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Das Gewissen Salzburgs

Von
Gottfried Kraus
Erschienen in der Printausgabe im
Oktober 1971
Lesezeit ca.
…
Minuten

Sein Tod kam nicht überraschend. Seine Freunde wussten seit Wochen, dass es zu Ende ging. Dass der Lebenswille des 84-jährigen Hofrats, der noch bei der Mozart-Woche im Januar am Pult der Wiener Philharmoniker erschienen war, nicht mehr ausreichen konnte. Seit man ihm - gegen seinen Willen und in wenig würdevoller Weise - einen Nachfolger aufgezwungen und seinem Präsidentenamt eine Frist bis zum 1. Oktober dieses Jahres gesetzt hatte, war er nicht mehr allzu oft im Festspielhaus gesehen worden. Er hatte wohl nicht mehr die Kraft, Dinge, die er besser wusste und für deren Realisierung oder Verhinderung er früher eingetreten war, mit der nötigen Lebhaftigkeit und Überzeugung zu vertreten.

Bernhard Paumgartner starb am dritten Tag der Festspiele 1971, am 27. Juli, in den frühen Abendstunden, just als im Festspielhaus der „Wozzeck“ begann. Sein Tod wurde zwar - aus Rücksicht auf Karl Böhm - an diesem Abend nicht mehr offiziell bekanntgegeben, aber die Nachricht lief in Windeseile durch das Haus. Salzburg bereitete seinem Ehrenbürger am folgenden Samstag ein fürstliches Begräbnis. Mozarts „Requiem“ erklang unter Herbert von Karajans Leitung mit den Wiener Philharmonikern und prominenten Solisten in der Erzabtei St. Peter: auf dem Petersfriedhof, im Herzen Alt-Salzburgs, wurde er begraben.

Mit ihm verlieren die Salzburger Festspiele den letzten aus dem Kreis der Gründer: den letzten, der von einer Idee der Festspiele wusste, auch wenn er sie nicht immer verwirklichen konnte: den letzten, der wirklich wusste, was Salzburg ist. Paumgartner war ein „Zugereister“, aber der Wiener, Sohn eines Musikwissenschaftlers und der berühmten ersten Wiener Carmen, Rosa Papier, der im Umkreis von Brahms, Bruckner, Mahler und Hugo Wolf aufgewachsen und als Musiker wie als Wissenschaftler von einer unerhörten Vielseitigkeit gewesen war, hatte Salzburg bereits vor 55 Jahren zu seiner Heimat gemacht. Keine kulturelle Initiative - seien es die Festspiele, der Ausbau des Konservatoriums Mozarteum, als dessen Direktor er einst nach Salzburg gekommen war, zur staatlichen Akademie und Hochschule, die Gründung der Salzburger Orchester, Mozarteum-Orchester und Camerata academica, die Schaffung eines musischen Gymnasiums oder das im Vorjahr vielbeachtete „Fest in Hellbrunn“ —, die nicht ihn zum Hauptinitiator gehabt hätte. Paumgartner liebte die Stadt und die Landschaft, die Geschichte und die Gegenwart Salzburgs auf eine ganz besondere Weise. Er war so etwas wie das lebende Gewissen Salzburgs, weil er alles, was geschah oder nicht geschah, in Bezug auf das Ganze sah; weil er es so sehen konnte, da er von dem übergreifenden Zusammenhang wusste wie wenige. Die Lücke, die Paumgartners Tod hinterlässt, wird nicht zu schließen sein, denn Persönlichkeiten werden immer rarer. Und Paumgartner war eine Persönlichkeit von seltener Kraft und Fülle, ein verspäteter Barockmensch, wie es nur wenige gibt. Als Musiker hatte er begonnen - als Korrepetitor an der damals von Mahler geleiteten Wiener Staatsoper -, als Dirigent und Komponist hatte er entscheidenden Anteil an der Gründung und Entwicklung der Salzburger Festspiele, als Musikwissenschaftler und Kulturhistoriker ist Paumgartner unerhört fleißig gewesen: die Bibliographie seiner Schriften, Bücher und Beiträge umfasst elf dicht bedruckte Buchseiten seiner „Erinnerungen“, die 1969 im Residenz-Verlag erschienen sind. Seine Bücher über Bach, Mozart und Schubert haben im Atlantis-Verlag zahlreiche Auflagen erlebt und gehören, obwohl sie von der strengen Musikwissenschaft gerne etwas von oben herab betrachtet werden, zu den fesselndsten Musikerbiographien, weil auch hier die Sicht auf das Ganze bis ins kleinste Detail spürbar wird. Darüber hinaus aber hat Paumgartner zahlreiche musikwissenschaftliche Studien und Bearbeitungen veröffentlicht, insbesondere zum Thema Mozart, eine lange Reihe historischer Schriften, die zum Teil während der Kriegsjahre entstanden sind, die Paumgartner in Florenz verbrachte, und eines der schönsten und gehaltvollsten Salzburg-Bücher, die je geschrieben wurden.

