Philippe Entremont
Ein fono forum-Porträt

Ob man Philippe Entremont nach schönem Brauch nicht einfach ein „Phänomen“ nennen sollte? Immerhin gibt es kaum einen Pianisten seines Alters, der sich einer vergleichbaren Schallplatten-Aktivität rühmen dürfte, und was Vielseitigkeit betrifft - ein Diskus-Porträt wäre an Buntscheckigkeit von Komponisten und Werken schwer zu überbieten -, darf sich Entremont sogar den „Weltmeistern“ zuzählen. Oder findet man in den Katalogen etwa die „Rhapsody in Blue“ mit Ashkenazy, Darius Milhauds erstes Klavierkonzert mit Gulda? Andererseits allerdings ist es unvorstellbar, dass Barenboim oder Brendel bei Produktionen mitmachen würden, die unter solch schillernden Titeln wie „Moonlight Sonata“ oder „Liebestraum“ eine Kollektion von „best-loved piano pieces“ präsentieren, damit sentimentale Gemüter bei „Clair de lune“ prompt die Augen verdrehen …
Seinen Tribut an den breitesten Konsumentengeschmack, der den amerikanischen Markt schonungsloser beherrscht als den europäischen, musste Entremont wohl entrichten, nachdem ihn das amerikanische Publikum samt Musikkritik und „großem Bruder“ CBS in den fünfziger Jahren mit milder Gewalt in ihre Arme geschlossen hatten. Und so stanzte der „sunny-boy“ aus dem französischen Reims ohne viel Federlesens seine Encores à la Träumerei in die schwarzen Scheiben. Wer ihn nur von der Platte kennt, nur als Interpreten der Konzerte von Liszt und Grieg über Tschaikowsky, Saint-Saëns bis Rachmaninoff gehört hat, mag ihn eher der Rubrik des virtuos-romantischen Pianisten zurechnen, mit Flair doch ohne spezifische künstlerische Eigenprägung. Noch das neueste Doppelalbum mit „Gemischtem“ von Chopin und Liszt will von diesem Image zehren.
Doch Philippe Entremont war stets auch „ehrenvollerer“ Taten begierig. So spielte er nicht nur unter Strawinskys eigener Leitung dessen Konzert für Klavier und Bläser, musizierte Mozarts Klavierkonzerte KV 415 und 453 auf Platten, indem er - auf den Spuren von Edwin Fischer und wie heute Barenboim und Anda - vom Flügel aus das Orchester dirigierte, sondern sein Name tauchte jüngst auch im Zusammenhang mit einer Einspielung von Orchesterwerken Eric Saties auf. Dirigent: Philippe Entremont. „Ich war glücklich, dass ich mit dieser ersten Platte, die ich als Dirigent machen konnte, nicht der herkömmlicheren Musik verpflichtet war, Musik, mit der ich als Pianist bisher immerzu tun hatte“, meint Entremont im Gespräch. Ihm genügt es durchaus nicht, das heutzutage festgefahrene Repertoire aller Konzertsäle gleichmütig abzuwickeln; ebenso reizt es ihn, weniger ausgetretene Pfade der Programmgestaltung zu suchen. Entremont, so scheint es, ist heute nicht mehr nur - wenn er es je war - der in allen Sätteln pianistischer Bravour gerechte Allroundvirtuose, als der ihn der Schallplattensammler von Klaviermusik des 19. Jahrhunderts mehr oder weniger ansehen muss. Die persönliche Begegnung mit ihm in Probe, Konzert und Gespräch, kam dabei fast einer Entdeckung gleich.
