Isolde in spe: Jessye Norman
Ein fono forum-Porträt von Herta Piper-Ziethen

Ein Apartment-Neubau in Berlin. Das Treppenhaus noch im Rohzustand. Es riecht nach Kalk und Beton und zieht aus allen Ecken. Vor Benutzung des Fahrstuhls wird gewarnt. Man käme zwar hinein, aber möglicherweise nicht wieder hinaus. Vielen Dank, kein Bedarf an Abenteuern. Also steigt man und steigt und steigt. Und während man sich so Stufe für Stufe der Höhe entgegenarbeitet, kommt einem der Gedanke, dass dieser Aufwärtsgang in die oberste Etage eigentlich haargenau der künstlerischen Situation der jungen Jessye Norman entspricht. Allerdings mit dem Unterschied, dass sie gleich zwei Stufen auf einmal nimmt und ein flottes Tempo vorlegt.
Im Herbst 1968 kam die dunkelhäutige Amerikanerin aus Augusta in Georgia über den großen Teich gesegelt, holte sich in München den ersten Preis des Internationalen Musikwettbewerbs der deutschen Rundfunkanstalten im Gesangsfach und beendete danach erst einmal ihr Studium (2. Degree) an der Universität in Michigan. Im Frühjahr 1969 erschien sie wieder in Old Germany, um erste Zinsen des gewonnenen Preises in Form von Liederabenden in Amerika-Häusern und Liedersendungen im Bayerischen und Berliner Rundfunk zu kassieren. Das waren die Preludes. Ihre eigentliche Sängerlaufbahn ist ganze anderthalb Jahre alt. Sie begann, als sie nach weiterer sechsmonatiger Stimmpolitur in den USA im September 1969 zu Liederabenden in Wien, München und Berlin wiederkam, ihre erste Liedplatte mit der Electrola machte und im Dezember mit der Tannhäuser-Elisabeth in der Berliner Oper debütierte. Noch am gleichen Abend wurde ein dreijähriger Vertrag angeboten und angenommen. Große Ehre, dass sie für die Berliner Festwochen neben Fischer-Dieskau als Figaro-Gräfin angesetzt wurde. Der Meister singt durchaus nicht mit jedermann. Als die Stunde nahte, war sie stockheiser. Beinah-Todesurteil, Sturz aus dem siebenten Himmel: durch die vom Arzt rigoros verordnete Sechs-Wochen-Schweigepause. Die Jung-Gräfin hatte sich schlichtweg übersungen. Hatte in wochenlanger Vorbereitung eines neuen Liederabend-Programmes, der Erstaufführung der 14. Sinfonie von Schostakowitsch in Gelsenkirchen und nicht zuletzt für den Gala-Figaro täglich mit Volldampf fünf bis sechs Stunden ihre Stimmwerkzeuge in Aktion gesetzt. Sie wollte alles gut, besser, am besten machen und saß nun da, o holde Kunst, und drehte traurig und stumm Däumchen. Sogleich raunte es denn auch genüsslich in Sängerkreisen von nicht ganz intakter Technik und ähnlichem. Und hatte sich ebenso schnell ausgeraunt, als sie hernach frisch und knusprig wieder zu Liederabenden antrat und in München, Wien und Graz nicht nur beim Publikum Triumphe feierte, sondern auch so enthusiastische Kritiken als Ernte einbrachte, wie sie sonst nur „gestandener“ Sängerprominenz dediziert wird. Oder ist es vielleicht nichts, wenn einer eben 25jährigen Liedersängerin „einsame Größe der Interpretation“, „äußerste Dichte des emotionalen und musikalischen Zusammenhangs“, Reife und eine Differenzierungskunst bestätigt wird, die „aus ihr eine kaum vergleichbare Wolf- und Mahler-Interpretin macht“?
