Hans Sotin: Ein Bass auf dem Wege zum Weltruhm
Ein fono forum-Porträt von Herta Piper-Ziethen

Taucht irgendwo ein mehr oder minder begabter Tenor auf, wird sogleich das große Trara geblasen. Eifrige Manager verhelfen mit ausgekochten Slogans zum Senkrechtstart. Soviel — oft nicht einmal begründeten — Aufhebens wird von den jungen Bassisten nicht gemacht. Sie müssen sich ihre Karriere ehrlich und fleißig erarbeiten. Auch die Schallplattenproduzenten haben Hornhaut auf dem Trommelfell, solange die Bässe sich nicht durch Leistung einen Namen gemacht haben. Bei Hans Sotin ist es jetzt endlich soweit, dass man sich allerorten für diesen hervorragenden jungen Bassisten der Spitzengruppe zu interessieren beginnt. Als er nach Zürich fuhr, um sich Otto Klemperer als Hunding für die anstehende „Walküren“-Aufnahme der Electrola vorzustellen, brummelte der Altmeister ihn noch ungnädig an: „Ja, aber ich kenne Sie ja gar nicht. Erstmal müssen Sie mir was vorsingen“. Hernach wollte er ihn dann auch gleich als Bartolo für die neue „Figaro“-Aufnahme.
Das musste Sotin (ebenso wie die EMI-Bruckner-Messe) ausschlagen, weil der Spielplan der Hamburgischen Staatsoper es nicht gestattete. Zurzeit ist er mit Kind und Kegel (sprich: seiner jungen Frau und seinen beiden Töchtern, 3 und 5 Jahre alt) nach Glyndebourne „ausgewandert“, wo er 14mal den Sarastro singen wird. Danach steht die „Aida“-Aufnahme (als Ramphis) mit der Price und Domingo, Beethovens „Christus am Ölberg“ sowie der erste Trip in die Neue Welt an. In einem Konzert der United Nations wird er unter Zubin Mehta in Beethovens „Neunter“ und konzertant den Fafner unter Georg Solti singen, dessen Hamburger „Zauberflöte“ ihm schon „einen Mordsspaß“ gemacht hatte. „Ich bin an sich nicht vom Dirigenten abhängig, aber es ist schon eine feine Sache, wenn am Pult nicht nur ein Taktschläger sitzt, sondern ein echter Künstler, der dem Sänger interpretatorisch wirklich etwas vermitteln kann. Das Entscheidende ist allerdings die Wechselwirkung zwischen Dirigenten und Sänger. Wenn der Sänger von sich aus nichts anbietet, kann er auch nicht vom Dirigenten erwarten, dass er mitgeht und mitatmet. Genau wie beim Partner. Wenn von der anderen Seite nichts kommt, kann man sich abstrampeln, Gott weiß wie, und es wird nichts“. Und wie ist es mit der Routine? Wie bewahrt ein Sänger sich davor, eine Partie beim x-tenmal nur noch abzuziehen? Sotin: „Dagegen gibt es nur ein Mittel: ich versuche mir immer wieder einzubilden, es sei eine Premiere“. Hans Sotin ist jetzt gut fünf Jahre in Hamburg und noch auf weitere drei Jahre fest verpflichtet. Er ist „ganz dick“ im Spielplan. Vergangenes Jahr mit 140 Vorstellungen. Er kam von Essen, wo er mit 23 Jahren debütierte und zwei Jahre lang gütige Weise, würdige Greise, Polizeikommissäre und sonstige Würzen jeder Art und Menge gesungen hatte. Begonnen hat die ganze Sache im Werkschor von Castrop-Rauxel. Dem Chorleiter fiel die Donnerstimme des jungen Chemie-Laboranten auf. So kam es denn, dass er von der brodelnden Materie zur holden Kunst hinüberwechselte: „Als ich anfing zu studieren, da brüllte ich natürlich wie ein Stier mit reiner Naturstimme, entsetzlich ungeschliffen und viel wuchtiger als heute.“ Heute nun zeichnet sich seine belkantistisch geschulte, äußerst kultivierte Stimme durch Wärme, Glanz und Schönheit des Timbres, Flexibilität und sonore Fülle in allen Lagen aus. Dunkle, profunde Tiefe und extrem gute, klare Höhe ohne den berüchtigten Nebelhornton.

