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Janet Baker: Eine Lady des Liedes

Von
To Burg
Erschienen in der Printausgabe im
Juni 1970
Lesezeit ca.
…
Minuten

„Janet Baker verfügt über eine in allen Registern vollkommen ausgewogene Stimme, eine offensichtlich makellose Technik, und dazu die musikalische Intelligenz, in Noten Gemeintes, ideal umzusetzen.“ So urteilte am 13. November 1966 die New York Times, als JB, die Engländerin aus der Grafschaft Yorkshire, in Amerika debütierte.

Die bekannten Stationen vor diesem Amerika-Debüt:

  • Erster musikalischer Unterricht in Leeds (bei York)
  • 1953 Studium (Musik und Sprechtechnik) bei Helena Isepp und Meriel St. Clair
  • 1956 Kathleen-Ferrier-Preis der Daily Mail (Stipendium); damit Fortsetzung des Studiums am Mozarteum Salzburg
  • 1959 Queen's Price des Royal College of Music (finanzierte weiteres Studium)
  • 1960 Konzert bei den Edinburgher Festspielen; damit internationaler Karrierebeginn der 27jährigen
  • 1961 Erstmals in Berlin; in Edinburgh unter Klemperer Altpartie in Mahlers 2. Sinfonie
  • 1962 Schostakowitsch-Programm in Edinburgh; „Dido“ bei Aufführungen der English Opera Group (Britten-Pears)
  • 1964 Mit der English Opera Group Tournee durch Russland (Aufführungen von Brittens „Rape of Lucretia“ und „Albert Herring“)
  • 1966 April: Mit Josef Krips Amerika-Debüt in San Francisco; November/Dezember Tournee durch die USA und Kanada (mit dem Melos-Ensemble); Exklusivvertrag mit der EMI

Es folgen Tourneen durch Europa, Australien und wieder Amerika (umjubelter Liederabend in der Carnegie Hall New York). Im vergangenen Frühjahr Tournee durch die Bundesrepublik.

Grand Prix du Disque für Mahlers „Kindertotenlieder“; zweimal Deutscher Schallplattenpreis 1969 für Händel-Kantaten auf SME 91 780 und für Lieder-Recital (Schubert, Wolf, Strauss) auf C 063-00 391.

„Janet Baker verfügt über eine in allen Registern vollkommen ausgewogene Stimme, eine offensichtlich makellose Technik, und dazu die musikalische Intelligenz, in Noten Gemeintes, ideal umzusetzen.“ Über die Sängerin JB ist durch diesen kritischen Befund der New York Times im Grunde alles gesagt.

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Es ließe sich freilich zergliedern: Man müsste von der stabilen Strahlkraft dieser Stimme sprechen; von der Pianissimo-, Mezzavoce-, Kopftonkultur, von der Koloratur-Virtuosität. Von der ausgezeichneten Textverständlichkeit sogar, mit der die Engländerin deutsche Lieder singt. Müsste vom umfassenden „Ausdrucks“-Bereich sprechen: Von der rhythmischen Integrität, der feinststufenden Dynamik, dem phrasisch niemals unkontrollierten, vollendeten Vortrag, von der lyrisch oder dramatisch gleich stark begabten Wesenskraft (als Beispiel für die Summe alles dessen höre man etwa, von der Händel-Platte, die Cantata „Armida abbandonata“!). Darüber eben steht aber eine musikwissenschaftliche, musikgeistige, musikseelische Intensität, Reife und Lauterkeit — „die musikalische Intelligenz, all das, ideal umzusetzen.“

Und letztlich ist es das kaum vergleichbar Phänomenische an Janet Baker: Ihr Hörer ist sehr bald in dem Zustand, dass ihn nicht mehr interessiert, ob da ein Alt oder eine Hochdramatische, ein Mezzo oder ein Koloratursopran, eine Lieder- oder Ariensängerin, eine Spezialistin für Bach oder Britten am Werk ist — so sehr ist man gebannt von einer gesanglichen und musikalischen Kongruenz, die zugleich die vollendete Übereinstimmung mit dem vorgetragenen Werk, dahinter mit der exakt ausgetragenen Persönlichkeit Janet Bakers ist. Es ist ein Stromkreis, aus dem sie einen keinen Augenblick lang entlässt — und das wohl ist der zwingendste Grund für ihren Erfolg, einen stetig wachsenden, durch nichts mehr zu gefährdenden Erfolg. Schon auch deswegen nicht mehr zu gefährden, weil JB, wie von jeher, so genau die Stadien ihrer jeweiligen Reife und Zuständigkeit kennt.