In Wien hatte sicherlich niemand damit gerechnet, dass Entremonts Erscheinen bei den diesjährigen Festwochen zu mehr als einem Routine-Erfolg führen würde, denn das Konzert am 6. Juni mit dem Sinfonieorchester des Österreichischen Rundfunks unter seinem Chef Milan Horvat entbehrte, neben den Auftritten der Wiener Philharmoniker und Symphoniker, des RSO Berlin und Pultzelebritäten wie Böhm, Kubelik, Maazel jeglichen festlichen Sonderglanzes. Entremont -? Der Name war einem nur von den Schallplatten her geläufig. Doch gestaltete sich seine Interpretation der beiden „ungleichen Zwillinge“ von Ravel, nimmt man die Zurückhaltung des Wiener Publikums bei Erstbegegnungen mit auswärtigen Musikern als Maßstab, dennoch zu einem veritablen Triumph. Da musizierte jemand mit großem pianistischen Können, empfindsamer und doch kristallklarer Tongebung; es saß einer am Klavier, dessen persönliche Präsenz und Ausstrahlung sozusagen mit Händen zu greifen waren. Entremont hatte den falschen Ruf, der ihm vorausgeeilt war, hatte die Skepsis schnell und gründlich besiegt und dankte am Ende dem jubelnden Publikum, indem er als Zugabe ein Couperin-Solo mit hinreißender klanglicher Noblesse und Poesie hervorzauberte. Wer ist dieser fabelhafte Franzose, wollten nun alle wissen, während er selbst bereits mit dem Generalsekretär des Konzerthauses über einen nächsten Wiener Termin verhandelte.
Im traditionsreichen Sacher-Hotel hinter der Staatsoper hatte ich mich zwei Tage vor dem Konzert mit ihm zu einem „Interview“ verabredet. Ich kannte ihn nur von einem alten, milchgesichtigen Foto, das wegen seiner unschuldsvollen Augen viele Plattentaschen ziert, und war nicht wenig überrascht, als ein großer und schlanker, unverblümt selbstsicher wirkender Mann mich begrüßte, der ohne alle Allüren auf die Welt gekommen zu sein schien. Die zweite Überraschung war diese: Entremont ist bereits auf den ersten Blick der „typische“ Franzose, locker und charmant im Formulieren, ein Kenner und Liebhaber von Paris (wo er mit Frau und Töchterchen sein Domizil aufgeschlagen hat). Den „sunnyboy“, scheint es, hat es tatsächlich nie gegeben. 1934 als Sohn einer Pianistin und eines Operndirigenten in Reims geboren, begann Entremont schon früh mit seiner musikalischen Ausbildung, lernte, neben dem Klavierunterricht seiner Mutter, durch den Vater fast die gesamte Orchester- und Kammermusikliteratur kennen und landete schließlich, als sein Klaviertalent nach höherer Anleitung rief, bei der berühmten Marguerite Long in Paris, bei der er zwei Jahre lang studierte, bis man ihn ins Conservatoire aufnahm. Hier gewann er in kurzen Abständen verschiedene Preise und erhielt mit sechzehn Jahren den „Lauréat“ beim internationalen Long-Thibaud-Wettbewerb; bereits ein Jahr später eroberte er sich den ersten Preis beim Brüsseler Concours der Königin Elisabeth von Belgien. Eine glänzende Konzertkarriere nahm ihren Anfang, im Januar 1953 hatte er auch in Amerika auf Anhieb großen Erfolg. Schmeichelhafte Pressestimmen, die zuweilen das Epitheton „genial“ nicht scheuten, empfahlen Entremont in alle Konzertsäle der Welt, wo er inzwischen seit vielen Jahren, wie es so schön heißt, „zu Hause“ ist.