Solche Lobgesänge kommen nicht von ungefähr. Die Norman-Stimme ist eine veritable Sensation und die Entdeckung seit Jahren. Es müsste mit dem Teufel zugehen (der zuweilen allerdings auch den größten Begabungen ein Bein stellt), wenn sie nicht zu einer großen, bedeutenden Sängerin würde. Das Haydn-Wort an die Milder-Hauptmann passt auf sie: „Mein Kind, Sie haben eine Stimme wie ein Haus“. Es ist aber nicht nur das Volumen, es ist auch die grandiose Qualität der Stimme, die ihre Sonderklasse ausmachen. Ein Sopran à la Flagstad: groß, rund und füllig, weich fließend, in warme Mezzofarben getaucht. Auf sattdunkler Tiefe und Mittellage eine zunehmend leichter werdende Höhe mit seidigen Pianissimo-Tönen. Dazu Musikalität, Temperament, die nötige Mischung von Verstand und Intuition und schon viel persönliche Ausstrahlung. Dass die sich anbahnende Karriere vorrangig auf dem Liedgesang basiert, ist schon recht ungewöhnlich. Wenn alle Blütenträume reifen, ist Jessye Norman berufen, eine der wenigen auserwählten Liedersängerinnen zu werden. Genauso sicher dürfte aber sein, dass mit ihr eine der wirklich großen hochdramatischen Stimmen im Kommen ist. Noch dominiert der Liedgesang, aber das wird sich bald ändern. In Berlin steht die Don-Carlos-Elisabeth für sie an, und in der Mailänder Scala soll sie bereits alternierend die Aida singen. Das neue Jahr begann verheißungsvoll mit der Unterschrift unter einen Gruppen-Exklusivvertrag mit Philips und der Deutschen Grammophon. Ob sich eine bei der Electrola vage geplante Arienplatte noch realisieren wird, fragt sich unter diesen Umständen wohl. Ihren Einstand wird sie bei Philips in der kommenden Figaro-Neuaufnahme als Gräfin geben. Die DG hüllt sich derweilen mit ihren Norman-Plänen noch in Schweigen. Man geht aber wohl nicht fehl in der Annahme, dass hier Politik auf weite Sicht gemacht wird, indem man sich auf Verdacht und unter Einkalkulierung aller bei Sängern grundsätzlich möglichen Unwägbarkeiten schon beizeiten eine Nilsson-Nachfolge sichert.
Das allerdings ist noch Zukunftsmusik, hat noch ein gutes Dezennium Zeit. Bis dahin wird es für die Sängerin noch viele andere Partien geben. Elisabeth Grümmer, die heute an der Berliner Hochschule ihre Gesangskunst weitergibt, hat ihr spontan angeboten, die Rosenkavalier-Marschallin mit ihr zu arbeiten, wenn die Zeit gekommen ist. Es wird über Sein oder Nichtsein der Norman-Stimme entscheiden, dass sie eisern allen vorzeitigen Angeboten auf das große hochdramatische Fach widersteht. An solchen Versuchungen wird es sicher nicht fehlen. Sie bieten sich zudem an: Jessye Norman ist von Mutter Natur von Kopf bis Fuß hochdramatisch gedacht und als Heroine ausgestattet.
Alles ist groß, voluminös und jugendlich kraftvoll an ihr. Dürftig steht fono forum, personifiziert durch ganze 156 cm und 110 Pfund Lebendgewicht, vor einer türfüllenden, fast 1,80 m großen Walküre. Gut geschnittenes, schlankes Gesicht unter schwarzem Haarschopf. Kontakt auf Anhieb. Freundliche, wache, lachbereite Augen. Die Lache dröhnt unbekümmert jung und lautstark. Sie schraubt sich mit zunehmender Erheiterung im Decrescendo vom dunklen Mezzoregister bis hinauf in Sopranhöhen. Die kräftige, ebenfalls dunkle Sprechstimme provoziert die Frage, ob Miss Jessye anfangs vielleicht Altistin gewesen sei. Sie war. Im Laufe ihres über sechsjährigen Studiums ist die Stimme dann immer mehr in die Höhe gewandert. Schon als Siebenjährige wurde sie in der Schule ausgewählt, in einem Konzert die Soli zu singen, „nicht etwa weil ich die schönste, sondern weil ich die lauteste Stimme von allen hatte“. Eigentlich