Karl Ridderbusch
Ein fono forum-Porträt von Claus-Dieter Schaumkell

Nachdem es jahrelang den Anschein hatte, dass Franz Crass als einziger international konkurrenzfähiger deutscher Nachwuchsbassist unsere Embleme im Ausland hochhalten und die Tradition des langsam designierenden Dreigestirns Kurt Böhme — Gottlieb Frick — Josef Greindl fortsetzen und behaupten könne, lassen sich heute eine ganze Reihe großer Jungtalente erkennen. Ob man nun bei den diesjährigen Festspielen in Glyndebourne (Hans Sotin), Schwetzingen (Kurt Moll), Bayreuth (Franz Crass und Karl Ridderbusch), Salzburg (Crass und Moll) und München (Crass und Ridderbusch) oder bei den Wiener Festwochen (Crass und Ridderbusch) Ausschau hielt: überall sind es junge deutsche Bassisten, die in Hauptpartien ihr Mitspracherecht nachdrücklich unter Beweis stellen und dem künstlerischen Renomee deutscher Bassisten neuen Auftrieb verschaffen. Von ihnen bringt der 1932 in Recklinghausen geborene Karl Ridderbusch von allen jungen Baßrecken vielleicht das ästhetisch befriedigendste Material mit. Am Ebenmaß seiner in allen Lagen gleich schön timbrierten, von bruchlosem Registerwechsel in seltener Einheitlichkeit zusammengehaltenen Stimme wird man sich schwerlich satthören können. Entsprechend steil war sein Aufstieg. Mit Ausnahme des Covent Garden Debüts, das aber für die Monate August und September 1971 im Londoner Ring-Zyklus vorgesehen ist, und einer Verpflichtung am Teatro Colon in Buenos Aires hat Karl Ridderbusch bereits sämtliche Sprossen auf der Leiter internationaler Karrieren genommen: Daland-Debüt an der Wiener Staatsoper im November 1966, mit derselben Partie Einzug in die geheiligten Räume der Mailänder Scala, Hunding und Rheingold-Fafner an der New Yorker Met 1967 unter Herbert von Karajan, im selben Jahr Bayreuth-Einstand mit dem König Heinrich in Wolfgang Wagners „Lohengrin“, Hagen-Debüt 1969 in der neuen Gesamtaufnahme der „Götterdämmerung“ unter Karajan mit anschließender Bühnenerprobung bei den diesjährigen Osterfestspielen in Salzburg. Bereits seit einiger Zeit befinden sich im Schallplattenhandel der Rheingold- und Siegfried-Fafner der Deutschen Grammophon (unter Karajan), eingespielt sind der Titurel im diesjährigen Bayreuther „Parsifal“-Mitschnitt unter Boulez für die DG und das Bariton-Solo in der Neuaufnahme der neun Beethoven-Sinfonien mit den Wiener Philharmonikern unter Karl Böhm, für die Phonogram die Missa Solemnis unter Eugen Jochum. Im April 1971 wird Ridderbusch den Theaterdirektor La Roche in einer Neuaufnahme des „Capriccio“ für die DG singen, es dirigiert Karl Böhm. Einen Monat vorher übernimmt Ridderbusch außerdem in der Münchner Neuinszenierung des „Lohengrin“ unter Wolfgang Sawallisch den König Heinrich. Ein weiteres wichtiges Zukunftsprojekt ist das Hans-Sachs-Debüt 1972 ...
Diese Kette von Erfolgsmeldungen ließe sich noch um etliche Daten verlängern, aber es scheint nun geboten, auch einmal auf die Anfangs- und Vorbereitungsjahre dieser zinsträchtigen Laufbahn einzugehen. Rudolf Schock entdeckte Ridderbusch, der als Angestellter bei der August-Thyssen-Hütte in Essen arbeitete, bei einer Werksveranstaltung, wo ihm das außergewöhnliche sängerische Naturtalent Ridderbusch sofort auffiel. Ridderbusch konnte dann mit finanzieller Unterstützung seines prominenten Kollegen und von seitens seines Arbeitgebers das notwendige und ausschließliche Gesangstudium an der Essener Folkwangschule bei Clemens Kaiser-Breme aufnehmen, das ihm einen ersten Fachvertrag an den Städtischen Bühnen Münster (von 1961 bis 1963), anschließend einen Vertrag in Essen und schließlich die Berufung an die Deutsche Oper am Rhein einbrachte, an der Ridderbusch mit seiner sensationellen Gesangsleistung als Seneca in Monteverdis „Poppäa“ auf Anhieb eine Spitzenstellung bezog. Da Ridderbusch beim Intendanten der Rheinoper, Grischa Barfuß, von der Mitwirkung in modernen Opern entbunden bleibt und sich über interessante Fachpartien (so den Ochs und van Bett in Neuinszenierungen von „Rosenkavalier“ und „Zar und Zimmermann“ in der Saison 1969/70) kaum zu beklagen hat, beißen Abwerber vorläufig auf Granit, bleibt Ridderbusch, der in Duisburg aufgewachsen und sesshaft geworden ist und dem das rheinische Klima gut bekommt, der Rheinoper vorerst erhalten. Seine jüngste große Aufgabe an diesem Institut war der Hagen in der Düsseldorfer Saison-Eröffnungspremiere am 13. September 1970, mit der das Hausteam Reinhardt (Regie) - Wendel (Ausstattung) - Wich (GMD) die im Juni 1967 begonnene Neuinszenierung des gesamten Ring-Zyklus zum Abschluss brachte.
