René Kollo: „Was heißt schon schweres Fach?“
Tenorkarrieren 70: Wenn wir unsere Porträtserie in diesem Heft mit Berichten über zwei Tenöre fortsetzen, die erst am Beginn ihrer Laufbahn stehen, so nicht allein, um über „neue Namen“ der deutschen Bühnen- und Schallplattenszene zu informieren. Hochkarätige Tenorstimmen sind seit je umworbene Mangelware gewesen. Die Biographien dieser beiden 30jährigen weisen nebenbei noch exemplarisch auf die starken Spannungen zwischen zu frühen oder falschen Karriere-Angeboten und unforcierbarem inneren Reifestand hin, mit denen gerade die „großen Hoffnungen“ unter ihnen im Jet- und TV-Zeitalter fertig zu werden haben.

„Kollo-Kollo-Kollossal“ — wie einer der fünfzehn Plattentitel aus René Kollos erster Ehe mit der sehr leichten Muse hieß — ist sein Vormarsch in das tenorale Heldenfach. Der Drang zum Höheren, den Operetten-Großvater und Vater Walter und Willi Kollo so gänzlich vermissen ließen, rumorte von Anbeginn in ihm. Großes Liebäugeln (auch heute noch) mit dem Dirigentenberuf. Das klappte aus privaten Gründen nicht. So begab er sich denn, inzwischen schon heftig ins Show- und Schlagergeschäft eingestiegen, erst einmal auf Verdacht in die klassische Gesangsausbildung zu Elsa Varena, einer ehemals Hochdramatischen. „Um zu sehen, wie weit man da kommt, wohin es geht. Das zeigt sich bekanntlich erst nach einigen Jahren.“
Es zeigte sich. Erstes Engagement 1965 in Braunschweig. Kleine und mittlere Partien quer durch die Landschaft. 1967 Absprung nach Düsseldorf, wo er soeben seinen Vertrag (neben Gastverträgen mit München und Frankfurt) um weitere zwei Jahre verlängert hat. Das Klima und die Zusammenarbeit mit Grischa Barfuss behagen ihm. Neben Mozarts Titus und dem Butterfly-Pinkerton war es besonders sein Laca in Jenufa, der von sich reden machte. Aber so richtig kam der Durchbruch, als der Kollo-Spross im vergangenen Jahr in Bayreuth den Steuermann im Fliegenden Holländer sang. Da merkten die Fachleute im Lande sozusagen geschlossen auf. In diesem Jahr ist es bereits der Erik, den er neben dem Froh im „Rheingold“ auf dem Grünen Hügel singen wird. Als ich ihn kurz vor Ostern sprach, kam er gerade aus Italien, wo er jüngst unter Sawallisch als Arabella-Matteo die Akustik der Mailänder Scala ausprobierte und einen Palermo-Urlaub mit fünfmal Froh verbilligte. „Gerade das richtige für die Ferien.“
Er selber offensichtlich ebenfalls eine Frohnatur: lebhaft, unbeschwert, clever und sympathisch. Keiner von der Sorte: Achtung, jetzt kommt der größte Tenor seit Adams Zeiten. Ein legerer, sich natürlich gebender junger Mann von 32 Jahren mit der Selbstsicherheit, die ein Sänger braucht. Keine Tenor-Mimose mit Flüsterstimme und stimmbandpflegenden Geheimtinkturen. Er trinkt seinen eisgekühlten Whisky und raucht munter seine Zigaretten, denn „es härtet die Schleimhäute und alles, was mit dem Singen zu tun hat, ab, und die besten Sänger haben alle geraucht“. Kollo kann es sich noch erlauben, mit seiner jungen, unverbrauchten Stimme nicht wie ein rohes Ei umzugehen.
