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Martina Arroyo

Von
Gottfried Kraus
Erschienen in der Printausgabe im
März 1970
Lesezeit ca.
…
Minuten
Martina Arroyo bei den Aufnahmen zur neuen „Macht des Schicksals“
Martina Arroyo bei den Aufnahmen zur neuen „Macht des Schicksals“

„Vor knapp neun Jahren, auf einer Tournee des Amerika-Hauses quer durch Österreichs Musikstädte, hörte ich sie zum ersten Mal: blutjung, mit einer wunderbar timbrierten, schlanken Sopranstimme, hoher Musikalität und mit jener herrlichen Mischung aus Ernsthaftigkeit und Ursprünglichkeit begabt, welcher man in der weißen Rasse und insbesondere in unseren Gegenden nur noch so selten begegnet. In den folgenden Jahren hatte man immer wieder Gelegenheit, die Entwicklung der jungen Sängerin zu verfolgen. Inzwischen ist Martina Arroyo ein Weltstar geworden, dessen Termine den großen Opernhäusern der Welt, internationalen Schallplattenfirmen, und — viel zu selten — dem Konzertsaal gehören.

Es ist nicht leicht, den Eindruck dieser Stimme zu definieren. Sie ist groß und dramatisch geworden und doch schlank geblieben. Sie hat ihr silbernes Timbre bewahrt und ist zugleich in den Ausdrucksregistern unerhört modulationsfähig. Sie hat noch immer den ganz eigenen Klangcharakter ihrer Rasse und klingt doch bisweilen wie die schönsten italienischen Sopranstimmen. Vor allem aber: Hier ist die Stimme wirklich Ausdruck des Menschen, der Persönlichkeit. Alle Kunstfertigkeit der Atemführung, der Vokalbildung, der Linie, des Ziergesangs, der Dynamik und des stimmlichen Ausdrucks wird nicht als Kunstfertigkeit, sondern als Natur empfunden. Die Ernsthaftigkeit der jungen Sängerin ist einem tiefen, künstlerischen Ernst gewichen, der sich in der vollkommenen Übereinstimmung von Mensch und Künstler ausdrückt. Hier ist einer der seltenen Fälle, wo Kunst und Natur eine vollkommene Synthese eingehen.“

Es sei ausnahmsweise erlaubt, mit einem Selbstzitat zu beginnen. Denn anders, zutreffender hätte ich heute, elf Jahre nach jener ersten Begegnung mit Martina Arroyo in Wien, das Besondere dieser Sängerin nicht formulieren können als vor knapp zwei Jahren unter dem unmittelbaren Eindruck eines Liederabends im Salzburger Mozarteum. Inzwischen hat Martina Arroyo der Liste ihrer Erfolge in aller Welt noch eine ganze Menge hinzugefügt, und sie liegt in der in Amerika mit besonderer Akribie geführten Rangliste der „leading sopranos“ ganz vorne im Spitzenfeld, unmittelbar neben der Nilsson, der Price. Sie singt als Gast aller großen Opernhäuser zwischen New York und Wien, London und Buenos Aires, sie hat sich neben den angestammten Rollen, mit denen sie berühmt wurde, Aida natürlich, Butterfly, Leonore in „Troubadour“ und Leonore in „Macht des Schicksals“, Amelia, Elisabeth, auch noch ein anderes Fach erobert: die Elsa im „Lohengrin“, die sie mit großem Erfolg an der „Met“ gesungen hat, die Madeleine in „Andre Chenier“, die Valentine in den „Hugenotten“ und sogar die Leonore in Beethovens „Fidelio“. Sie hat in einer Reihe von Schallplattenaufnahmen gesungen („Don Giovanni“, „Macht des Schicksals“, „Hugenotten“, dem „Troubadour“, der demnächst erscheint, ferner die Sopransoli in der Neunten und der „Missa solemnis“ von Beethoven, in Händels „Samson“ unter Richter und in den „Momenten“ von Stockhausen) und als Liedersängerin in vielen großen Städten Erfolg gehabt. Und ihr Terminkalender weist Martina Arroyo als einen der meistbeschäftigten Stars der gegenwärtigen Sängerwelt aus.

