Die fliegende Holländerin
Ein fono forum-Porträt Cristina Deutekoms von Herta Piper-Ziethen

Als der sehr junge heer Deutekom die ebenfalls sehr junge Amsterdamer juffrouw Cristina vor etlichen Jahren zum Traualtar führte, hatte er nicht die leiseste Ahnung, was er sich da auf sein häusliches Bärenfell holte. Dass er eines Tages mit diesem blonden, blauäugigen Bürgermädchen zu ihrem Schutz, Schirm und Trost als Nomade durch eine ihr beifallspendende Welt kutschieren würde, war beim besten Willen nicht vorauszusehen. Es gab nicht die geringsten Anzeichen dafür, dass irgendwelche außergewöhnlichen Neigungen oder Eigenschaften das geordnete, programmierte Alltags- und Durchschnittsleben am stillen Herd gefährden könnten. Das Duo erweiterte sich mit einer Tochter zum Trio, und zunächst ereignete sich nicht mehr und nicht weniger als bei tausend anderen Eltern, deren jugendliche Abend-Ausgeh-Gelüste durch autoritäres Kinderdasein vereitelt werden.
An einem Tag wie jedem anderen aber wurde das Verlangen nach geistigem Tapetenwechsel, nach Erholung vom Kochtopf und Kindertöpfchen, vom Wischen, Waschen und Bettenmachen in mevrouw Deutekom sehr wach, und sie meldete sich in einem Chor an.
Es war der berühmte Schicksal-Klopf-Augenblick und gewissermaßen der erste Schritt auf dem Weg zu einer Weltkarriere. Denn sie hatte das Glück, einem Chormeister zu begegnen, der das gewaltige Singtalent, das Koloratur-Gold in der Kehle erkannte und ihr half. Erster Unterricht. Ab 1959 ein Stipendium am Konservatorium: „Anfangs habe ich immer versucht, beim Staubsaugen meine Übungen zu singen. Ich hoffte, dann würden es die Nachbarn nicht so hören, und glaubte damals noch, ich könnte zwei Dinge zu gleicher Zeit machen. Das war natürlich Unsinn. Tatsächlich hat der Staubsauger nur Lärm produziert, und ich habe gesungen. Nein, nein, man kann eben eine Sache nur ganz oder gar nicht machen.“
Ohne radikale, konzessionslose Umsetzung dieser „Alles oder nichts“-Devise in die Gesangspraxis hätte Cristina Deutekom ungeachtet ihrer phänomenalen physischen Anlagen wohl kaum bereits vier Jahre nach ihrem Holland-Debut 1963 als „Königin der Nacht“ mit der gleichen Partie auf den begehrten Brettern der Met stehen können.
Mozarts nächtliche Königin hat offensichtlich überhaupt schicksalhafte Bedeutung für sie. Nach Beethovens „Christus am Ölberg“ war sie jetzt in der neuen Solti-„Zauberflöte“ ihre erste große internationale Schallplattenpartie, und in der Fernsehaufzeichnung der Hamburger Ustinov-Inszenierung wird sie sich auch dem gesamtdeutschen Publikum sternengewandet vorstellen. Das ist gleichermaßen ein Kuriosum wie ein Beweis ihres Könnens und ihrer Nerven, weil diese Partie - zumindest seit einigen Jahren - schon eigentlich ganz außerhalb ihres Fachs der „italienischen Primadonna“ liegt.
Das Singuläre des Unternehmens wird um so deutlicher, wenn man sich vergegenwärtigt, dass keine ihrer Koloraturkolleginnen, die gleich ihr die großen Partien der „Lucia di Lammermoor“ (Donizetti), der „Norma“ und „Puritaner“ (Bellini), der „Semiramis“ und „Cenerentola“ oder der „Armida“ (früher Rossini) singen, sich auf das dreigestrichene F-Abenteuer der „Königin der Nacht“ einlassen. Ich wüsste nicht, dass die Callas es getan hat. Und zweifellos ist Cristina Deutekom ja nach der Callas in der derzeitigen Koloratur-Gilde die einzige wirklich echt dramatische Vertreterin des Faches.