Kollo würde auch gerne Lieder singen, am liebsten Schumanns Dichterliebe und vor allem Mahler und Strauss. „Aber das ist wahnsinnig schwer und braucht sehr viel Zeit.“ Sie wird er in Zukunft noch weniger haben, denn das Karussell beginnt sich zu drehen. Er tendiert mehr zum italienischen Fach als zum deutschen, und er liebt Wagner. Beabsichtigt jedoch nicht, sich auf ihn festzulegen. Dabei läuft es schon verdächtig in die Richtung. Der notorische Mangel an Wagner-Tenören begünstigt ohne Rücksicht auf eventuelle Verluste für den Künstler das Experiment. So kommen auch auf Kollo schon die bereits an der Grenze zum schweren Fach liegenden Partien zu, bevor er noch mit beiden Beinen im jugendlichen Fach steht. In der anstehenden Tannhäuser-Gesamtaufnahme unter Solti wird er den Titelhelden singen. Die CBS, die sich den Heldentenor-homo-novus durch Exklusivvertrag gesichert hat, leiht ihn der Decca großzügig aus. Beruhigend die Versicherung des Künstlers, dass er den Tannhäuser noch nicht auf der Bühne singen will. Im nächsten Jahr steht aber in der Covent Garden und wahrscheinlich auch in San Francisco der Siegmund der „Walküre“ an. Und von seiner „Traumpartie von der ersten Stunde an“, dem Tristan, sagt er zwar: „lentamente, lentamente“. Aber auch: „Ich will noch nicht darüber reden, aber in Sicht ist sie auf jeden Fall schon.“ Zunächst singt er jetzt sechsmal in Venedig den Parsifal. „Ich finde, wenn er ideal — Wagners Vorstellungen entsprechend — besetzt sein soll, muss er so jung sein, wie es geht.“ Das ist sicher richtig. Ein ältlicher „reiner Tor“ mit Embonpoint ist weniger glaubwürdig als ein schlanker, knuspriger René Kollo.
Etwas beängstigend (im Interesse dieses hochbegabten Sängers) ist bei der ganzen Wagnerei nur das Tempo, mit dem er sich an die „Brocken“ heranmacht und damit einer unforcierten Entwicklung vorausgreift. Er wäre nicht der erste, der sich auf diese Weise an dem „Stimmherostraten Wagner den Kehlkopf einrennen“ könnte. Alle diese Partien verlangen großes Gewicht und Volumen in der Mittellage und Tiefe, während die Töne über dem a in der Höhe auf Eis gelegt werden können. Noch ist René Kollo aber, wie seine erste deutsche Arienplatte (CBS S 71 076) zeigt, ein ausgesprochen jugendlicher Heldentenor mit kapitalen, mühelosen und strahlenden Gipfeltönen und leicht abfallender Substanz nach der Tiefe. Die männlich kräftige, eher hell timbrierte Stimme ist vollkommen intakt, ausgezeichnet platziert und spricht in allen Lagen sicher und ohne die geringste Forcierung an. Er kann es sich leisten, voll einzusteigen („ich hasse es, auf Sparflamme zu singen“), ohne an die Grenzen seines Stimmvermögens zu geraten. Dazu rare Tenor-Tugenden: präziser Ansatz, gute Intonation, tadellose Vokalbildung und Aussprache. Alles, was er hat und was er kann, demonstriert er nachdrücklich mit Temperament und jugendlichem Elan, ohne je unkultiviert zu werden. Am überzeugendsten in den Arien der B-Seite bei Puccini und der tadellos gesungenen Blumen-Arie aus Carmen. Auf feinere musikalische Differenzierungen, auf sensible dynamische Abstufungen hat Kollo sich insgesamt noch wenig konzentriert. Nicht ein einziges Mal bekommt man ein echtes Piano oder ein Pianissimo von ihm zu hören. Wie bei den meisten Recital-Erstlingen dominiert der reine Gesang vor der Musik. So bleibt denn auch die an sich engagierte und emotionell aufgeladene Gestaltung noch recht generalisierend. Da sie nicht unmittelbar am Komponisten, dem jeweiligen musikalisch-textlichen Inhalt orientiert ist, wird sie allgemeingültig und austauschbar. Besonders spürbar in den Arien aus dem deutschen Repertoire auf Seite A, die mit En-bloc-Lyrik und Musikalität nicht zu erschließen sind. Die beiden Mozart-Arien (Zauberflöte und Entführung) geraten am unverbindlichsten. Da kommt denn auch die Gesangslinie mit einem nicht lückenlosen Legato ins Wanken. Der ansonsten wacker begleitende Kurt Eichhorn mit dem Münchner Rundfunkorchester lässt überdies Mozart mit schweren Schritten schreiten. Am relativ eindrucksvollsten ist Kollo die Freischütz-Arie gelungen. Auf einer nächsten Platte wird Kollo mit Arleen Auger (Wiener Staatsoper) Liebesszenen und Duette singen, und dann folgt eine Operettenplatte des „deutschen Tenors auf dem Wege zum Weltruhm“. Als „Silberstreifen am Horizont“ sieht CBS (wenn Kollo hält, was er verspricht) eine Opernaufnahme mit Bernstein. Wobei man nebenbei erfährt, dass der Wiener Rosenkavalier mit Bernstein nun doch aufgenommen werden soll. Inzwischen wird René Kollo genug zu tun haben, um neben all seinen Terminen in tutto il mondo die vielen neuen Partien — auch die italienischen - zu erarbeiten.