Dabei ist Martina Arroyo gewiss nicht das, was man sich unter einem Star vorstellt. Sie hat eine ganz und gar nicht sensationelle Karriere gemacht, sieht man von der großen „Chance“ ab, die in jedem richtigen Sängerleben eine Rolle spielt und bei Martina Arroyo kam, als sie 1965 für Birgit Nilsson an der New Yorker „Met“ als Aida einspringen musste. „Man konnte das Stöhnen des Publikums fast bis nach Haarlem hören, als verkündet wurde, dass ich anstelle der Nilsson singen würde. Aber nach dem ersten Akt war alles in Ordnung.“ Vierzehn Vorhänge am Ende der Vorstellung und ein Vertrag für das erste Fach waren die Folge.

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Doch vorher war es schon Stufe für Stufe vorangegangen. Die Tochter des aus Spanien eingewanderten Mechanikers Demetroi Arroyo und seiner dunkelhäutigen Frau Lucille, von deren Kochkünsten noch heute jeder Besucher der Sängerin wahre Wunderdinge zu erzählen weiß, hatte als Kind wohl in Schul- und Kirchenchören gesungen (Martinas einziger Bruder ist Pfarrer einer New Yorker Baptistengemeinde), aber erst im College ihre Stimme entdeckt. Ein mehr oder weniger zufälliges Vorsingen für den Leiter der Operntruppe des Hunter-College, an dem Martina studierte, entschied ihr Leben. Dieser schickte sie zu Marinka Gurewich, einer berühmten New Yorker Gesangslehrerin, mit der Martina Arroyo noch heute arbeitet. Drei Jahre College, einige Monate als Italienisch-Lehrerin in einer Volksschule des New Yorker Stadtteils Bronx und zwei Jahre als Fürsorgerin bildeten den Hintergrund für ein überaus ernsthaftes und konsequentes Gesangsstudium, das 1958 mit dem ersten Preis eines von der Metropolitan Opera veranstalteten Nachwuchswettbewerbs belohnt wurde. Nach einigen kleinen Rollen an der „Met“ aber ging Martina Arroyo zuerst nach Europa, sang Liederabende und in Oratorienaufführungen und begann als Aida an verschiedenen Opernhäusern zu gastieren. 1963 wurde sie Mitglied der Zürcher Oper und nahm, gemeinsam mit ihrem Mann, dem italienischen Bratschisten Emilio Poggioni, ihren zweiten Wohnsitz in der Schweiz. In den vergangenen Jahren allerdings ist Martina Arroyo nur noch tageweise in Zürich gewesen. Ihr Terminkalender, bis 1972 überstrapaziert, lässt nicht viel Zeit für das Privatleben, und vielleicht ist das der einzige Wermutstropfen, der Martina Arroyos Freude über den erreichten Erfolg trübt. Emilio, den sie selbst als ihren strengsten Kritiker bezeichnet — „er hat so schrecklich gute Ohren, und wenn er in Konzerten sitzt, deutet er mir immer mit dem Finger an, was er zu hoch oder zu tief findet“ —, hat nicht allzu viel Gelegenheit, in ihren Konzerten zu sitzen. Was nichts daran ändert, dass jeder Können und Arbeit des anderen sehr bewundert.

Der Erfolg der Martina Arroyo hat neben ihrem Talent und ihrer Musikalität zwei wesentliche Komponenten: ihren Ehrgeiz und ihre Natürlichkeit. Ehrgeiz — das ist nicht nur der Wille zum Erfolg, sondern das bedeutet in ihrem Fall ein sehr genaues Wissen um alle die Dinge, die dazugehören: Die Beherrschung der Sprachen, in denen sie singt, die selbstverständliche Kenntnis der stilistischen Merkmale der interpretierten Werke und der Mentalität des Komponisten, das tägliche Training und die Rücksicht auf die Stimme und letztlich auch das Verzichtenkönnen auf Dinge, die sich mit dem Leben eines Sängers eben nicht verbinden lassen.