Von seinen Kompositionen - auch sie erreichen eine stattliche Zahl — ist kaum mehr etwas lebendig, obwohl seine Oper „Die Höhle von Salamanca“ 1928 sogar bei den Festspielen aufgeführt worden war und Bühnenmusiken aus Paumgartners Feder seinerzeit viel gespielt wurden. Bernhard Paumgartners Hauptleistung aber und sein historisches Verdienst, dessen Wirkung ihn lange überleben wird, ist die Entdeckung der Jugendwerke Mozarts, für deren Geltung im Bewusstsein des großen Musikpublikums er von Salzburg aus Unerhörtes geleistet hat. Schon in den ersten Festspieljahren war es Bernhard Paumgartner, der in seinen Konzerten und Kirchenaufführungen auch Mozart-Werke spielte, die damals so gut wie unbekannt waren. Und in all den folgenden Jahren wurde der Hofrat nie müde, in Serenaden, Matineen und Kirchenaufführungen die Schätze des unbekannten Mozart zu heben. Die kleinen Sinfonien, Divertimenti, Cassationen, Konzerte, die vielen herrlichen Konzertarien traten von den Mozart-Matineen der Festspiele ihren Weg in das Bewusstsein des Musikpublikums an. Wir können heute, da uns die Mehrzahl dieser Werke, nicht zuletzt durch die Schallplatte, längst selbstverständlicher Besitz ist, kaum mehr ermessen, wie groß dieses Verdienst ist, das auch — in den vergangenen fünfzehn Jahren - die Entdeckung der Jugendopern Mozarts einschloss, in diesem Jahr des 200 Jahre nicht gespielten „Mitridate“. Die Mozart-Matineen, oft kritisiert und viel belächelt, weil sie dem Perfektionsanspruch des internationalen Musikmarktes angeblich nicht genügten, waren meist die ersten ausverkauften Konzerte der Festspiele, wurden von den meisten Radiostationen übernommen und in alle Welt übertragen - ein Mekka der Mozartianer. Von hier aus wurde Clara Haskils Mozart-Ton weltberühmt, hier wurde man auf den Mozart-Interpreten Geza Anda aufmerksam, hier haben zahllose Sängerinnen und Sänger sich an Mozart bewähren müssen.

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Auch als Dirigent für Mozart engagiert: Bernhard Paumgartner während einer Probe mit „seinem“ Mozarteum-Orchester

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Leider bewahrt die Schallplatte davon nur weniges. Wenn man die Kataloge durchblättert, findet sich der Name Paumgartner fast nicht mehr. Hier ist wohl, abgesehen davon, dass Paumgartner in den letzten Jahren kaum mehr aufgenommen hat und die besten seiner Aufnahmen alle noch in Mono entstanden sind, auch jener unglückselige „Perfektionsanspruch“ schuld, der oft so wenig mit der Lebendigkeit der Musik zu tun hat. Im Bielefelder fand ich überhaupt nur drei Anthologien: die „Salzburg“-Folge der „Musik in alten Städten und Residenzen“ mit Aufnahmen von 1961, die technisch nicht sehr gut sind, aber doch anhand des Divertimentos KV 113, der Serenade KV 100 und der Cassation KV 63 den charakteristischen Mozart-Stil Paumgartners und „seiner“ Camerata academica belegen, der in einer völlig unverzärtelten, bei aller Anmut und allem „Gusto“ kräftig diesseitigen Dramatik lag. Bei Paumgartner begriff man die stark barocken Wurzeln Mozarts, und zwar des italienischen Barock - nicht des deutschen, der für Mozart ja erst viel später Bedeutung erhielt. Auch die beiden Anthologien „Salzburger Hofmusik“ auf Amadeo machen anhand von Werken des Salzburgischen Barock (Biber, Muffat) über Leopold Mozart und Michael Haydn den Übergang zu Wolfgang Amadeus deutlich. Philips widmete Bernhard Paumgartner, der als Berater und Dirigent wesentlich zu der im Mozart-Jahr 1956 geplanten, leider aber nie vollendeten Gesamtausgabe beigetragen hat, 1967 zum achtzigsten Geburtstag eine Drei-Platten-Kassette „Erlebte Musik“ mit einer Reihe kostbarer Vokalaufnahmen, Konzertarien, Ensembles und Liedern, die seinerzeit unter Paumgartners Leitung entstanden sind. Das Kostbarste an dieser Edition, die aber bereits vergriffen sein dürfte, sind die ausführlichen Werkeinführungen Paumgartners.