Dass die künstlerische Physiognomie des heute 37jährigen entschieden mehr Züge trägt, als man sie von einem reisenden Virtuosen seines Alters gewohnt ist, gehört zu den interessantesten Entdeckungen des Gesprächs. Welche Werke er am liebsten vorträgt? Mozart, Bach (und natürlich Chopin). Vor allem zu Mozart scheint Entremont sich eines (auf höherer Ebene) unkomplizierten, von keinerlei stilistischen Skrupeln getrübten Verhältnisses zu erfreuen. Interpretationsprobleme? Für den „wahren“ Musiker, der natürliches Empfinden und Spontaneität mitbringe, sei Mozart die herrlichste und deshalb „leichteste Sache von der Welt“. Da Entremont ein Mann des „Understatement“ ist, spricht er nicht von den Schwierigkeiten, von der harten Arbeit und dem Leistungsdruck seines „Berufs“, sondern meint auf die Frage nach den Problemen des Ravel-Konzerts für die linke Hand, indem er mit den Augen zwinkert, das heikelste sei doch wohl die Passivität der rechten Hand, mit der er niemals wisse wohin. Kommt jedoch die Rede auf „Kollegen“ und deren Interpretationen, gerät man mit Entremont leicht ins Fachsimpeln, denn er kennt sie fast alle, kennt ihre Schallplatten. Unter den Jüngeren schätzt er Vladimir Ashkenazy am höchsten ein. Vielen seiner Gleichaltrigen fehle es in erster Linie an der allen zehn Fingern gleichmäßig antrainierten Kraft eines substanzreichen und doch farbigen Anschlags, was sich in einer gewissen „Oberflächlichkeit“ des Passagen- und Laufwerkspielens zeige, äußert Entremont zum rein Pianistischen. „Erlauchte“ Namen fallen in die Diskussion, Serkin, Horowitz, Arrau, Kempff; und dann Schnabel, Cortot, den er selbst noch oft gehört hat, ohne aber sein Schüler gewesen zu sein, und den er einen „großen Besessenen“ nennt; Entremonts mimisches Talent erprobt sich unterdessen mit einer Nachahmung von Cortots Bassverdoppelungen im Schumann-Konzert, was er mit Singen und imaginären Oktavgriffen kommentiert. Aufschlussreich, wen er — eine notorisch gestellte Frage - als „künstlerisches Vorbild“ akzeptieren könnte; es ist Artur Rubinstein. Die Vielseitigkeit des großen Polen, seine Vitalität in Verbindung mit einem äußerst empfindlichen Sensorium (vom „savoirvivre“ dieses Lebenskünstlers gar nicht zu reden) - sie scheinen ihm des „Nacheiferns“ wert.
Seit einiger Zeit beschäftigt sich Entremont mit den Problemen des Taktstocks. Das Klavier bleibt zwar sein Vorzugsinstrument, doch schon denkt er daran, die mit der Satie-Einspielung angefangene Linie weiterzuverfolgen, denkt dabei an Werke von Chabrier, Fauré, Franck und andere im heutigen Konzertbetrieb verwaiste Namen. Mit dem Dirigieren hat es jedoch keine Eile, und so gehört beileibe noch keine Mahler-Sinfonie zur Wunschliste, obwohl man sich mit Entremont über Mahler, dessen Musik er nicht nur liebt, sondern auch en detail zu kennen scheint, sofort und mit Verve verständigt. Es wundert da kaum noch, dass er besonders gern mit Leonard Bernstein zusammenarbeitet. Doch freut er sich schon jetzt auf seine nächste Schallplatte mit Pierre Boulez („der größte lebende Dirigent“) und dem Cleveland-Orchester (Schumann-Konzert, Ravel-Konzert für die linke Hand).
Nicht viele werden wissen, dass Entremont sich mit Christian Ferras zusammengetan hat, um die Violinsonaten „von Bach bis Brahms“ zu erarbeiten, dass er ferner in Ravels Geburtsort bei Saint-Jean-de-Luz (Maurice-Ravel-Institut) einen Klavierkurs leitet, der ausschließlich dem „genius loci“ gewidmet ist. Dass die Lehrtätigkeit ihn innerlich beschäftigt, beweisen seine sehr kritischen Äußerungen zu aktuellen Fragen der Musikerziehung, besonders im Zusammenhang mit der zeitgenössischen Musik, deren elitären Entwicklung in die Isolation mit „education“ des Publikums zu begegnen sei.
Philippe Entremont pafft weiter an seinem Zigarillo und ist nach länger als einer Stunde ernsthaften Gesprächs, aber auch zwanglos heiteren Wortaustauschs noch immer von sprühender Lebendigkeit, ist überhaupt ein - nehmt alles nur in allem! - „gran simpaticone“, wie der Italiener sagt. Und als ich ihn zusammen mit ein paar Leuten vom Fach am nächsten Morgen bei der Probe zum ersten Mal „live“ hörte, waren wir uns einig, einen bedeutenden Pianisten und Musiker kennengelernt zu haben. Sein Wiener Erfolg kam da nicht von ungefähr.