Und dazu helfen Martina Arroyo ihre Natürlichkeit und ihr ausgeprägter Humor. Im Gegensatz zu mancher ihrer dunkelhäutigen Kolleginnen hat Martina Arroyo nie den Versuch gemacht, etwas anderes zu scheinen als sie ist. Wer sie auf der Bühne oder im Konzertsaal erlebt hat, wird neben der künstlerischen und sängerischen Disziplin auch ihre Natürlichkeit bewundern, ihre, fast müsste man sagen: kreatürliche Anmut und Ursprünglichkeit, die ihre Neigung zur Korpulenz, die die leidenschaftliche Feinschmeckerin durch verhasste Diätvorschriften in Grenzen zu halten sucht, völlig vergessen und übersehen lässt. Die Lebendigkeit ihrer Augen und der zauberhafte Humor, wenn sie etwa erzählt, wie ihre „Mammie“, als sie als eine der Walküren zum ersten Mal mit blonden Zöpfen die Bühne betrat, im Parkett so laut gelacht hatte, dass sie es durch die Musik des Walkürenritts gehört habe, sind überwältigend. Überhaupt erzählt sie gern von Mammie. Zum Beispiel auch, dass, als Reporter in ihrer New Yorker Wohnung von ihrer Mutter wissen wollten, ob sie Platten ihrer berühmten Tochter hätte, diese eine Platte von Leontyne Price aufgelegt hätte mit den Worten: „Hören Sie die, die hört Martina auch immer.“

Apropos Platten: Es gibt noch nicht allzu viele, die den ganzen Reichtum der Arroyo-Stimme zeigen. Vielleicht wird die neue „Troubadour“-Aufnahme dazu zählen. Ihre Elvira in Karl Böhms „Don Giovanni“, die bei den Aufnahmen in Prag von allen Beteiligten als die Sensation empfunden worden war, enttäuschte auf der Platte. Hier scheinen, ebenso wie bei Ezio Flagellos Leporello, zugunsten des stimmlichen Gleichgewichts mit weniger potenten Ensemblekollegen die Techniker nur einen „Teil“ der Stimme auf das Band gelassen zu haben. Doch abgesehen davon: Ein Arienporträt und auch eine Liederplatte — Martina Arroyo singt hinreißend spanische Lieder, aber ebenso überzeugend Schubert und Brahms — wären fällig.

„Vor knapp neun Jahren, auf einer Tournee des Amerika-Hauses quer durch Österreichs Musikstädte, hörte ich sie zum ersten Mal: blutjung, mit einer wunderbar timbrierten, schlanken Sopranstimme, hoher Musikalität und mit jener herrlichen Mischung aus Ernsthaftigkeit und Ursprünglichkeit begabt, welcher man in der weißen Rasse und insbesondere in unseren Gegenden nur noch so selten begegnet. In den folgenden Jahren hatte man immer wieder Gelegenheit, die Entwicklung der jungen Sängerin zu verfolgen. Inzwischen ist Martina Arroyo ein Weltstar geworden, dessen Termine den großen Opernhäusern der Welt, internationalen Schallplattenfirmen, und — viel zu selten — dem Konzertsaal gehören.

Es ist nicht leicht, den Eindruck dieser Stimme zu definieren. Sie ist groß und dramatisch geworden und doch schlank geblieben. Sie hat ihr silbernes Timbre bewahrt und ist zugleich in den Ausdrucksregistern unerhört modulationsfähig. Sie hat noch immer den ganz eigenen Klangcharakter ihrer Rasse und klingt doch bisweilen wie die schönsten italienischen Sopranstimmen. Vor allem aber: Hier ist die Stimme wirklich Ausdruck des Menschen, der Persönlichkeit. Alle Kunstfertigkeit der Atemführung, der Vokalbildung, der Linie, des Ziergesangs, der Dynamik und des stimmlichen Ausdrucks wird nicht als Kunstfertigkeit, sondern als Natur empfunden. Die Ernsthaftigkeit der jungen Sängerin ist einem tiefen, künstlerischen Ernst gewichen, der sich in der vollkommenen Übereinstimmung von Mensch und Künstler ausdrückt. Hier ist einer der seltenen Fälle, wo Kunst und Natur eine vollkommene Synthese eingehen.“

