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Am Klavier: Irwin Gage

Von
Herta Piper-Ziethen
Erschienen in der Printausgabe im
September 1970
Lesezeit ca.
…
Minuten

Gerald Moore hat sich um die Zunft der Begleiter verdient gemacht. Er hat den Mann am Klavier, das unbekannte und unbeachtete Wesen, aus seinem Mauerblümchendasein erlöst, ihm den Umsteiger aus dem Wagen für Dienstpersonal in die erste Klasse der Solisten beschafft, ihn reputierlich, ordenswürdig und sogar starfähig gemacht. Aber er hat auch — auf unzähligen Platten festgehalten — verpflichtende Maßstäbe für die Kunst der Begleitung gesetzt, die heute keiner mehr ungestraft unterschreiten kann. Der Meister hat's gesagt: „Es ist nicht leicht“.

In der Tat. Der Klasse-Begleiter — und nur er ist noch gefragt — muss ein ganzes Bündel an Qualitäten aufzuweisen haben. Man erwartet von ihm die technische Brillanz und Perfektion des Konzertpianisten (die er jedoch nicht mit wallender Mähne demonstrieren darf), besonders ausgeprägte Klangphantasie, um jede Tonvorstellung realisieren zu können, subtile und variable Anschlagskultur, individuelle Ausdrucks- wie Gestaltungskraft und das feine, sensible Ohr für die klangliche Assimilation. Er muss die Tugend höchster Anpassung üben, dem Sänger über jede Panne elegant hinweghelfen, unvorhergesehene Tempomodifikationen unmerklich ausgleichen, Impulse geben oder bremsen. Und wenn der Sänger plötzlich vor Beginn des Konzerts erklärt, er könne unmöglich das Lied in der hohen Lage singen, muss er selbstverständlich imstande sein, jederzeit jedes Lied „aus dem Hut“ um einen halben oder ganzen Ton in eine andere Tonart zu transponieren. In summa: der ideale Begleiter ist eine Art Personalunion von Top-Pianist, Musiker, Zauberer, Schießhund und Lotse. Dafür darf er als geachteter Partner auch einen Happen von den süßen Früchten des Erfolgs nehmen. Bedarf es noch der näheren Erklärung, warum es so wenige Exemplare dieser besonderen Spezies gibt?

Es muss der Behauptung widersprochen werden, der derzeitige Mangel an qualifizierten Begleitern rühre daher, dass die Jung-Pianisten an den Hochschulen aus lauter Scheu vor den grauslig antiquierten Liedertexten einen weiten Bogen um diesen Beruf machen. Erstens hat es in den Zeiten hochflorierenden Liedgesangs genauso wenig erstklassige Begleiter gegeben wie heute, und zweitens ist mir nicht ein einziger namhafter Pianist bekannt, der diesen (musikalische Erfahrung und idealistische Einstellung fordernden) Beruf direkt von der Hochschule aus angetreten hätte. Endlich: die sogenannte „Krise des Liedes“ lediglich als eine „literarische Krise“ zu deklarieren, heißt doch wohl das Problem arg simplifizieren. Abgesehen davon, dass hier Goethe mit Mayrhofer in einen Topf geworfen wird, darf - mit Verlaub - auf die Existenz der Musik hingewiesen werden. Die jungen Altistinnen stürzen sich mit unvermindertem Vergnügen auf Schumanns „Frauenliebe und Leben“, und wenn Fischer-Dieskau die „Winterreise“ oder die „Schöne Müllerin“ singt, kommen auch die jungen Menschen in Scharen in die Konzertsäle. Doch kehren wir zu den Begleitern zurück. Von den sechs derzeit ständig auf der Platte amtierenden Herren erfüllen nur drei die erwähnten Voraussetzungen. Erik Werba, der routinierteste, geschickteste und jeden sängerischen Notstand überbrückende Meister der Anpassung, lässt es zunehmend an pianistischer Politur fehlen. Jörg Demus bestätigt die alte Erkenntnis, dass ein guter Konzertpianist noch lange nicht ein gleich guter Liedbegleiter ist, und der von Gerald Moore als Nachfolger empfohlene neue EMI-Mann Geoffrey Parsons ist zwar ein glänzender Klavierspieler, gleicht aber ausgerechnet dem Typ des „taktvollen, nachgebenden, mitfühlenden Begleiters“ ohne Profil, den Moore nicht anerkennt. Bleiben also Dalton Baldwin, Irwin Gage und Jan Eyron, der sich mit den beiden Gedda-Liedplatten ganz vorzüglich eingeführt hat. Baldwin, der eigentlich Sänger werden wollte und dem die Gründung einer internationalen Schule zur Förderung des Kunstliedes vorschwebt, hat sich gerade wieder auf der Ameling-Platte mit Wolfs „Italienischem Liederbuch“ als exzellenter Begleiter ausgewiesen.