Es gibt keine Meinungsverschiedenheit über die Qualitäten der Lieder-, Konzert- und Oratoriensängerin. Nicht weniger indes ist sie als singende actress anerkannt — ohnehin schwankte sie lange, sich zwischen Musik und Schauspiel zu entscheiden. Ihre Dido (aus Purcells „Dido und Aeneas“), Nancy (aus Brittens „Albert Herring“), Covent-Garden-Debüt-Hermia (aus Brittens „Midsummer night's dream“), Edwige (aus Händels „Rodelinde“), Dorabella (aus Mozarts „Cosi fan tutte“) haben weithin Ruhm geerntet - aber nach wie vor lehnt sie es noch ab, Verdi- oder Wagner-Partien zu singen, denen sie sich nicht oder noch nicht gewachsen fühlt. Das entspricht Lady Janets selbstkritischer Klugheit. Nicht widerspricht es der Klugheit und der Selbstkritik — sondern es bestätigt sie — wenn das JB-Repertoire (zeitlich) weit über Verdi und Wagner bis zu Schönberg und Webern hinausreicht und bis Bach und Purcell zurückgeht (die erste Schallplatte, zusammen mit Menuhin, machte sie mit zwei Bach-Kantaten). Oder von der Kantate bis zur TV-Show gespannt ist.

Hört man die Baker-Schallplatten der Reihe nach durch (wozu man nicht einmal beruflich gezwungen zu sein braucht), hält man die jeweils abgehörte für die beste. Kann man diese Sängerin impetuoser, virtuoser, ausdrucksmächtiger kennenlernen als durch die Händel-Kantaten? Um Leid, Leidenschaft und stumme Trauer wissender als bei den Mahler-Zyklen? Einfühlsamer, nuancierter und nobler als bei dem Lieder-Recital (mit der so eigenständigen Schubert-Auswahl, den so bewussten Distanzierungen von Richard Straussischer Halbseide — Lady des Liedes ...)?

Am Ende fließt alles zusammen zur unteilbaren Kunst, die diese großartige Frau ausübt, zur Reverenz für diese „servant of music“, in der die „Flamme“ brennt, von der Musik erkannt wurde und nie verraten wird.

„I love music so much“, sagt Janet Baker, „that’s the thing!“ Und antwortet auf die letzte Frage des Gesprächs, welche Rangstufe unter den Sängern sie sich selbst zuerkenne: „Oh, eine sehr gute!“

Quer durch alle Beurteilungen der Janet Baker zieht sich die Feststellung, sie sei eine zweite Kathleen Ferrier. Was Gerald Moore lakonisch berichtigte: „Sie ist keine zweite Ferrier, sondern die erste Janet Baker!“

„Janet Baker verfügt über eine in allen Registern vollkommen ausgewogene Stimme, eine offensichtlich makellose Technik, und dazu die musikalische Intelligenz, in Noten Gemeintes, ideal umzusetzen.“ So urteilte am 13. November 1966 die New York Times, als JB, die Engländerin aus der Grafschaft Yorkshire, in Amerika debütierte.

Die bekannten Stationen vor diesem Amerika-Debüt:

  • Erster musikalischer Unterricht in Leeds (bei York)
  • 1953 Studium (Musik und Sprechtechnik) bei Helena Isepp und Meriel St. Clair
  • 1956 Kathleen-Ferrier-Preis der Daily Mail (Stipendium); damit Fortsetzung des Studiums am Mozarteum Salzburg
  • 1959 Queen's Price des Royal College of Music (finanzierte weiteres Studium)
  • 1960 Konzert bei den Edinburgher Festspielen; damit internationaler Karrierebeginn der 27jährigen
  • 1961 Erstmals in Berlin; in Edinburgh unter Klemperer Altpartie in Mahlers 2. Sinfonie
  • 1962 Schostakowitsch-Programm in Edinburgh; „Dido“ bei Aufführungen der English Opera Group (Britten-Pears)
  • 1964 Mit der English Opera Group Tournee durch Russland (Aufführungen von Brittens „Rape of Lucretia“ und „Albert Herring“)
  • 1966 April: Mit Josef Krips Amerika-Debüt in San Francisco; November/Dezember Tournee durch die USA und Kanada (mit dem Melos-Ensemble); Exklusivvertrag mit der EMI

Es folgen Tourneen durch Europa, Australien und wieder Amerika (umjubelter Liederabend in der Carnegie Hall New York). Im vergangenen Frühjahr Tournee durch die Bundesrepublik.

Grand Prix du Disque für Mahlers „Kindertotenlieder“; zweimal Deutscher Schallplattenpreis 1969 für Händel-Kantaten auf SME 91 780 und für Lieder-Recital (Schubert, Wolf, Strauss) auf C 063-00 391.

„Janet Baker verfügt über eine in allen Registern vollkommen ausgewogene Stimme, eine offensichtlich makellose Technik, und dazu die musikalische Intelligenz, in Noten Gemeintes, ideal umzusetzen.“ Über die Sängerin JB ist durch diesen kritischen Befund der New York Times im Grunde alles gesagt.