wollte sie später Medizin studieren. Dass sie Sängerin geworden ist, verdankt sie einer Nicht-Musik-Lehrerin. Die Dame muss gute Ohren und den richtigen Riecher gehabt haben. Sie hat gebohrt und gebohrt, die Norman solle singen, und hat ihr schließlich gratis eine 600-Meilen-Fahrt zum Vorsingen an der Howard-Universität in Washington verschafft. Resultat, ein vierjähriges Stipendium. Zur Belohnung für Fleiß und gute Arbeit erlaubte ihr die Lehrerin, dort für das Abschlusskonzert (zur Erlangung des 1. Degrees) eine Arie eigener Wahl zu singen. Norman: ich sagte: „Oh, hm ... dann möchte ich Isoldes Liebestod. Ich studierte es ganz, ganz sorgfältig und schaffte es tatsächlich Isoldes Tod mit Klavierbegleitung! Entsetzlich!“
Jessye Norman sieht ihrer hochdramatischen Wagner-Zukunft mit Begeisterung entgegen. Die Isolde ist ihre Traumpartie. Mit Emphase: „I would love that, most of all“. Aber sie will sie erst mit vierzig Jahren singen und ist grundsätzlich der weisen Ansicht, dass es „ein schwerer, böser Fehler ist, sich nur auf Wagner zu konzentrieren, wenn man noch so jung ist“. Gottlob hat sie sich deshalb auch noch nicht für die Walküren-Sieglinde „einfangen“ lassen, die sie erst in drei oder vier Jahren zu singen beabsichtigt. Und sie will auf jeden Fall dem Liedgesang treu bleiben. Alle vier Monate fliegt sie - ungeachtet der hohen Kosten - nach Amerika, um einen Monat weiter mit ihrer Lehrerin zu arbeiten. Das hört man gerne. Es birgt die Garantie, dass diese faszinierende „Röhre“ sich planmäßig entfaltet und entwickelt. Wäre sie ein Mann, würde man sagen: Er trägt den Marschallstab im Tornister.
Als Neuestes hörte man von ihr, dass sich die ersten Anzeichen kleiner Starallüren bemerkbar machten. Wenn es stimmt, so wäre das auf jeden Fall noch etwas zu früh. Vielleicht wird hier aber auch Allüre mit einem für den Sänger notwendigen Schutzschild verwechselt. Bei unserem Besuch war jedenfalls nichts dergleichen zu spüren. Da war Jessye Norman eine vergnügte, lebensvolle ganz natürliche und ungekünstelte, nette und selbstkritische junge Frau, die randvoll von ihrer Kunst angefüllt ist.
Ein Apartment-Neubau in Berlin. Das Treppenhaus noch im Rohzustand. Es riecht nach Kalk und Beton und zieht aus allen Ecken. Vor Benutzung des Fahrstuhls wird gewarnt. Man käme zwar hinein, aber möglicherweise nicht wieder hinaus. Vielen Dank, kein Bedarf an Abenteuern. Also steigt man und steigt und steigt. Und während man sich so Stufe für Stufe der Höhe entgegenarbeitet, kommt einem der Gedanke, dass dieser Aufwärtsgang in die oberste Etage eigentlich haargenau der künstlerischen Situation der jungen Jessye Norman entspricht. Allerdings mit dem Unterschied, dass sie gleich zwei Stufen auf einmal nimmt und ein flottes Tempo vorlegt.
Im Herbst 1968 kam die dunkelhäutige Amerikanerin aus Augusta in Georgia über den großen Teich gesegelt, holte sich in München den ersten Preis des Internationalen Musikwettbewerbs der deutschen Rundfunkanstalten im Gesangsfach und beendete danach erst einmal ihr Studium (2. Degree) an der Universität in Michigan. Im Frühjahr 1969 erschien sie wieder in Old Germany, um erste Zinsen des gewonnenen Preises in Form von Liederabenden in Amerika-Häusern und Liedersendungen im Bayerischen und Berliner Rundfunk zu kassieren. Das waren die Preludes. Ihre eigentliche Sängerlaufbahn ist ganze anderthalb Jahre alt. Sie begann, als sie nach weiterer sechsmonatiger Stimmpolitur in den USA im September 1969 zu Liederabenden in Wien, München und Berlin wiederkam, ihre erste Liedplatte mit der Electrola machte und im Dezember mit der