Ob man Philippe Entremont nach schönem Brauch nicht einfach ein „Phänomen“ nennen sollte? Immerhin gibt es kaum einen Pianisten seines Alters, der sich einer vergleichbaren Schallplatten-Aktivität rühmen dürfte, und was Vielseitigkeit betrifft - ein Diskus-Porträt wäre an Buntscheckigkeit von Komponisten und Werken schwer zu überbieten -, darf sich Entremont sogar den „Weltmeistern“ zuzählen. Oder findet man in den Katalogen etwa die „Rhapsody in Blue“ mit Ashkenazy, Darius Milhauds erstes Klavierkonzert mit Gulda? Andererseits allerdings ist es unvorstellbar, dass Barenboim oder Brendel bei Produktionen mitmachen würden, die unter solch schillernden Titeln wie „Moonlight Sonata“ oder „Liebestraum“ eine Kollektion von „best-loved piano pieces“ präsentieren, damit sentimentale Gemüter bei „Clair de lune“ prompt die Augen verdrehen …
Seinen Tribut an den breitesten Konsumentengeschmack, der den amerikanischen Markt schonungsloser beherrscht als den europäischen, musste Entremont wohl entrichten, nachdem ihn das amerikanische Publikum samt Musikkritik und „großem Bruder“ CBS in den fünfziger Jahren mit milder Gewalt in ihre Arme geschlossen hatten. Und so stanzte der „sunny-boy“ aus dem französischen Reims ohne viel Federlesens seine Encores à la Träumerei in die schwarzen Scheiben. Wer ihn nur von der Platte kennt, nur als Interpreten der Konzerte von Liszt und Grieg über Tschaikowsky, Saint-Saëns bis Rachmaninoff gehört hat, mag ihn eher der Rubrik des virtuos-romantischen Pianisten zurechnen, mit Flair doch ohne spezifische künstlerische Eigenprägung. Noch das neueste Doppelalbum mit „Gemischtem“ von Chopin und Liszt will von diesem Image zehren.
Doch Philippe Entremont war stets auch „ehrenvollerer“ Taten begierig. So spielte er nicht nur unter Strawinskys eigener Leitung dessen Konzert für Klavier und Bläser, musizierte Mozarts Klavierkonzerte KV 415 und 453 auf Platten, indem er - auf den Spuren von Edwin Fischer und wie heute Barenboim und Anda - vom Flügel aus das Orchester dirigierte, sondern sein Name tauchte jüngst auch im Zusammenhang mit einer Einspielung von Orchesterwerken Eric Saties auf. Dirigent: Philippe Entremont. „Ich war glücklich, dass ich mit dieser ersten Platte, die ich als Dirigent machen konnte, nicht der herkömmlicheren Musik verpflichtet war, Musik, mit der ich als Pianist bisher immerzu tun hatte“, meint Entremont im Gespräch. Ihm genügt es durchaus nicht, das heutzutage festgefahrene Repertoire aller Konzertsäle gleichmütig abzuwickeln; ebenso reizt es ihn, weniger ausgetretene Pfade der Programmgestaltung zu suchen. Entremont, so scheint es, ist heute nicht mehr nur - wenn er es je war - der in allen Sätteln pianistischer Bravour gerechte Allroundvirtuose, als der ihn der Schallplattensammler von Klaviermusik des 19. Jahrhunderts mehr oder weniger ansehen muss. Die persönliche Begegnung mit ihm in Probe, Konzert und Gespräch, kam dabei fast einer Entdeckung gleich.