Philips aber müsste in den Archiven noch manches andere Dokument des Mozart-Interpreten Paumgartner haben, das zu edieren jetzt lohnte: So etwa eine schöne und in ihrem Ausgleich aus Intimität und Dramatik noch immer beispielhafte Einspielung des d-moll-Konzerts mit Clara Haskil. Denn auch für die späten, großen Mozart-Werke besaß Paumgartner einen besonderen Sensus. So etwa werde ich nie jene Aufführung der Es-dur-Sinfonie KV 543 vergessen, die Paumgartner vor zwei Jahren mit den Wiener Philharmonikern in Salzburg dirigierte, und bei der einem plötzlich bewusst wurde, wie sehr diese Werke der Spätzeit Mozarts die gesamte Musikentwicklung bis dahin zusammenfassen und das Tor aufstoßen für Beethoven.

Paumgartner war vielleicht kein großer Dirigent - dazu stand ihm das Handwerkliche des Dirigierens zu wenig souverän zu Gebot, es interessierte ihn wohl auch nicht —, aber er war gewiss ein bedeutender Interpret, der wie wenige auch außermusikalische Dimensionen zu nützen und in der Musik transparent zu machen vermochte. Gerade deshalb sollte sein Erbe als Interpret, wie es in Archiven der Schallplattenfirmen und Rundfunkstationen liegt, für die nachfolgenden Generationen von Bedeutung sein.

Sein Tod kam nicht überraschend. Seine Freunde wussten seit Wochen, dass es zu Ende ging. Dass der Lebenswille des 84-jährigen Hofrats, der noch bei der Mozart-Woche im Januar am Pult der Wiener Philharmoniker erschienen war, nicht mehr ausreichen konnte. Seit man ihm - gegen seinen Willen und in wenig würdevoller Weise - einen Nachfolger aufgezwungen und seinem Präsidentenamt eine Frist bis zum 1. Oktober dieses Jahres gesetzt hatte, war er nicht mehr allzu oft im Festspielhaus gesehen worden. Er hatte wohl nicht mehr die Kraft, Dinge, die er besser wusste und für deren Realisierung oder Verhinderung er früher eingetreten war, mit der nötigen Lebhaftigkeit und Überzeugung zu vertreten.

Bernhard Paumgartner starb am dritten Tag der Festspiele 1971, am 27. Juli, in den frühen Abendstunden, just als im Festspielhaus der „Wozzeck“ begann. Sein Tod wurde zwar - aus Rücksicht auf Karl Böhm - an diesem Abend nicht mehr offiziell bekanntgegeben, aber die Nachricht lief in Windeseile durch das Haus. Salzburg bereitete seinem Ehrenbürger am folgenden Samstag ein fürstliches Begräbnis. Mozarts „Requiem“ erklang unter Herbert von Karajans Leitung mit den Wiener Philharmonikern und prominenten Solisten in der Erzabtei St. Peter: auf dem Petersfriedhof, im Herzen Alt-Salzburgs, wurde er begraben.