Hauptabnehmer ihrer Künste ist neben Amerika und Spanien vor allem Italien, wo sie den größten Teil des Jahres zubringt, ohne allerdings bisher die Scala erobert zu haben. Hier erarbeitet sie Neu-Inszenierungen, mit denen sie dann in verschiedene Städte wandert. Dass sie in Italien hundertprozentig „ankommt“, ist kein Wunder. Für die Italiener, die primär Stimme und noch einmal Stimme hören wollen, hat sie genau das richtige Kaliber. Sie haben sie denn auch die „holländische Nachtigall“ genannt. In diesen südlichen Zonen weiß man die Verve, die Kraft, das Volumen und con slancio, das Kerngesunde und Ungezüchtete dieser durch Technik disziplinierten dramatischen Stimme besonders zu schätzen. Und, weiß der Himmel, Cristina Deutekom ziert sich nicht, in voller und herber Pracht zu zeigen, was sie hat und kann. Sie spinnt kein raffiniert ausgeklügeltes, „muschelsäuselsachtes“ Filigran, sie fährt schweres dramatisches Koloraturgeschütz auf und demonstriert dieses völlig ehrlich als fulminante Parade und Wunderwerk des Gesangs. Was sie als ihres Gesanges besten Teil auf diesem Gebiet an Kehlkopfvitalität, -flexibilität und -Virtuosität, als Synthese von Naturgegebenem und Erarbeitetem zu bieten hat, ist zweifellos so etwas wie eine kleine vokale Sensation. Auf den beiden Philips-Recitals (erste Zinsen ihres Exklusivvertrags) gibt es hinreichend Proben dieser, ohne Wackeln und Wanken mit fast automatischer Präzision und unheimlicher Tempofähigkeit prall und gleichmäßig ablaufenden Koloratur.
Bei der Deutekom wird das Phänomen hörbar, wie Koloratur aus einer Gesangs-Tätigkeit zu einem Gesangs-Zustand wird. Wobei paradoxerweise der so in voller Breitseite abgefeuerte Ziergesang durch das stimmliche Gewicht an zerbrechlicher Künstlichkeit verliert. Und wie sie, die zumindest in ihren Fiorituren und Rouladen durchaus perfektionistische Werte erreicht, die Perfektion ihrer Neutralität wegen als langweilig ablehnt, so lehnt sie auch die exzessive Ausschmückung der Arien-Kadenzen bei den italienischen Melodisten ab: „Ich finde, das ist einfach eine Frage des Geschmacks, wie weit man es treiben darf und soll. Es darf nie in Stimmexhibitionismus ausarten.“ Was sicherlich richtig ist, wenn man sich der Story erinnert, dass Rossini die Patti nach dem Vortrag seiner überbordend verzierten „Barbier“-Arie „Una voce poco fa“ mit eisiger Miene gefragt haben soll, wer eigentlich diese Arie komponiert habe.