Der Jüngste im Bunde ist der 30jährige Amerikaner Irwin Gage. Seine Vielseitigkeit, hohe Sensibilität und musikalische Differenziertheit, Können und ausgeprägte Persönlichkeit haben ihm zunehmend in den Ruf gebracht, er sei „ein junger Gerald Moore“. Und es sieht ganz danach aus, als sei er drauf und dran, sich den verwaisten Thron des Altmeisters zu erobern. Er hat die komplexen first-class-Begleiterqualitäten und in besonderem Maße das instinktive, intuitive Gespür für die Stimme. Wie er sich ihren Schwebungen und Abtönungen bis in das feinste Detail tonlich anpasst, ist auf dem neuen Brahms-Schumann-Mahler-Recital von Helen Watts zu hören. Wenn er im Konzert am Flügel sitzt, wird seine begeisterte Freude am Musizieren spürbar. Ein sehr fließendes Musizieren mit Herz und Verstand und einer Anschlagskultur, die Labsal in Pianistenohren ist. Er entlockt - wechselnd von Lied zu Lied — dem Flügel eine Vielfalt an Klangfarben. Sein Ton ist betont warm und weich, voll, sehr kantabel, hat in allen dynamischen Bereichen Rundung und Substanz. Er weiß eine Phrase aufzubauen, Linien zu führen, Mittelstimmen zu aktivieren und Übergänge zu gestalten. Kurzum: es stimmt rundherum alles, und die Partnerschaft mit dem Sänger ist ideal.

Es stimmt vor allem auch deshalb, weil Gage nie versucht, etwas zu „machen“, weil er ehrlich und vollkommen natürlich musiziert. Gage: „Ich kann alles nur so spielen, wie ich es selber fühle und empfinde. Ich kann nicht gegen meine eigene Natur angehen. Wenn ich glaube, die richtige Einstellung zu einem Lied gefunden zu haben, okay, dann bleibe ich dabei. Auch wenn mir jemand sagt, dass es seit hundert Jahren anders gemacht worden ist. Zum Beispiel Schumanns ,Nussbaum‘. Die meisten Pianisten spielen mit viel Pedal. Ich sehe es anders. Es muss alles kristallklar und trotzdem nicht trocken klingen. Ich habe lange geübt, bis ich diesen schwebenden Klang heraus hatte und doch jeder Ton ganz deutlich war. Aber nicht mit Pedal. Ich versuche immer, jedes Lied mit den Ohren des Komponisten zu hören, die verschiedenen Linien und Farben genau zu erfassen und mich in die innere Stimmung zu versetzen. Ich beschäftige mich lange und intensiv mit dem Text, höre auf den Klang der Worte, vergegenwärtige mir das Bild — ein Wald, ein rauschender Bach — und verarbeite dann Text und Musik zusammen. Jedes Lied hat seinen eigenen Klang — den muss man treffen. Ich habe zum Beispiel selber an einer Harfe herumgezupft, um für „Ellens Gesang“ von Schubert („Raste Krieger“) den Harfenklang ins Ohr zu bekommen. Der gleiche aufsteigende Des-dur-Akkord kehrt in Schuberts unbekanntem Lied „Hermann und Thusnelda“ wieder. Der Text handelt aber diesmal nur vom Krieg. Obgleich es die gleichen Noten sind, kann ich da nicht meinen Harfenklang spielen. Da sind es Trompeten. Diese Details sind es, die die Arbeit so aufregend und interessant machen.“