Tannhäuser-Elisabeth in der Berliner Oper debütierte. Noch am gleichen Abend wurde ein dreijähriger Vertrag angeboten und angenommen. Große Ehre, dass sie für die Berliner Festwochen neben Fischer-Dieskau als Figaro-Gräfin angesetzt wurde. Der Meister singt durchaus nicht mit jedermann. Als die Stunde nahte, war sie stockheiser. Beinah-Todesurteil, Sturz aus dem siebenten Himmel: durch die vom Arzt rigoros verordnete Sechs-Wochen-Schweigepause. Die Jung-Gräfin hatte sich schlichtweg übersungen. Hatte in wochenlanger Vorbereitung eines neuen Liederabend-Programmes, der Erstaufführung der 14. Sinfonie von Schostakowitsch in Gelsenkirchen und nicht zuletzt für den Gala-Figaro täglich mit Volldampf fünf bis sechs Stunden ihre Stimmwerkzeuge in Aktion gesetzt. Sie wollte alles gut, besser, am besten machen und saß nun da, o holde Kunst, und drehte traurig und stumm Däumchen. Sogleich raunte es denn auch genüsslich in Sängerkreisen von nicht ganz intakter Technik und ähnlichem. Und hatte sich ebenso schnell ausgeraunt, als sie hernach frisch und knusprig wieder zu Liederabenden antrat und in München, Wien und Graz nicht nur beim Publikum Triumphe feierte, sondern auch so enthusiastische Kritiken als Ernte einbrachte, wie sie sonst nur „gestandener“ Sängerprominenz dediziert wird. Oder ist es vielleicht nichts, wenn einer eben 25jährigen Liedersängerin „einsame Größe der Interpretation“, „äußerste Dichte des emotionalen und musikalischen Zusammenhangs“, Reife und eine Differenzierungskunst bestätigt wird, die „aus ihr eine kaum vergleichbare Wolf- und Mahler-Interpretin macht“?
Solche Lobgesänge kommen nicht von ungefähr. Die Norman-Stimme ist eine veritable Sensation und die Entdeckung seit Jahren. Es müsste mit dem Teufel zugehen (der zuweilen allerdings auch den größten Begabungen ein Bein stellt), wenn sie nicht zu einer großen, bedeutenden Sängerin würde. Das Haydn-Wort an die Milder-Hauptmann passt auf sie: „Mein Kind, Sie haben eine Stimme wie ein Haus“. Es ist aber nicht nur das Volumen, es ist auch die grandiose Qualität der Stimme, die ihre Sonderklasse ausmachen. Ein Sopran à la Flagstad: groß, rund und füllig, weich fließend, in warme Mezzofarben getaucht. Auf sattdunkler Tiefe und Mittellage eine zunehmend leichter werdende Höhe mit seidigen Pianissimo-Tönen. Dazu Musikalität, Temperament, die nötige Mischung von Verstand und Intuition und schon viel persönliche Ausstrahlung. Dass die sich anbahnende Karriere vorrangig auf dem Liedgesang basiert, ist schon recht ungewöhnlich. Wenn alle Blütenträume reifen, ist Jessye Norman berufen, eine der wenigen auserwählten Liedersängerinnen zu werden. Genauso sicher dürfte aber sein, dass mit ihr eine der wirklich großen hochdramatischen Stimmen im Kommen ist. Noch dominiert der Liedgesang, aber das wird sich bald ändern. In Berlin steht die Don-Carlos-Elisabeth für sie an, und in der Mailänder Scala soll sie bereits alternierend die Aida singen. Das neue Jahr begann verheißungsvoll mit der Unterschrift unter einen Gruppen-Exklusivvertrag mit Philips und der Deutschen Grammophon. Ob sich eine bei der Electrola vage geplante Arienplatte noch realisieren wird, fragt sich unter diesen Umständen wohl. Ihren Einstand wird sie bei Philips in der kommenden Figaro-Neuaufnahme als Gräfin geben. Die DG hüllt sich derweilen mit ihren Norman-Plänen noch in Schweigen. Man geht aber wohl nicht fehl in der Annahme, dass hier Politik auf weite Sicht gemacht wird, indem man sich auf Verdacht und unter Einkalkulierung aller bei Sängern grundsätzlich möglichen Unwägbarkeiten schon beizeiten eine Nilsson-Nachfolge sichert.