Auch Liebermann hat seinen jungen Bassisten anfangs kurz gehalten, ihn mit Würzen abgespeist. Die kleinen Rollen gehen jetzt ganz in die Versenkung. Seit zwei Jahren etwa steht Hans Sotin im vollen Rampenlicht. Sein Repertoire reicht vom Spielbass über den Charakterbass bis zum seriösen Bass. Daneben schon Grenzpartien wie der Elektra-Orest, Figaro und Masetto. Der große Durchbruch gelang ihm im vergangenen Jahr mit dem herrlich gesungenen Procida in Verdis „Sizilianischer Vesper“ („Das italienische Fach liegt mir und macht mir sehr viel Spaß“) und jüngst mit dem Rosenkavalier-Ochs, der stimmlich und darstellerisch ein Volltreffer war. Hans Sotins Stimme marschiert - wie er selber glaubt — in die Höhe. Vieles deutet darauf hin, dass er eines Tages zum Heldenbariton avancieren wird. Diese Meinung bestätigt er: „Es ist durchaus möglich, aber ich möchte nichts forcieren. Noch fühle ich mich im Bassfach sehr wohl, und es gibt da für mich noch eine ganze Menge schöner Partien zu singen. Ich bin jetzt 30 Jahre: alles hat also noch Zeit, viel Zeit. Wir haben in Hamburg ein interessantes Theater. Wenn auch viele über die moderne Oper schimpfen: mich reizt es, immer wieder neue Aufgaben zu bekommen, die mich musikalisch und besonders schauspielerisch weiterbringen; wenn sie auch sängerisch oft sehr schwierig zu bewältigen sind. Die Anforderungen sind heutzutage schon enorm. Was man so innerhalb einer Woche an verschiedenen Stilen singen muss, ist toll. Die Brüllzeiten sind vorbei (???). Wer an einem Theater wie unserem nicht musikalisch ist, kann seine sieben Sachen gleich wieder zusammenpacken. Und auch stimmlich: ich arbeite noch jede Woche mit meinem Lehrer Dietger Jacob, denn es gibt immer wieder etwas zu lernen.“
Eben das hört man dann auch. Wann immer man in eine Aufführung der Hamburgischen Staatsoper geht: Wenn Hans Sotin singt, darf man gewiss sein, dass sich die Qualität der Stimme mit der Qualität der sängerischen und musikalischen Leistung deckt. Er selber redet nicht von seinen Erfolgen. Er meint nur, dass sein Ochs gewisse Leute vielleicht etwas wach gemacht hätte. Das Beste aber wäre, dass er ihn schon so früh bekommen hätte, denn jetzt hätte er genügend Zeit, die Partie mehr und mehr auszufeilen.
Er strahlt rundherum gemütliche Bass-Ruhe und Zufriedenheit aus. Nur mit der Sänger-Ausbildung an den deutschen Hochschulen ist er ganz und gar nicht einverstanden. Das ganze System sei ein einziger Unsinn. Ein Thema für sich, abendfüllend und fürwahr der Diskussion wert. Nun, Hans Sotin hat die Lehr- und Gesellenjahre hinter sich. Er befindet sich am Anfang seiner Meisterjahre und einer internationalen Karriere.
Taucht irgendwo ein mehr oder minder begabter Tenor auf, wird sogleich das große Trara geblasen. Eifrige Manager verhelfen mit ausgekochten Slogans zum Senkrechtstart. Soviel — oft nicht einmal begründeten — Aufhebens wird von den jungen Bassisten nicht gemacht. Sie müssen sich ihre Karriere ehrlich und fleißig erarbeiten. Auch die Schallplattenproduzenten haben Hornhaut auf dem Trommelfell, solange die Bässe sich nicht durch Leistung einen Namen gemacht haben. Bei Hans Sotin ist es jetzt endlich soweit, dass man sich allerorten für diesen hervorragenden jungen Bassisten der Spitzengruppe zu interessieren beginnt. Als er nach Zürich fuhr, um sich Otto Klemperer als Hunding für die anstehende „Walküren“-Aufnahme der Electrola vorzustellen, brummelte der Altmeister ihn noch ungnädig an: „Ja, aber ich kenne Sie ja gar nicht. Erstmal müssen Sie mir was vorsingen“. Hernach wollte er ihn dann auch gleich als Bartolo für die neue „Figaro“-Aufnahme.