In Wien hatte sicherlich niemand damit gerechnet, dass Entremonts Erscheinen bei den diesjährigen Festwochen zu mehr als einem Routine-Erfolg führen würde, denn das Konzert am 6. Juni mit dem Sinfonieorchester des Österreichischen Rundfunks unter seinem Chef Milan Horvat entbehrte, neben den Auftritten der Wiener Philharmoniker und Symphoniker, des RSO Berlin und Pultzelebritäten wie Böhm, Kubelik, Maazel jeglichen festlichen Sonderglanzes. Entremont -? Der Name war einem nur von den Schallplatten her geläufig. Doch gestaltete sich seine Interpretation der beiden „ungleichen Zwillinge“ von Ravel, nimmt man die Zurückhaltung des Wiener Publikums bei Erstbegegnungen mit auswärtigen Musikern als Maßstab, dennoch zu einem veritablen Triumph. Da musizierte jemand mit großem pianistischen Können, empfindsamer und doch kristallklarer Tongebung; es saß einer am Klavier, dessen persönliche Präsenz und Ausstrahlung sozusagen mit Händen zu greifen waren. Entremont hatte den falschen Ruf, der ihm vorausgeeilt war, hatte die Skepsis schnell und gründlich besiegt und dankte am Ende dem jubelnden Publikum, indem er als Zugabe ein Couperin-Solo mit hinreißender klanglicher Noblesse und Poesie hervorzauberte. Wer ist dieser fabelhafte Franzose, wollten nun alle wissen, während er selbst bereits mit dem Generalsekretär des Konzerthauses über einen nächsten Wiener Termin verhandelte.
Im traditionsreichen Sacher-Hotel hinter der Staatsoper hatte ich mich zwei Tage vor dem Konzert mit ihm zu einem „Interview“ verabredet. Ich kannte ihn nur von einem alten, milchgesichtigen Foto, das wegen seiner unschuldsvollen Augen viele Plattentaschen ziert, und war nicht wenig überrascht, als ein großer und schlanker, unverblümt selbstsicher wirkender Mann mich begrüßte, der ohne alle Allüren auf die Welt gekommen zu sein schien. Die zweite Überraschung war diese: Entremont ist bereits auf den ersten Blick der „typische“ Franzose, locker und charmant im Formulieren, ein Kenner und Liebhaber von Paris (wo er mit Frau und Töchterchen sein Domizil aufgeschlagen hat). Den „sunnyboy“, scheint es, hat es tatsächlich nie gegeben. 1934 als Sohn einer Pianistin und eines Operndirigenten in Reims geboren, begann Entremont schon früh mit seiner musikalischen Ausbildung, lernte, neben dem Klavierunterricht seiner Mutter, durch den Vater fast die gesamte Orchester- und Kammermusikliteratur kennen und landete schließlich, als sein Klaviertalent nach höherer Anleitung rief, bei der berühmten Marguerite Long in Paris, bei der er zwei Jahre lang studierte, bis man ihn ins Conservatoire aufnahm. Hier gewann er in kurzen Abständen verschiedene Preise und erhielt mit sechzehn Jahren den „Lauréat“ beim internationalen Long-Thibaud-Wettbewerb; bereits ein Jahr später eroberte er sich den ersten Preis beim Brüsseler Concours der Königin Elisabeth von Belgien. Eine glänzende Konzertkarriere nahm ihren Anfang, im Januar 1953 hatte er auch in Amerika auf Anhieb großen Erfolg. Schmeichelhafte Pressestimmen, die zuweilen das Epitheton „genial“ nicht scheuten, empfahlen Entremont in alle Konzertsäle der Welt, wo er inzwischen seit vielen Jahren, wie es so schön heißt, „zu Hause“ ist.