Wenn Cristina Deutekom heute von dem „ganz oder gar nicht“ spricht, schließt das neben dem Leistungs-Grundsatz nun auch schon die in insgesamt acht harten Berufsjahren gesammelte Erfahrung ein, dass dieser Job ohnehin gar keine Alternative zulässt, dass die Oper als „eine Welt egozentrisch Verrückter“ (wie eine Kennerin gesagt hat) den ganzen Menschen fordert. Die ersten Jahre waren insofern besonders hart für sie, weil sie Provinz und klitzekleine Partien übersprang und sich auch nach ihrem Debüt weiterhin gleich an die besseren Sachen wie Mozarts Fiordiligi („Cosi fan tutte“) und Konstanze („Entführung“) und die großen Bühnen hielt. Natürlich jenseits ihres heimatlichen Landes, das ja in puncto Opernwesen für junge Sänger einer Wüste ohne Oasen gleicht. Das Fazit ihrer stürmischen Anfänge lautet heute in sehr bildhaftem Deutsch: „Klein muss man anfangen, klein. Es ist sehr, sehr schlecht, wenn man so auf die Bühne geschmissen wird. Wenn ich nur an mein erstes Auftreten vor etwa fünf Jahren in Barcelona als Fidelio-Marzelline denke. Ich hatte die Oper nie auf der Bühne gesehen und die Partie noch nie gesungen — und dann nur fünf Tage Probe. Das war vielleicht hart!“
Dass die italienische Primadonna holländischer Provenienz von ihren acht Bühnenjahren fast die Hälfte der Zeit auf internationalem Kurs steuert, ist sicher eine Ausnahme. Am Beispiel etwa der Caballé, die rund zehn Jahre unentdeckt in Bremen und Zürich herumhockte, ist zu ermessen, wie sehr Karriere außer einer überdurchschnittlichen Stimmbegabung, Können und Fleiß auch von Fortuna abhängig ist. Vom Glück, zum richtigen Zeitpunkt den richtigen Menschen zu begegnen. Abgesehen natürlich von Rudolf Bing, der die Deutekom in Mailand hörte und sie an die Met engagierte, kam ein solch ausschlaggebender Augenblick für sie, als in einer „Rosenkavalier“-Aufführung in Barcelona die Feldmarschallin Elisabeth Schwarzkopf aufhorchte, als die Leitmetzerin Marianne sich mit „Königin der Nacht“-Koloraturen einsang. Darauf folgender Dialog: Schwarzkopf: „Hallo, sag mal, was singst du denn da?“ Deutekom: „Ach, ich wärme nur die Stimme etwas an. Ich hab die Partie in Holland gesungen.“ Schw.: „Nirgendwo sonst? Nein? Das ist doch einfach lächerlich. Du musst sofort bestimmten Leuten vorsingen. Ich werde mich darum kümmern und mit jemandem reden.“ Sie brachte ihr den richtigen Agenten, der das Deutekom-Management in energische Hände nahm und der, wie es heißt, auch heute noch sozusagen jeden Schnaufer seiner goldenen Nachtigall überwacht.
Cristina Deutekom ist in naiver Gutgläubigkeit restlos davon überzeugt, dass ihr Betreuer und Karrieren-Ankurbler in ihrem, und nur ihrem Interesse ein schlechterer Geschäftsmann für sich selber ist als andere seiner Art. Und das, obgleich sie ansonsten ihren Beruf durchaus pragmatisch und freundlich illusionslos betrachtet. Sie hat sich vorgenommen, so lange zu singen, bis ihr Mann („er ist ein Musiknarr“) rotes Licht gibt. „Denn Singen bedeutet keine Straf-Arbeit für mich. Bei manchen sehr berühmten Kollegen fragt man sich, warum sie immer noch und immer wieder trotz unheimlicher Angst auf die Bühne gehen und singen, obgleich sie es gar nicht mehr nötig haben. Darauf wissen sie nie eine Antwort. Es ist einfach so, dass man es nicht lassen kann. Allerdings, wenn ich Angst hätte, würde ich sofort aufhören. Aber Gott sei Dank bin ich kerngesund, und ich habe überhaupt keine Komplexe. Das ist in heutiger Zeit schon fast ein Wunder, glaube ich.“
Sie ist ein wenig stolz darauf, noch nie aus stimmlichen Gründen abgesagt zu haben. Trotz Grippe und Heiserkeit sang sie, ohne dass man das Publikum mit dem berühmten roten Zettel informierte, jüngst auch in Hamburg die „Königin der Nacht“. Disziplin ist für jeden Sänger von Format höchstes Gebot. Kollegin Sutherland hat in einem Dialog mit Marilyn Horne rundheraus erklärt, dass eine Diva die Konstitution eines Pferdes haben müsse, um zu überleben. Ferner: Dass eine Sängerin, die sich von den emotionellen Stimmungen ihrer Partie überwältigen lasse, das Ende der Oper nicht erreichen würde.