„Kollo-Kollo-Kollossal“ — wie einer der fünfzehn Plattentitel aus René Kollos erster Ehe mit der sehr leichten Muse hieß — ist sein Vormarsch in das tenorale Heldenfach. Der Drang zum Höheren, den Operetten-Großvater und Vater Walter und Willi Kollo so gänzlich vermissen ließen, rumorte von Anbeginn in ihm. Großes Liebäugeln (auch heute noch) mit dem Dirigentenberuf. Das klappte aus privaten Gründen nicht. So begab er sich denn, inzwischen schon heftig ins Show- und Schlagergeschäft eingestiegen, erst einmal auf Verdacht in die klassische Gesangsausbildung zu Elsa Varena, einer ehemals Hochdramatischen. „Um zu sehen, wie weit man da kommt, wohin es geht. Das zeigt sich bekanntlich erst nach einigen Jahren.“
Es zeigte sich. Erstes Engagement 1965 in Braunschweig. Kleine und mittlere Partien quer durch die Landschaft. 1967 Absprung nach Düsseldorf, wo er soeben seinen Vertrag (neben Gastverträgen mit München und Frankfurt) um weitere zwei Jahre verlängert hat. Das Klima und die Zusammenarbeit mit Grischa Barfuss behagen ihm. Neben Mozarts Titus und dem Butterfly-Pinkerton war es besonders sein Laca in Jenufa, der von sich reden machte. Aber so richtig kam der Durchbruch, als der Kollo-Spross im vergangenen Jahr in Bayreuth den Steuermann im Fliegenden Holländer sang. Da merkten die Fachleute im Lande sozusagen geschlossen auf. In diesem Jahr ist es bereits der Erik, den er neben dem Froh im „Rheingold“ auf dem Grünen Hügel singen wird. Als ich ihn kurz vor Ostern sprach, kam er gerade aus Italien, wo er jüngst unter Sawallisch als Arabella-Matteo die Akustik der Mailänder Scala ausprobierte und einen Palermo-Urlaub mit fünfmal Froh verbilligte. „Gerade das richtige für die Ferien.“
Er selber offensichtlich ebenfalls eine Frohnatur: lebhaft, unbeschwert, clever und sympathisch. Keiner von der Sorte: Achtung, jetzt kommt der größte Tenor seit Adams Zeiten. Ein legerer, sich natürlich gebender junger Mann von 32 Jahren mit der Selbstsicherheit, die ein Sänger braucht. Keine Tenor-Mimose mit Flüsterstimme und stimmbandpflegenden Geheimtinkturen. Er trinkt seinen eisgekühlten Whisky und raucht munter seine Zigaretten, denn „es härtet die Schleimhäute und alles, was mit dem Singen zu tun hat, ab, und die besten Sänger haben alle geraucht“. Kollo kann es sich noch erlauben, mit seiner jungen, unverbrauchten Stimme nicht wie ein rohes Ei umzugehen.
Kollo würde auch gerne Lieder singen, am liebsten Schumanns Dichterliebe und vor allem Mahler und Strauss. „Aber das ist wahnsinnig schwer und braucht sehr viel Zeit.“ Sie wird er in Zukunft noch weniger haben, denn das Karussell beginnt sich zu drehen. Er tendiert mehr zum italienischen Fach als zum deutschen, und er liebt Wagner. Beabsichtigt jedoch nicht, sich auf ihn festzulegen. Dabei läuft es schon verdächtig in die Richtung. Der notorische Mangel an Wagner-Tenören begünstigt ohne Rücksicht auf eventuelle Verluste für den Künstler das Experiment. So kommen auch auf Kollo schon die bereits an der Grenze zum schweren Fach liegenden Partien zu, bevor er noch mit beiden Beinen im jugendlichen Fach steht. In der anstehenden Tannhäuser-Gesamtaufnahme unter Solti wird er den Titelhelden singen. Die CBS, die sich den Heldentenor-homo-novus durch Exklusivvertrag gesichert hat, leiht ihn der Decca großzügig aus. Beruhigend die Versicherung des Künstlers, dass er den Tannhäuser noch nicht auf der Bühne singen will. Im nächsten Jahr steht aber in der Covent Garden und wahrscheinlich auch in San Francisco der Siegmund der „Walküre“ an. Und von seiner „Traumpartie von der ersten Stunde an“, dem Tristan, sagt er zwar: „lentamente, lentamente“. Aber auch: „Ich will noch nicht darüber reden, aber in Sicht ist sie auf jeden Fall schon.“ Zunächst singt er jetzt sechsmal in Venedig den Parsifal. „Ich finde, wenn er ideal — Wagners Vorstellungen entsprechend — besetzt sein soll, muss er so jung sein, wie es geht.“ Das ist sicher richtig. Ein ältlicher „reiner Tor“ mit Embonpoint ist weniger glaubwürdig als ein schlanker, knuspriger René Kollo.