Privat strahlt Karl Ridderbusch eine geradezu beneidenswerte innere Ausgeglichenheit aus, er persifliert mit unverkrampftem Humor die komischen Aspekte seines Stimmfachs und spricht mit neidloser Bewunderung über seine Fachkollegen. Man glaubt ihm, dass Singen für ihn ein Hobby ist, das neben seinem Interesse für Schmalfilmerei und einem harmonischen Familienleben zu den tragenden Säulen seines Lebens zählt. Da Ridderbusch so total in sich ruht, erklärt sich auch die unmittelbare Wirkung seiner künstlerischen Tätigkeit auf das Publikum aus dieser unverfälschten Natürlichkeit. Sie mag ihm bei der Verkörperung schurkischer oder zwielichtiger Charaktere im Wege stehen, aber seine angeborene Spielfreude und seine musikalische Intelligenz weisen ihm auch hier den Pfad zu einer durchaus glaubwürdigen Interpretation. Ridderbuschs Mischung aus intuitiv richtiger Erfassung der gestellten Aufgabe und erfrischender Gemütlichkeit im persönlichen Umgang mutet wie eine Oase im hektischen Musikbetrieb unserer Tage an. Möge er sie sich und uns noch lange bewahren ...
Nachdem es jahrelang den Anschein hatte, dass Franz Crass als einziger international konkurrenzfähiger deutscher Nachwuchsbassist unsere Embleme im Ausland hochhalten und die Tradition des langsam designierenden Dreigestirns Kurt Böhme — Gottlieb Frick — Josef Greindl fortsetzen und behaupten könne, lassen sich heute eine ganze Reihe großer Jungtalente erkennen. Ob man nun bei den diesjährigen Festspielen in Glyndebourne (Hans Sotin), Schwetzingen (Kurt Moll), Bayreuth (Franz Crass und Karl Ridderbusch), Salzburg (Crass und Moll) und München (Crass und Ridderbusch) oder bei den Wiener Festwochen (Crass und Ridderbusch) Ausschau hielt: überall sind es junge deutsche Bassisten, die in Hauptpartien ihr Mitspracherecht nachdrücklich unter Beweis stellen und dem künstlerischen Renomee deutscher Bassisten neuen Auftrieb verschaffen. Von ihnen bringt der 1932 in Recklinghausen geborene Karl Ridderbusch von allen jungen Baßrecken vielleicht das ästhetisch befriedigendste Material mit. Am Ebenmaß seiner in allen Lagen gleich schön timbrierten, von bruchlosem Registerwechsel in seltener Einheitlichkeit zusammengehaltenen Stimme wird man sich schwerlich satthören können. Entsprechend steil war sein Aufstieg. Mit Ausnahme des Covent Garden Debüts, das aber für die Monate August und September 1971 im Londoner Ring-Zyklus vorgesehen ist, und einer Verpflichtung am Teatro Colon in Buenos Aires hat Karl Ridderbusch bereits sämtliche Sprossen auf der Leiter internationaler Karrieren genommen: Daland-Debüt an der Wiener Staatsoper im November 1966, mit derselben Partie Einzug in die geheiligten Räume der Mailänder Scala, Hunding und Rheingold-Fafner an der New Yorker Met 1967 unter Herbert von Karajan, im selben Jahr Bayreuth-Einstand mit dem König Heinrich in Wolfgang Wagners „Lohengrin“, Hagen-Debüt 1969 in der neuen Gesamtaufnahme der „Götterdämmerung“ unter Karajan mit anschließender Bühnenerprobung bei den diesjährigen Osterfestspielen in Salzburg. Bereits seit einiger Zeit befinden sich im Schallplattenhandel der Rheingold- und Siegfried-Fafner der Deutschen Grammophon (unter Karajan), eingespielt sind der Titurel im diesjährigen Bayreuther „Parsifal“-Mitschnitt unter Boulez für die DG und das Bariton-Solo in der Neuaufnahme der neun Beethoven-Sinfonien mit den Wiener Philharmonikern unter Karl Böhm, für die Phonogram die Missa Solemnis unter Eugen Jochum. Im April 1971 wird Ridderbusch den Theaterdirektor La Roche in einer Neuaufnahme des „Capriccio“ für die DG singen, es dirigiert Karl Böhm. Einen Monat vorher übernimmt Ridderbusch außerdem in der Münchner Neuinszenierung des „Lohengrin“ unter Wolfgang Sawallisch den König Heinrich. Ein weiteres wichtiges Zukunftsprojekt ist das Hans-Sachs-Debüt 1972 ...