Die emotionelle Identifikation scheint bei der Deutekom noch überlagert von der eher materiellen als spirituellen Einstellung zur Musik und der kompakten Stimmstruktur. Dieses Nur-bis-an-die-Herzgrenze-Gehen erweist sich überraschend nicht als Defizit, sondern als natürlich aufgebauter Selbstschutz (im Sinne der Sutherland) gegen den Verschleiß einer sehr rapide verlaufenen Karriere. Bei der Frage nämlich nach der Partie der „Traviata“ weicht sie scheu zurück: „Das ist für mich vorläufig einfach seelisch eine zu große Aufgabe. Ich kann dieses Ausmaß an Erschütterung nicht ertragen.“ In dieser todernsten, sensiblen Reaktion ist ein ganzes Aktien-Paket Deutekom-Zukunft enthalten. Im Hinblick auf eine kontinuierliche Entwicklung dieser Kehlkopfbegabung sind denn auch die Worte eines Philips-Betreuers pures Gold: „Eile ist Irrtum. Wir haben Zeit.“ Als nächste kommt eine Deutekom-Platte mit lustigen Koloraturwalzern. Ihre erste Philips-Gesamtaufnahme werden Verdis „Lombarden“ sein. Zu hoffen wäre, dass ihre Firma sie in Zukunft auch etwas liebevoller und ansprechender präsentiert. Auf den Covers ihrer Recitalplatten nämlich schaut sie einmal so herrscherlich drein wie ihre königliche Majestät persönlich, das andere Mal wirkt sie unter einer Allongeperücke wie eine knackgesunde, sehr mollerte und lustige niederländisch-weibliche Ausgabe des französischen Sonnenkönigs.
Optimismus ist sicher ein Grundzug ihres Wesens. Und die Lustigkeit? Lachende Bestätigung: „Ich glaub schon. Oder… vielleicht gar nicht so sehr lustig, eher glücklich. Ja, ich bin glücklich. Und dann, wissen Sie, bin ich - ehrlich gesagt - auch ein bisschen eine Egoistin. Ich möchte gerne von allem etwas haben, was das Leben zu bieten hat. Jedenfalls versuche ich es.“
Abgesehen davon, dass ihr Terminkalender gerammelt voll ist und für Privatgelüste wohl keinen großen Spielraum lassen dürfte, darf gemutmaßt werden, dass die Deutekom-Wünsche immer in realen Grenzen bleiben werden. Den Aufstieg in die Klasse der Hochdotierten hat sie nämlich ohne Verlust ihres eigentlichen Ichs überstanden. Sie ist im Habitus und in der Einstellung ein völlig natürlicher, schlichter und zutiefst bürgerlicher Mensch geblieben. Ihr Gesicht spiegelt Sauberkeit. Die ganze Publicity ist ihr im Grunde wohl recht lästig und nicht sehr wichtig. Für Holland ist sie heute bereits eine nationale Wertmarke. Wenn sie im Concertgebouw Konzerte gibt, ist der Saal mit Sicherheit voll. Aber niemand vermutet und erkennt in der solide gekleideten Frau ohne jedes Make up, die da im Amsterdamer Flughafenrestaurant sitzt, die „holländische Nachtigall“. Eine freundliche Frau, die nicht mit ihren Leistungen prahlt und in neidloser Objektivität die ihrer Kolleginnen lobend wie kritisch betrachtet. Sie ist nicht nur äußerlich, sondern auch innerlich ohne Schminke. Rundherum reell und ganz ohne Aggression. Obgleich Cristina Deutekom ihre Person überhaupt nicht in den Mittelpunkt stellt, strahlt sie auf eine ganz selbstverständliche, sichere Art Persönlichkeit aus.