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Es ließe sich freilich zergliedern: Man müsste von der stabilen Strahlkraft dieser Stimme sprechen; von der Pianissimo-, Mezzavoce-, Kopftonkultur, von der Koloratur-Virtuosität. Von der ausgezeichneten Textverständlichkeit sogar, mit der die Engländerin deutsche Lieder singt. Müsste vom umfassenden „Ausdrucks“-Bereich sprechen: Von der rhythmischen Integrität, der feinststufenden Dynamik, dem phrasisch niemals unkontrollierten, vollendeten Vortrag, von der lyrisch oder dramatisch gleich stark begabten Wesenskraft (als Beispiel für die Summe alles dessen höre man etwa, von der Händel-Platte, die Cantata „Armida abbandonata“!). Darüber eben steht aber eine musikwissenschaftliche, musikgeistige, musikseelische Intensität, Reife und Lauterkeit — „die musikalische Intelligenz, all das, ideal umzusetzen.“

Und letztlich ist es das kaum vergleichbar Phänomenische an Janet Baker: Ihr Hörer ist sehr bald in dem Zustand, dass ihn nicht mehr interessiert, ob da ein Alt oder eine Hochdramatische, ein Mezzo oder ein Koloratursopran, eine Lieder- oder Ariensängerin, eine Spezialistin für Bach oder Britten am Werk ist — so sehr ist man gebannt von einer gesanglichen und musikalischen Kongruenz, die zugleich die vollendete Übereinstimmung mit dem vorgetragenen Werk, dahinter mit der exakt ausgetragenen Persönlichkeit Janet Bakers ist. Es ist ein Stromkreis, aus dem sie einen keinen Augenblick lang entlässt — und das wohl ist der zwingendste Grund für ihren Erfolg, einen stetig wachsenden, durch nichts mehr zu gefährdenden Erfolg. Schon auch deswegen nicht mehr zu gefährden, weil JB, wie von jeher, so genau die Stadien ihrer jeweiligen Reife und Zuständigkeit kennt.

Es gibt keine Meinungsverschiedenheit über die Qualitäten der Lieder-, Konzert- und Oratoriensängerin. Nicht weniger indes ist sie als singende actress anerkannt — ohnehin schwankte sie lange, sich zwischen Musik und Schauspiel zu entscheiden. Ihre Dido (aus Purcells „Dido und Aeneas“), Nancy (aus Brittens „Albert Herring“), Covent-Garden-Debüt-Hermia (aus Brittens „Midsummer night's dream“), Edwige (aus Händels „Rodelinde“), Dorabella (aus Mozarts „Cosi fan tutte“) haben weithin Ruhm geerntet - aber nach wie vor lehnt sie es noch ab, Verdi- oder Wagner-Partien zu singen, denen sie sich nicht oder noch nicht gewachsen fühlt. Das entspricht Lady Janets selbstkritischer Klugheit. Nicht widerspricht es der Klugheit und der Selbstkritik — sondern es bestätigt sie — wenn das JB-Repertoire (zeitlich) weit über Verdi und Wagner bis zu Schönberg und Webern hinausreicht und bis Bach und Purcell zurückgeht (die erste Schallplatte, zusammen mit Menuhin, machte sie mit zwei Bach-Kantaten). Oder von der Kantate bis zur TV-Show gespannt ist.

Hört man die Baker-Schallplatten der Reihe nach durch (wozu man nicht einmal beruflich gezwungen zu sein braucht), hält man die jeweils abgehörte für die beste. Kann man diese Sängerin impetuoser, virtuoser, ausdrucksmächtiger kennenlernen als durch die Händel-Kantaten? Um Leid, Leidenschaft und stumme Trauer wissender als bei den Mahler-Zyklen? Einfühlsamer, nuancierter und nobler als bei dem Lieder-Recital (mit der so eigenständigen Schubert-Auswahl, den so bewussten Distanzierungen von Richard Straussischer Halbseide — Lady des Liedes ...)?

Am Ende fließt alles zusammen zur unteilbaren Kunst, die diese großartige Frau ausübt, zur Reverenz für diese „servant of music“, in der die „Flamme“ brennt, von der Musik erkannt wurde und nie verraten wird.

„I love music so much“, sagt Janet Baker, „that’s the thing!“ Und antwortet auf die letzte Frage des Gesprächs, welche Rangstufe unter den Sängern sie sich selbst zuerkenne: „Oh, eine sehr gute!“

Quer durch alle Beurteilungen der Janet Baker zieht sich die Feststellung, sie sei eine zweite Kathleen Ferrier. Was Gerald Moore lakonisch berichtigte: „Sie ist keine zweite Ferrier, sondern die erste Janet Baker!“