Mit ihm verlieren die Salzburger Festspiele den letzten aus dem Kreis der Gründer: den letzten, der von einer Idee der Festspiele wusste, auch wenn er sie nicht immer verwirklichen konnte: den letzten, der wirklich wusste, was Salzburg ist. Paumgartner war ein „Zugereister“, aber der Wiener, Sohn eines Musikwissenschaftlers und der berühmten ersten Wiener Carmen, Rosa Papier, der im Umkreis von Brahms, Bruckner, Mahler und Hugo Wolf aufgewachsen und als Musiker wie als Wissenschaftler von einer unerhörten Vielseitigkeit gewesen war, hatte Salzburg bereits vor 55 Jahren zu seiner Heimat gemacht. Keine kulturelle Initiative - seien es die Festspiele, der Ausbau des Konservatoriums Mozarteum, als dessen Direktor er einst nach Salzburg gekommen war, zur staatlichen Akademie und Hochschule, die Gründung der Salzburger Orchester, Mozarteum-Orchester und Camerata academica, die Schaffung eines musischen Gymnasiums oder das im Vorjahr vielbeachtete „Fest in Hellbrunn“ —, die nicht ihn zum Hauptinitiator gehabt hätte. Paumgartner liebte die Stadt und die Landschaft, die Geschichte und die Gegenwart Salzburgs auf eine ganz besondere Weise. Er war so etwas wie das lebende Gewissen Salzburgs, weil er alles, was geschah oder nicht geschah, in Bezug auf das Ganze sah; weil er es so sehen konnte, da er von dem übergreifenden Zusammenhang wusste wie wenige. Die Lücke, die Paumgartners Tod hinterlässt, wird nicht zu schließen sein, denn Persönlichkeiten werden immer rarer. Und Paumgartner war eine Persönlichkeit von seltener Kraft und Fülle, ein verspäteter Barockmensch, wie es nur wenige gibt. Als Musiker hatte er begonnen - als Korrepetitor an der damals von Mahler geleiteten Wiener Staatsoper -, als Dirigent und Komponist hatte er entscheidenden Anteil an der Gründung und Entwicklung der Salzburger Festspiele, als Musikwissenschaftler und Kulturhistoriker ist Paumgartner unerhört fleißig gewesen: die Bibliographie seiner Schriften, Bücher und Beiträge umfasst elf dicht bedruckte Buchseiten seiner „Erinnerungen“, die 1969 im Residenz-Verlag erschienen sind. Seine Bücher über Bach, Mozart und Schubert haben im Atlantis-Verlag zahlreiche Auflagen erlebt und gehören, obwohl sie von der strengen Musikwissenschaft gerne etwas von oben herab betrachtet werden, zu den fesselndsten Musikerbiographien, weil auch hier die Sicht auf das Ganze bis ins kleinste Detail spürbar wird. Darüber hinaus aber hat Paumgartner zahlreiche musikwissenschaftliche Studien und Bearbeitungen veröffentlicht, insbesondere zum Thema Mozart, eine lange Reihe historischer Schriften, die zum Teil während der Kriegsjahre entstanden sind, die Paumgartner in Florenz verbrachte, und eines der schönsten und gehaltvollsten Salzburg-Bücher, die je geschrieben wurden.

Von seinen Kompositionen - auch sie erreichen eine stattliche Zahl — ist kaum mehr etwas lebendig, obwohl seine Oper „Die Höhle von Salamanca“ 1928 sogar bei den Festspielen aufgeführt worden war und Bühnenmusiken aus Paumgartners Feder seinerzeit viel gespielt wurden. Bernhard Paumgartners Hauptleistung aber und sein historisches Verdienst, dessen Wirkung ihn lange überleben wird, ist die Entdeckung der Jugendwerke Mozarts, für deren Geltung im Bewusstsein des großen Musikpublikums er von Salzburg aus Unerhörtes geleistet hat. Schon in den ersten Festspieljahren war es Bernhard Paumgartner, der in seinen Konzerten und Kirchenaufführungen auch Mozart-Werke spielte, die damals so gut wie unbekannt waren. Und in all den folgenden Jahren wurde der Hofrat nie müde, in Serenaden, Matineen und Kirchenaufführungen die Schätze des unbekannten Mozart zu heben. Die kleinen Sinfonien, Divertimenti, Cassationen, Konzerte, die vielen herrlichen Konzertarien traten von den Mozart-Matineen der Festspiele ihren Weg in das Bewusstsein des Musikpublikums an. Wir können heute, da uns die Mehrzahl dieser Werke, nicht zuletzt durch die Schallplatte, längst selbstverständlicher Besitz ist, kaum mehr ermessen, wie groß dieses Verdienst ist, das auch — in den vergangenen fünfzehn Jahren - die Entdeckung der Jugendopern Mozarts einschloss, in diesem Jahr des 200 Jahre nicht gespielten „Mitridate“. Die Mozart-Matineen, oft kritisiert und viel belächelt, weil sie dem Perfektionsanspruch des internationalen Musikmarktes angeblich nicht genügten, waren meist die ersten ausverkauften Konzerte der Festspiele, wurden von den meisten Radiostationen übernommen und in alle Welt übertragen - ein Mekka der Mozartianer. Von hier aus wurde Clara Haskils Mozart-Ton weltberühmt, hier wurde man auf den Mozart-Interpreten Geza Anda aufmerksam, hier haben zahllose Sängerinnen und Sänger sich an Mozart bewähren müssen.