Irwin Gage macht sich die Arbeit nicht leicht. Er geht den Dingen mit analytischer Akribie auf den Grund, bevor er sie in Klang umzusetzen beginnt. Er hat selber Gesangsunterricht genommen, um die technischen Schwierigkeiten des Sängers kennenzulernen. Dazu: „Der Begleiter ist ja ohnehin eine Art Psychiater. Nach einer Stunde Probe kennt er die Probleme des Sängers und weiß, wo er ihm musikalisch über Klippen hinweghelfen muss. Proben direkt vor dem Konzert sind schlecht. Ich brauche Zeit, um mir zum Beispiel bei atemtechnisch schwierigen Phrasen genau zu überlegen: Wie kann ich an dieser Stelle langsamer werden, damit der Sänger besser atmen kann, ohne dass es jemand merkt. — Ich komme grundsätzlich tadellos vorbereitet auf die Probe. Einerlei, ob es ein Anfänger oder ein Prominenter ist. Das ist einfach eine Sache der künstlerischen Verantwortung. Der junge Sänger braucht Qualität, der Klasse-Sänger verlangt sie. Den hohen Leistungsstandard kann man aber nur halten, wenn man genug Zeit zum Üben hat und nicht Tag für Tag konzertiert. Ich habe darum jetzt schon angefangen, verschiedene Dinge abzusagen. Qualität ist mir wichtiger als Geld. Man muss sich für das eine oder das andere entscheiden. Als ich mich entschlossen hatte, Musiker zu werden, habe ich zu meinen Eltern gesagt: „Reich werde ich wahrscheinlich nicht. Der amerikanische Traum wird sich nicht erfüllen“.

Dieser Entschluss ihres 18jährigen Filius' und Studenten der Literatur an der Yale-Universität traf die Eltern (Vater Ungar, Mutter Russin) wie ein Blitz aus heiterem Himmel. Wohl hatte ihn bisher die - als Nebenfach belegte — Musikgeschichte brennend interessiert, aber er hatte das nach guter, alter europäischer Tradition im Arzthaus gepflegte Klavierspiel leichten Herzens zugunsten des heißgeliebten Baseballspiels an den Nagel gehängt. Ein harmloser Europa-Trip war zum Schicksal geworden. Speziell Konzerte in Salzburg. Gage: „Die ganze Atmosphäre, die vollkommen andere Einstellung zur Musik hatten mich gewaltig beeindruckt. In Amerika machen sie alles, hören sie alles, aber grundsätzlich ist ihnen ein Reaktor wichtiger als Musik. Sie ist entweder nur gesellschaftliche Staffage oder Business, aber keine Sache des Herzens wie in Europa. Das war für mich ausschlaggebend.“ In den folgenden Jahren machte Gage seinen „Master of music“ als Musikwissenschaftler und legte die Prüfung als Konzertpianist ab. Seine Neigung galt weniger der Solistenlaufbahn als der Kammermusik. Liedbegleitung — in Amerika nicht beachtet und lediglich ein Nebenverdienst für drittklassige Pianisten — war während des Klavierstudiums ödestes Pflichtfach, das über die Kenntnis von fünf Liedern nicht hinausging. Der Text „war mir wurscht“. Als er ein einjähriges Stipendium für Wien bekam, um sich etwas näher mit dieser „spezifisch europäischen“ Kunstform zu befassen, konnte der Amerikaner aus Cleveland in Ohio zwar gut japanisch und lateinisch, etwas französisch und italienisch, aber kein Wort deutsch sprechen. Er lernte es mit Feuereifer. Studierte bei Erik Werba (dem er als Umblätterer schon die kleinen Hilfetricks absah), bei Kurt Schmidek und Hilde Langer-Rühl und war nach einem Jahr so „europaverliebt“, dass er nicht mehr in die USA zurückging. Gage: „Ich kannte nur noch eines: Lieder, Lieder, studieren, studieren. Ich hatte eine neue, eine weniger materialistische Welt entdeckt, Wien und USA, das war wie Tag und Nacht. Ich sah plötzlich Bäume, einen Park. Die deutsche Romantik, die Beschäftigung mit der deutschen Literatur und den Liedertexten hat mich innerlich irgendwie getroffen. Es war da etwas Wesensverwandtes, das mich glücklich machte. Vielleicht ist es mein europäisches Erbe, vielleicht bin ich altmodisch, aber Liebe, Seele, Sehnsucht, das sind für mich zeitlose Dinge“.