Etwas beängstigend (im Interesse dieses hochbegabten Sängers) ist bei der ganzen Wagnerei nur das Tempo, mit dem er sich an die „Brocken“ heranmacht und damit einer unforcierten Entwicklung vorausgreift. Er wäre nicht der erste, der sich auf diese Weise an dem „Stimmherostraten Wagner den Kehlkopf einrennen“ könnte. Alle diese Partien verlangen großes Gewicht und Volumen in der Mittellage und Tiefe, während die Töne über dem a in der Höhe auf Eis gelegt werden können. Noch ist René Kollo aber, wie seine erste deutsche Arienplatte (CBS S 71 076) zeigt, ein ausgesprochen jugendlicher Heldentenor mit kapitalen, mühelosen und strahlenden Gipfeltönen und leicht abfallender Substanz nach der Tiefe. Die männlich kräftige, eher hell timbrierte Stimme ist vollkommen intakt, ausgezeichnet platziert und spricht in allen Lagen sicher und ohne die geringste Forcierung an. Er kann es sich leisten, voll einzusteigen („ich hasse es, auf Sparflamme zu singen“), ohne an die Grenzen seines Stimmvermögens zu geraten. Dazu rare Tenor-Tugenden: präziser Ansatz, gute Intonation, tadellose Vokalbildung und Aussprache. Alles, was er hat und was er kann, demonstriert er nachdrücklich mit Temperament und jugendlichem Elan, ohne je unkultiviert zu werden. Am überzeugendsten in den Arien der B-Seite bei Puccini und der tadellos gesungenen Blumen-Arie aus Carmen. Auf feinere musikalische Differenzierungen, auf sensible dynamische Abstufungen hat Kollo sich insgesamt noch wenig konzentriert. Nicht ein einziges Mal bekommt man ein echtes Piano oder ein Pianissimo von ihm zu hören. Wie bei den meisten Recital-Erstlingen dominiert der reine Gesang vor der Musik. So bleibt denn auch die an sich engagierte und emotionell aufgeladene Gestaltung noch recht generalisierend. Da sie nicht unmittelbar am Komponisten, dem jeweiligen musikalisch-textlichen Inhalt orientiert ist, wird sie allgemeingültig und austauschbar. Besonders spürbar in den Arien aus dem deutschen Repertoire auf Seite A, die mit En-bloc-Lyrik und Musikalität nicht zu erschließen sind. Die beiden Mozart-Arien (Zauberflöte und Entführung) geraten am unverbindlichsten. Da kommt denn auch die Gesangslinie mit einem nicht lückenlosen Legato ins Wanken. Der ansonsten wacker begleitende Kurt Eichhorn mit dem Münchner Rundfunkorchester lässt überdies Mozart mit schweren Schritten schreiten. Am relativ eindrucksvollsten ist Kollo die Freischütz-Arie gelungen. Auf einer nächsten Platte wird Kollo mit Arleen Auger (Wiener Staatsoper) Liebesszenen und Duette singen, und dann folgt eine Operettenplatte des „deutschen Tenors auf dem Wege zum Weltruhm“. Als „Silberstreifen am Horizont“ sieht CBS (wenn Kollo hält, was er verspricht) eine Opernaufnahme mit Bernstein. Wobei man nebenbei erfährt, dass der Wiener Rosenkavalier mit Bernstein nun doch aufgenommen werden soll. Inzwischen wird René Kollo genug zu tun haben, um neben all seinen Terminen in tutto il mondo die vielen neuen Partien — auch die italienischen - zu erarbeiten.