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Auch als Dirigent für Mozart engagiert: Bernhard Paumgartner während einer Probe mit „seinem“ Mozarteum-Orchester

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Leider bewahrt die Schallplatte davon nur weniges. Wenn man die Kataloge durchblättert, findet sich der Name Paumgartner fast nicht mehr. Hier ist wohl, abgesehen davon, dass Paumgartner in den letzten Jahren kaum mehr aufgenommen hat und die besten seiner Aufnahmen alle noch in Mono entstanden sind, auch jener unglückselige „Perfektionsanspruch“ schuld, der oft so wenig mit der Lebendigkeit der Musik zu tun hat. Im Bielefelder fand ich überhaupt nur drei Anthologien: die „Salzburg“-Folge der „Musik in alten Städten und Residenzen“ mit Aufnahmen von 1961, die technisch nicht sehr gut sind, aber doch anhand des Divertimentos KV 113, der Serenade KV 100 und der Cassation KV 63 den charakteristischen Mozart-Stil Paumgartners und „seiner“ Camerata academica belegen, der in einer völlig unverzärtelten, bei aller Anmut und allem „Gusto“ kräftig diesseitigen Dramatik lag. Bei Paumgartner begriff man die stark barocken Wurzeln Mozarts, und zwar des italienischen Barock - nicht des deutschen, der für Mozart ja erst viel später Bedeutung erhielt. Auch die beiden Anthologien „Salzburger Hofmusik“ auf Amadeo machen anhand von Werken des Salzburgischen Barock (Biber, Muffat) über Leopold Mozart und Michael Haydn den Übergang zu Wolfgang Amadeus deutlich. Philips widmete Bernhard Paumgartner, der als Berater und Dirigent wesentlich zu der im Mozart-Jahr 1956 geplanten, leider aber nie vollendeten Gesamtausgabe beigetragen hat, 1967 zum achtzigsten Geburtstag eine Drei-Platten-Kassette „Erlebte Musik“ mit einer Reihe kostbarer Vokalaufnahmen, Konzertarien, Ensembles und Liedern, die seinerzeit unter Paumgartners Leitung entstanden sind. Das Kostbarste an dieser Edition, die aber bereits vergriffen sein dürfte, sind die ausführlichen Werkeinführungen Paumgartners.

Philips aber müsste in den Archiven noch manches andere Dokument des Mozart-Interpreten Paumgartner haben, das zu edieren jetzt lohnte: So etwa eine schöne und in ihrem Ausgleich aus Intimität und Dramatik noch immer beispielhafte Einspielung des d-moll-Konzerts mit Clara Haskil. Denn auch für die späten, großen Mozart-Werke besaß Paumgartner einen besonderen Sensus. So etwa werde ich nie jene Aufführung der Es-dur-Sinfonie KV 543 vergessen, die Paumgartner vor zwei Jahren mit den Wiener Philharmonikern in Salzburg dirigierte, und bei der einem plötzlich bewusst wurde, wie sehr diese Werke der Spätzeit Mozarts die gesamte Musikentwicklung bis dahin zusammenfassen und das Tor aufstoßen für Beethoven.

Paumgartner war vielleicht kein großer Dirigent - dazu stand ihm das Handwerkliche des Dirigierens zu wenig souverän zu Gebot, es interessierte ihn wohl auch nicht —, aber er war gewiss ein bedeutender Interpret, der wie wenige auch außermusikalische Dimensionen zu nützen und in der Musik transparent zu machen vermochte. Gerade deshalb sollte sein Erbe als Interpret, wie es in Archiven der Schallplattenfirmen und Rundfunkstationen liegt, für die nachfolgenden Generationen von Bedeutung sein.