Es sei ausnahmsweise erlaubt, mit einem Selbstzitat zu beginnen. Denn anders, zutreffender hätte ich heute, elf Jahre nach jener ersten Begegnung mit Martina Arroyo in Wien, das Besondere dieser Sängerin nicht formulieren können als vor knapp zwei Jahren unter dem unmittelbaren Eindruck eines Liederabends im Salzburger Mozarteum. Inzwischen hat Martina Arroyo der Liste ihrer Erfolge in aller Welt noch eine ganze Menge hinzugefügt, und sie liegt in der in Amerika mit besonderer Akribie geführten Rangliste der „leading sopranos“ ganz vorne im Spitzenfeld, unmittelbar neben der Nilsson, der Price. Sie singt als Gast aller großen Opernhäuser zwischen New York und Wien, London und Buenos Aires, sie hat sich neben den angestammten Rollen, mit denen sie berühmt wurde, Aida natürlich, Butterfly, Leonore in „Troubadour“ und Leonore in „Macht des Schicksals“, Amelia, Elisabeth, auch noch ein anderes Fach erobert: die Elsa im „Lohengrin“, die sie mit großem Erfolg an der „Met“ gesungen hat, die Madeleine in „Andre Chenier“, die Valentine in den „Hugenotten“ und sogar die Leonore in Beethovens „Fidelio“. Sie hat in einer Reihe von Schallplattenaufnahmen gesungen („Don Giovanni“, „Macht des Schicksals“, „Hugenotten“, dem „Troubadour“, der demnächst erscheint, ferner die Sopransoli in der Neunten und der „Missa solemnis“ von Beethoven, in Händels „Samson“ unter Richter und in den „Momenten“ von Stockhausen) und als Liedersängerin in vielen großen Städten Erfolg gehabt. Und ihr Terminkalender weist Martina Arroyo als einen der meistbeschäftigten Stars der gegenwärtigen Sängerwelt aus.

Dabei ist Martina Arroyo gewiss nicht das, was man sich unter einem Star vorstellt. Sie hat eine ganz und gar nicht sensationelle Karriere gemacht, sieht man von der großen „Chance“ ab, die in jedem richtigen Sängerleben eine Rolle spielt und bei Martina Arroyo kam, als sie 1965 für Birgit Nilsson an der New Yorker „Met“ als Aida einspringen musste. „Man konnte das Stöhnen des Publikums fast bis nach Haarlem hören, als verkündet wurde, dass ich anstelle der Nilsson singen würde. Aber nach dem ersten Akt war alles in Ordnung.“ Vierzehn Vorhänge am Ende der Vorstellung und ein Vertrag für das erste Fach waren die Folge.

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Doch vorher war es schon Stufe für Stufe vorangegangen. Die Tochter des aus Spanien eingewanderten Mechanikers Demetroi Arroyo und seiner dunkelhäutigen Frau Lucille, von deren Kochkünsten noch heute jeder Besucher der Sängerin wahre Wunderdinge zu erzählen weiß, hatte als Kind wohl in Schul- und Kirchenchören gesungen (Martinas einziger Bruder ist Pfarrer einer New Yorker Baptistengemeinde), aber erst im College ihre Stimme entdeckt. Ein mehr oder weniger zufälliges Vorsingen für den Leiter der Operntruppe des Hunter-College, an dem Martina studierte, entschied ihr Leben. Dieser schickte sie zu Marinka Gurewich, einer berühmten New Yorker Gesangslehrerin, mit der Martina Arroyo noch heute arbeitet. Drei Jahre College, einige Monate als Italienisch-Lehrerin in einer Volksschule des New Yorker Stadtteils Bronx und zwei Jahre als Fürsorgerin bildeten den Hintergrund für ein überaus ernsthaftes und konsequentes Gesangsstudium, das 1958 mit dem ersten Preis eines von der Metropolitan Opera veranstalteten Nachwuchswettbewerbs belohnt wurde. Nach einigen kleinen Rollen an der „Met“ aber ging Martina Arroyo zuerst nach Europa, sang Liederabende und in Oratorienaufführungen und begann als Aida an verschiedenen Opernhäusern zu gastieren. 1963 wurde sie Mitglied der Zürcher Oper und nahm, gemeinsam mit ihrem Mann, dem italienischen Bratschisten Emilio Poggioni, ihren zweiten Wohnsitz in der Schweiz. In den vergangenen Jahren allerdings ist Martina Arroyo nur noch tageweise in Zürich gewesen. Ihr Terminkalender, bis 1972 überstrapaziert, lässt nicht viel Zeit für das Privatleben, und vielleicht ist das der einzige Wermutstropfen, der Martina Arroyos Freude über den erreichten Erfolg trübt. Emilio, den sie selbst als ihren strengsten Kritiker bezeichnet — „er hat so schrecklich gute Ohren, und wenn er in Konzerten sitzt, deutet er mir immer mit dem Finger an, was er zu hoch oder zu tief findet“ —, hat nicht allzu viel Gelegenheit, in ihren Konzerten zu sitzen. Was nichts daran ändert, dass jeder Können und Arbeit des anderen sehr bewundert.