Das also ist Irwin Gage: Ein Romantiker, bei dem sich Herz mit wacher Intelligenz, Empfindsamkeit mit zielstrebigem Willen, Gefühl mit sachlicher Erkenntnis und Idealismus mit dem Sinn für die Realitäten des Lebens die Waage halten. Ein Musiker, der seine Kunst hundertprozentig ernst nimmt und weiß, dass der Weg zur Meisterschaft nicht allein mit Talent, sondern nur mit harter, exakter Arbeit zu schaffen ist. Er liebt sie, diese Arbeit, hat sich dem Liedgesang mit Haut und Haaren verschrieben und begeistert sich an den „Wundern“, die er bei der Arbeit täglich neu in den Werken entdeckt. In einem Brief schreibt er: „Arbeite zur Zeit an fünf Programmen. Schwer bei der Hitze, aber man badet 3 Stunden, trinkt viel Bier und arbeitet 8 Stunden“. Oder: „Bin vorgestern aus Holland zurückgekommen und fahre morgen nach Spoleto. Alles hektisch, aber viel Spaß, denn noch bin ich jung genug, das alles obendrein zu genießen“.

Das Erfolgsbarometer für den jungen Meister (Typ: großer, lieber Junge) steigt immer mehr auf „Schön Wetter“. Wunschträume werden Wirklichkeit: Im September ein Konzert mit Christa Ludwig in Kopenhagen, ein Angebot Fischer-Dieskaus für 1971, mit ihm in Montreux, Genf und auf den Luzerner Festspielen Schubert-Abende zu machen. Hindemiths „Marienleben“ mit Gundula Janowitz und ein Liederabend mit Tom Krause jetzt in Salzburg. In Wien war er in der vergangenen Saison der Begleiter des gesamten Konzerthaus-Liederzyklus. „Ständiger Begleiter“ ist er auch beim kommenden Internationalen Musikwettbewerb des Bayerischen Rundfunks. Er geht mit Tom Krause, Elly Ameling, Martti Talvela und neuerdings der jungen Jessye Norman, mit der er auch ihre erste Platte aufgenommen hat, auf Tournee. Das Angebot, in der kommenden Saison mit den Rotterdamer Philharmonikern ein Klavierkonzert (seiner Wahl) zu spielen, wird er — sofern er klug ist — hoffentlich in der weisen Erkenntnis ausschlagen, dass der Konzertpianist und der Begleiter zwei verschiedene Rassen sind. Ob er reich werden wird, steht dahin. Auf die Versicherung, die sein Vater heimlich für ihn abgeschlossen hat, als er den in Amerika suspekten Hungerberuf des Musikers wählte, wird er aber kaum angewiesen sein. Das Lied-Business expandiert.

Irwin Gage, der zu Hause in Blue Jeans herumläuft und Beat nicht verschmäht („man muss alles respektieren“), möchte die Wand zwischen Publikum und Künstler beseitigen. Er meint, der Künstler müsse von seinem Star-Postament herunter und menschlicher werden, Kontakt zum Publikum suchen. Vor allem: „Wir wollen und müssen ein neues Publikum gewinnen. Die Jungen müssen das Gefühl verlieren, Kunst sei etwas „Feines“, ein Vehikel des Establishments.“ Er hat in Holland nach Konzerten mit jungen Leuten diskutiert. In Wien ging er zum Rundfunk und brachte es fertig, dass in eine Schlagersendung Lieder eingeblendet wurden — mit anschließendem Hinweis auf den demnächst stattfindenden Liederabend des Sängers. Er möchte mit erstklassigen Sängern (nicht mit Anfängern, die sich nur die Hörner abstoßen wollen) Gratis-Schulkonzerte geben, um schon bei den Jüngsten die Begeisterung für das Lied zu wecken. Auch Liedenthusiast Irwin Gage macht beim Werbefeldzug für das Lied die Erfahrung: Es ist nicht leicht. Für ihn ist es eine fröhliche Erfahrung.