Das allerdings ist noch Zukunftsmusik, hat noch ein gutes Dezennium Zeit. Bis dahin wird es für die Sängerin noch viele andere Partien geben. Elisabeth Grümmer, die heute an der Berliner Hochschule ihre Gesangskunst weitergibt, hat ihr spontan angeboten, die Rosenkavalier-Marschallin mit ihr zu arbeiten, wenn die Zeit gekommen ist. Es wird über Sein oder Nichtsein der Norman-Stimme entscheiden, dass sie eisern allen vorzeitigen Angeboten auf das große hochdramatische Fach widersteht. An solchen Versuchungen wird es sicher nicht fehlen. Sie bieten sich zudem an: Jessye Norman ist von Mutter Natur von Kopf bis Fuß hochdramatisch gedacht und als Heroine ausgestattet.
Alles ist groß, voluminös und jugendlich kraftvoll an ihr. Dürftig steht fono forum, personifiziert durch ganze 156 cm und 110 Pfund Lebendgewicht, vor einer türfüllenden, fast 1,80 m großen Walküre. Gut geschnittenes, schlankes Gesicht unter schwarzem Haarschopf. Kontakt auf Anhieb. Freundliche, wache, lachbereite Augen. Die Lache dröhnt unbekümmert jung und lautstark. Sie schraubt sich mit zunehmender Erheiterung im Decrescendo vom dunklen Mezzoregister bis hinauf in Sopranhöhen. Die kräftige, ebenfalls dunkle Sprechstimme provoziert die Frage, ob Miss Jessye anfangs vielleicht Altistin gewesen sei. Sie war. Im Laufe ihres über sechsjährigen Studiums ist die Stimme dann immer mehr in die Höhe gewandert. Schon als Siebenjährige wurde sie in der Schule ausgewählt, in einem Konzert die Soli zu singen, „nicht etwa weil ich die schönste, sondern weil ich die lauteste Stimme von allen hatte“. Eigentlich wollte sie später Medizin studieren. Dass sie Sängerin geworden ist, verdankt sie einer Nicht-Musik-Lehrerin. Die Dame muss gute Ohren und den richtigen Riecher gehabt haben. Sie hat gebohrt und gebohrt, die Norman solle singen, und hat ihr schließlich gratis eine 600-Meilen-Fahrt zum Vorsingen an der Howard-Universität in Washington verschafft. Resultat, ein vierjähriges Stipendium. Zur Belohnung für Fleiß und gute Arbeit erlaubte ihr die Lehrerin, dort für das Abschlusskonzert (zur Erlangung des 1. Degrees) eine Arie eigener Wahl zu singen. Norman: ich sagte: „Oh, hm ... dann möchte ich Isoldes Liebestod. Ich studierte es ganz, ganz sorgfältig und schaffte es tatsächlich Isoldes Tod mit Klavierbegleitung! Entsetzlich!“
Jessye Norman sieht ihrer hochdramatischen Wagner-Zukunft mit Begeisterung entgegen. Die Isolde ist ihre Traumpartie. Mit Emphase: „I would love that, most of all“. Aber sie will sie erst mit vierzig Jahren singen und ist grundsätzlich der weisen Ansicht, dass es „ein schwerer, böser Fehler ist, sich nur auf Wagner zu konzentrieren, wenn man noch so jung ist“. Gottlob hat sie sich deshalb auch noch nicht für die Walküren-Sieglinde „einfangen“ lassen, die sie erst in drei oder vier Jahren zu singen beabsichtigt. Und sie will auf jeden Fall dem Liedgesang treu bleiben. Alle vier Monate fliegt sie - ungeachtet der hohen Kosten - nach Amerika, um einen Monat weiter mit ihrer Lehrerin zu arbeiten. Das hört man gerne. Es birgt die Garantie, dass diese faszinierende „Röhre“ sich planmäßig entfaltet und entwickelt. Wäre sie ein Mann, würde man sagen: Er trägt den Marschallstab im Tornister.
Als Neuestes hörte man von ihr, dass sich die ersten Anzeichen kleiner Starallüren bemerkbar machten. Wenn es stimmt, so wäre das auf jeden Fall noch etwas zu früh. Vielleicht wird hier aber auch Allüre mit einem für den Sänger notwendigen Schutzschild verwechselt. Bei unserem Besuch war jedenfalls nichts dergleichen zu spüren. Da war Jessye Norman eine vergnügte, lebensvolle ganz natürliche und ungekünstelte, nette und selbstkritische junge Frau, die randvoll von ihrer Kunst angefüllt ist.