Als der sehr junge heer Deutekom die ebenfalls sehr junge Amsterdamer juffrouw Cristina vor etlichen Jahren zum Traualtar führte, hatte er nicht die leiseste Ahnung, was er sich da auf sein häusliches Bärenfell holte. Dass er eines Tages mit diesem blonden, blauäugigen Bürgermädchen zu ihrem Schutz, Schirm und Trost als Nomade durch eine ihr beifallspendende Welt kutschieren würde, war beim besten Willen nicht vorauszusehen. Es gab nicht die geringsten Anzeichen dafür, dass irgendwelche außergewöhnlichen Neigungen oder Eigenschaften das geordnete, programmierte Alltags- und Durchschnittsleben am stillen Herd gefährden könnten. Das Duo erweiterte sich mit einer Tochter zum Trio, und zunächst ereignete sich nicht mehr und nicht weniger als bei tausend anderen Eltern, deren jugendliche Abend-Ausgeh-Gelüste durch autoritäres Kinderdasein vereitelt werden.
An einem Tag wie jedem anderen aber wurde das Verlangen nach geistigem Tapetenwechsel, nach Erholung vom Kochtopf und Kindertöpfchen, vom Wischen, Waschen und Bettenmachen in mevrouw Deutekom sehr wach, und sie meldete sich in einem Chor an.
Es war der berühmte Schicksal-Klopf-Augenblick und gewissermaßen der erste Schritt auf dem Weg zu einer Weltkarriere. Denn sie hatte das Glück, einem Chormeister zu begegnen, der das gewaltige Singtalent, das Koloratur-Gold in der Kehle erkannte und ihr half. Erster Unterricht. Ab 1959 ein Stipendium am Konservatorium: „Anfangs habe ich immer versucht, beim Staubsaugen meine Übungen zu singen. Ich hoffte, dann würden es die Nachbarn nicht so hören, und glaubte damals noch, ich könnte zwei Dinge zu gleicher Zeit machen. Das war natürlich Unsinn. Tatsächlich hat der Staubsauger nur Lärm produziert, und ich habe gesungen. Nein, nein, man kann eben eine Sache nur ganz oder gar nicht machen.“
Ohne radikale, konzessionslose Umsetzung dieser „Alles oder nichts“-Devise in die Gesangspraxis hätte Cristina Deutekom ungeachtet ihrer phänomenalen physischen Anlagen wohl kaum bereits vier Jahre nach ihrem Holland-Debut 1963 als „Königin der Nacht“ mit der gleichen Partie auf den begehrten Brettern der Met stehen können.
Mozarts nächtliche Königin hat offensichtlich überhaupt schicksalhafte Bedeutung für sie. Nach Beethovens „Christus am Ölberg“ war sie jetzt in der neuen Solti-„Zauberflöte“ ihre erste große internationale Schallplattenpartie, und in der Fernsehaufzeichnung der Hamburger Ustinov-Inszenierung wird sie sich auch dem gesamtdeutschen Publikum sternengewandet vorstellen. Das ist gleichermaßen ein Kuriosum wie ein Beweis ihres Könnens und ihrer Nerven, weil diese Partie - zumindest seit einigen Jahren - schon eigentlich ganz außerhalb ihres Fachs der „italienischen Primadonna“ liegt.
Das Singuläre des Unternehmens wird um so deutlicher, wenn man sich vergegenwärtigt, dass keine ihrer Koloraturkolleginnen, die gleich ihr die großen Partien der „Lucia di Lammermoor“ (Donizetti), der „Norma“ und „Puritaner“ (Bellini), der „Semiramis“ und „Cenerentola“ oder der „Armida“ (früher Rossini) singen, sich auf das dreigestrichene F-Abenteuer der „Königin der Nacht“ einlassen. Ich wüsste nicht, dass die Callas es getan hat. Und zweifellos ist Cristina Deutekom ja nach der Callas in der derzeitigen Koloratur-Gilde die einzige wirklich echt dramatische Vertreterin des Faches.