Gerald Moore hat sich um die Zunft der Begleiter verdient gemacht. Er hat den Mann am Klavier, das unbekannte und unbeachtete Wesen, aus seinem Mauerblümchendasein erlöst, ihm den Umsteiger aus dem Wagen für Dienstpersonal in die erste Klasse der Solisten beschafft, ihn reputierlich, ordenswürdig und sogar starfähig gemacht. Aber er hat auch — auf unzähligen Platten festgehalten — verpflichtende Maßstäbe für die Kunst der Begleitung gesetzt, die heute keiner mehr ungestraft unterschreiten kann. Der Meister hat's gesagt: „Es ist nicht leicht“.

In der Tat. Der Klasse-Begleiter — und nur er ist noch gefragt — muss ein ganzes Bündel an Qualitäten aufzuweisen haben. Man erwartet von ihm die technische Brillanz und Perfektion des Konzertpianisten (die er jedoch nicht mit wallender Mähne demonstrieren darf), besonders ausgeprägte Klangphantasie, um jede Tonvorstellung realisieren zu können, subtile und variable Anschlagskultur, individuelle Ausdrucks- wie Gestaltungskraft und das feine, sensible Ohr für die klangliche Assimilation. Er muss die Tugend höchster Anpassung üben, dem Sänger über jede Panne elegant hinweghelfen, unvorhergesehene Tempomodifikationen unmerklich ausgleichen, Impulse geben oder bremsen. Und wenn der Sänger plötzlich vor Beginn des Konzerts erklärt, er könne unmöglich das Lied in der hohen Lage singen, muss er selbstverständlich imstande sein, jederzeit jedes Lied „aus dem Hut“ um einen halben oder ganzen Ton in eine andere Tonart zu transponieren. In summa: der ideale Begleiter ist eine Art Personalunion von Top-Pianist, Musiker, Zauberer, Schießhund und Lotse. Dafür darf er als geachteter Partner auch einen Happen von den süßen Früchten des Erfolgs nehmen. Bedarf es noch der näheren Erklärung, warum es so wenige Exemplare dieser besonderen Spezies gibt?

Es muss der Behauptung widersprochen werden, der derzeitige Mangel an qualifizierten Begleitern rühre daher, dass die Jung-Pianisten an den Hochschulen aus lauter Scheu vor den grauslig antiquierten Liedertexten einen weiten Bogen um diesen Beruf machen. Erstens hat es in den Zeiten hochflorierenden Liedgesangs genauso wenig erstklassige Begleiter gegeben wie heute, und zweitens ist mir nicht ein einziger namhafter Pianist bekannt, der diesen (musikalische Erfahrung und idealistische Einstellung fordernden) Beruf direkt von der Hochschule aus angetreten hätte. Endlich: die sogenannte „Krise des Liedes“ lediglich als eine „literarische Krise“ zu deklarieren, heißt doch wohl das Problem arg simplifizieren. Abgesehen davon, dass hier Goethe mit Mayrhofer in einen Topf geworfen wird, darf - mit Verlaub - auf die Existenz der Musik hingewiesen werden. Die jungen Altistinnen stürzen sich mit unvermindertem Vergnügen auf Schumanns „Frauenliebe und Leben“, und wenn Fischer-Dieskau die „Winterreise“ oder die „Schöne Müllerin“ singt, kommen auch die jungen Menschen in Scharen in die Konzertsäle. Doch kehren wir zu den Begleitern zurück. Von den sechs derzeit ständig auf der Platte amtierenden Herren erfüllen nur drei die erwähnten Voraussetzungen. Erik Werba, der routinierteste, geschickteste und jeden sängerischen Notstand überbrückende Meister der Anpassung, lässt es zunehmend an pianistischer Politur fehlen. Jörg Demus bestätigt die alte Erkenntnis, dass ein guter Konzertpianist noch lange nicht ein gleich guter Liedbegleiter ist, und der von Gerald Moore als Nachfolger empfohlene neue EMI-Mann Geoffrey Parsons ist zwar ein glänzender Klavierspieler, gleicht aber ausgerechnet dem Typ des „taktvollen, nachgebenden, mitfühlenden Begleiters“ ohne Profil, den Moore nicht anerkennt. Bleiben also Dalton Baldwin, Irwin Gage und Jan Eyron, der sich mit den beiden Gedda-Liedplatten ganz vorzüglich eingeführt hat. Baldwin, der eigentlich Sänger werden wollte und dem die Gründung einer internationalen Schule zur Förderung des Kunstliedes vorschwebt, hat sich gerade wieder auf der Ameling-Platte mit Wolfs „Italienischem Liederbuch“ als exzellenter Begleiter ausgewiesen.