Das musste Sotin (ebenso wie die EMI-Bruckner-Messe) ausschlagen, weil der Spielplan der Hamburgischen Staatsoper es nicht gestattete. Zurzeit ist er mit Kind und Kegel (sprich: seiner jungen Frau und seinen beiden Töchtern, 3 und 5 Jahre alt) nach Glyndebourne „ausgewandert“, wo er 14mal den Sarastro singen wird. Danach steht die „Aida“-Aufnahme (als Ramphis) mit der Price und Domingo, Beethovens „Christus am Ölberg“ sowie der erste Trip in die Neue Welt an. In einem Konzert der United Nations wird er unter Zubin Mehta in Beethovens „Neunter“ und konzertant den Fafner unter Georg Solti singen, dessen Hamburger „Zauberflöte“ ihm schon „einen Mordsspaß“ gemacht hatte. „Ich bin an sich nicht vom Dirigenten abhängig, aber es ist schon eine feine Sache, wenn am Pult nicht nur ein Taktschläger sitzt, sondern ein echter Künstler, der dem Sänger interpretatorisch wirklich etwas vermitteln kann. Das Entscheidende ist allerdings die Wechselwirkung zwischen Dirigenten und Sänger. Wenn der Sänger von sich aus nichts anbietet, kann er auch nicht vom Dirigenten erwarten, dass er mitgeht und mitatmet. Genau wie beim Partner. Wenn von der anderen Seite nichts kommt, kann man sich abstrampeln, Gott weiß wie, und es wird nichts“. Und wie ist es mit der Routine? Wie bewahrt ein Sänger sich davor, eine Partie beim x-tenmal nur noch abzuziehen? Sotin: „Dagegen gibt es nur ein Mittel: ich versuche mir immer wieder einzubilden, es sei eine Premiere“. Hans Sotin ist jetzt gut fünf Jahre in Hamburg und noch auf weitere drei Jahre fest verpflichtet. Er ist „ganz dick“ im Spielplan. Vergangenes Jahr mit 140 Vorstellungen. Er kam von Essen, wo er mit 23 Jahren debütierte und zwei Jahre lang gütige Weise, würdige Greise, Polizeikommissäre und sonstige Würzen jeder Art und Menge gesungen hatte. Begonnen hat die ganze Sache im Werkschor von Castrop-Rauxel. Dem Chorleiter fiel die Donnerstimme des jungen Chemie-Laboranten auf. So kam es denn, dass er von der brodelnden Materie zur holden Kunst hinüberwechselte: „Als ich anfing zu studieren, da brüllte ich natürlich wie ein Stier mit reiner Naturstimme, entsetzlich ungeschliffen und viel wuchtiger als heute.“ Heute nun zeichnet sich seine belkantistisch geschulte, äußerst kultivierte Stimme durch Wärme, Glanz und Schönheit des Timbres, Flexibilität und sonore Fülle in allen Lagen aus. Dunkle, profunde Tiefe und extrem gute, klare Höhe ohne den berüchtigten Nebelhornton.

Auch Liebermann hat seinen jungen Bassisten anfangs kurz gehalten, ihn mit Würzen abgespeist. Die kleinen Rollen gehen jetzt ganz in die Versenkung. Seit zwei Jahren etwa steht Hans Sotin im vollen Rampenlicht. Sein Repertoire reicht vom Spielbass über den Charakterbass bis zum seriösen Bass. Daneben schon Grenzpartien wie der Elektra-Orest, Figaro und Masetto. Der große Durchbruch gelang ihm im vergangenen Jahr mit dem herrlich gesungenen Procida in Verdis „Sizilianischer Vesper“ („Das italienische Fach liegt mir und macht mir sehr viel Spaß“) und jüngst mit dem Rosenkavalier-Ochs, der stimmlich und darstellerisch ein Volltreffer war. Hans Sotins Stimme marschiert - wie er selber glaubt — in die Höhe. Vieles deutet darauf hin, dass er eines Tages zum Heldenbariton avancieren wird. Diese Meinung bestätigt er: „Es ist durchaus möglich, aber ich möchte nichts forcieren. Noch fühle ich mich im Bassfach sehr wohl, und es gibt da für mich noch eine ganze Menge schöner Partien zu singen. Ich bin jetzt 30 Jahre: alles hat also noch Zeit, viel Zeit. Wir haben in Hamburg ein interessantes Theater. Wenn auch viele über die moderne Oper schimpfen: mich reizt es, immer wieder neue Aufgaben zu bekommen, die mich musikalisch und besonders schauspielerisch weiterbringen; wenn sie auch sängerisch oft sehr schwierig zu bewältigen sind. Die Anforderungen sind heutzutage schon enorm. Was man so innerhalb einer Woche an verschiedenen Stilen singen muss, ist toll. Die Brüllzeiten sind vorbei (???). Wer an einem Theater wie unserem nicht musikalisch ist, kann seine sieben Sachen gleich wieder zusammenpacken. Und auch stimmlich: ich arbeite noch jede Woche mit meinem Lehrer Dietger Jacob, denn es gibt immer wieder etwas zu lernen.“
Eben das hört man dann auch. Wann immer man in eine Aufführung der Hamburgischen Staatsoper geht: Wenn Hans Sotin singt, darf man gewiss sein, dass sich die Qualität der Stimme mit der Qualität der sängerischen und musikalischen Leistung deckt. Er selber redet nicht von seinen Erfolgen. Er meint nur, dass sein Ochs gewisse Leute vielleicht etwas wach gemacht hätte. Das Beste aber wäre, dass er ihn schon so früh bekommen hätte, denn jetzt hätte er genügend Zeit, die Partie mehr und mehr auszufeilen.
Er strahlt rundherum gemütliche Bass-Ruhe und Zufriedenheit aus. Nur mit der Sänger-Ausbildung an den deutschen Hochschulen ist er ganz und gar nicht einverstanden. Das ganze System sei ein einziger Unsinn. Ein Thema für sich, abendfüllend und fürwahr der Diskussion wert. Nun, Hans Sotin hat die Lehr- und Gesellenjahre hinter sich. Er befindet sich am Anfang seiner Meisterjahre und einer internationalen Karriere.