Dass die künstlerische Physiognomie des heute 37jährigen entschieden mehr Züge trägt, als man sie von einem reisenden Virtuosen seines Alters gewohnt ist, gehört zu den interessantesten Entdeckungen des Gesprächs. Welche Werke er am liebsten vorträgt? Mozart, Bach (und natürlich Chopin). Vor allem zu Mozart scheint Entremont sich eines (auf höherer Ebene) unkomplizierten, von keinerlei stilistischen Skrupeln getrübten Verhältnisses zu erfreuen. Interpretationsprobleme? Für den „wahren“ Musiker, der natürliches Empfinden und Spontaneität mitbringe, sei Mozart die herrlichste und deshalb „leichteste Sache von der Welt“. Da Entremont ein Mann des „Understatement“ ist, spricht er nicht von den Schwierigkeiten, von der harten Arbeit und dem Leistungsdruck seines „Berufs“, sondern meint auf die Frage nach den Problemen des Ravel-Konzerts für die linke Hand, indem er mit den Augen zwinkert, das heikelste sei doch wohl die Passivität der rechten Hand, mit der er niemals wisse wohin. Kommt jedoch die Rede auf „Kollegen“ und deren Interpretationen, gerät man mit Entremont leicht ins Fachsimpeln, denn er kennt sie fast alle, kennt ihre Schallplatten. Unter den Jüngeren schätzt er Vladimir Ashkenazy am höchsten ein. Vielen seiner Gleichaltrigen fehle es in erster Linie an der allen zehn Fingern gleichmäßig antrainierten Kraft eines substanzreichen und doch farbigen Anschlags, was sich in einer gewissen „Oberflächlichkeit“ des Passagen- und Laufwerkspielens zeige, äußert Entremont zum rein Pianistischen. „Erlauchte“ Namen fallen in die Diskussion, Serkin, Horowitz, Arrau, Kempff; und dann Schnabel, Cortot, den er selbst noch oft gehört hat, ohne aber sein Schüler gewesen zu sein, und den er einen „großen Besessenen“ nennt; Entremonts mimisches Talent erprobt sich unterdessen mit einer Nachahmung von Cortots Bassverdoppelungen im Schumann-Konzert, was er mit Singen und imaginären Oktavgriffen kommentiert. Aufschlussreich, wen er — eine notorisch gestellte Frage - als „künstlerisches Vorbild“ akzeptieren könnte; es ist Artur Rubinstein. Die Vielseitigkeit des großen Polen, seine Vitalität in Verbindung mit einem äußerst empfindlichen Sensorium (vom „savoirvivre“ dieses Lebenskünstlers gar nicht zu reden) - sie scheinen ihm des „Nacheiferns“ wert.
Seit einiger Zeit beschäftigt sich Entremont mit den Problemen des Taktstocks. Das Klavier bleibt zwar sein Vorzugsinstrument, doch schon denkt er daran, die mit der Satie-Einspielung angefangene Linie weiterzuverfolgen, denkt dabei an Werke von Chabrier, Fauré, Franck und andere im heutigen Konzertbetrieb verwaiste Namen. Mit dem Dirigieren hat es jedoch keine Eile, und so gehört beileibe noch keine Mahler-Sinfonie zur Wunschliste, obwohl man sich mit Entremont über Mahler, dessen Musik er nicht nur liebt, sondern auch en detail zu kennen scheint, sofort und mit Verve verständigt. Es wundert da kaum noch, dass er besonders gern mit Leonard Bernstein zusammenarbeitet. Doch freut er sich schon jetzt auf seine nächste Schallplatte mit Pierre Boulez („der größte lebende Dirigent“) und dem Cleveland-Orchester (Schumann-Konzert, Ravel-Konzert für die linke Hand).
Nicht viele werden wissen, dass Entremont sich mit Christian Ferras zusammengetan hat, um die Violinsonaten „von Bach bis Brahms“ zu erarbeiten, dass er ferner in Ravels Geburtsort bei Saint-Jean-de-Luz (Maurice-Ravel-Institut) einen Klavierkurs leitet, der ausschließlich dem „genius loci“ gewidmet ist. Dass die Lehrtätigkeit ihn innerlich beschäftigt, beweisen seine sehr kritischen Äußerungen zu aktuellen Fragen der Musikerziehung, besonders im Zusammenhang mit der zeitgenössischen Musik, deren elitären Entwicklung in die Isolation mit „education“ des Publikums zu begegnen sei.
Philippe Entremont pafft weiter an seinem Zigarillo und ist nach länger als einer Stunde ernsthaften Gesprächs, aber auch zwanglos heiteren Wortaustauschs noch immer von sprühender Lebendigkeit, ist überhaupt ein - nehmt alles nur in allem! - „gran simpaticone“, wie der Italiener sagt. Und als ich ihn zusammen mit ein paar Leuten vom Fach am nächsten Morgen bei der Probe zum ersten Mal „live“ hörte, waren wir uns einig, einen bedeutenden Pianisten und Musiker kennengelernt zu haben. Sein Wiener Erfolg kam da nicht von ungefähr.