Der Jüngste im Bunde ist der 30jährige Amerikaner Irwin Gage. Seine Vielseitigkeit, hohe Sensibilität und musikalische Differenziertheit, Können und ausgeprägte Persönlichkeit haben ihm zunehmend in den Ruf gebracht, er sei „ein junger Gerald Moore“. Und es sieht ganz danach aus, als sei er drauf und dran, sich den verwaisten Thron des Altmeisters zu erobern. Er hat die komplexen first-class-Begleiterqualitäten und in besonderem Maße das instinktive, intuitive Gespür für die Stimme. Wie er sich ihren Schwebungen und Abtönungen bis in das feinste Detail tonlich anpasst, ist auf dem neuen Brahms-Schumann-Mahler-Recital von Helen Watts zu hören. Wenn er im Konzert am Flügel sitzt, wird seine begeisterte Freude am Musizieren spürbar. Ein sehr fließendes Musizieren mit Herz und Verstand und einer Anschlagskultur, die Labsal in Pianistenohren ist. Er entlockt - wechselnd von Lied zu Lied — dem Flügel eine Vielfalt an Klangfarben. Sein Ton ist betont warm und weich, voll, sehr kantabel, hat in allen dynamischen Bereichen Rundung und Substanz. Er weiß eine Phrase aufzubauen, Linien zu führen, Mittelstimmen zu aktivieren und Übergänge zu gestalten. Kurzum: es stimmt rundherum alles, und die Partnerschaft mit dem Sänger ist ideal.

Es stimmt vor allem auch deshalb, weil Gage nie versucht, etwas zu „machen“, weil er ehrlich und vollkommen natürlich musiziert. Gage: „Ich kann alles nur so spielen, wie ich es selber fühle und empfinde. Ich kann nicht gegen meine eigene Natur angehen. Wenn ich glaube, die richtige Einstellung zu einem Lied gefunden zu haben, okay, dann bleibe ich dabei. Auch wenn mir jemand sagt, dass es seit hundert Jahren anders gemacht worden ist. Zum Beispiel Schumanns ,Nussbaum‘. Die meisten Pianisten spielen mit viel Pedal. Ich sehe es anders. Es muss alles kristallklar und trotzdem nicht trocken klingen. Ich habe lange geübt, bis ich diesen schwebenden Klang heraus hatte und doch jeder Ton ganz deutlich war. Aber nicht mit Pedal. Ich versuche immer, jedes Lied mit den Ohren des Komponisten zu hören, die verschiedenen Linien und Farben genau zu erfassen und mich in die innere Stimmung zu versetzen. Ich beschäftige mich lange und intensiv mit dem Text, höre auf den Klang der Worte, vergegenwärtige mir das Bild — ein Wald, ein rauschender Bach — und verarbeite dann Text und Musik zusammen. Jedes Lied hat seinen eigenen Klang — den muss man treffen. Ich habe zum Beispiel selber an einer Harfe herumgezupft, um für „Ellens Gesang“ von Schubert („Raste Krieger“) den Harfenklang ins Ohr zu bekommen. Der gleiche aufsteigende Des-dur-Akkord kehrt in Schuberts unbekanntem Lied „Hermann und Thusnelda“ wieder. Der Text handelt aber diesmal nur vom Krieg. Obgleich es die gleichen Noten sind, kann ich da nicht meinen Harfenklang spielen. Da sind es Trompeten. Diese Details sind es, die die Arbeit so aufregend und interessant machen.“

