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Ein neuer Stern am Koloraturhimmel: Huguette Tourangeau

Von
Herta Piper-Ziethen
Erschienen in der Printausgabe im
Februar 1970
Lesezeit ca.
…
Minuten
Herausforderung bestanden: Huguette Tourangeau als Cäsar in der Hamburger Inszenierung der Händel-Oper
Herausforderung bestanden: Huguette Tourangeau als Cäsar in der Hamburger Inszenierung der Händel-Oper

Am Tag nach der glanzvollen Hamburger Neuinszenierungs-Premiere von Händels „Julius Cäsar“ klingelte in aller Frühe mein Telefon. Durch den Draht tönte respektvolle Bewunderung für die einmaligen Triller- und Koloraturkünste Joan Sutherlands und — Wasser auf meine Mühle — flammende Begeisterung für Huguette Tourangeau in der ungewöhnlich schwierigen Kastratenpartie des Cäsar: „Grandios! Sie hat wirklich alles: sie kann singen, sie spielt hervorragend und sieht außerdem auch noch zauberhaft aus. Und welche Ausstrahlung, welche Musikalität! Sie serviert die Koloraturen nicht auf dem Präsentierteller, sondern fügt sie in die musikalische Linie ein. Und was für eine herrliche Stimme mit phantastischer Tiefe und runder Höhe. Tolle Gesangstechnik. Wo lernt man das heute noch, bei wem hat sie studiert, woher kommt sie überhaupt? Gibt es Platten von ihr?“ Berechtigter Enthusiasmus, berechtigte Fragen. Es wird gemunkelt, dass die Hamburger Aufführung aufgenommen werden soll. Sofern es sich realisieren sollte, würde das meines Wissens der erste original mit einem Koloraturalt besetzte Platten-Cäsar sein. Im Kasten hat die Decca aber schon die ersten Platten mit der jungen Kanadierin: Gesamtaufnahmen von Meyerbeers „Hugenotten“ und Händels „Messias“. Wann sie erscheinen werden, steht allerdings noch in den Sternen. In beiden singt die Sutherland, beide werden dirigiert von Richard Bonynge, auf dessen Empfehlung Rolf Liebermann die Tourangeau „blind“ gebucht hatte. Er würde sie gerne an die Hamburgische Staatsoper binden.

Huguette Tourangeau ist in Montreal geboren. „Ich komme aus einer sehr musikalischen, sehr lebhaften und schauspielerisch begabten Familie.“ Mit fünfzehn Jahren begann sie bei Ruzenga Herlinger mit dem Gesangsunterricht, machte ihr Abitur und nahm dann das Gesangsstudium voll auf. Das Geheimnis ihrer vortrefflichen Koloraturtechnik („es ist nicht nur eine Frage der Technik, sondern vor allem des eisern intensiven Trainings“) heißt: insgesamt neun Jahre Gesangsstudium, wie in seligen, alten Zeiten. Dass die amerikanische Sängerausbildung der deutschen um Kilometer voraus ist, bestätigt sich auch hier wieder. „Wir hatten verschiedene Klassen: deutsches Lied, französisches Lied, deutsche Oper, italienische Oper usw. Wir mussten sie alle besuchen und das Repertoire erarbeiten.“

1964 beteiligte sie sich an dem jährlich stattfindenden Wettbewerb der Met für junge Berufssänger. Unter den 1500 Bewerbern zählte sie zu den wenigen Auserwählten, die für eine zehnmonatige Tournee durch die Lande engagiert wurden. Erste Rollen: Suzuki und Carmen. „Vom ersten Augenblick, an dem ich die Bühne betrat, habe ich große Rollen bekommen.“ Bei ihrer Carmen dürfte sie das hohe Alter von 25 Jahren gehabt haben. „Wissen Sie, Carmen ist im Grunde keine Frage des Alters. Ja, es ist schauspielerisch und stimmlich eine harte, diffizile Partie — it's a killer. Natürlich muss man das alles trainieren, aber das Letzte kann man nicht lernen. Man muss es erfühlen. Entweder hat man das Spieltalent und das gewisse Etwas vom Typ her oder man hat es nicht. Klar, dass ich mit 35 Jahren eine andere, auch stimmlich noch bessere Carmen singen werde. Wenn es nicht so wäre, wäre es schlimm.“

Nach der Tournee sang sie auf dem Stratford Festival den Figaro-Cherubino. Am Pult stand Sutherland-Gatte Richard Bonynge, der Mann, der von Stund an ihr Mentor werden sollte. Sicher nicht zuletzt deshalb, weil sich die Stimmen Sutherland - Tourangeau klanglich besonders schön miteinander verbinden. Gekommen war das Glück, von dem jede junge Anfängerin träumt. Zum Talent, Können und Wollen die große Chance. Als Giovanni-Zerline(!), in Lakme, den Hugenotten, Cäsar und Messias, demnächst als Adalgisa in „Norma“ neben der Sutherland, in „Lukretia Borgia“ neben einer Caballe stehen zu dürfen, kommt einem Stratosphärenflug gleich. Große Ehre und zugleich höchste Herausforderung. Unter Solti wird sie in Chicago — „ein Experiment“ — die Wagner-Wellgunde singen.

