucia am 24. November 1859 wurde eine Sensation. Das blutjunge Mädchen wurde für den Rest der Spielzeit engagiert, für die sie vierzehn verschiedene Rollen lernen musste. Es begann eine der glänzendsten und längsten Bühnenkarrieren der Operngeschichte. Als Adelina Patti 1861 zum ersten Mal nach Europa kam und in London Triumphe feierte, erhielt sie anfangs nur rund 32 Pfund Gage pro Abend. Wenige Jahre später konnte sie an verschiedenen amerikanischen Bühnen, die sich um den Star rissen, nicht weniger als 3000 Gold-Dollar kassieren. Deutsche Musikfreunde mag noch interessieren, dass Adelina Patti regelmäßig Deutschland besuchte, um in Berlin, Hamburg, Frankfurt, München und anderen großen Städten zu singen — eine Reiseroute, die damals viele der berühmten Stars mieden.

Die Patti blieb ihr Leben lang eine große Bewunderin Richard Wagners und besuchte Bayreuth in ihren späteren Lebensjahren regelmäßig. Doch musste sie es sich aus Gründen des Stimmtyps versagen, eine Rolle in seinen Opern zu singen. Immerhin nahm sie 1894 Wagner einmal in London in ihr Konzertprogramm auf und sang auf deutsch Elisabeths Gebet aus dem „Tannhäuser" und das Wesendonck-Lied „Träume". Man kann bei George Bernard Shaw nachlesen, welchen Schock ihm diese unvorhergesehene Wagner-Auslese versetzte. Was jedoch noch wichtiger ist: Sie sang „Träume" ganz besonders eindrucksvoll. Als später das unvermeidliche Encore verlangt wurde, wiederholte sie das Wagner- Lied anstelle des obligaten „Home, Sweet Home".

In diesen ersten dreißig Jahren ihrer Karriere hatte die Patti kaum Konkurrenz zu befürchten. Bei einer Tournee durch Russland wurde die Sängerin buchstäblich mit einem Vermögen von Juwelen überschüttet. Ihre erste Ehe ging sie mit dem französischen Marquis de Caux ein, sie wurde 1885 geschieden. Die Scheidung kostete der Patti damals die Summe von 1 1/2 Millionen Gold-Francs — für sie allerdings eine Kleinigkeit, denn sie verdiente allein in der Spielzeit 1888/89 100 000 Pfund! Sie war damals bereits mit dem französischen Tenor Nicolini verheiratet, der oft als ihr Partner auf der Bühne aufgetreten war. Für ihn kaufte sie das Schloss Craig-y-Nos im Innern von Wales, um dort einen Feriensitz zu haben. Das Schloss wurde erweitert und um ein intimes Theater bereichert, das auch heute noch existiert, besichtigt werden kann und gelegentlich zu Wohltätigkeitskonzerten verwendet wird. Nicolini starb 1898. Ein Jahr später war die Patti, nun bereits 55 Jahre alt, erneut verheiratet, diesmal mit dem viel jüngeren schwedischen Baron Rolf Cederström. Die Hochzeit wurde in Wales gefeiert, das Frühstück dagegen im eigenen Sonderzug nach London eingenommen.

1906 zog sich die Patti offiziell von der Londoner Bühne zurück, ein Jahr lang folgten die Abschiedsvorstellungen in der Provinz. Doch ließ sie sich 1914 noch einmal überreden, im Alter von 71 Jahren auf einem Wohltätigkeitskonzert des Roten Kreuzes aufzutreten. Ihr letzter Auftritt in einer Opernrolle hatte 1907 stattgefunden, als sie im Privattheater des großen Sängers Jean de Reszke in Paris an seiner Seite und von seinem Bruder Edouard, den Sängern Anselmi, Ancona und Pini Corsi assistiert, vor einem geladenen Publikum Rossinis Rosina sang.

Viele Kritiker haben nach dem Geheimnis ihrer langen Laufbahn und der erstaunlichen Erhaltung der Stimme geforscht. Die beste Erklärung des Phänomens hat wohl die berühmte Kollegin Lilli Lehmann gegeben: „Adelina Patti besaß unbewusst, als eine Gabe der Natur, die Übereinstimmung aller jener Qualitäten, die sich alle anderen Sänger aneignen und dann bewusst besitzen müssen. Ihre stimmlichen Organe standen in der günstigsten Beziehung zueinander. Ihr Talent und ihr außergewöhnlich geübtes Ohr behielten Kontrolle über die Schönheit ihres Gesangs und ihrer Stimme. Die glücklichen Lebensumstände schützten sie vor allen Verletzungen. Die Reinheit und Makellosigkeit ihres Tones, der wunderbare Ausgleich ihrer ganzen Stimme bestimmten den Zauber, mit dem sie ihr Publikum gefangen hielt."