Irwin Gage macht sich die Arbeit nicht leicht. Er geht den Dingen mit analytischer Akribie auf den Grund, bevor er sie in Klang umzusetzen beginnt. Er hat selber Gesangsunterricht genommen, um die technischen Schwierigkeiten des Sängers kennenzulernen. Dazu: „Der Begleiter ist ja ohnehin eine Art Psychiater. Nach einer Stunde Probe kennt er die Probleme des Sängers und weiß, wo er ihm musikalisch über Klippen hinweghelfen muss. Proben direkt vor dem Konzert sind schlecht. Ich brauche Zeit, um mir zum Beispiel bei atemtechnisch schwierigen Phrasen genau zu überlegen: Wie kann ich an dieser Stelle langsamer werden, damit der Sänger besser atmen kann, ohne dass es jemand merkt. — Ich komme grundsätzlich tadellos vorbereitet auf die Probe. Einerlei, ob es ein Anfänger oder ein Prominenter ist. Das ist einfach eine Sache der künstlerischen Verantwortung. Der junge Sänger braucht Qualität, der Klasse-Sänger verlangt sie. Den hohen Leistungsstandard kann man aber nur halten, wenn man genug Zeit zum Üben hat und nicht Tag für Tag konzertiert. Ich habe darum jetzt schon angefangen, verschiedene Dinge abzusagen. Qualität ist mir wichtiger als Geld. Man muss sich für das eine oder das andere entscheiden. Als ich mich entschlossen hatte, Musiker zu werden, habe ich zu meinen Eltern gesagt: „Reich werde ich wahrscheinlich nicht. Der amerikanische Traum wird sich nicht erfüllen“.

Dieser Entschluss ihres 18jährigen Filius' und Studenten der Literatur an der Yale-Universität traf die Eltern (Vater Ungar, Mutter Russin) wie ein Blitz aus heiterem Himmel. Wohl hatte ihn bisher die - als Nebenfach belegte — Musikgeschichte brennend interessiert, aber er hatte das nach guter, alter europäischer Tradition im Arzthaus gepflegte Klavierspiel leichten Herzens zugunsten des heißgeliebten Baseballspiels an den Nagel gehängt. Ein harmloser Europa-Trip war zum Schicksal geworden. Speziell Konzerte in Salzburg. Gage: „Die ganze Atmosphäre, die vollkommen andere Einstellung zur Musik hatten mich gewaltig beeindruckt. In Amerika machen sie alles, hören sie alles, aber grundsätzlich ist ihnen ein Reaktor wichtiger als Musik. Sie ist entweder nur gesellschaftliche Staffage oder Business, aber keine Sache des Herzens wie in Europa. Das war für mich ausschlaggebend.“ In den folgenden Jahren machte Gage seinen „Master of music“ als Musikwissenschaftler und legte die Prüfung als Konzertpianist ab. Seine Neigung galt weniger der Solistenlaufbahn als der Kammermusik. Liedbegleitung — in Amerika nicht beachtet und lediglich ein Nebenverdienst für drittklassige Pianisten — war während des Klavierstudiums ödestes Pflichtfach, das über die Kenntnis von fünf Liedern nicht hinausging. Der Text „war mir wurscht“. Als er ein einjähriges Stipendium für Wien bekam, um sich etwas näher mit dieser „spezifisch europäischen“ Kunstform zu befassen, konnte der Amerikaner aus Cleveland in Ohio zwar gut japanisch und lateinisch, etwas französisch und italienisch, aber kein Wort deutsch sprechen. Er lernte es mit Feuereifer. Studierte bei Erik Werba (dem er als Umblätterer schon die kleinen Hilfetricks absah), bei Kurt Schmidek und Hilde Langer-Rühl und war nach einem Jahr so „europaverliebt“, dass er nicht mehr in die USA zurückging. Gage: „Ich kannte nur noch eines: Lieder, Lieder, studieren, studieren. Ich hatte eine neue, eine weniger materialistische Welt entdeckt, Wien und USA, das war wie Tag und Nacht. Ich sah plötzlich Bäume, einen Park. Die deutsche Romantik, die Beschäftigung mit der deutschen Literatur und den Liedertexten hat mich innerlich irgendwie getroffen. Es war da etwas Wesensverwandtes, das mich glücklich machte. Vielleicht ist es mein europäisches Erbe, vielleicht bin ich altmodisch, aber Liebe, Seele, Sehnsucht, das sind für mich zeitlose Dinge“.