Hauptabnehmer ihrer Künste ist neben Amerika und Spanien vor allem Italien, wo sie den größten Teil des Jahres zubringt, ohne allerdings bisher die Scala erobert zu haben. Hier erarbeitet sie Neu-Inszenierungen, mit denen sie dann in verschiedene Städte wandert. Dass sie in Italien hundertprozentig „ankommt“, ist kein Wunder. Für die Italiener, die primär Stimme und noch einmal Stimme hören wollen, hat sie genau das richtige Kaliber. Sie haben sie denn auch die „holländische Nachtigall“ genannt. In diesen südlichen Zonen weiß man die Verve, die Kraft, das Volumen und con slancio, das Kerngesunde und Ungezüchtete dieser durch Technik disziplinierten dramatischen Stimme besonders zu schätzen. Und, weiß der Himmel, Cristina Deutekom ziert sich nicht, in voller und herber Pracht zu zeigen, was sie hat und kann. Sie spinnt kein raffiniert ausgeklügeltes, „muschelsäuselsachtes“ Filigran, sie fährt schweres dramatisches Koloraturgeschütz auf und demonstriert dieses völlig ehrlich als fulminante Parade und Wunderwerk des Gesangs. Was sie als ihres Gesanges besten Teil auf diesem Gebiet an Kehlkopfvitalität, -flexibilität und -Virtuosität, als Synthese von Naturgegebenem und Erarbeitetem zu bieten hat, ist zweifellos so etwas wie eine kleine vokale Sensation. Auf den beiden Philips-Recitals (erste Zinsen ihres Exklusivvertrags) gibt es hinreichend Proben dieser, ohne Wackeln und Wanken mit fast automatischer Präzision und unheimlicher Tempofähigkeit prall und gleichmäßig ablaufenden Koloratur.
Bei der Deutekom wird das Phänomen hörbar, wie Koloratur aus einer Gesangs-Tätigkeit zu einem Gesangs-Zustand wird. Wobei paradoxerweise der so in voller Breitseite abgefeuerte Ziergesang durch das stimmliche Gewicht an zerbrechlicher Künstlichkeit verliert. Und wie sie, die zumindest in ihren Fiorituren und Rouladen durchaus perfektionistische Werte erreicht, die Perfektion ihrer Neutralität wegen als langweilig ablehnt, so lehnt sie auch die exzessive Ausschmückung der Arien-Kadenzen bei den italienischen Melodisten ab: „Ich finde, das ist einfach eine Frage des Geschmacks, wie weit man es treiben darf und soll. Es darf nie in Stimmexhibitionismus ausarten.“ Was sicherlich richtig ist, wenn man sich der Story erinnert, dass Rossini die Patti nach dem Vortrag seiner überbordend verzierten „Barbier“-Arie „Una voce poco fa“ mit eisiger Miene gefragt haben soll, wer eigentlich diese Arie komponiert habe.