Huguette Tourangeau ist die intelligente, gebildete Sängerin der jungen Generation, die genau weiß, was sie will und was sie im harten Konkurrenzkampf zu leisten hat. Aus dem französischen Sprachraum kommend, kennt sie ihren Gide, Sartre, ihren Mauriac. Sie sammelt moderne Malerei. „Nein, nicht Pop-Art, ich bin da sehr wählerisch. Ich bin auch sehr streng mit mir und singe nur das, was meiner Stimme nicht schadet. Die meisten Sänger machen den Fehler, dass sie am laufenden Band singen wollen. Sie reisen und reisen und sind in wenigen Jahren kaputt. Und die meisten Mezzosoprane ruinieren ihre Stimme, weil sie viel zu jung an die schweren, dramatischen Partien herangehen. Die Versuchung ist ja sehr groß, wenn man die Höhe bis zum C hat. Ich werde jedenfalls diesen Fehler nicht machen. Ich nicht! Die Stimme muss reifen. Lady Macbeth, Amneris oder Azucena — durchaus Partien für mich — werde ich erst mit 40 Jahren singen und keinen Tag früher.“ Also in etwa zehn Jahren.

Seit sechs Monaten ist Huguette Tourangeau glückliche Ehefrau. In hellstem Es-dur klingt es: Er, der Herrlichste von allen. „Nein wirklich, er ist ganz besonders wunderbar.“ Sie möchte „ihn“ glücklich machen, wünscht sich „einen Haufen Kinder“ und hat sich vorgenommen, Ehe und Beruf gleichermaßen zum Erfolg zu führen. „Ich bin der Ansicht, was man will, das kann man auch. Wenn ich merke, dass das Reisen meine Ehe belastet, werde ich es einschränken.“

Eine strahlende, glückliche junge Frau, sehr lieb, sehr hübsch, mit lebhaftem Temperament und viel Humor. „Ich bin Optimistin. Ich liebe das Leben!“ Nach ihrem Hamburger Cäsar darf man ihren ersten Platten gleichfalls mit größtem Optimismus entgegensehen.

Am Tag nach der glanzvollen Hamburger Neuinszenierungs-Premiere von Händels „Julius Cäsar“ klingelte in aller Frühe mein Telefon. Durch den Draht tönte respektvolle Bewunderung für die einmaligen Triller- und Koloraturkünste Joan Sutherlands und — Wasser auf meine Mühle — flammende Begeisterung für Huguette Tourangeau in der ungewöhnlich schwierigen Kastratenpartie des Cäsar: „Grandios! Sie hat wirklich alles: sie kann singen, sie spielt hervorragend und sieht außerdem auch noch zauberhaft aus. Und welche Ausstrahlung, welche Musikalität! Sie serviert die Koloraturen nicht auf dem Präsentierteller, sondern fügt sie in die musikalische Linie ein. Und was für eine herrliche Stimme mit phantastischer Tiefe und runder Höhe. Tolle Gesangstechnik. Wo lernt man das heute noch, bei wem hat sie studiert, woher kommt sie überhaupt? Gibt es Platten von ihr?“ Berechtigter Enthusiasmus, berechtigte Fragen. Es wird gemunkelt, dass die Hamburger Aufführung aufgenommen werden soll. Sofern es sich realisieren sollte, würde das meines Wissens der erste original mit einem Koloraturalt besetzte Platten-Cäsar sein. Im Kasten hat die Decca aber schon die ersten Platten mit der jungen Kanadierin: Gesamtaufnahmen von Meyerbeers „Hugenotten“ und Händels „Messias“. Wann sie erscheinen werden, steht allerdings noch in den Sternen. In beiden singt die Sutherland, beide werden dirigiert von Richard Bonynge, auf dessen Empfehlung Rolf Liebermann die Tourangeau „blind“ gebucht hatte. Er würde sie gerne an die Hamburgische Staatsoper binden.