Das also ist Irwin Gage: Ein Romantiker, bei dem sich Herz mit wacher Intelligenz, Empfindsamkeit mit zielstrebigem Willen, Gefühl mit sachlicher Erkenntnis und Idealismus mit dem Sinn für die Realitäten des Lebens die Waage halten. Ein Musiker, der seine Kunst hundertprozentig ernst nimmt und weiß, dass der Weg zur Meisterschaft nicht allein mit Talent, sondern nur mit harter, exakter Arbeit zu schaffen ist. Er liebt sie, diese Arbeit, hat sich dem Liedgesang mit Haut und Haaren verschrieben und begeistert sich an den „Wundern“, die er bei der Arbeit täglich neu in den Werken entdeckt. In einem Brief schreibt er: „Arbeite zur Zeit an fünf Programmen. Schwer bei der Hitze, aber man badet 3 Stunden, trinkt viel Bier und arbeitet 8 Stunden“. Oder: „Bin vorgestern aus Holland zurückgekommen und fahre morgen nach Spoleto. Alles hektisch, aber viel Spaß, denn noch bin ich jung genug, das alles obendrein zu genießen“.

Das Erfolgsbarometer für den jungen Meister (Typ: großer, lieber Junge) steigt immer mehr auf „Schön Wetter“. Wunschträume werden Wirklichkeit: Im September ein Konzert mit Christa Ludwig in Kopenhagen, ein Angebot Fischer-Dieskaus für 1971, mit ihm in Montreux, Genf und auf den Luzerner Festspielen Schubert-Abende zu machen. Hindemiths „Marienleben“ mit Gundula Janowitz und ein Liederabend mit Tom Krause jetzt in Salzburg. In Wien war er in der vergangenen Saison der Begleiter des gesamten Konzerthaus-Liederzyklus. „Ständiger Begleiter“ ist er auch beim kommenden Internationalen Musikwettbewerb des Bayerischen Rundfunks. Er geht mit Tom Krause, Elly Ameling, Martti Talvela und neuerdings der jungen Jessye Norman, mit der er auch ihre erste Platte aufgenommen hat, auf Tournee. Das Angebot, in der kommenden Saison mit den Rotterdamer Philharmonikern ein Klavierkonzert (seiner Wahl) zu spielen, wird er — sofern er klug ist — hoffentlich in der weisen Erkenntnis ausschlagen, dass der Konzertpianist und der Begleiter zwei verschiedene Rassen sind. Ob er reich werden wird, steht dahin. Auf die Versicherung, die sein Vater heimlich für ihn abgeschlossen hat, als er den in Amerika suspekten Hungerberuf des Musikers wählte, wird er aber kaum angewiesen sein. Das Lied-Business expandiert.

Irwin Gage, der zu Hause in Blue Jeans herumläuft und Beat nicht verschmäht („man muss alles respektieren“), möchte die Wand zwischen Publikum und Künstler beseitigen. Er meint, der Künstler müsse von seinem Star-Postament herunter und menschlicher werden, Kontakt zum Publikum suchen. Vor allem: „Wir wollen und müssen ein neues Publikum gewinnen. Die Jungen müssen das Gefühl verlieren, Kunst sei etwas „Feines“, ein Vehikel des Establishments.“ Er hat in Holland nach Konzerten mit jungen Leuten diskutiert. In Wien ging er zum Rundfunk und brachte es fertig, dass in eine Schlagersendung Lieder eingeblendet wurden — mit anschließendem Hinweis auf den demnächst stattfindenden Liederabend des Sängers. Er möchte mit erstklassigen Sängern (nicht mit Anfängern, die sich nur die Hörner abstoßen wollen) Gratis-Schulkonzerte geben, um schon bei den Jüngsten die Begeisterung für das Lied zu wecken. Auch Liedenthusiast Irwin Gage macht beim Werbefeldzug für das Lied die Erfahrung: Es ist nicht leicht. Für ihn ist es eine fröhliche Erfahrung.