Wenn Cristina Deutekom heute von dem „ganz oder gar nicht“ spricht, schließt das neben dem Leistungs-Grundsatz nun auch schon die in insgesamt acht harten Berufsjahren gesammelte Erfahrung ein, dass dieser Job ohnehin gar keine Alternative zulässt, dass die Oper als „eine Welt egozentrisch Verrückter“ (wie eine Kennerin gesagt hat) den ganzen Menschen fordert. Die ersten Jahre waren insofern besonders hart für sie, weil sie Provinz und klitzekleine Partien übersprang und sich auch nach ihrem Debüt weiterhin gleich an die besseren Sachen wie Mozarts Fiordiligi („Cosi fan tutte“) und Konstanze („Entführung“) und die großen Bühnen hielt. Natürlich jenseits ihres heimatlichen Landes, das ja in puncto Opernwesen für junge Sänger einer Wüste ohne Oasen gleicht. Das Fazit ihrer stürmischen Anfänge lautet heute in sehr bildhaftem Deutsch: „Klein muss man anfangen, klein. Es ist sehr, sehr schlecht, wenn man so auf die Bühne geschmissen wird. Wenn ich nur an mein erstes Auftreten vor etwa fünf Jahren in Barcelona als Fidelio-Marzelline denke. Ich hatte die Oper nie auf der Bühne gesehen und die Partie noch nie gesungen — und dann nur fünf Tage Probe. Das war vielleicht hart!“
Dass die italienische Primadonna holländischer Provenienz von ihren acht Bühnenjahren fast die Hälfte der Zeit auf internationalem Kurs steuert, ist sicher eine Ausnahme. Am Beispiel etwa der Caballé, die rund zehn Jahre unentdeckt in Bremen und Zürich herumhockte, ist zu ermessen, wie sehr Karriere außer einer überdurchschnittlichen Stimmbegabung, Können und Fleiß auch von Fortuna abhängig ist. Vom Glück, zum richtigen Zeitpunkt den richtigen Menschen zu begegnen. Abgesehen natürlich von Rudolf Bing, der die Deutekom in Mailand hörte und sie an die Met engagierte, kam ein solch ausschlaggebender Augenblick für sie, als in einer „Rosenkavalier“-Aufführung in Barcelona die Feldmarschallin Elisabeth Schwarzkopf aufhorchte, als die Leitmetzerin Marianne sich mit „Königin der Nacht“-Koloraturen einsang. Darauf folgender Dialog: Schwarzkopf: „Hallo, sag mal, was singst du denn da?“ Deutekom: „Ach, ich wärme nur die Stimme etwas an. Ich hab die Partie in Holland gesungen.“ Schw.: „Nirgendwo sonst? Nein? Das ist doch einfach lächerlich. Du musst sofort bestimmten Leuten vorsingen. Ich werde mich darum kümmern und mit jemandem reden.“ Sie brachte ihr den richtigen Agenten, der das Deutekom-Management in energische Hände nahm und der, wie es heißt, auch heute noch sozusagen jeden Schnaufer seiner goldenen Nachtigall überwacht.
Cristina Deutekom ist in naiver Gutgläubigkeit restlos davon überzeugt, dass ihr Betreuer und Karrieren-Ankurbler in ihrem, und nur ihrem Interesse ein schlechterer Geschäftsmann für sich selber ist als andere seiner Art. Und das, obgleich sie ansonsten ihren Beruf durchaus pragmatisch und freundlich illusionslos betrachtet. Sie hat sich vorgenommen, so lange zu singen, bis ihr Mann („er ist ein Musiknarr“) rotes Licht gibt. „Denn Singen bedeutet keine Straf-Arbeit für mich. Bei manchen sehr berühmten Kollegen fragt man sich, warum sie immer noch und immer wieder trotz unheimlicher Angst auf die Bühne gehen und singen, obgleich sie es gar nicht mehr nötig haben. Darauf wissen sie nie eine Antwort. Es ist einfach so, dass man es nicht lassen kann. Allerdings, wenn ich Angst hätte, würde ich sofort aufhören. Aber Gott sei Dank bin ich kerngesund, und ich habe überhaupt keine Komplexe. Das ist in heutiger Zeit schon fast ein Wunder, glaube ich.“
Sie ist ein wenig stolz darauf, noch nie aus stimmlichen Gründen abgesagt zu haben. Trotz Grippe und Heiserkeit sang sie, ohne dass man das Publikum mit dem berühmten roten Zettel informierte, jüngst auch in Hamburg die „Königin der Nacht“. Disziplin ist für jeden Sänger von Format höchstes Gebot. Kollegin Sutherland hat in einem Dialog mit Marilyn Horne rundheraus erklärt, dass eine Diva die Konstitution eines Pferdes haben müsse, um zu überleben. Ferner: Dass eine Sängerin, die sich von den emotionellen Stimmungen ihrer Partie überwältigen lasse, das Ende der Oper nicht erreichen würde.