Der Erfolg der Martina Arroyo hat neben ihrem Talent und ihrer Musikalität zwei wesentliche Komponenten: ihren Ehrgeiz und ihre Natürlichkeit. Ehrgeiz — das ist nicht nur der Wille zum Erfolg, sondern das bedeutet in ihrem Fall ein sehr genaues Wissen um alle die Dinge, die dazugehören: Die Beherrschung der Sprachen, in denen sie singt, die selbstverständliche Kenntnis der stilistischen Merkmale der interpretierten Werke und der Mentalität des Komponisten, das tägliche Training und die Rücksicht auf die Stimme und letztlich auch das Verzichtenkönnen auf Dinge, die sich mit dem Leben eines Sängers eben nicht verbinden lassen.

Und dazu helfen Martina Arroyo ihre Natürlichkeit und ihr ausgeprägter Humor. Im Gegensatz zu mancher ihrer dunkelhäutigen Kolleginnen hat Martina Arroyo nie den Versuch gemacht, etwas anderes zu scheinen als sie ist. Wer sie auf der Bühne oder im Konzertsaal erlebt hat, wird neben der künstlerischen und sängerischen Disziplin auch ihre Natürlichkeit bewundern, ihre, fast müsste man sagen: kreatürliche Anmut und Ursprünglichkeit, die ihre Neigung zur Korpulenz, die die leidenschaftliche Feinschmeckerin durch verhasste Diätvorschriften in Grenzen zu halten sucht, völlig vergessen und übersehen lässt. Die Lebendigkeit ihrer Augen und der zauberhafte Humor, wenn sie etwa erzählt, wie ihre „Mammie“, als sie als eine der Walküren zum ersten Mal mit blonden Zöpfen die Bühne betrat, im Parkett so laut gelacht hatte, dass sie es durch die Musik des Walkürenritts gehört habe, sind überwältigend. Überhaupt erzählt sie gern von Mammie. Zum Beispiel auch, dass, als Reporter in ihrer New Yorker Wohnung von ihrer Mutter wissen wollten, ob sie Platten ihrer berühmten Tochter hätte, diese eine Platte von Leontyne Price aufgelegt hätte mit den Worten: „Hören Sie die, die hört Martina auch immer.“

Apropos Platten: Es gibt noch nicht allzu viele, die den ganzen Reichtum der Arroyo-Stimme zeigen. Vielleicht wird die neue „Troubadour“-Aufnahme dazu zählen. Ihre Elvira in Karl Böhms „Don Giovanni“, die bei den Aufnahmen in Prag von allen Beteiligten als die Sensation empfunden worden war, enttäuschte auf der Platte. Hier scheinen, ebenso wie bei Ezio Flagellos Leporello, zugunsten des stimmlichen Gleichgewichts mit weniger potenten Ensemblekollegen die Techniker nur einen „Teil“ der Stimme auf das Band gelassen zu haben. Doch abgesehen davon: Ein Arienporträt und auch eine Liederplatte — Martina Arroyo singt hinreißend spanische Lieder, aber ebenso überzeugend Schubert und Brahms — wären fällig.