Huguette Tourangeau ist in Montreal geboren. „Ich komme aus einer sehr musikalischen, sehr lebhaften und schauspielerisch begabten Familie.“ Mit fünfzehn Jahren begann sie bei Ruzenga Herlinger mit dem Gesangsunterricht, machte ihr Abitur und nahm dann das Gesangsstudium voll auf. Das Geheimnis ihrer vortrefflichen Koloraturtechnik („es ist nicht nur eine Frage der Technik, sondern vor allem des eisern intensiven Trainings“) heißt: insgesamt neun Jahre Gesangsstudium, wie in seligen, alten Zeiten. Dass die amerikanische Sängerausbildung der deutschen um Kilometer voraus ist, bestätigt sich auch hier wieder. „Wir hatten verschiedene Klassen: deutsches Lied, französisches Lied, deutsche Oper, italienische Oper usw. Wir mussten sie alle besuchen und das Repertoire erarbeiten.“

1964 beteiligte sie sich an dem jährlich stattfindenden Wettbewerb der Met für junge Berufssänger. Unter den 1500 Bewerbern zählte sie zu den wenigen Auserwählten, die für eine zehnmonatige Tournee durch die Lande engagiert wurden. Erste Rollen: Suzuki und Carmen. „Vom ersten Augenblick, an dem ich die Bühne betrat, habe ich große Rollen bekommen.“ Bei ihrer Carmen dürfte sie das hohe Alter von 25 Jahren gehabt haben. „Wissen Sie, Carmen ist im Grunde keine Frage des Alters. Ja, es ist schauspielerisch und stimmlich eine harte, diffizile Partie — it's a killer. Natürlich muss man das alles trainieren, aber das Letzte kann man nicht lernen. Man muss es erfühlen. Entweder hat man das Spieltalent und das gewisse Etwas vom Typ her oder man hat es nicht. Klar, dass ich mit 35 Jahren eine andere, auch stimmlich noch bessere Carmen singen werde. Wenn es nicht so wäre, wäre es schlimm.“

Nach der Tournee sang sie auf dem Stratford Festival den Figaro-Cherubino. Am Pult stand Sutherland-Gatte Richard Bonynge, der Mann, der von Stund an ihr Mentor werden sollte. Sicher nicht zuletzt deshalb, weil sich die Stimmen Sutherland - Tourangeau klanglich besonders schön miteinander verbinden. Gekommen war das Glück, von dem jede junge Anfängerin träumt. Zum Talent, Können und Wollen die große Chance. Als Giovanni-Zerline(!), in Lakme, den Hugenotten, Cäsar und Messias, demnächst als Adalgisa in „Norma“ neben der Sutherland, in „Lukretia Borgia“ neben einer Caballe stehen zu dürfen, kommt einem Stratosphärenflug gleich. Große Ehre und zugleich höchste Herausforderung. Unter Solti wird sie in Chicago — „ein Experiment“ — die Wagner-Wellgunde singen.

Huguette Tourangeau ist die intelligente, gebildete Sängerin der jungen Generation, die genau weiß, was sie will und was sie im harten Konkurrenzkampf zu leisten hat. Aus dem französischen Sprachraum kommend, kennt sie ihren Gide, Sartre, ihren Mauriac. Sie sammelt moderne Malerei. „Nein, nicht Pop-Art, ich bin da sehr wählerisch. Ich bin auch sehr streng mit mir und singe nur das, was meiner Stimme nicht schadet. Die meisten Sänger machen den Fehler, dass sie am laufenden Band singen wollen. Sie reisen und reisen und sind in wenigen Jahren kaputt. Und die meisten Mezzosoprane ruinieren ihre Stimme, weil sie viel zu jung an die schweren, dramatischen Partien herangehen. Die Versuchung ist ja sehr groß, wenn man die Höhe bis zum C hat. Ich werde jedenfalls diesen Fehler nicht machen. Ich nicht! Die Stimme muss reifen. Lady Macbeth, Amneris oder Azucena — durchaus Partien für mich — werde ich erst mit 40 Jahren singen und keinen Tag früher.“ Also in etwa zehn Jahren.

Seit sechs Monaten ist Huguette Tourangeau glückliche Ehefrau. In hellstem Es-dur klingt es: Er, der Herrlichste von allen. „Nein wirklich, er ist ganz besonders wunderbar.“ Sie möchte „ihn“ glücklich machen, wünscht sich „einen Haufen Kinder“ und hat sich vorgenommen, Ehe und Beruf gleichermaßen zum Erfolg zu führen. „Ich bin der Ansicht, was man will, das kann man auch. Wenn ich merke, dass das Reisen meine Ehe belastet, werde ich es einschränken.“

Eine strahlende, glückliche junge Frau, sehr lieb, sehr hübsch, mit lebhaftem Temperament und viel Humor. „Ich bin Optimistin. Ich liebe das Leben!“ Nach ihrem Hamburger Cäsar darf man ihren ersten Platten gleichfalls mit größtem Optimismus entgegensehen.