Die emotionelle Identifikation scheint bei der Deutekom noch überlagert von der eher materiellen als spirituellen Einstellung zur Musik und der kompakten Stimmstruktur. Dieses Nur-bis-an-die-Herzgrenze-Gehen erweist sich überraschend nicht als Defizit, sondern als natürlich aufgebauter Selbstschutz (im Sinne der Sutherland) gegen den Verschleiß einer sehr rapide verlaufenen Karriere. Bei der Frage nämlich nach der Partie der „Traviata“ weicht sie scheu zurück: „Das ist für mich vorläufig einfach seelisch eine zu große Aufgabe. Ich kann dieses Ausmaß an Erschütterung nicht ertragen.“ In dieser todernsten, sensiblen Reaktion ist ein ganzes Aktien-Paket Deutekom-Zukunft enthalten. Im Hinblick auf eine kontinuierliche Entwicklung dieser Kehlkopfbegabung sind denn auch die Worte eines Philips-Betreuers pures Gold: „Eile ist Irrtum. Wir haben Zeit.“ Als nächste kommt eine Deutekom-Platte mit lustigen Koloraturwalzern. Ihre erste Philips-Gesamtaufnahme werden Verdis „Lombarden“ sein. Zu hoffen wäre, dass ihre Firma sie in Zukunft auch etwas liebevoller und ansprechender präsentiert. Auf den Covers ihrer Recitalplatten nämlich schaut sie einmal so herrscherlich drein wie ihre königliche Majestät persönlich, das andere Mal wirkt sie unter einer Allongeperücke wie eine knackgesunde, sehr mollerte und lustige niederländisch-weibliche Ausgabe des französischen Sonnenkönigs.
Optimismus ist sicher ein Grundzug ihres Wesens. Und die Lustigkeit? Lachende Bestätigung: „Ich glaub schon. Oder… vielleicht gar nicht so sehr lustig, eher glücklich. Ja, ich bin glücklich. Und dann, wissen Sie, bin ich - ehrlich gesagt - auch ein bisschen eine Egoistin. Ich möchte gerne von allem etwas haben, was das Leben zu bieten hat. Jedenfalls versuche ich es.“
Abgesehen davon, dass ihr Terminkalender gerammelt voll ist und für Privatgelüste wohl keinen großen Spielraum lassen dürfte, darf gemutmaßt werden, dass die Deutekom-Wünsche immer in realen Grenzen bleiben werden. Den Aufstieg in die Klasse der Hochdotierten hat sie nämlich ohne Verlust ihres eigentlichen Ichs überstanden. Sie ist im Habitus und in der Einstellung ein völlig natürlicher, schlichter und zutiefst bürgerlicher Mensch geblieben. Ihr Gesicht spiegelt Sauberkeit. Die ganze Publicity ist ihr im Grunde wohl recht lästig und nicht sehr wichtig. Für Holland ist sie heute bereits eine nationale Wertmarke. Wenn sie im Concertgebouw Konzerte gibt, ist der Saal mit Sicherheit voll. Aber niemand vermutet und erkennt in der solide gekleideten Frau ohne jedes Make up, die da im Amsterdamer Flughafenrestaurant sitzt, die „holländische Nachtigall“. Eine freundliche Frau, die nicht mit ihren Leistungen prahlt und in neidloser Objektivität die ihrer Kolleginnen lobend wie kritisch betrachtet. Sie ist nicht nur äußerlich, sondern auch innerlich ohne Schminke. Rundherum reell und ganz ohne Aggression. Obgleich Cristina Deutekom ihre Person überhaupt nicht in den Mittelpunkt stellt, strahlt sie auf eine ganz selbstverständliche, sichere Art Persönlichkeit aus.