Diese Kette von Erfolgsmeldungen ließe sich noch um etliche Daten verlängern, aber es scheint nun geboten, auch einmal auf die Anfangs- und Vorbereitungsjahre dieser zinsträchtigen Laufbahn einzugehen. Rudolf Schock entdeckte Ridderbusch, der als Angestellter bei der August-Thyssen-Hütte in Essen arbeitete, bei einer Werksveranstaltung, wo ihm das außergewöhnliche sängerische Naturtalent Ridderbusch sofort auffiel. Ridderbusch konnte dann mit finanzieller Unterstützung seines prominenten Kollegen und von seitens seines Arbeitgebers das notwendige und ausschließliche Gesangstudium an der Essener Folkwangschule bei Clemens Kaiser-Breme aufnehmen, das ihm einen ersten Fachvertrag an den Städtischen Bühnen Münster (von 1961 bis 1963), anschließend einen Vertrag in Essen und schließlich die Berufung an die Deutsche Oper am Rhein einbrachte, an der Ridderbusch mit seiner sensationellen Gesangsleistung als Seneca in Monteverdis „Poppäa“ auf Anhieb eine Spitzenstellung bezog. Da Ridderbusch beim Intendanten der Rheinoper, Grischa Barfuß, von der Mitwirkung in modernen Opern entbunden bleibt und sich über interessante Fachpartien (so den Ochs und van Bett in Neuinszenierungen von „Rosenkavalier“ und „Zar und Zimmermann“ in der Saison 1969/70) kaum zu beklagen hat, beißen Abwerber vorläufig auf Granit, bleibt Ridderbusch, der in Duisburg aufgewachsen und sesshaft geworden ist und dem das rheinische Klima gut bekommt, der Rheinoper vorerst erhalten. Seine jüngste große Aufgabe an diesem Institut war der Hagen in der Düsseldorfer Saison-Eröffnungspremiere am 13. September 1970, mit der das Hausteam Reinhardt (Regie) - Wendel (Ausstattung) - Wich (GMD) die im Juni 1967 begonnene Neuinszenierung des gesamten Ring-Zyklus zum Abschluss brachte.
Privat strahlt Karl Ridderbusch eine geradezu beneidenswerte innere Ausgeglichenheit aus, er persifliert mit unverkrampftem Humor die komischen Aspekte seines Stimmfachs und spricht mit neidloser Bewunderung über seine Fachkollegen. Man glaubt ihm, dass Singen für ihn ein Hobby ist, das neben seinem Interesse für Schmalfilmerei und einem harmonischen Familienleben zu den tragenden Säulen seines Lebens zählt. Da Ridderbusch so total in sich ruht, erklärt sich auch die unmittelbare Wirkung seiner künstlerischen Tätigkeit auf das Publikum aus dieser unverfälschten Natürlichkeit. Sie mag ihm bei der Verkörperung schurkischer oder zwielichtiger Charaktere im Wege stehen, aber seine angeborene Spielfreude und seine musikalische Intelligenz weisen ihm auch hier den Pfad zu einer durchaus glaubwürdigen Interpretation. Ridderbuschs Mischung aus intuitiv richtiger Erfassung der gestellten Aufgabe und erfrischender Gemütlichkeit im persönlichen Umgang mutet wie eine Oase im hektischen Musikbetrieb unserer Tage an. Möge er sie sich und uns noch lange bewahren ...



